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Über dieses Buch

Christian Jekat untersucht in diesem Buch die Systemkrise der Notenbanken während und nach der globalen Finanzkrise 2007. Diese stellt sich als eine mediale Währungskrise heraus, hervorgerufen durch digitale Technologien und Währungen. Zentralbanken werden durch die Digitalisierung gezwungen, ihr politisches Monopol der Geldmengenbestimmung neu zu organisieren, und zwar in zeitlicher (Gleichzeitigkeit), sachlicher (Komplexität der Währungsentwicklung) und sozialer Hinsicht (Vertrauen). Es zeigt sich, wie die Notenbanken im Prozess ihrer Krisenbewältigung durch leichtes Geld die Dynamik der Finanzkrise erst erzeugen, das gesellschaftliche Vertrauen in gesetzliche Standardwährungen aufs Spiel setzen und so selbst zur Entstehung jener Digitalwährungen beitragen, die ihre eigene Systemkrise verschärfen.​

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Kapitel 1. Einleitung

Zusammenfassung
Notenbanken sind Parasiten. Ihr Territorium ist der Zwischenraum von Politik und Wirtschaft. Sie sind weder dem einen noch dem anderen Funktionssystem eindeutig zuzuordnen. Sie leben von deren Beziehung, Angewiesenheit und gegenseitigen Unkalkulierbarkeit zueinander.
Christian Jekat

Kapitel 2. Fragestellung und Struktur

Zusammenfassung
Begreift man die von Husserl angesprochene Lebenswelt, wie eingangs dargestellt, als Kommunikation, ergibt sich aus den einleitenden Überlegungen die Fragestellung dieser Arbeit: Ist es möglich, dass die Einführung des Computers nicht nur das gesellschaftliche Verständnis von Krisen grundlegend transformiert, sondern in der Gesellschaft neue Techniken des Umgangs mit diesen Krisen hervorbringt? Kann es sein, dass digitale Medien Formen von Krisenmanagement erzeugen, die sich die Eigenschaften dieser Medien zunutze machen? Wenn es stimmt, dass das Internet sich heute als Werkzeug des Managements neuer Lebensformen etabliert (vgl. Castells 2000: 21), dann, so die einschlägige Vermutung, zeigt sich diese Entwicklung auch und gerade in der Bewältigung von Krisen. Wo sonst, wenn nicht in Krisen, erzeugen neue Verbreitungsmedien Selbstbefragungen in Systemen, deren Sinnüberschuss selbst wiederum nur als Krise erlebt werden kann?
Christian Jekat

Kapitel 3. Krisentheorie

Zusammenfassung
Das theoretische Grundgerüst, das es erlauben soll, den Formen des Krisenmanagements der US-Notenbank in der Finanzkrise von 2007 bis 2009 auf den Grund zu gehen, ist als Dreischritt gefasst. Am Anfang steht der Kulturbegriff Niklas Luhmanns, der Kulturformen überall dort vermutet, wo Gesellschaft sich produktiv mit neuen Verbreitungsmedien auseinandersetzt (vgl. Luhmann 1998: 409); Kulturformen, mit denen seit der Einführung des Computers auch in der digitalen Krisenverarbeitung gerechnet werden muss.
Christian Jekat

Kapitel 4. Krisenstudie

Zusammenfassung
Diese krisentheoretischen Überlegungen vorangestellt, ließen sich mögliche Techniken der Krisenverarbeitung in der Computergesellschaft am Beispiel diverser Systemreferenzen untersuchen, etwa am Beispiel von Banken oder Ratingagenturen oder anhand des politischen Systems und dessen Regulierungspraxis. Sie alle bekommen es vor, während und nach der Finanzkrise auf unterschiedliche Art und Weise mit neuartigen Verknüpfungen von Finanzinstrumenten, Finanzmärkten und Finanzinstituten (vgl. BIZ 2009: 148 ff.), sprich, dem Kontrollüberschuss digitaler Medien zu tun. Gesellschaft übersetzt die Finanzkrise ab 2007 folglich in mannigfaltige Selbstbefragungen und Problembezeichnungen, sodass Funktionssysteme und Organisationen zwar allesamt im Krisenmodus kommunizieren, die Art und Weise ihres Krisenmanagements jedoch auf systemspezifische Selbstthematisierungen ausrichten.
Christian Jekat

Kapitel 5. Zur wirtschaftlichen Umwelt der Notenbanken: Rauschende Finanzmärkte als digitale Krisenobservatorien

Zusammenfassung
Zentralbankinterventionen sind demnach per se hochkomplexe Operationen, die zwischen Wirtschaft und Politik oszillieren und dabei gesellschaftliches Vertrauen erfordern und in Anspruch nehmen. Doch wie verhält es sich, wenn diese Operationen nun auf technologische Innovationen treffen, die die Anforderungen an staatliche Notenbankpolitik in zeitlicher, sachlicher und sozialer Hinsicht abermals immens steigern?
Christian Jekat

Kapitel 6. Erkundungsreisen und digitale Annäherungsversuche der US-Notenbank in der Computergesellschaft

Zusammenfassung
Tun es Notenbanken nun der Wirtschaft gleich und stimmen ihre Beobachtungen auf neue Eigendynamiken ihrer Umwelt ab? Wie trainiert speziell die US-Notenbank ihre Beobachtungen auf die Beschleunigung von Informationsbewegungen? Wie stellt sie ihr Krisenmanagement auf digitale Krisenobservatorien ein? Fest steht, dass sich mit der Komplexität von Computermärkten, einer Wirtschaft, die sich auf Bildschirmen vollzieht, auch die Komplexität für Notenbanken erhöht, die Effekte ihrer Geldpolitik in der Wirtschaft (und erst recht: in der Gesellschaft insgesamt) zu beobachten.
Christian Jekat

