Skip to main content

2022 | Buch

Dynamiken lokaler Flüchtlingshilfe

Engagement im Spannungsfeld von Staat und Zivilgesellschaft

insite
SUCHEN

Über dieses Buch

Die vorliegende Arbeit geht der Frage nach, welche Bedeutung, Formen und Funktionen zivilgesellschaftliches Engagement in Krisenzeiten einnimmt. Expliziert wird dies am Beispiel der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 in Deutschland untersucht. Zunächst wird die lokale Flüchtlingshilfe als strategisches Aktionsfeld betrachtet und die Flüchtlingskrise als exogener Schock gesehen, welcher das Feld in die Krise stürzte. Zudem wird das bürgerschaftliche Engagement in seiner Pluralität, Relationalität und Historizität beleuchtet. Drittens werden die Besonderheiten der lokalen Ebene thematisiert. Die Studie zeigt, dass sich die beiden lokalen Felder nach dem ersten Schock durch die Krise zunächst über Netzwerke strukturieren, unterstützt vom Ausbau von Kooperationen, welche die Beziehungen und Positionen im Feld festigen, bevor weitere Strukturen entstehen oder sich professionalisieren. Nicht alle Akteure im Feld sind in der Lage, sich über diesen Prozess zu etablieren, dennoch entsteht schrittweise ein neues, stabiles Feld der lokalen Flüchtlingshilfe, welches dem vor der Krise in seiner Ausgestaltung stark ähnelt. Die Arbeit leistet durch ihre ganzheitliche, empirische Betrachtung der Geschehnisse während der sogenannten Flüchtlingskrise einen wichtigen Beitrag zum Verständnis zivilgesellschaftlichen Engagements in seiner lokalen Eingebundenheit.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter
Kapitel 1. Einleitung
Zusammenfassung
Die sogenannte Flüchtlingskrise 2015 in Deutschland hat ein ‚weiter wie bisher‘ in der lokalen Flüchtlingshilfe unmöglich gemacht. Die Krise stellt viele Denk- und Handlungsmuster in Frage, macht Aushandlungsprozesse notwendig und fordert insbesondere die lokale Flüchtlingshilfe heraus. Obwohl es auch in Deutschland bereits eine lange Tradition der Hilfe für Geflüchtete gibt und daher auf vorhandene Strukturen und Vorgehensweise zurückgegriffen werden kann, ist es dennoch Großteils ungeklärt, welche Bedeutung, Formen und Funktionen zivilgesellschaftliches Handeln in Krisenzeiten annimmt. Weshalb dieser Frage im Rahmen der vorliegenden Arbeit nachgegangen wird.
Verena Schmid
Kapitel 2. Aktuelle Studienlage zu Krisenereignissen in der Zivilgesellschaft
Zusammenfassung
Bei der Betrachtung der Literatur zum Engagement in der (Flüchtlings-)Krise fällt auf, dass häufig eine isolierte Betrachtung der Engagierten oder Organisationen stattfindet und dadurch die Eingebundenheit des Engagements unterbelichtet bleibt. Wie jedoch insbesondere die Feldtheorie hervorhebt, beeinflusst das die Möglichkeiten und die Ausgestaltung des Engagements. Kooperationen und Koalitionen verstärken die Abhängigkeiten durch Beziehungen weiter, während soziales Kapital für das Engagement eine wichtige Ressource ist. Hier wird in besonderer Weise die Bedeutung des Engagements im Gefüge des Feldes ausgehandelt, worin die Stärke einer Feldbetrachtung besteht. Des Weiteren legt die Literatur nahe, dass, während das strategische Handeln der Organisationen im Feld primär im Mittelpunkt der Betrachtung steht, die Strukturen, die im Feld besonders nach einer Krise aufgebaut werden, nur wenig Beachtung finden. Diese haben jedoch das Potential, Positionen, Mitgliedschaften und das Verständnis des Feldes langfristig zu prägen. Diese Lücken werde ich in meiner Arbeit durch eine lokale Betrachtung des Engagements füllen. Diese lokale Betrachtung ermöglicht es, sowohl die Kooperationen und deren Einfluss auf das lokale Engagement näher zu betrachten, als auch den Strukturaufbau im Feld, um darüber die Besonderheiten zivilgesellschaftlicher Akteure herauszuarbeiten.
Verena Schmid
Kapitel 3. Feldtheorie und zivilgesellschaftliches Engagement im lokalen Kontext
Zusammenfassung
