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07.06.2021 | E-Payment | Gastbeitrag | Online-Artikel

M2M-Payment verbindet Finanzwirtschaft und Industrie

verfasst von: Joachim Dorschel

5 Min. Lesedauer
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In etlichen Prozessen der Industrie 4.0 agieren bereits heute Maschinen selbstständig miteinander. Damit nicht nur Services automatisch geleistet, sondern diese auch verlässlich abgerechnet und bezahlt werden, braucht es eine entsprechende Zahlungsinfrastruktur. 

Die Anwendung von IoT-Technologien auf industrielle Prozesse und Abläufe macht es möglich, dass Maschinen in Produktion und Logistik selbstständig interagieren und auf Basis von Algorithmen ohne menschliches Zutun Entscheidungen treffen. Die technischen Möglichkeiten erlauben neue Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodelle. Hierzu zählen etwa:

  • Pay-per-Use-Abrechnungsmodelle, insbesondere die Ersetzung von Produkten durch Services, sogenannte Asset-Light-Geschäftsmodelle
  • Capacity Sharing, also die Bereitstellung von Produktionskapazitäten an andere Unternehmen auf derselben Wertschöpfungsstufe zur gemeinsamen Reduzierung des Ressourcenverbrauchs
  • Nutzungsabhängige Finanzierungsmodelle für Maschinen und Anlagen und die hiermit im Zusammenhang stehende Tokenisierung solcher Objekte
  • Smart-City-Konzepte, also die Vernetzung von Devices im öffentlichen Raum

Empfehlung der Redaktion

2020 | OriginalPaper | Buchkapitel

Herausforderungen der europäischen Finanzindustrie

Europäische Banken befinden sich gegenwärtig in einem präzedenzlosen Struktur- und Kulturwandel mit vielfältigen Ursachen. Maßgeblich geprägt wird dieser Wandel durch den technologischen Fortschritt und die Digitalisierung sowie eine materielle Zwickmühle.

Industrie 4.0 braucht neue Payment-Infrastruktur

Diese und weitere Konzepte lassen sich nur sinnvoll umsetzen, wenn die beteiligten Komponenten auch in der Lage sind, ohne menschliches Zutun Zahlungen zu leisten, entgegenzunehmen und auf einen bestimmten Zahlungsstatus zu reagieren. Die hierfür benötigten Infrastrukturen werden in der Fachdiskussion teilweise unter dem Begriff "Internet of Payments" geführt.

Für die Schaffung entsprechender Zahlungsinfrastrukturen in der Industrie 4.0 sind verschiedene Herangehensweisen denkbar, wobei man zwischen solchen Konzepten unterscheiden muss, die bereits heute kommerziell Anwendung finden und solchen, bei denen die Realisierung bislang eher auf Forschungsprojekte und Prototypen beschränkt war. 

Die nachfolgende Tabelle gibt einen schematischen Überblick über die grundsätzlichen Herangehensweisen mit ihren Vor- und Nachteilen:

            

Konzept

Typische Use Cases

Eignung für Micropayments

Einschränkungen

Karten-Schemes

Digitalisierung (Tokenisierung) von Kartendaten auf unterschiedliches Devices der realen Welt

Autorisierung von Transaktionen über ergänzende Credentials

Consumer-Bereich insbesondere NFC-basiertes Mobile Payments über Wearables

Bezahlverfahren in Fahrzeugen (In-Car-Payments)

Aufgrund der Transaktionsgebühren Ungeeignet für Micropayments

Autorisierung verlangt in der Regel Nutzer-Interaktion

Bindung der Karte an eine natürliche Person als Karteninhaber

IIoT-Plattformen & ERP

Aggregation und Aufbereitung von Maschinendaten über IoT-Plattformen mit Anbindung an die ERP-Systeme

Abrechnung und Zahlung über die bestehenden Kunde-Bank-Schnittstellen (zum Beispiel EBICS, PSD2/XS2A)

Produktionsanlagen mit IoT-Plattformen

Implementierung von Pay-per-Use-Abrechnungsmodellen beim Anbieter

Keine Micropayments im Sub-Cent-Bereich

Keine unmittelbare Anbindung von Devices an den Zahlungsverkehr

Zwei-Faktor-Authentifizierung nach der PSD2 erlaubt keine autonomen Maschinenzahlungen

Einbettung in Produktionsanlagen des Nutzers ohne Offenlegung von Produktionsgeheimnissen?

