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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung

Zusammenfassung
Die Demokratisierung der deutschen Gesellschaft war eines der grundlegenden Ziele der Siegermächte in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Neben der Entnazifizierung handelte es sich um die spektakulärste Initiative der gesamten Besatzungszeit. In der Vorstellung der Vertreter der amerikanischen Besatzungsmacht war die Demokratisierung keineswegs nur darauf ausgerichtet, einen modernen pluralistischen Verfassungsstaat westlicher Prägung mit Repräsentativsystem, Gewaltenteilung, Menschenrechten und freien und unabhängigen Wahlen zu etablieren, sondern das Ziel ging darüber hinaus. Im weitesten Sinne umfaßte diese Politik nicht nur die Beseitigung des Nationalsozialismus im ökonomischen, politischen und kulturellen Leben und Bewußtsein der deutschen Bevölkerung, sondern sie beinhaltete auch die Auseinandersetzung mit tradierten Normen, die Eliminierung des Nationalismus und Militarismus, die Beseitigung von autoritärem Denken und die Auflösung von weiteren vermeintlich typisch deutschen Verhaltensmustern durch eine allgemeine Reform der Gesellschaft analog den eigenen demokratischen Erfahrungen und Traditionen. Dies traf auch auf die Politik der anderen westlichen Besatzungsmächte zu. Häufig wurde diese Demokratisierung der Gesellschaft als “Umerziehung zur Demokratie” oder auch als Reorientierung, Umstimmung, Neuerziehung, Rückerziehung, Wiedererziehung und mit weiteren Begriffen definiert, denen die Erziehung eines ganzen Volkes zu einem neuen gesellschaftlichen Selbstverständnis zugrunde lag1. Dieses bedeutete keineswegs, daß die Demokratie oktroyiert werden sollte.
Hermann-Josef Rupieper

Kapitel I. Die Demokratisierungsproblematik

Zusammenfassung
Wenige Wochen nach der Schaffung der Hohen Kommission und dem Zusammentritt des ersten Deutschen Bundestages fertigte die Division of Internal Political and Governmental Affairs im Office of Political Affairs der amerikanischen Hohen Kommission am 8. Dezember 1949 einen Bericht über die bisherige Tätigkeit der Bundesregierung und des Parlaments an, in dem Probleme, Erwartungen und Entwicklungen hinsichtlich der weiteren Ausgestaltung der westdeutschen Demokratie diskutiert wurden. Federführend bei dem Bericht war Kenneth Dayton, der Leiter der Abteilung für innere politische Angelegenheiten. Diese Analyse der bundesdeutschen Gesellschaft mit dem Titel “Prospects for Democratic Development of the Federal German Government” erfüllte nicht nur eine wichtige Funktion für die Aufarbeitung der bisherigen Besatzungszeit und die Vorbereitung der HICOG-Mitarbeiter auf zukünftige Aufgaben, sondern sie verdeutlicht auch in voller Schärfe die vorhandene Ambivalenz gegenüber der neuen Demokratie1. Zusammen mit Länderstudien für Bayern, Hessen, Württemberg-Baden und Bremen handelte es sich hierbei um Bestandsaufnahmen der Erfolge bzw. Mißerfolge der Militärregierung bei der Demokratisierung der Gesellschaft. Der Rückblick auf die OMGUS-Zeit 1945–1949 und die Planungen für die HICOG-Phasen erlauben eine detaillierte Analyse der amerikanischen Konzeptionen bis zur Unterzeichnung des Generalvertrages 19522.
Hermann-Josef Rupieper

Kapitel II. Die Funktion der Kreisresidenzoffiziere

Zusammenfassung
“Since the U.S. Resident Officer is the official who is in closest contact with the German people, he is probably the most important element in our relations with the German population”. Mit diesen Worten beschrieb McCloy Anfang 1950 die Arbeit der Kreisresidenzoffiziere (KRO’s)1. An anderer Stelle nannte er sie “HICOG’s ambassadors in the field”2. In ihrer Selbstdarstellung empfanden sie sich als “Verkäufer, die häufig mit ihren Waren von Tür zu Tür ziehen mußten”3. In weiteren Definitionen werden sie u.a. beschrieben als “‘frontiersman’ in the exploration of the German mind and community.... But, chiefly, they are Main Street, U.S.A., ‘in export’ — and, simultaneously, a cross between a traveling salesman and an itinerant preacher, trying to sell democracy and good will in a tough territory”4. Mit diesen Zitaten wird eine für die Demokratisierungspolitik bemerkenswerte Verwaltungsebene der Hohen Kommission vorgestellt, deren Aufgabe es war, die Ziele dieser Politik auf Kreisebene der deutschen Bevölkerung in den Ländern der ehemaligen amerikanischen Besatzungszone zu vermitteln. Die Institution der Kreisresidenzoffiziere entstand im September 1949 aus den Liaison and Security Officers (L&S) der Armee. Sie stellten die unterste Ebene der administrativen Kontakte zwischen HICOG und den deutschen Behörden dar und erfüllten damit eine zentrale Funktion bei der Umsetzung der Politik. Insgesamt gab es in den ehemaligen Ländern der amerikanischen Zone zwischen 157 und 165 Kreisresidenzoffiziere5.
Hermann-Josef Rupieper