Mit der Theorie der strategischen Aktionsfelder von Fligstein und McAdam (2012) lege ich die Analyseebene auf der Meso-Ebene der Gesellschaft fest. Die Flüchtlingshilfen der im empirischen Teil der Arbeit zu betrachtenden Städte werden daher als durch einen exogenen Schock entstehende Felder angesehen. Die sogenannte Flüchtlingskrise hat die vorhandene Ordnung und die Interaktionen innerhalb der Felder aus der Bahn geworfen. Der Theorie nach führt dies zu einer entstehenden Mobilisation im Feld, mit der Positionen, Interaktionen und ein geteiltes Verständnis im Feld durch den Einsatz von Ressourcen rekonstruiert werden müssen. Der Analysefokus auf zivilgesellschaftliches Engagement verschärft den Blick weiter auf das Engagement, welches im Sinne dieser Arbeit nicht in einem abgegrenzten Sektor stattfindet, sondern in der öffentlichen Sphäre verortet wird, sich durch Zivilität auszeichnet und in öffentlichen Diskussionen, Austausch und durch Meinungsbildung definiert und ausgestaltet wird. Dieser Zugang spiegelt die Pluralität des Engagements als in allen gesellschaftlichen Teilbereichen zuhause und in verschiedensten Formen vorfindbar wider und macht es möglich, Interdependenzen des Engagements in allen Bereichen der Gesellschaft sowie die Auswirkungen von Politiken und Diskursen auf das lokale zivile Handeln zu verstehen. Außerdem ist das aktuelle Verständnis von Engagement durch historische Entwicklungen geprägt, die es mit zu betrachten gilt. Beispielsweise zeigt sich, dass sich das Engagement über die letzten Jahrzehnte verstärkt auf die lokale Ebene zurückgezogen hat. U.a. daraus ergibt sich die große Bedeutung der lokalen Ebene bei der Betrachtung des Krisenmanagements in der Flüchtlingshilfe.
Verena Schmid
Kapitel 4. Ethnographische Analyse der lokalen Felder
Zusammenfassung
Um die komplexe Situation der Krise und vielfältigen Beziehung und Interaktionen empirisch untersuchen zu können, habe ich mich für eine ethnographische Feldarbeit in zwei unterschiedlich großen Städten entschieden. Von 2016 bis 2018 nahm ich an verschiedenen Netzwerktreffen der Flüchtlingshilfe und Vereinstreffen teil, beobachtete die Arbeit der Engagierten und Hauptamtlichen und führt Interviews mit ihnen. 2020 kam ich nochmal ins Feld zurück und führte mehrere Interviews, um die Nachhaltigkeit der entstandenen Strukturen zu beleuchten. Die zur Auswertung verwendeten Daten umfassen 30 Beobachtungsprotokolle, 30 qualitative Interviews sowie 27 interne und externe Dokumente zu den beobachteten Akteuren. Die Auswertung fand in Anlehnung an die konstruktivistische Grounded Theory von Kathy Charmaz (2010) statt.
Verena Schmid
Kapitel 5. Die lokalen Felder und ihr Krisenmanagement
Zusammenfassung
Die Studie zeigt einen schrittweisen Strukturaufbau in den lokalen Feldern. Zu Beginn werden Netzwerke gebildet, wodurch die Interaktion zwischen den Akteuren des Feldes ansteigt. Vielfach werden die Netzwerktreffen Ausgangspunkt für längerfristige Kooperationen, aber auch darüber hinaus werden Kooperationen und politische Koalitionen geschmiedet, um die eigenen Ressourcen durch die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren im Feld zu ergänzen oder ein gemeinsames Interesse voranzutreiben. Dieser Entwicklungsprozess wird begleitet von Strukturentstehungen und Formalisierung, um der zunehmenden Aufgabenvielfalt und -komplexität gerecht zu werden. Für ein langfristiges Überleben der Organisationen und Initiativen ist eine nachhaltige Perspektive auf Netzwerke, Kooperation und Strukturen zentral. Die Organisationen, welche überlebten, haben es geschafft, ein nachhaltiges Themenfeld zu besetzen und tragfähige Strukturen aufzubauen.
Verena Schmid
Kapitel 6. Grundlegende Entwicklungen zur Bedeutung des Engagements
Zusammenfassung
