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Über dieses Buch

Dieses Buch versteht sich als Brückenschlag zwischen der deutschsprachigen und der lateinamerikanischen Soziologie. Es geht der Frage nach, welche Bedeutung der Systemtheorie Niklas Luhmanns in den lateinamerikanischen Sozialwissenschaften zukommt und präsentiert Beiträge, die politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklungen in Lateinamerika und in der Weltgesellschaft aus systemtheoretischer Perspektive analysieren. Die Autorinnen und Autoren – Soziologen, Politologen und Rechtswissenschaftler – sind an verschiedenen deutschen, europäischen und lateinamerikanischen Universitäten und Forschungseinrichtungen tätig.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Zur Einführung – Luhmann und Lateinamerika

Das vorliegende Buch geht ursprünglich auf ein Symposium zurück, das im Dezember 2007 im Ibero-Amerikanischen Institut (IAI) in Berlin stattfand. Warum eine Veranstaltung zu Niklas Luhmann in einer Einrichtung, deren Forschung sich insbesondere mit Lateinamerika beschäftigt? Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Bereits bevor das IAI sich für die Jahre 2010-2014 für den Forschungsschwerpunkt „Kulturtransfer und wissenschaftlicher Austausch zwischen Europa und Lateinamerika“ entschied, spielte dieser Themenbereich im Rahmen der institutseigenen Forschung eine wichtige Rolle. Zentrale Fragen in diesem Zusammenhang lauten: Welche aus Europa stammenden wissenschaftlichen Diskurse, Theorien, Methoden und Techniken wurden und werden in Lateinamerika rezipiert und auf welchen Wegen? Welche Veränderungen durchlaufen sie durch Prozesse des wissenschaftlichen Austauschs? Welche wechselseitigen epistemologischen Einflüsse zwischen den beiden Regionen sind zu beobachten? Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Einzelpersonen wie Akademiker und wissenschaftliche brokersowie wissenschaftliche, politische und kulturelle Institutionen?
Peter Birle, Matias Dewey, Aldo Mascareño

Komplexitätssteigerung unter mangelhafter funktionaler Differenzierung: Das Paradox der sozialen Entwicklung Lateinamerikas

Mein Beitrag gliedert sich in fünf Abschnitte. Zunächst erfolgt eine kurze Vorbemerkung zum Begriff der Komplexität, die auf der Unterscheidung von Element und Relation beruht, sowie zum Konzept der funktionalen Differenzierung, die mit der Unterscheidung von System und Umwelt in Zusammenhang steht. Dabei betone ich, dass im Rahmen der Luhmann’schen Systemtheorie diese Begriffe voneinander unabhängig sind (I). Zweitens werde ich das Problem der unstrukturierten Komplexität betrachten, um der Frage der mangelhaften funktionalen Differenzierung in Lateinamerika nachzugehen (II). Drittens wird das Problem der Systemkorruption und Exklusion angesprochen (III). Im Anschluss daran werde ich die funktionsbezogene Entdifferenzierung der Gesellschaft in Lateinamerika darstellen und ein Modell der Mischform der Differenzierung in dieser Region der Weltgesellschaft vorschlagen (IV). Dann komme ich zu den Schlussfolgerungen (V).
Marcelo Neves

Strukturelle und normative Interdependenz in der Weltgesellschaft und der lateinamerikanische Beitrag

Der vorliegende Beitrag geht von der Hypothese aus, dass Weltgesellschaft eine strukturelle und normative Interdependenz voraussetzt, die auf jede Region der Welt einwirkt. Die Einwirkung auf die Region hängt davon ab, wie funktionale Differenzierung und normativ universalistische Semantiken mit den regionalen Institutionen und normativen Partikularismen interagieren. In diesem Sinne impliziert Weltgesellschaft eine Doppeldimensionalität struktureller und normativer Vorgänge, die Region und Welt miteinander verbinden.
Aldo Mascareño

Wenn die Entscheidungsakzeptanz scheitert. Vertrauen und Misstrauen im Legitimationsprozess in Argentinien

Der Verfahrensbegriff bei Luhmann setzt die Relevanz des Rechts als Orientierungsrahmen der Kommunikation voraus. Dies scheint bei ihm ein für den Kommunikationsprozess weltweit unvermeidlicher Referenzpunkt zu sein, der ohne Weiteres als eine evolutionäre Errungenschaft unserer Gesellschaft betrachtet werden soll. Verfahren produzieren Legitimation, weil die Teilnehmer des Verfahrens über Vertrauen in das symbolische Kommunikationsmedium Recht verfügen und dadurch eine Umstrukturierung von Erwartungen ermöglicht wird. Hiermit wird nicht die Akzeptanz von Entscheidungen anhand einer rationalen inhaltlichen Übereinstimmung verstanden, vielmehr handelt es sich im Unterschied zur Kritik von Habermas um Entscheidungen, die dank eines verbreiteten Vertrauens in das Recht angenommen werden können. Das Recht erreicht soziale Relevanz durch Vertrauen und eine rechtmäßige Rechtskonkretisierung ernährt wiederum das Vertrauen. Verfügt das Recht über ein durch die Geschichte bestätigtes Vertrauen, das aus diesem Grund auch enttäuschungsresistent ist, dann ist es möglich, über die Selbstlegitimation des Staates zu sprechen (Luhmann 1981).
Matias Dewey