Kapitel III. Bildung und Erziehung einer neuen Generation

Zusammenfassung
Als McCloy am 12. Dezember 1949 erstmals die amerikanischen Kreisresidenzoffiziere im Hauptquartier der Hohen Kommission in Frankfurt versammelte, um die Schwerpunkte der künftigen Arbeit in der Bundesrepublik zu erläutern, betonte er die Notwendigkeit, die Jugend für die Demokratie zu gewinnen: “Always bear in mind the necessity of reaching the younger generation. They are probably the most elusive element to find and influence”. Noch deutlicher wurde dieser Sachverhalt von Shepard Stone, Direktor der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit von HICOG, in Anlehnung an ein Wort Hitlers “Gebt mir die Jugend und ich werde dieses Land verändern” ausgedrückt. “There isn’t any doubt that those of us in this field have the greatest opportunity, that is handling the youth of Germany. And if we fail, it will be our defeat. If we make progress in the field of education, we will play a great part in making our over-all effort in the country successful”1. Hatten der Nationalsozialismus und andere totalitäre Systeme durch die Gewinnung der Jugend und die Schaffung von Massenorganisationen versucht, das System zu stabilisieren und für die Zukunft zu sichern, so galt die Jugend nunmehr als zentrales Potential für die langfristige Veränderung gesellschaftlicher Strukturen. Welche Bedeutung dem Bereich der Erziehung und Bildung, der Ausbildung von Lehrern, der Entwicklung von Curriculae von der Volksschule bis zur Universitätsebene und der allgemeinen Beschäftigung mit der Jugend im Rahmen der Demokratisierungspolitik zukam, wird auch daran deutlich, daß das State Department 1949/50 etwa die Hälfte des gesamten Weltbudgets für Bildung, Kultur und Information in der Bundesrepublik ausgab.
Hermann-Josef Rupieper

Kapitel IV. Die Reform des öffentlichen Dienstes

Zusammenfassung
Neben der Schul- und Bildungsreformpolitik hat kaum ein anderes Thema zur Veränderung der deutschen politischen Kultur OMGUS und HICOG solange beschäftigt wie die Reform des öffentlichen Dienstes. Sowohl in der Zeit der Militärregierungen als auch der Hohen Kommission gingen Versuche zu einer strukturellen Reform vornehmlich von den USA aus. Um so überraschender ist es, daß bisher zur amerikanischen Politik keine Monographie vorgelegt worden ist, die auf der Basis der zugänglichen Quellen die US-Politik zur Reform des Berufsbeamtentums analysiert. Demgegenüber liegen zur britischen Politik und zu den internen deutschen Auseinandersetzungen über die Beamtengesetzgebung neuere Studien vor1. Die Vertreter der amerikanischen Dienststellen in Deutschland, aber auch das State Department, sahen in der Durchsetzung der Reformvorstellungen ein zentrales Ziel der amerikanischen Präsenz. Zwar galt das deutsche Beamtensystem als eines der effizientesten Systeme der Welt, aber es enthielt auch viele undemokratische Charakteristika, die bereits “im Kaiserreich und unter Bismarck vorhanden gewesen waren und in der Zeit des Nationalsozialismus noch deutlicher geworden waren”2. Ausgehend von der Entnazifizierung des öffentlichen Dienstes sollte, wie OMGUS am 28. August 1946 bekanntgab, ein neues System-geschaffen werden, das in “seinen wesentlichen demokratischen Strukturen auf dem System der USA” aufbaute3.
Hermann-Josef Rupieper

