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Über dieses Buch

Die wissenssoziologische Diskursforschung nimmt die ‘diskursive Konstruktion von Wirklichkeit’ in unterschiedlichen Perspektiven in den Blick. Der Band greift hier methodologische Problemstellungen der Analyse von Materialitäten und Subjektivierungen auf, diskutiert Begründungen von Kritik und behandelt Fragen der interdisziplinären Anschlussfähigkeit des wissenssoziologischen Zugangs im Hinblick auf die Semiotik, die Japanologie, die Geschichtswissenschaft, die ethnographische Praxisforschung und die postkolonialen Theorien. Je nach disziplinären Forschungsinteressen, Gegenständen oder Datenformaten werden dabei spezifische Ergänzungen, Weiterführungen und auch Modifikationen des Ansatzes der Wissenssoziologischen Diskursanalyse vorgenommen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Diskursive Konstruktionen. Eine Einleitung

Zusammenfassung
Der Begriff der diskursiven Konstruktion von Wirklichkeit schließt an Peter L. Bergers und Thomas Luckmanns (1966/1980) wissenssoziologisches Programm der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit einerseits, an Michel Foucaults Überlegungen zum Diskursbegriff andererseits an. Seit dem Jahr 2013 fungiert er zudem als programmatischer Titel einer im Zwei-Jahres-Rhythmus stattfindenden interdisziplinären Tagung zur wissenssoziologischen Diskursforschung und angrenzenden Perspektiven. Dieser Band versammelt vorwiegend Beiträge der dritten Tagung. Einige Beiträge beschäftigen sich mit methodologischen Problemstellungen, die unmittelbar an die Wissenssoziologische Diskursanalyse anschließen. Andere Beiträge dagegen diskutieren dazu affine bzw. komplementäre Fragestellungen und Vorgehensweisen, oder prüfen in Bezug auf weitere diskurstheoretische Perspektiven und Erkenntnisinteressen Möglichkeiten und Grenzen von Anknüpfungen.
Saša Bosančić, Reiner Keller

Diskursive Deutungskämpfe & Perspektiven der Kritik

Der Ort der Kritik. Zur diskursanalytischen Kritik des Leidens

Zusammenfassung
Kritisch soll die Wissenschaft sein und die Diskursforschung erst recht. Zumindest ist dies der Anspruch vieler DiskursforscherInnen, auch derjenigen, die sich nicht explizit auf einen Ansatz stützen der das Adjektiv ‚kritisch‘ oder ‚critical‘ im Namen trägt. Doch was bedeutet das überhaupt: Kritik?
Benno Herzog

Diskursive Konstruktion sozialer (Un)gleichheiten: eine Studie der Diskurse kolumbianischer Entwicklungs-NGOs aus dekolonialer Perspektive

Zusammenfassung
Dieser Artikel erörtert die Frage der Repräsentationen »sozialer Ungleichheiten« und deren (Re)produktion. Hierzu stelle ich eine wissenssoziologisch orientierte Diskursstudie anhand von Interviews aus dem kolumbianischen Entwicklungskontext vor. Das aus dekolonialer Perspektive interpretierte Datenmaterial offenbart den Rückgriff der interviewten AkteurInnen auf »hegemonialisierte« sowie »subalternisierte« Wissensbestände. Eine wesentliche narrative Struktur liegt in der themenkomplexen Aussagepraxis zu sozialen Ungleichheiten und deren Transformation. Die Ergebnisse zeigen sowohl eine epistemologische Pluralität als auch kritische Konzeptionalisierung gesellschaftlicher Ungleichheitsverhältnisse.
Sabine Heiß

Diskurse und Dispositive

Frontmatter

Die Untersuchung von Dispositiven. Zur fokussierten Diskurs- und Dispositivethnografie in der Wissenssoziologischen Diskursanalyse

