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Die Zeitenwende – sicherheitspolitischer Kulturwandel in der Bundesrepublik Deutschland?

Implikationen einer ,Normalisierung' auf Gesellschaft und Bundeswehr

  • 2025
  • Buch

Über dieses Buch

Nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und der ausgerufenen Zeitenwende erkennt die deutsche Gesellschaft mehrheitlich die Notwendigkeit eines bedrohungsgerechten Fähigkeitsaufwuches der deutschen Streitkräfte an. Die Friedensdividende ist aufgebraucht, der Pazifismus offenbar gescheitert, die Zivilmachtrolle überholt - findet in Deutschland somit ein sicherheitspolitischer Kulturwandel statt? Der vorliegende Band vereint Entscheidungsträger sowie Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Fachrichtungen, um zunächst die dramatisch veränderte sicherheitspolitische Lage aufzuzeigen und sodann die Beziehung der deutschen Gesellschaft zu ihren Streitkräften, die Veteranenkultur und -politik im Vergleich zu anderen Nationen sowie die Auswirkungen der Zeitenwende auf die Bundeswehr als Ganzes, aber auch auf den einzelnen Soldaten zu untersuchen.

Inhaltsverzeichnis

  1. Frontmatter

  2. Der globale Rahmen

    1. Frontmatter

    2. Kapitel 1. Russia Made Great Again

      Die Tschetschenienkriege und der Nordkaukasuskonflikt als Grundlage der neuen russischen Großmachtpolitik Curti Covi
      Zusammenfassung
      Die Invasion der Ukraine am 24. Februar 2022 markiert den Höhepunkt der neuen russischen Großmachtpolitik unter Wladimir Putin, deren Wurzeln in der „Befriedung“ Tschetscheniens und der „Stabilisierung“ des Nordkaukasus liegen. Gestützt auf geopolitische Theorien und Ideologien wie den „Eurasianismus“ und „Russki Mir“ („Russische Welt“) verfolgt Russland seit Jahren eine neoimperiale Strategie, die militärische Interventionen, hybride Kriegsführung und die Schwächung westlicher Einflüsse umfasst. Die Rückkehr zu einem autoritären und machtzentrierten Politikstil unter Putin zeigt sich nicht nur in der Außenpolitik, sondern auch in der gezielten Ablenkung von internen Schwächen wie wirtschaftlicher Instabilität und Korruption. Für Deutschland ergeben sich daraus entscheidende Herausforderungen: die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit, die Diversifizierung der Energieversorgung und die Förderung einer einheitlichen europäischen Außenpolitik. Neben militärischer Abschreckung bleibt der Dialog ein zentrales Mittel zur Deeskalation. Als führender Akteur in NATO und EU steht Deutschland in der Verantwortung, langfristige Strategien zu entwickeln, die auf Resilienz und Zusammenarbeit setzen, um die Stabilität Europas in einer sich verändernden globalen Machtbalance zu sichern.
    3. Kapitel 2. Zeitenwende und der Brennpunkt China/Taiwan

      Mit einem Exkurs zur sicherheitspolitischen Hochschullehre am Beispiel eines Simulationsspiels Josie-Marie Perkuhn
      Zusammenfassung
      Die Zeitenwende reagiert auf die Veränderung der weltweit angespannten Sicherheitslage. Auch die zunehmende Bedrohung der Demokratie Taiwans trägt dazu bei. Die Insel ist sowohl wegen ihrer geostrategischen Bedeutung für die Sicherheit im indo-pazifischen Raum wichtig als auch für die globale Produktion zentraler Innovationstechnologien; Stichwort: Halbleiter. Eine militärische Eskalation durch die aufstrebende Volksrepublik China ist nicht auszuschließen und so steigt die Sorge um einen heißen Konflikt mit einer globalen Reichweite. In diesem Beitrag werden die geschichtliche Entwicklung und die aktuelle Eskalation dargestellt sowie Ansätze der Zeitenwende mit ihren ersten Auswirkungen auf die geänderten Anforderungen der Außen- und Sicherheitspolitik Deutschlands angeführt. Ein angefügter Exkurs zur beispielhaften Simulation eines Angriffs anhand des wargames „Next War, Taiwan“ zeigt anschließend auf, wie sich sicherheitspolitische Hochschullehre durch Praxisbezug und Interdisziplinarität verändern kann, um Kenntnis und Verständnis über die globale Sicherheitslage zu mehren.
    4. Kapitel 3. Zeitenwende(n), Kontinuität? US-Sicherheitspolitik und die transatlantischen Verteidigungsbeziehungen