Durch komplexer werdende Aufgaben, die mit einer zunehmenden Integration der Geflüchteten einhergehen, bedarf die gemeinsame Grundlage des ‚Helfen-wollens‘ und die damit verbundenen Werte einer Definition. Verschiedene Vorstellungen über die Beziehung zu den Geflüchteten werden tragend und führen in der Weiterentwicklung zu unterschiedlichen Handlungsweisen der Engagierten. Durch die kontinuierlich stattfindenden Aushandlungen von Werten, Haltungen, Positionen und Regeln werden diese im Feld zunehmend gefestigt. Aber es kommt auch zu einer Politisierung des Feldes mit verschiedenen Intentionen und einer überregionalen sowie einer lokalen Ausrichtung. Die Bedeutung des Engagements wird, über die reine Hilfe hinaus, um eine politische Dimension erweitert. Für das Engagement geht es jedoch auch darum, einen Raum zum Arbeiten und für Begegnung zu bekommen und zu erhalten sowie in Abgrenzung zu den Professionellen und zur öffentlichen Hand einen strategisch günstigen Platz im SAF der Flüchtlingshilfe zu finden. Die Öffentlichkeit, ob nun lokal oder überregional, ermöglicht es, für das eigene Anliegen zu werben und für die eigene Sichtbarkeit zu sorgen, den je sichtbarer, desto einfacher ist es, eine gewinnbringende Position im SAF einzunehmen. Diese Position definiert wiederum, welche Handlungsspielräume den Akteuren im Feld für die Ausgestaltung des eigenen Engagements zur Verfügung stehen, welche Aufgaben übernommen werden können und was es bedeutet, in der Flüchtlingshilfe aktiv zu sein. In all diesen Bereichen wird über die Krisen hinweg der Raum des Engagements kleiner und der des Hauptamtes, vor allem der öffentlichen Hand, größer.
Verena Schmid
Kapitel 7. Drei Spannungsfelder des Engagements
Zusammenfassung
Drei Spannungsfelder begleiten die grundlegenden Entwicklungen und den Prozess der Strukturentstehung. Zuerst das Spannungsfeld zwischen Krise und Stabilität: Durch ihre Beschaffenheit ermöglichen Engagement und Zivilgesellschaft ein schnelles Handeln in Krisenzeiten, während die Stärke des Staates im routinehaften Vorgehen und der Stabilität liegt. Dies sind zwei unterschiedliche Handlungsmodi, die eine Zusammenarbeit erschweren. Auf der Strukturebene setzt sich die Spannung in der Frage nach Flexibilität und Strukturen fort. Während in der Krise vor allem Flexibilität gefordert und von vielen Engagierten gewünscht ist, sind Strukturen für eine nachhaltige Arbeit wichtig. Die Arbeit in Projekten mit Hilfe projektbasierter Organisationen wird daher oftmals als Lösungsansatz praktiziert. Das dritte Spannungsfeld besteht zwischen zivilgesellschaftlichem Engagement und dem ‚Staat‘. Während das Engagement in der Krise an Einfluss und damit an (Handlungsspiel)Raum gewinnt, versucht der Staat, über den Einsatz von Projekten, Programmen und ‚street-level‘ Bürokraten, diese Räume wieder zu kontrollieren.
Verena Schmid
Kapitel 8. Fazit
Zusammenfassung
In den Prozessen und Entwicklungen, die durch die Krise angestoßen werden, zeigen sich die bedarfsorientierte Pluralität und pragmatische Multiperspektivität zivilgesellschaftlichen Handelns in Krisenzeiten sowie die Stärke ermöglichender, gewachsener Strukturen des Engagements. Meine Studie verdeutlicht, dass die Krise den Zusammenhalt im Feld gestärkt hat. Offene Kooperationen, welche über einen lokalen Korporatismus hinausgehen, sind entstanden. Engagierte Bürger*innen kamen in engen Kontakt mit der lokalen Verwaltung. Neue zivilgesellschaftliche Akteure haben mit neuen Ansätzen einen Platz gefunden. Diese Beziehungen und neue Akteure tragen das Potential für zukünftigen Wandel in sich. Krisenmanagement bleibt aber weiterhin eine große Herausforderung für Staat und Zivilgesellschaft, da viele Krisen in ihrer Ausgestaltung einzigartig und in ihrem Ausmaß unvorhersehbar sind. Damit kann der Staat nicht in der Lage sein, einen Plan und Ressourcen für alle möglichen Krisen vorzuhalten. Stattdessen erscheint es mir als wichtig, dass der Staat resilienter gegenüber Krisenereignissen im Generellen wird. Dafür sollte die öffentliche Hand die Bürgerschaft als Verbündete in der Krise betrachten. Im schnellen und pragmatischen Handeln liegt, wie es meine Ergebnisse zeigen, ihre Stärke. Dafür braucht es eine echte Zusammenarbeit mit den Bürger*innen, auch im täglichen Verwaltungshandeln und eine gute Kommunikations- und Vernetzungsstrategie, besonders auf der lokalen Ebene. Die Coronapandemie hat die Notwendigkeit dafür nochmal betont.
Verena Schmid
Backmatter
Metadaten
Titel
Dynamiken lokaler Flüchtlingshilfe
verfasst von
Verena Schmid
Copyright-Jahr
2022
Electronic ISBN
978-3-658-39167-6
Print ISBN
978-3-658-39166-9
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-39167-6