Zusammenfassung
Vor längerer Zeit habe ich vorgeschlagen, Diskursanalysen in bestimmten Fällen bzw. im Hinblick auf bestimmte Fragestellungen um Dispositivanalysen zu erweitern, und dazu Strategien einer fokussierten Diskursethnografie zu entwickeln bzw. zu nutzen. Mittlerweile sind einige Konzepte insbesondere zur Wissenssoziologischen Diskursethnografie vorgelegt worden, die zum einen an diese Ideen anschließen, sie zum anderen auch um ganz unterschiedliche Akzentsetzungen und -erweiterungen ergänzen. Exemplarisch dafür stehen die aus einem Workshop in St. Gallen hervorgegangenen instruktiven Beiträge im Schwerpunktheft „Wissenssoziologische Diskursethnografie“ der Zeitschrift für Diskursforschung, das 2017 erschienen ist. Andere diskurstheoretische Perspektiven haben ebenfalls Diskurs- bzw. Dispositivethnografien angeregt. Auch der Dispositivbegriff ist immer wieder Gegenstand kontroverser Diskussionen. Der vorliegende Text greift die ursprüngliche Idee einer fokussierten Diskurs- und Dispositivethnografie wieder auf, um sie näher zu erläutern und auf die Analyse von Dispositiven auszurichten.
Reiner Keller

Die Multimodalität von Diskursen und die Rekonstruktion dispositiver Konstruktionen von Wirklichkeit – ein programmatischer Vorschlag aus techniksoziologischer Perspektive

Zusammenfassung
Das Verhältnis von Diskursen zur materiellen Welt ist eines der aktuellsten Themen in der Diskurstheorie und -analyse. Noch ist nicht ausdiskutiert, wie Diskurse zur materiellen Welt stehen und auf Basis welcher theoretischen wie methodischen Referenzen eine entsprechende Analyse vonstattengehen könnte. Im vorliegenden Aufsatz wird deshalb ein Vorschlag unterbreitet, der im Anschluss an den Diskursbegriff der Wissenssoziologischen Diskursanalyse (WDA) und an die materialitätstheoretischen bzw. techniksoziologischen Arbeiten Latours Diskurse als multimodale Einheiten begreift, die neben sprachlichen Äußerungen auch materiale Artefakte – und zwar als potenziell eigenlogische Wissensgeneratoren – einschließen. Die im Anschluss daran explizierte These lautet, dass die Multimodalität von Diskursen mit dem Konzept des Dispositivs adäquat diskursanalytisch einbezogen und mit einschlägigen Methoden der qualitativen Sozialforschung angemessen empirisch untersucht werden kann.
Simon Egbert

‘Every Can Helps’? Using Visual Data in a Dispositive Analysis of Food Charity at UK Supermarkets

Zusammenfassung
Drawing on visual and textual data from a study of food charity in the UK, this chapter explores the benefits and challenges of including images in a dispositive analysis. Visual analysis of photos taken at nationwide supermarket food collections will show new potentials in using software and experimenting with situational mapping and established methods in grounded theory. Analysis then shows how material displays, symbolic practices and discourses work together to guide consumer conduct and normalise food charity as common-sense solution to an urgent social problem. As dispositives produce new subjectivities for volunteers, shoppers and the absent poor, reconstructive analysis can disturb and interrupt dominant flows of knowledge to open up much needed space for critical reflection and resistance.
Christian Möller

Skizzen einer ethnografischen Praxisforschung – Verknüpfung(en) mit der WDA?

Zusammenfassung
Grundlage und Ausgangspunkt meiner nachfolgenden Überlegungen ist eine Feldforschung, die in zwei Großstädten in migrantischen Stadtvierteln mit Straßenprostitution über insgesamt vier Wochen stattfand. Ethnografisch begleitet wurde eine spezifische polizeiliche Einheit, deren Arbeit sich in einer kommunikativen, eher Anlass unabhängigen Weise vollzieht, die auch als eine BürgerInnen oder bestimmten Szenen nahe, mitunter auch als präventive Arbeit bezeichnet wird. Wie und an welchen Punkten ließen sich möglicherweise Datenerhebung, Analyse und Auswertung einer solchen ethnografischen Feldforschung mit der der WDA verknüpfen?
Christiane Howe