      Sebastian Bruns
      Zusammenfassung
      Dieser Essay beleuchtet die Dynamik des politischen Systems der USA, die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen 2024 und die Folgen und Auswirkungen auf die transatlantische Sicherheit und Verteidigung.
  3. Gesellschaftliche Ebene

    1. Frontmatter

    2. Kapitel 4. Die Zeitenwende – Chance für eine gemeinsame Sicherheitskultur für Europa?

      Michael Bartscher
      Zusammenfassung
      Das Streben der EU, eine gemeinsame Sicherheitskultur zu entwickeln, besteht seit ihrer Gründung. Die Notwendigkeit dazu ist vor dem Hintergrund der existierenden Bedrohungen von allen EU-Mitgliedstaaten grundsätzlich akzeptiert. Der Beitrag zeichnet den Entwicklungsprozess nach und zeigt die Möglichkeiten und Grenzen nach dem Angriff Putins gegen die Ukraine auf, eine europäische Sicherheitskultur zu etablieren.
    3. Kapitel 5. Zeitenwende ja, Pazifismus nein, Kriegstüchtigkeit vielleicht: Das verteidigungspolitische Meinungsbild im Wandel

      Timo Graf
      Zusammenfassung
      Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine hat Deutschland seit 2022 zu einer grundlegenden Neuausrichtung seiner Verteidigungspolitik gezwungen: Weil Russland wieder als militärische Bedrohung wahrgenommen wird, kehrt die Bundeswehr zur Landes- und Bündnisverteidigung als ihrem Hauptauftrag zurück, was ihre finanzielle und personelle Ertüchtigung erfordert. Kurzum: Die Bundeswehr muss wieder kriegstüchtig werden. Begleitet wird dieser verteidigungspolitische Kurswechsel von Forderungen nach einem gesellschaftlichen Mentalitätswandel hin zu mehr Wehrhaftigkeit. Vor diesem Hintergrund stellen sich mit Blick auf die deutsche Bevölkerung drei wesentliche Fragen: Wie stehen die Bürgerinnen und Bürger zur Neuausrichtung der deutschen Verteidigungspolitik? Zeichnet sich darüber hinaus eine grundsätzliche Abkehr vom Pazifismus ab? Und wie wehrbereit ist die deutsche Bevölkerung? Zur Beantwortung dieser Fragen wertet der vorliegende Beitrag repräsentative Bevölkerungsbefragungen zu verteidigungspolitischen Einstellungen aus. Die gewonnen Erkenntnisse beschreiben das Ausmaß und die Grenzen des strategischen Kulturwandels in der deutschen Bevölkerung und entlarven zugleich eine Reihe von falschen Annahmen über das Verhältnis der Deutschen zum Militär.
    4. Kapitel 6. Zeitenwende – neue Wehrhaftigkeit in einer postheroischen Gesellschaft