Smart Contract – Payment-Bridges

Abbildung der Leistungsbeziehungen zwischen Devices und / oder Nutzern über Smart Contracts

Anbindung des klassischen Zahlungsverkehrs über Trigger- oder Bridge-Lösungen

Abbildung komplexer Leistungsbeziehungen zwischen autonomen Devices

Regulatorische Einschränkungen an der Kunde-Bank-Schnittstelle (PSD2, DK / EBICS)

Krypto-Currencies

Verbindung von Devices oder Digital Twins mit Wallets zum Austausch von Werten über DLT-basierte Netzwerke

Eignung für Micropayments (insbesondere um Sub-Cent-Bereich) abhängig von der Art der Implementierung (Skalierbarkeit, Transaktionskosten und andere)

Volatilität und geringe Verbreitung der relevanten Krypto-Currencies (IOTA, Bitcoin Lightning etc.)


Stablecoins und CBDC

Wertetransfer über Stablecoins oder CBDC statt über Krypto-Currencies

Heute: Fehlende Verfügbarkeit entsprechender Angebote

Künftig: Von GAFAs emittierte Stablecoins (etwa Facebook / Diem)? CBDC? Tokenisiertes Buchgeld der Kreditwirtschaft?

Maschinen stoßen in Echtzeit Zahlungstransaktionen an

Ein entscheidender Faktor für die Weiterentwicklung von Geschäftsmodellen auf Basis der industriellen IoT ist die Möglichkeit, Maschinen rechtlich und technisch in die Lage zu versetzen, Payer oder Payee einer Zahlungsverkehrstransaktion zu sein und auch Kleinstbeträge in Echtzeit und ohne relevante Transaktionskosten zu transferieren.

Ein in diesem Zusammenhang immer wieder genanntes Lösungskonzept ist ein digitaler Euro, der nicht mehr auf klassischen Girokonten geführt wird, die in zentralen Kernbankensystem verwaltet werden, sondern in Wallets. Diese wickeln Transaktionen direkt, also Peer-to-peer, miteinander ab. 

Aus Sicht der Industrie dürfte dabei nicht entscheidend sein, ob dieses Digitaldeld im Sinne einer Central Bank Digital Currency, kurz CBDC, von der Zentralbank oder im Sinne eines Giralgeld-Tokens von Geschäftsbanken emittiert wird. Auch von Nichtbanken emittierte Stablecoins können, eine regulatorikgerechte Gestaltung vorausgesetzt, aus Sicht der Industrie ein geeignetes Zahlungsinstrument für M2M-Payments sein. Für die Frage, welche Form der digitalen Währung sich letztlich durchsetzen wird, werden Geschwindigkeit und Kompatibilität zu den unterschiedlichen Distributed-Ledger-Technologien (DLT) der Industrie ein entscheidender Faktor sein.

Regulatorik fordert Wallet-basiertes Zahlungssystem

Die Europäische Zentralbank hat bekanntlich noch nicht entschieden, ob sie die Vision eines digitalen Zentralbank-Gelds tatsächlich in die Tat umsetzen will. Ein CBDC könnte, je nach Ausgestaltung, erhebliche Auswirkungen auf das bestehende Geldsystem haben. Ein Wallet-basiertes Zahlungssystem steht zugleich vor regulatorischen Herausforderungen – etwa der Frage nach einer Zwei-Faktor-Authentifizierung nach der PSD2 in einem M2M-Payment-Szenario.

Zugleich steht mit Diem, der ursprünglich als Libra bekannten Initiative des Facebook-Konzerns, ein privatwirtschaftlicher Stablecoin in den Startlöchern. Diem selbst ist eher auf Use Cases im Consumer-Bereich als auf die Bedürfnisse der Industrie ausgerichtet. Sollte sich die Initiative aber durchsetzen, spricht einiges dafür, dass andere Bigtechs mit ähnlichen Konzepten auf den Markt drängen. 

In diesem Zusammenhang darf man nicht vergessen, dass sowohl Amazon als auch Microsoft ihre Cloudangebote AWS beziehungsweise Azure bereits um IoT-Plattformen erweitert haben. Die Hürde, solche Plattformen um Bezahlfunktionen anzureichern, ist denkbar klein. Entscheidend wird daher sein, ob und in welchem Tempo die Geschäftsbanken entsprechende Angebote auf den Markt bringen. 

Digitale Identitäten schaffen Rechtssicherheit

Neben einer digitalen Währung sind digitale Identitäten wesentlicher Baustein einer IoT-Zahlungsinfrastruktur. Natürliche und juristische Personen lassen sich über eindeutige Merkmale identifizieren. Die Überprüfung der Identität ist anhand von Registern und Ausweisdokumenten möglich. Physische Gegenstände wie Maschinen haben häufig keine eindeutige Identität. Dies ist aber Voraussetzung, um ihnen Zahlungen eindeutig zuzuordnen.

Da Maschinen über keine Rechtspersönlichkeit verfügen und dementsprechend auch nicht Inhaber von Forderungen oder Bankkonten sein können, bedarf es weiterhin einer rechtssicheren Verknüpfung der Maschine mit einer rechtsfähigen Person. All dies können entsprechend ausgestaltete digitale Identitäten leisten.

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