Kapitel 7. Zwischenbetrachtung

Zusammenfassung
„Mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise fällt also die Rate des Profits“ (Marx 2011: 641), so beschreibt Karl Marx jenes ökonomische Gesetz seiner Konjunktur- und Krisentheorie, wonach der Wert des Kapitals aufgrund von Konkurrenz und technischem Fortschritt, der absoluten Begrenztheit von Arbeitsmitteln sowie der Menge des bereits existierenden Kapitals zwar nicht zum Erliegen kommt, jedoch immer langsamer ansteigt. Dieses Gesetz gewinnt heute in zweifacher Hinsicht an Bedeutung. Einerseits steigern Digitalisierung und Automatisierung die „Produktivkraft der Arbeit“ (Marx 2011: 642), ohne dass sich diese Entwicklung auf den Märkten der Wirtschaft zwangsläufig in steigenden Profiten oder Kapitalwerten niederschlägt.
Christian Jekat

Kapitel 8. Zwischen Systemkrise und Systemvertrauen: Digitale Währungen als Sinnüberschuss der Notenbanken

Zusammenfassung
Wie sehr das gesellschaftliche Vertrauen in die Fähigkeit der Notenbanken, den Wert der eigenen Währung zu garantieren, bereits auf dem Höhepunkt der Finanzkrise erodiert und zugleich mit ihm verknüpft war, zeigt sinnbildlich der erste Block der Digitalwährung Bitcoin mit dem eincodierten Text: „The Times 03/Jan/2009 Chancellor on brink of second bailout for banks“ (Raskin/Yermack 2016: 1). In dem Maße, wie staatliche Rettungspolitik und Liquiditätsausweitung die gesellschaftlichen Zweifel an ihren Standardwährungen verstärken, begünstigen sie die Genese ihrer Alternativen. Im Moment ihrer Entstehung treten digitale Währungen wie Bitcoin in ein Konkurrenzverhältnis zu den gesetzlichen Zahlungsmitteln der Notenbanken, die im Begriff sind, das in sie gesetzte Vertrauen zu verspielen.
Christian Jekat

Kapitel 9. Formen digitalen Krisenmanagements

Zusammenfassung
Wir haben bis hierhin aufgezeigt, wie die US-Notenbank das gesellschaftliche Vertrauen in ihre Standardwährung selbst aufs Spiel gesetzt hat und sich anschließend mit neuen Sinnangeboten in Gestalt digitaler Währungen konfrontiert sieht. Beides spitzt, von innen wie von außen, ihre „politische Existenzfrage“ (Koselleck 1973: 115) zu und konfrontiert sie gleichsam mit „der Ungewissheit ihrer Zukunft“ (ebd.). Welche Antworten hat die Federal Reserve auf diese Entwicklungen parat?
Christian Jekat

Kapitel 10. Digitale Zentralbankwährungen

Zusammenfassung
Die vorangegangenen Kapitel haben aufgezeigt, wie die US-Notenbank in ihrem Krisenmanagement ab 2007 einen Wechsel der Kategorien vollzieht, indem sie eine Geldmengenpolitik um qualitative Strukturen wie Netzwerke, Nachbarschaften, neue Designs von Wissen und Nichtwissen, Temporalität, strategische Kommunikation und Informationskapital ergänzt. Zu verstehen sind diese Kulturtechniken in Anlehnung an Simmel als qualitative „Anregungen“ (Simmel 2014: 336) einer Notenbank an eine Gesellschaft, deren gesetzliche Standardwährungen, als Geldwesen organisiert, nach wie vor quantitativen Charakter haben.
Christian Jekat

Kapitel 11. ‚Und vergib uns unsere Schuld‘: Die paradoxen Heilsversprechen der Notenbanken

Zusammenfassung
Offenbar neigen Notenbanken aufgrund ihrer parasitären Stellung an der Schnittstelle von Wirtschaft und Politik seit jeher dazu, den gesellschaftlichen Erfolg ihrer Geldpolitik mit Elementen religiöser Kommunikation abzusichern, weil er anders nicht zu bewerkstelligen wäre.
Christian Jekat

Kapitel 12. Ausblick: Wie krisenfähig sind Zentralbanken?

Zusammenfassung
Szenarien zu religiösen Heilsversprechen verbunden mit medialen Einbettungen von Notenbankpolitik können und müssen hier nicht abschließend beurteilt werden, haben sie doch bereits einen entscheidenden Nachweis erbracht: Die Politik der Notenbanken ist kein technischer, sondern ein hochkomplexer sozialer Vorgang, der auf Kommunikation beruht. Entsprechend sind auch strukturelle Veränderungen in der Wirtschaft – wie etwa die Evolution globaler Digitalwährungen – nicht primär das Ergebnis wirtschaftlicher, sondern gesellschaftlicher Prozesse (vgl. Parsons/Smelser 1984: 305). Unsere Analysen zu den Formen des Krisenmanagements der Notenbanken haben aufgezeigt, dass jedes wirtschaftliche Kalkül mit ungewissen Geldmengen, jede politische Varianz derselben, jede religiöse Absicherung eines wirtschaftlichen oder politischen Kreditgeschäfts, ja nicht nur jede Form von Geld, sondern von Währung insgesamt je für sich „eine Anweisung auf die Gesellschaft ist“ (Simmel 2014: 213), in der es/sie sich verwirklicht.
Christian Jekat

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