      Roderich Kiesewetter
      Zusammenfassung
      Um Freiheit und Demokratie gegen eine Allianz der Autokratien (CRINK) zu verteidigen, ist eine gesamtgesellschaftliche Wehrhaftigkeit gefordert, die in postheroischen Gesellschaften vor besonderen Herausforderungen steht. Um sich im Systemkrieg (Zwar wird in der Politikwissenschaft in der Regel von Systemkonflikt zwischen demokratisch ausgerichteten Systemen und Autokratien gesprochen, die Erfahrung zeigt jedoch, dass es sich bereits um einen Systemkrieg handelt. Autokratien und Terrorstaaten wie China, Russland, Iran und Nordkorea versuchen eine multipolare Ordnung zu etablieren. Multipolar bedeutet in meinem Verständnis, dass Zonen unterschiedlichen Einflusses und unterschiedlicher Interessen bestehen, in denen nicht mehr Völkerrecht oder die Stärke des Rechts als zwischenstaatliche Ordnung existiert, sondern das Recht des Stärkeren. Diese multipolare Ordnung, ursprünglich ein Begriff der von Russland und China stammt (Vgl. auch Lau 2023), soll mit konventionell-militärischen Mitteln und mit hybrider Kriegsführung etabliert werden und die internationale regelbasierte Ordnung, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg u. a. mit den Vereinten Nationen entstand, abschaffen und insofern ersetzen, weshalb ich in diesem Aufsatz das Wort Systemkrieg gebrauche. Eine Koexistenz von multipolarer Ordnung und internationaler regelbasierter Ordnung ist auf Dauer nicht möglich, da die multipolare Ordnung die Existenz international gültiger Regeln negiert und als Ziel die Untergrabung und Zerstörung derselben hat.) zu wappnen, gilt es nicht nur eine Zeitenwende bei Bundeswehr und im Bereich der Technologie zu vollziehen, sondern vor allem im Mindset. Deutschland muss zuvorderst eine Anstrengungskultur entwickeln, um im Systemkrieg zu bestehen.
    5. Kapitel 7. Zeitenwende, Zivilgesellschaft und die Rolle der Kirchen. Erwägungen in militärseelsorglicher Perspektive

      Roger Mielke
      Zusammenfassung
      Die politische Umsetzung der „Zeitenwende“ bedarf eines tiefgreifenden Mentalitätswandels. Dessen Legitimität ist umstritten. Ort der Auseinandersetzung ist die Zivilgesellschaft. Die Beiträge der zivilgesellschaftlichen Akteure und besonders der Kirchen sind für den nötigen Mentalitätswandel unverzichtbar. Wurde im Zuge gesellschaftlicher Differenzierung die Aufgabe der Verteidigung an ein spezialisiertes gesellschaftliches Teilsystem ausgelagert, gilt es gegenwärtig, diese Aufgabe in den zivilgesellschaftlichen Raum zurückzuholen. Ein möglicher internationaler bewaffneter Konflikt bedarf einer umfassenden Aktivierung gesellschaftlicher Ressourcen. Grundlage dafür ist ein republikanisches Ethos der Identifikation mit dem eigenen Gemeinwesen. An dieser Aufgabe wirken die Kirchen und andere zivilgesellschaftliche Akteure mit.
  4. Operationsplan Deutschland

    1. Frontmatter

    2. Kapitel 8. Der Operationsplan Deutschland – Verteidigung in einer wehrhaften Demokratie als gesamtstaatliche und gesamtgesellschaftliche Aufgabe

      André Bodemann
      Zusammenfassung
      Die fundamentale Änderung der sicherheitspolitischen Lage in Deutschland und Europa verlangt nach einer Neuorientierung in der Aufstellung der Gesamtverteidigung unseres Landes. Ausgehend von der aggressiven Außenpolitik Russlands seit der völkerrechtswidrigen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim im Jahr 2014 hat sich die Bedrohung für die Bundesrepublik und ihre europäischen NATO-Partner seither immer weiter verschärft. Spätestens mit der militärischen Invasion der (Festland)-Ukraine seit Februar 2022 ist klar, dass der Schutz unseres Landes und unseres Bündnisses eine ganz neue Dringlichkeit erhalten hat. Verteidigung bedeutet aber nicht nur die Vorbereitung auf einen möglichen Angriff im militärischen Sinne, sondern eben auch die Neukonzeption des zivilen Anteils. Die Bundeswehr wird nicht in der Lage sein, lebenswichtige Infrastruktur allein mit ihren Mitteln zu verteidigen. Um dieser Herausforderung zu begegnen, braucht es zunächst die gesamtgesellschaftliche Erkenntnis einer erheblich gestiegenen Bedrohung, die sich zeitnah in nachhaltigen gesamtstaatlichen Maßnahmen zum Schutz unseres Landes widerspiegeln muss. Die Bundeswehr erarbeitet gemeinsam mit zivilen Institutionen daher den Operationsplan Deutschland zum Schutz unserer Souveränität und territorialen Integrität, aber auch zur Umsetzung der Verteidigungspläne der NATO, in denen Deutschland aufgrund seiner geostrategischen Lage ein wesentliches Element für den Aufmarsch der alliierten Truppen zum Zweck der Abschreckung und ggf. Verteidigung entlang der NATO-Ostflanke darstellt.
    3. Kapitel 9. Zeitenwende und Zivile Verteidigung