Subjektivierungsweisen

Frontmatter

Empirische Subjektivierungsanalyse: Entwicklung des Forschungsfeldes und methodische Maximen der Subjektivierungsforschung

Zusammenfassung
Der Beitrag zeichnet die Entwicklung des Forschungsfeldes der empirischen Subjektivierungsforschung nach, das durch Auseinandersetzungen mit, Abgrenzungen von und Anschlüsse an poststrukturalistische Subjekt- und Foucault‘sche Machtkonzeptionen, wissenssoziologische und pragmatistische Akteurskonzepte sowie Forschungsperspektiven der Diskurs-, Biografie und Gouvernementalitätsforschung entstanden ist. Die wissenssoziologisch-interpretative Subjektivierungsforschung schlägt im Zuge einer macht- und gesellschaftstheoretischen sowie wissenskritischen Wendung vor, unterschiedliches empirisches Datenmaterial zu relationieren, um das Verhältnis von normativen symbolischen Ordnungen und tatsächlichen menschlichen Seinsweisen zu untersuchen.
Saša Bosančić, Lisa Pfahl, Boris Traue

Optimiert ins Jenseits. Subjektivierung von Sterben und Tod im superalternden Japan

Zusammenfassung
Selbstoptimierung macht auch vor dem Sterben nicht halt. Vor dem Hintergrund der demographischen Alterung der Gesellschaft werden Individuen angerufen, sich mit dem eigenen Sterben frühzeitig auseinanderzusetzen und Vorkehrungen zu treffen, um niemanden zu belasten. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit dem Modellsubjekt, das von der japanischen Lebensend-Industrie unter dem Stichwort shūkatsu diskursiv etabliert wird, und mit den tatsächlichen Subjektivierungsweisen der davon angerufenen Individuen. An diesem Beispiel lässt sich die für Subjektivierung typische Oszillation zwischen Selbstbestimmung/Selbstverwirklichung und Responsibilisierung/Aktivierung beobachten.
Dorothea Mladenova

Ein spannungsreiches Verhältnis? Subjektpositionen und Subjektivierungsweisen im Kontext von Paarbeziehungen mit Nicht-Präsenzphasen

Zusammenfassung
Öffentliche Diskurse stellen Menschen und deren Lebensumstände häufig auf eine bestimmte Weise, modellhaft überzeichnet und stereotypisiert dar. Angesichts dessen kann man fragen: Was macht das mit Menschen? Welche Wirkung hat es, wenn sie (regelmäßig) mit bestimmten Bildern konfrontiert werden, die zeigen, wie Menschen, Individuen und Kollektive vermeintlich sind und/oder sein sollen? Oder mit den theoretischen Konzepten gefasst, die im ersten Teil des folgenden Artikels eingeführt und fortan zur Anwendung kommen werden: Was sind die Wirkungen von Subjektpositionen, die in kollektiven Wissensbeständen verankert und diskursiv konstruiert sind, auf Fremd- und Selbstwahrnehmungen und wie schlägt sich dies in tatsächlichen Subjektivierungsweisen nieder? Im Fokus stehen dabei Paare und Beziehungen, die mehr oder weniger regelmäßig längere Phasen physischer Abwesenheit erfahren und damit von einer gemeinhin unterstellten Normalität (Paare leben zusammen) abweichen. Die empirische Grundlage für diese Ausführungen liefern die Analyse von Zeitungs-, Zeitschriften- und Magazinbeiträgen einerseits, Interviews mit Paaren, die sog. Fern- oder Wochenendbeziehungen führen, andererseits.
Marie-Kristin Döbler

Subjektivierung mit Migrationshintergrund. Zu diskursiven Unterwerfungen und ihren praktischen Verwerfungen