Selbstbeschreibungen ohne Selbst: Gesellschaftliche Umbrüche, Vergangenheitsbewältigung und globale Prozesse normativer Strukturbildung aus systemtheoretischer Perspektive

Seit der Verabschiedung der Erklärung der Menschenrechte am 10. Dezember 1948 lässt sich weltweit eine erstaunliche Dynamik beobachten. Ganz analog zur „Deklaration des droits de l’homme“ von 1789 ist aus einer zunächst rechtlich völlig unbestimmten Absichtserklärung ein dichtes Gewebe positiv-rechtlicher Bestimmungen geworden (zur Normentwicklung vgl. Rinceanu 2008). Zwar sind massive Menschenrechtsverletzungen und skandalöse Verbrechen unerträglichen Ausmaßes deswegen nicht von der Weltbühne verschwunden, sie können aber – wenn auch hoch selektiv – der Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf Dauer nicht mehr entzogen werden. Heute wird staatlich zu verantwortendes Unrecht, Vertreibung, willkürliche Verhaftung, Folter oder gar Massenmord als ein Problem verstanden, das jeden Akteur in der Weltgesellschaft betrifft. In dieser Hinsicht fungieren die Menschenrechte als Katalysatoren und strukturelles Integrationsmoment der Weltgesellschaft.
Fatima Kastner

Der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte als ein Zentrum des Weltrechts?

Mit diesem Satz endet Luhmanns Recht der Gesellschaft(Luhmann 1993: 586). Es endet also mit der Feststellung der Prominenz des Rechtssystems, einem (beobachtenden) Bekenntnis zum Nationalstaat und mit der Möglichkeit, in einer weltgesellschaftlichen Gesamtbetrachtung eine zeitlich relative europäische Anomalie beschrieben zu haben. Demgegenüber sind im Anschluss an Luhmann insbesondere Teubner, aber auch Fischer-Lescano mit der These aufgetreten, dass sich mittlerweile ein Weltrecht beobachten lässt, welches sich – so fragmentiert und funktional differenziert es auch beobachtet werden muss – jedenfalls als ein Funktionssystem der Weltgesellschaft herausgebildet hat (vgl. Teubner 1997; 2003; Fischer-Lescano/Teubner 2006; Fischer-Lescano 2005). Ist also Luhmanns Zweifel berechtigt gewesen, sind wir nur weiter in einer Anomalie verhaftet, oder zeichnet sich gar eine weltweiteProminenz des Rechtssystems ab?
Michael Klode

Wovon reden wir, wenn wir mit Luhmann Gewalt in Lateinamerika beobachten?

Den mit dem Namen Niklas Luhmann verbundenen soziologischen Theorien, nämlich System-, Evolutions- und Kommunikationstheorie sowie Beobachtungs-/Unterscheidungs-/Formtheorie, wird nachgesagt, sie seien für die Gewaltforschung defizitär. So stellen Autoren „erstaunt“ fest, dass in „Soziale Systeme“ „das Phänomen Krieg keinerlei Rolle spielt“ (Knöbl/Schmidt 2000: 7). Interessanter sind starke Behauptungen, die Theorien seien eurozentrisch gebaut (Hauck 2003), vernachlässigten also auch Verhältnisse in Lateinamerika und sie seien nicht geeignet, physische Gewalt so zu erfassen, dass die Gesellschaft heute damit angemessen umgehen kann (Ellrich 1999: 171f.).
Klaus Dammann

Risiko-Lebensraum Megastadt. Eine soziologische Perspektive

Neben einem anthropogenen Klimawandel und dessen möglichen Folgen geraten seit Jahren Urbanisierungsprozesse von noch nicht gekanntem Ausmaß in den Blick. Die Städte Lateinamerikas, Asiens und Afrikas werden zum Thema von Film, Fernsehen, Literatur und Feuilleton, wobei eine Art faszinierter Abscheu vor der mega-großen Stadt mit deren ungeheuerlichen Populationszahlen zur Darstellung gelangt. Der Schriftsteller Suketu Mehta (2006: 578) schrieb, als er nach einem Leben in westlichen Metropolen in seine Heimatstadt zurückkehrte: „Als ich herkam, dachte ich, ich erlebte hier die Stadt in der Endphase.“ Auch Beschreibungen anderer Berichte bilden einen Kanon, dass Städte wie Mumbay, Teheran, Laos als „Letzte Station vor der Hölle“ sich rasant krisenhaften oder katastrophalen Zuständen nähern. In diesen Kanon stimmen auch zahlreiche Forschungsarbeiten ein, die Megastädte als Risiko-Raum bezeichnen (Kraas 2003; Pelling 2003; Greiving 2002; Berz 2004). Die Thesen dieser Arbeiten lauten zusammengefasst, eine Megastadt (megaformal anhand von Populationszahlen bestimmt) ist ein Platz und ein Raum, in dem jemand und etwas Prozessen ausgesetzt ist, die Verletzungen und Schäden verursachen: Megastädte als gefährliche Aufenthaltsorte.
Christian Büscher