      Ralph Tiesler, Dirk Freudenberg
      Zusammenfassung
      Die mit der „Zeitenwende“ einhergehenden Herausforderungen für die Verteidigung beziehen sich nicht nur auf die militärische Verteidigung, sondern insbesondere auch auf die „Zivile Verteidigung“ als zweite Säule der Gesamtverteidigung. Dabei beschränkt sich die Zivile Verteidigung nicht nur auf die Aufgaben des Zivilschutzes, sondern umfasst die Sicherstellung der Leistungserbringungen der Verwaltungen auf allen Ebenen des föderativen Systems und damit in besonderem Maße auf der Ebene der Länder und Kommunen für die Daseinsvorsorge des gesamtgesellschaftlichen Systems. Eine besondere Bedeutung hat dabei die Unterstützung der Streitkräfte zur Vorbereitung sowie Durchführung ihrer Operationsführung und -freiheit. Diese Umkehr des „Doppelnutzens“ erfordern eine Veränderung der gesamtgesellschaftlichen Haltung und Einstellung zu Fragen der Gesamtverteidigung.
    4. Kapitel 10. Resilienz – Ohne die Reserve geht es nicht!

      Patrick Ernst Sensburg
      Zusammenfassung
      Die Reserve ist notwendiger Teil einer resilienten Sicherheitsarchitektur. Wenn wir Verteidigung als Gesamtverteidigung begreifen, dann wird sehr schnell deutlich, dass es ohne Reservestrukturen nicht gelingen wird, durchhaltefähig das eigene Land zu verteidigen und nur mit einer Reserve die Abschreckung aufzubauen, die dazu führt, dass auch unser Land erst gar nicht angegriffen wird. Natürlich ist eine starke Reserve alleine kein Garant für Sicherheit, denn es bedarf hierzu vieler Bausteine, jedoch kann eine starke Reserve viel mehr leisten als vielfach angenommen. Der Text beschreibt die Struktur der Reserve der Bundeswehr, die Bedeutung der Grundbeorderung, sowie die Heimatschutzregimenter, die die aktive Truppe durch die Sicherung kritischer Infrastruktur und die Unterstützung bei der Landes- und Bündnisverteidigung entlasten sollen. Wie sich die Reserve weiterentwickeln muss, zeigt der letzte Teil des Beitrages.
    5. Kapitel 11. Digitale Schlachtfelder: Informationskrieg bei Social Media als wesentliche Herausforderung der Zeitenwende

      Marcel Bohnert
      Zusammenfassung
      In diesem Beitrag soll ausgeleuchtet werden, wie sich kriegerische Auseinandersetzungen in Sozialen Medien widerspiegeln und wie diese umgekehrt auch die physische Realität beeinflussen. Dabei liegt die These zugrunde, dass Soziale Medien inzwischen so bedeutsam sind, dass sie als eigenständige Sphäre hybrider Kriegführung verstanden werden müssen. Das Forschungsfeld ist bislang nicht konsolidiert und wird aktuell durch die zügige Verbreitung von Anwendungen auf Basis von Künstlicher Intelligenz noch um zusätzliche Perspektiven erweitert. Der Beitrag stellt einen praxisbezogenen und illustrativen Problemaufriss mit Einblicken in wissenschaftliche Betrachtungsweisen dar.
  5. Tradition in der Bundeswehr