Kapitel V. Frauen und Demokratie

Zusammenfassung
Die Entdeckung der Frauen als Teil der Demokratisierungspolitik
“As an immediate result of the war, the age and sex structure of the population of Germany is quite abnormal, so that there is an overwhelming ratio of men to women. This obviously places much of the burden of present and future leadership in both civic and political life on the German women, and in innumerable cases it places on them the necessity of assuming the economic task of supporting not only themselves, but also their immediate families”.
Hermann-Josef Rupieper

Kapitel VI. Gewerkschaften

Zusammenfassung
Die deutschen Gewerkschaften bildeten von Beginn der Besatzungszeit an eine der wichtigsten Zielgruppen der amerikanischen Demokratisierungspolitik. Dafür existierten mehrere Gründe. Ihre Zerschlagung durch die Nationalsozialisten 1933, die Verfolgung von illegalen Widerstandsgruppen, die Beteiligung von Gewerkschaftsführern am Putschversuch vom 20. Juli 1944 und die Präsenz von deutschen Gewerkschaftern in den Exilländern Schweden, Großbritannien und den USA hatte dazu geführt, daß die Gewerkschaftsbewegung der Weimarer Republik, trotz mancher Schwächen und Kritik durch die Gewerkschaften in den Siegerländern, zumindest von der American Federation of Labor (AFL), der größten amerikanischen Gewerkschaftsorganisation, als wichtiger Exponent demokratischer deutscher Traditionen angesehen wurde und einen besonderen politisch-moralischen Kredit besaß. Es war jedoch selbstverständlich, daß nach der Zerschlagung der Gewerkschaften durch die Nationalsozialisten und ihrer Überführung in die Zwangsorganisation der Deutschen Arbeitsfront (DAF) ein Neuaufbau der Organisation notwendig war. Als genauso natürlich galt, daß die AFL einer zentralistischen Gewerkschaftsorganisation gegenüber durchaus kritisch eingestellt war und einen föderativen Aufbau von unten befürwortete. Der 1935 aus der AFL hervorgegangene Congress of Industrial Organizations (CIO), die Organisation der Arbeiter in den großen Industriebetrieben, in der gelernte und ungelernte Arbeiter gleichermaßen vertreten waren, setzte in seinen Stellungnahmen zu den deutschen Gewerkschaften insgesamt kritischere Akzente und betonte stärker als die AFL die Schwäche der sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung bei der Verteidigung der Weimarer Republik.
Hermann-Josef Rupieper

Kapitel VII. Der Bund für Bürgerrechte

Zusammenfassung
Am 20. September 1949 wurde in Frankfurt der “Bund für Bürgerrechte” gegründet. Wilhelm Sollmann, der ehemalige Reichsinnenminister in den beiden Kabinetten Stresemann 1923 und nach seiner Emigration in die USA seit 1943 amerikanischer Staatsbürger, hielt den Eröffnungsvortrag zum Thema “Über die Verantwortung des Bürgers”, in dem er seine Erfahrungen in der Weimarer Republik und in den Vereinigten Staaten miteinander verglich1. Ein Jahr später, am 8. September 1950, fand in der überfüllten Frankfurter Paulskirche in Anwesenheit von Bundespräsident Theodor Heuss, dem Ehrenpräsidenten der 1920 gegründeten, überparteilichen American Civil Liberties Union (ACLU) Roger Baldwin und Honoratioren aus der gesamten Bundesrepublik eine Festveranstaltung aus Anlaß der 1. Deutschen Bürgerrechtstagung statt. Sollmann, der an ihrer Vorbereitung mitgewirkt hatte, konnte nicht anwesend sein, da er inzwischen schwer erkrankt war und in seine neue Heimat zurückkehren mußte, wo er kurze Zeit später verstarb2. Mit dieser Festveranstaltung, an der rd. 1500 geladene Gäste, davon 400 Delegierte von Bürgerrechtsvereinen und 100 Journalisten, teilnahmen, trat eine Organisation in das Licht der Öffentlichkeit, die es in dieser Form in Deutschland vor 1945 nicht gegeben hatte und deren Entstehung sowohl von der amerikanischen Mutterorganisation, der ACLU, als auch von der Abteilung für Zivilverwaltungsangelegenheiten von OMGUS (Civil Administration Division) sowie von der entsprechenden Abteilung in HICOG im Rahmen der Demokratisierungspolitik entscheidend gefördert worden war. Gründung und erste Bürgerrechtstagung erfolgten allerdings unter typisch deutschen Rahmenbedingungen.
Hermann-Josef Rupieper