Kulturen als soziomaterielle Welten

Mehr als zehn Jahre sind inzwischen vergangen seit Niklas Luhmanns Tod und der Publikation seines opus magnum: Die Gesellschaft der Gesellschaft(Luhmann 1997). Es mag noch zu früh sein, um die Reichweite und Nachhaltigkeit des Einflusses seiner Theorie sozialer Systeme (im Folgenden TSS) einzuschätzen, aber ein kurzer Blick auf die zeitgenössischen und am meisten diskutierten Strömungen im Bereich der soziologischen Theorie suggeriert, dass Luhmanns Beiträge wenig wahrgenommen, verstanden und in die soziologische Kommunikation eingeführt werden. Über diese Einschätzung kann natürlich gestritten werden. Es ist beispielsweise schwer einzuschätzen, ob die Existenz einer auf TSS fokussierten Zeitschrift ein Zeichen für ihre wachsende Bedeutung oder für ihre Isolierung ist.
Ignacio Farías

Niklas Luhmanns „Religion der (Welt-) Gesellschaft“ – Theoretische Probleme und lateinamerikanische Perspektiven

Folgt man der Luhmann’schen Gesellschaftstheorie, so kommt in der Moderne Gesellschaft nur noch im Singular vor – als Weltgesellschaft. Diese These hat Luhmann erstmals grundlegend 1971 in seinem Aufsatz „Die Weltgesellschaft“ formuliert und er gründet sie vor allem auf zweierlei Argumente. In einer kommunikationstheoretischen Überlegung wird einerseits von der These ausgegangen, dass Grenzen von Gesellschaft(en) mit den Grenzen der Kommunikation zusammenfallen. Mit den modernen Verkehrs- und Kommunikationstechnologien, die potentiell alle Kommunikationen füreinander erreichbar werden lassen, wird ein einziger, weltumfassender Kommunikationszusammenhang möglich. Das Argument für Weltgesellschaft liegt allerdings nicht in der Feststellung einer sämtliche Distanzen übergreifenden kommunikativen Erreichbarkeit. Vielmehr bildet diese erst die Prämisse für die Herausbildung von Weltgesellschaft im Sinne einer „reale(n) Einheit des Welthorizonts für alle“ (Luhmann [1971] 1975: 68) – das Konvergieren also von ehemals vielfältigen Weltentwürfen zu einer einzigen Weltperspektive, bezüglich der erwartet werden kann, dass auch andere anderswo auf der Welt in Kongruenz mit ihr erwarten.
Martin Petzke

Konturen der Weltgesellschaft. Die Emerging Powers und die Grenzen des Kosmopolitismus

Der Kosmopolitismus bemüht sich, das ethisch-politische Pendant zur Globalisierung zu werden. Mit seinem abstrakten Universalismus und seinen normativen Ansprüchen ist er in seiner heutigen Form jedoch kaum in der Lage, der Komplexität und den Ungleichheiten der Weltgesellschaft Rechnung zu tragen. Sei es als Korrektur und Zähmung der Globalisierung oder bloß als Utopie – der Kosmopolitismus erlebt derzeit eine Expansion. In Anlehnung an den Kosmopolitismus des 18. Jahrhunderts nehmen die sogenannten „Neuen Kosmopolitismen“ in den Sozialwissenschaften und in der globalen Öffentlichkeit fast einen mainstream-Status an.
Alejandro Pelfini

Der Schutzmantel als Mechanismus der Variation

Um die funktionale Differenzierung von Gesellschaften zu betrachten, ist es möglich – jenseits der Spezifikationen der Funktionen selbst – eine bestimmte Kohärenz, die das Verhältnis des Sinns von Handlungen innerhalb der Gesellschaft charakterisiert, zu abstrahieren. Das heißt mit anderen Worten, dass die unterschiedlichen sozialen Funktionen durch unterschiedliche Subsysteme der Gesellschaft ausgeführt werden, dass jedoch Prämissen für die Selektion von Komplexität existieren, die all diesen Funktionen gemeinsam sind. Aus dieser Perspektive ist es schwer vorstellbar, dass soziale Subsysteme existieren, deren Selektionsstrukturen anderen Prämissen gehorchen: Ein solches Subsystem würde nicht in eine Gesellschaft hineinpassen, ganz egal, wie komplex diese ist. Da dies jedoch nicht notwendigerweise der Fall ist und im Lauf der Geschichte Teilsysteme entstanden sind, die – ohne aufzuhören, dem Globalsystem anzugehören – anderen Selektionskriterien gehorchen als denen im Globalsystem vorherrschenden, möchten wir im Folgenden eine Möglichkeit zum Auftreten – und zur Aufrechterhaltung – solcher Teilsysteme aufzeigen.
Darío Rodríguez

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