    1. Frontmatter

    2. Kapitel 12. Überzeitlicher Charakter und politisches Grundverständnis der Inneren Führung

      Peter Andreas Popp
      Zusammenfassung
      Der vorliegende Artikel unter dem weitgefassten Rahmen seiner Überschrift „Überzeitlicher Charakter und politisches Grundverständnis der Inneren Führung“ stammt aus der Feder eines bis vor einem Jahr noch aktiven Stabsoffiziers (TSK Luftwaffe), der berufliche Freude hatte als Angehöriger der „Allgemeinen Verwendungsreihe Militärgeschichte“ alle Verwendungen zu durchlaufen, die ein Militärhistoriker der Bundeswehr durchlaufen kann. Die Ausführungen verstehen sich bewusst als prononcierter Meinungsbeitrag eines Verfassers, der seine Sorge über den sicherheitspolitischen Weg der Bundesrepublik Deutschland artikuliert. Es ist die Sicht eines deutschen Europäers und Transatlantikers, der die Innere Führung als elementaren und daher unverzichtbaren Kern deutschen Militärwesens seit Ende des Zweiten Weltkrieges begreift. Die Innere Führung und damit die Bundeswehr sind zu wertvoll als dass sie von Gesellschaft und Politik vernachlässigt werden dürfen. Die Innere Führung als eine Art militärische Sozialpolitik zu begreifen, würde freilich deren Kern nicht richtig erfassen. Sie ist in gelebter Form, das heißt als verinnerlichte Größe mit ideeller Dimension und praktischer Verortung im Gesamtorganismus „Bundeswehr“ der Beleg dafür, dass Deutschland als Teil der demokratischen Welt des Westens nicht auf Irrwege gerät, die hin zu den Feinden bürgerlicher Freiheit führen. Nicht allein die Soldaten (m/w/d) sondern alle Angehörigen der Bundeswehr sollten sich dessen bewusst sein, auf dieser Basis ein Patriotismus gedeihen kann, der integrierend wirkt und der Verantwortung Deutschlands für Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie gerecht wird. Dies allerdings bedarf immer der personellen, materiellen und – eben – ideellen Fundierung in einer pluralistischen Gesellschaft, die sich im freiheitlichen Grundkonsens einig ist.
    3. Kapitel 13. Kriegerhabitus und „Kriegstüchtigkeit“ der Bundeswehr. Von den Anfängen bis zur „Zeitenwende“

      Philipp Münch
      Zusammenfassung
      Moderne Streitkräfte stehen vor der Herausforderung, die Kampfbereitschaft ihrer Soldaten dauerhaft zu erhalten. Dies beschränkt sich nicht nur auf die eher technische Fähigkeit, taktische Verfahren auszuführen oder Waffensysteme zu bedienen, sondern auch das eigene Leben freiwillig zu gefährden. Der Beitrag stellt dazu am Beispiel der Bundeswehr die These auf, dass sich insbesondere in den Kampftruppen von Streitkräften ein Kriegerhabitus als Speicher von persönlichen Einstellungen erhält, welche der Kampfbereitschaft als solcher einen hohen Wert beimessen. Dieser Kriegerhabitus gerät regelmäßig in Widerspruch zu den im Frieden vorherrschenden Werten, die Sicherheit und Mäßigung betonen. Dies zeigt dieser Beitrag anhand des Ringens um die von der Truppe seit Aufbau der Bundeswehr hervorgebrachten Objektivierungen militärischer Werte von Tapferkeit und Opferbereitschaft.
    4. Kapitel 14. Die Last der Tradition

      Ulrich Schlie
      Zusammenfassung
      Der Beitrag beschäftigt sich vor dem Hintergrund der Zeitenwende und dem von Bundesminister Pistorius verkündeten Ziel der „Kriegstauglichkeit“ als Anspruchsrahmen der deutschen Streitkräfte mit dem Themenkomplex Bundeswehr und Tradition. Er diskutiert die Bestimmungen des 2018 verabschiedeten Traditionserlasses im Kontext der früheren Traditionserlasse von 1965 und 1982. Er fragt nach dem Selbstverständnis der Bundeswehr, ihrem Verhältnis zur Geschichte und den militärischen Traditionen und geht insbesondere auf die Bedeutung des Attentats gegen Hitler und des Staatsstreichversuches vom 20. Juli 1944 sowie auf das Totengedenken in den deutschen Streitkräften ein.
    5. Kapitel 15. Von Tänzern und Bienen – Was es bedarf um Kämpfen zu können