Kapitel VIII. Vergessene Reformansätze

Zusammenfassung
Während die Beschäftigung mit der Schul- und Bildungspolitik, der Reform des öffentlichen Dienstes, die Einflußnahme auf den Aufbau der politischen Parteien und der Gewerkschaften genauso wie die Situation der Kirchen 1945 auch im Rahmen der Entnazifizierungspolitik in der neueren Literatur behandelt worden ist, sind bisher kaum Untersuchungen über die amerikanische Demokratisierungspolitik gegenüber den Kirchen, der Polizei, der Demokratisierung der Wirtschaft und, wie merkwürdig dies auch auf den ersten Blick sein mag, in der Landwirtschaft (4-H-Clubs) vorgelegt worden. Aufgabe diese Kapitels soll es sein, diese vergessenen Reformansätze, die in der Demokratisierungspolitik einen hohen Stellenwert besaßen, darzustellen.
Hermann-Josef Rupieper

Kapitel IX. Der Austausch

Zusammenfassung
Am 27. Januar 1948 verabschiedete der amerikanische Kongreß das Public Law 402, das sog. Smith-Mundt-Gesetz, mit dem Titel “An Act to promote better understanding of the United States among the peoples of the world and to strengthen cooperative international relations”. Mit diesem Gesetz schuf der Kongreß erstmals die Basis für ein weltweites, umfassendes Programm des State Departments zum Austausch von Personen, zur Leistung technischer Hilfe und zum Austausch von Erfahrungen im Bereich der Erziehung, der bildenden Künste und der Naturwissenschaften. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Austausch vornehmlich auf die Staaten Lateinamerikas beschränkt gewesen, mit denen Präsident Franklin D. Roosevelt als Reaktion auf die nationalsozialistische Propaganda 1938 ein Austausch- und Kulturprogramm geschaffen hatte1. Für die Arbeit der US Militärregierung in Deutschland kam das Smith-Mundt-Gesetz zu spät, um noch wirksam zu werden. Es bildete aber die Basis für die Zeit der Hohen Kommission und darüber hinaus. Allerdings unterschied sich die Situation in Nachkriegsdeutschland von vornherein stark von allen anderen bilateralen Austauschprogrammen. Der beste Kenner dieser Materie, Henry J. Kellermann, beschrieb dieses Programm 1978 rückblickend auf seine eigene Tätigkeit “als ein Instrument der Außenpolitik”. Das Ziel des Austauschprogramms war es, “den Deutschen bei der Schaffung einer neuen Gesellschaft nach dem Modell westlicher Demokratiekonzepte zu helfen”2. Dieses Programm ist auch als “kultureller Marshallplan” bezeichnet worden3. Der Leiter des Austauschprogramms in der Hohen Kommission sah in den Austauschpartnern “Katalysatoren der Demokratie”4.
Hermann-Josef Rupieper

Schlußbemerkungen

Zusammenfassung
Nach zwolf Jahren nationalsozialistischer Diktatur stellte die Wiederherstellung der Demokratie in Deutschland die Siegermdchte vor betrdchtliche Probleme. Auch wenn es zwischen den Westmachten und der Sowjetunion keine Differenzen hinsichtlich der Notwendigkeit der Eliminierung nationalsozialistischer Eliten von den Schalthebeln der Macht und der Anderung traditioneller gesellschaftlicher Strukturen bei Beginn der Besetzung gab, so entwickelten sich sehr bald Konzeptionen, die sich als Wiedereinfiihrung der parlamentarischen Demokratie auf der einen und als “Volksdemokratie” auf der anderen Seite unversOhnlich gegenilberstanden und ein wichtiges Element der ideologischen Auseinandersetzung nach Ausbruch des Kalten Krieges darstellten. Aber auch unter den Westmachten existierten sowohl hinsichtlich des Demokratiekonzepts als auch der Verdnderung der politischen Kultur der Nachkriegszeit graduelle Unterschiede in der Konzeption, die als ersten Schritt einer Forschungsstrategie zur Analyse der Entwicklung der Demokratie in Westdeutschland die Beschdftigung mit der Fiihrungsmacht des Westens, den USA, nahelegten. Die Berechtigung dieses Ansatzes beruht auch darauf, daft die amerikanische Politik, wie an einigen Beispielen gezeigt werden konnte, nach Griindung der Bundesrepublik Deutschland ihre Programme auf die ehemaligen Länder der britischen und franzOsischen Zone ausdehnte und somit starker als die beiden anderen Besatzungsmachte die prowestliche Ausrichtung der bundesrepublikanischen Gesellschaft beeinflubte.
Hermann-Josef Rupieper

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