Zusammenfassung
Migrationsgesellschaftliche Subjektivierungen verlaufen kontingent, weil eigenwillige Subjekte und eigengesetzliche Praktiken Sollbruchstellen zwischen Diskurs und Praxis evozieren. Zwei Beobachtungsprotokolle aus der Schule werden diskursethnografisch analysiert. Im ersten lassen sich rassistische Subjektivierungen eines Schülers rekonstruieren, die durch die De-Thematisierung seitens der Lehrerin zur Ratifizierung des Schülers als rassistisch Unterworfenem führen. Im zweiten bricht die Praxis insofern mit dem Diskurs, als dass gerade die De-Thematisierung von potentieller Diskreditierung dem Schüler Selbstermächtigung ermöglicht, insofern die Lehrerin ihm die Anerkennung als Subjekt versagt, zu dem er in Abhängigkeit von rassistischen Diskursen (auch) geworden ist.
Yalız Akbaba

Disziplinäre und interdisziplinäre Anschlüsse

Frontmatter

Interdisziplinäre Brücken – disziplinäre Blockade? Potenziale der WDA in der historischen Forschung am Beispiel der Frauenbildungsfrage

Zusammenfassung
Obwohl Keller (2006, 2010) das Forschungsprogramm der WDA mehrfach in einschlägigen Publikationen zur historischen Diskursanalyse vorstellte, machten Historikerinnen und Historiker bislang kaum Gebrauch sowohl vom Angebot eines interdisziplinären Dialogs als auch von der Nutzung des Programms. Ich möchte zeigen, dass eine Ursache dieses Schweigens in der disziplinären Logik der Geschichtswissenschaft zu verorten ist – jedoch nicht um einem Fatalismus zu huldigen, sondern um ausgehend von dieser Feststellung, für einen Dialog zu werben. Mit dem folgenden Beitrag verbinden sich daher folgende Ziele: Ausgehend von einer These, die unter Rückgriff auf die Geschichte der Geschichtswissenschaft die Vorbehalte und Missverständnisse der historischen Forschung gegenüber sozialwissenschaftlichen Ansätzen erklärt, möchte ich verdeutlichen, weshalb das Forschungsprogramm der WDA besonders attraktiv für die Geschichtswissenschaft ist; dies dient der interdisziplinären Verständigung, denn erst eine theoretische Reflexion „ermöglicht die Anschlussfähigkeit von Forschungsvorhaben über Disziplinen, Epochen, Räume und Wissenschaftstraditionen hinweg“.
Andreas Neumann

Wissenssoziologische Diskursanalyse und Computerspielanalyse: Ein semiotisches Problem

Zusammenfassung
Anfang der 1970er Jahre tat sich etwas in heimischen Wohnzimmern, als plötzlich der Fernsehapparat nicht mehr nur zum Fernsehen, sondern auch zum Computerspielen genutzt werden konnte. Mittlerweile ist das Computerspiel-Business ein Milliardengeschäft und hat umsatztechnisch längst die Film- und Musikindustrie überholt. Darüber hinaus stehen Computerspiele verstärkt seit Ende des 20. und am Beginn des 21. Jahrhunderts im Fokus der Medienforschung und sind seit Anfang an hinsichtlich ihrer medialen Eigenheiten umstritten.
Philipp Fust

Die diskursive Konstruktion ökonomischer Werte durch Business Pitches. Ein wirtschaftssoziologischer Beitrag zur wissenssoziologischen Diskursforschung

Zusammenfassung
Die Beurteilung des ökonomischen Wertes ist in Kapitalmärkten für Firmenbeteiligungen durch fundamentale Ungewissheiten über Innovationsgehalt und Erfolgsaussichten von Firmengründungen belastet. Business Pitches, in denen Start-ups ihre innovativen Geschäftsideen vor potenziellen Investor_innen vorstellen, bieten eine Arena für die Identifizierung, Definition und Aushandlung ökonomischer Wertigkeiten. Unterstützt durch eine qualitative Videoanalyse der Reality-TV Show „Die Höhle der Löwen“ untersucht der Beitrag die praktische Relevanz von Beurteilungsdispositiven und Rechtfertigungsordnungen bei Versuchen, sich in Business Pitches auf eine gemeinsame ökonomische Firmenbewertung zu einigen.
Michael Florian

Backmatter

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