      Michael Rohschürmann
      Zusammenfassung
      Der vorliegende Beitrag untersucht die psychologischen und kulturellen Voraussetzungen für die Einsatzbereitschaft und Wehrhaftigkeit von Soldatinnen und Soldaten im Kontext der aktuellen sicherheitspolitischen Zeitenwende. Ausgehend von der doppelten Realität, in der Soldaten zwischen zivilem Alltag und der Extremsituation des Krieges agieren, geht es um die die Bedeutung von Traditionen, Gruppenkohäsion und Ritualen. Dabei werden psychologische und biochemische Grundlagen des menschlichen Verhaltens im Krieg beleuchtet, ebenso wie die Herausforderungen einer wertegeleiteten militärischen Kultur. Der Beitrag argumentiert, dass militärische Traditionen nicht nur der Identitätsstiftung dienen, sondern entscheidend zur Kampfkraft und psychischen Resilienz von Soldaten beitragen können. Gleichzeitig wird ein Appell an interdisziplinäre Forschung in den Bereichen Psychologie, Biochemie und Erinnerungskultur gerichtet, um ein tieferes Verständnis für die Verbindung von militärischer Tradition und Einsatzbereitschaft zu schaffen.
  6. Veteranenpolitik

    1. Frontmatter

    2. Kapitel 16. Frieden mit der Bundeswehr – eine gegenseitige Annäherung

      Sara Nanni
      Zusammenfassung
      In diesem Beitrag geht es um die Veränderungen der sicherheitspolitischen Haltung von (Bündnis 90/)Die Grünen, die anders als gemeinhin vermutet lange vor dem Februar 2022 begann. Der Prozess der Auseinandersetzung von (Bündnis 90/)Die Grünen mit der eigenen Programmatik, den Herausforderungen der Weltlage und den Sicherheitsinstitutionen der Bundesrepublik überspannt u. a. die Balkankriege, den Afghanistan-Einsatz, das Nein zum Irakkrieg und eine daran anschließende sehr ernsthafte Befassung mit einem realistischen Verhältnis von Friedenswunsch und Kriegsrealität. Auch die Sicherheitspolitik der Bundesrepublik hat sich – nicht zuletzt aufgrund der bündnisgrünen Regierungsbeteiligungen – über die Jahrzehnte stark verändert. Die heutige Sicherheitspolitik von Bündnis 90/Die Grünen ist deshalb kein Bruch mit der Vergangenheit, sondern eine konsequente Fortsetzung einer jahrzehntelangen gegenseitigen Annäherung.
    3. Kapitel 17. Der lange Weg zurück: Veteranen zwischen Dienst und gesellschaftlicher Ignoranz

      Kerstin Vieregge
      Zusammenfassung
      Seit dem Ende des Kalten Krieges haben sich Veteranen und die Bundeswehr zunehmend aus dem öffentlichen Bewusstsein in Deutschland zurückgezogen. Die Abschaffung der Wehrpflicht, der Personalabbau und das Narrativ eines „friedenssichernden Einsatzes“ in Afghanistan haben die Entfremdung zwischen Bevölkerung und Militär verstärkt. Trotz der enormen Opfer, die Soldatinnen und Soldaten erbracht haben, blieb die gesellschaftliche Anerkennung oft aus. Politische Euphemismen führten dazu, dass wenig Verständnis für die traumatischen Erlebnisse der Einsatzveteranen vorhanden war. Zwar wurden überfällige Fortschritte in der Einsatzversorgung erreicht, doch weitere Maßnahmen sind notwendig. Ein grundlegender gesellschaftlicher Wandel in der Einstellung zum Militär und zu Veteranen ist unerlässlich. Der kürzlich eingeführte Veteranentag könnte ein wichtiger Schritt zu mehr Sichtbarkeit und Anerkennung sein.
    4. Kapitel 18. Familien – Die Vergessenen im Schatten der Einsatzveteranen

      Johannes Arlt, Henning Büttner
      Zusammenfassung
      Die Rückkehr von Bundeswehrsoldaten aus Auslandseinsätzen bringt oft erhebliche (alltägliche) Herausforderungen für ihre Familien mit sich, insbesondere wenn die Soldaten an moralischer Verwundung oder an psychischen Problemen wie Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) leiden. Dies kann wiederum sekundäre (psychische) Erkrankungen bei den Familienmitgliedern hervorrufen. Angehörige sehen sich nicht nur mit den Belastungen ihrer Partner oder Familienmitglieder konfrontiert, sondern auch mit fehlender gesellschaftlicher Sensibilität und Unterstützung. Abgleitet aus der gesetzlichen Fürsorgepflicht des Dienstherrn sollte es zudem materielle und strukturelle Verbesserung des Versorgungsangebots für diejenigen geben, die mit traumatisierten Veteranen zusammenleben. All diese Themen ließen sich im Rahmen einer Veteranen(familien)kultur adressieren. Eine solche kann sich im Rahmen des Nationalen Veteranentages entwickeln, der im Jahr 2025 das erste Mal stattfinden wird.
    5. Kapitel 19. Der Veteranentag: Eine Zeitenwende in der Veteranenkultur

      Christian Sauter, Batuhan Temiz, Andreas Nyga
      Zusammenfassung
      Mit der Einführung eines nationalen Veteranentages durch den Deutschen Bundestag sollen Leistungen und Opfer der Soldaten angemessen gewürdigt werden. Historisch gesehen tat sich die deutsche Zivilbevölkerung und die Politik mit einer gebührenden Anerkennung und Wertschätzung von Veteranen der Bundeswehr schwer. Insbesondere die gesellschaftliche Anerkennung von Veteranen ist in anderen Ländern deutlich besser ausgeprägt. Ein nationaler Veteranentag bildet hier den Grundstein zur Steigerung ihrer Sichtbarkeit in unserer Gesellschaft. Auf ihn aufbauend kann die Unterstützung von Veteranen und der Veteranenkultur weiter ausgebaut werden.
    6. Kapitel 20. Auf dem Weg zu einer Veteranenkultur in Deutschland – Eine Standortbestimmung

      Michael Krause, Sylvia Mehl
      Zusammenfassung
      In den letzten Monaten ist viel Positives in der deutschen Veteranenbewegung passiert. Neben den Invictus Games, die unter dem Motto „A Home for Respect“ im September 2023 in Düsseldorf ausgetragen wurden, der Aufstellung des Veteranenbüros der Bundeswehr, als erste Anlauf- und Ansprechstelle für Veteraninnen und Veteranen, dem ersten Veteranenkongress, der unter der Federführung des Deutschen Bundeswehrverbandes in Berlin stattgefunden hat, bildet der Beschluss des Deutschen Bundestages zur Einführung des nationalen Veteranentages einen Meilenstein und schafft die Rahmenbedingungen für eine in Politik und Gesellschaft etablierte Veteranenkultur.
    7. Kapitel 21. Die Invictus Games als Beitrag zur Weiterentwicklung der zivil-militärischen Beziehungen in Deutschland – theoretische Überlegungen und empirische Ergebnisse

      Martin Elbe
      Zusammenfassung
      2023 fanden die Invictus Games in Deutschland statt – welche Bedeutung hatte dies für die Gesellschaft, wie steht diese generell zu Veteranen und welche Bedeutung hat der Zusammenhang zwischen Sport und Militär für die Ausgestaltung der zivil-militärischen Beziehungen in Deutschland? Dies wird im vorliegenden Artikel sowohl theoretisch gerahmt als auch empirisch überprüft.
    8. Kapitel 22. Militärpsychiatrie in der Zeitenwende

      Gerd-Dieter Willmund, Christian Helms
      Zusammenfassung
      Die Versorgung von psychisch erkrankten Militärangehörigen hat sich in den vergangenen 20 Jahren eindrucksvoll weiterentwickelt. Allerdings bestehen erhebliche Herausforderungen, die Versorgungsstrategien an die Bedürfnisse der Landes- und Bündnisverteidigung anzupassen. Als Drehscheibe in Europa fällt hierbei Deutschland logistisch und sanitätsdienstlich eine Schlüsselrolle zu, die vor allem hier erhebliche qualitative und quantitative Anpassungen der medizinischen und auch psychiatrischen Versorgung unter anderem mit zivil-militärischen Kooperationen erfordert. Die Zeitenwende erfordert dabei auch ein Umdenken der Bevölkerung, um eine Akzeptanz für den Einbezug eigentlich ziviler Versorgungsressourcen zu etablieren.
  7. Die Außenperspektive

    1. Frontmatter

    2. Kapitel 23. Die Zeitenwende von außen betrachtet: Hohe Führungserwartung an Deutschland

      Patricia Daehnhardt
      Zusammenfassung
      Der vorliegende Beitrag befasst sich mit einem Blick von außen auf die deutsche Zeitenwende. Unter anderem wird der Frage nachgegangen, welche Erwartungen Deutschlands Nachbarn und Verbündete haben, und ob es eine verteidigungspolitische Führungsrolle im euro-atlantischen Raum übernehmen soll. Die Entwicklung der eigenen militärischen Fähigkeiten zur Sicherung der Landes- und Bündnisverteidigung, die Stärkung der Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeiten der NATO gegenüber Russland, und die Fortsetzung der Unterstützung der Ukraine sind die drei Prioritäten der Zeitenwende. Wie sich die Zeitenwende auf Deutschlands Sicherheits- und Verteidigungspolitik langfristig auswirkt, lässt sich jedoch noch nicht abschließend bewerten. Feststeht, dass sich Deutschland in dem global veränderten geopolitischen Kontext, nicht mehr als Status-quo Macht positionieren kann, sondern eher die bestehende Akzeptanz einer Führungsrolle nutzen sollte, um seine internationale Glaubwürdigkeit als strategischer Akteur in der entstehenden euro-atlantischen Sicherheitsordnung zu festigen.
    3. Kapitel 24. Frankreichs Blick auf die Zeitenwende

      Warum französische Erwartungen an das neue verteidigungspolitische Selbstverständnis Deutschlands scheitern mussten – und warum darin eine Chance liegt Jacob Ross
      Zusammenfassung
      Deutschland und Frankreich werden häufig als engste EU-Verbündete wahrgenommen, auch in der Verteidigungspolitik. Doch regelmäßige politische Bekenntnisse zur Einigkeit verbergen große Differenzen. Denn seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben sich die strategischen Kulturen der beiden Länder sowie der Platz der Streitkräfte in der jeweiligen Gesellschaft vollkommen unterschiedlich entwickelt. Anders als häufig angenommen, lagen Deutschland und Frankreich in ihrem Umgang mit Krieg, militärischer Gewalt oder Auslandseinsätzen über Jahrzehnte an den entgegengesetzten Enden des europäischen Spektrums. Die Reaktionen auf den russischen Überfall der Ukraine machen das seit Februar 2022 deutlich. Die deutsche Ankündigung einer Zeitenwende als Reaktion auf den Krieg hat besonders in Frankreich viele Erwartungen geweckt. Die Regierung in Paris rechnete mit einer „Normalisierung“ der Verteidigungspolitik des Nachbarlandes und der Angleichung deutscher Verteidigungspolitik an französische Vorstellungen. Entsprechend groß ist nun die Enttäuschung darüber, dass wiederholt das Gegenteil eingetreten ist und Berlin sich vor dem Hintergrund des anhaltenden Kriegs im Osten von traditionellen französischen Positionen entfernt hat. Die deutsche Zeitenwende hält Frankreich nun den Spiegel der eigenen Erwartungen vor. In Paris hat das den selbstkritischen Blick auf die eigenen Ambitionen innerhalb der EU geschärft. Gelingt es in den kommenden Jahren, deutsche und französische Reaktionen auf die russische Aggression dem Partnerland zu erklären, dabei Stärken und Schwächen sinnvoll zu kombinieren, liegt darin eine einmalige Chance für die verteidigungspolitische Zusammenarbeit der EU und in Europa.
  8. Backmatter

Titel
Die Zeitenwende – sicherheitspolitischer Kulturwandel in der Bundesrepublik Deutschland?
Herausgegeben von
Michael Bartscher
Stefan Hansen
Michael Rohschürmann
Copyright-Jahr
2025
Electronic ISBN
978-3-658-48044-8
Print ISBN
978-3-658-48043-1
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-48044-8

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