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Über dieses Buch

Der Band bietet Beiträge über Grundlagen der aktuellen Konsumtheorie und Konsumforschung, die sich fast gänzlich aus ursprünglich unorthodoxen Ansätzen gegen die traditionelle mikro- und makroökonomische Theorie entwickelt haben. Die Anregungen kamen vor allem aus der Sozialökonomischen Verhaltensforschung und der Ökologischen Ökonomik. Aber die Rezeption ist sehr lückenhaft und die Historie ist weitgehend vergessen. Mit Bezug auf Arbeiten früherer Autoren werden neue Argumente in die aktuelle Diskussion um Entgrenzungen und Paradoxien im Konsum und der nach wie vor eng verstandenen Verbraucherrolle geboten. Es geht sowohl um Nachbesserungen in der Schärfung des Verständnisses von Konsum und Konsumenten in ihren Lebenswelten als auch um Hinweise auf die Fruchtbarkeit für die Analyse offener Fragen. Es geht um Argumente für eine paradigmatische Neuausrichtung der Verbraucherforschung und -politik. Die Beiträge thematisieren insbesondere Ambivalenzen, Optionen und Zukunftsmodi im Konsum bei der Suche nach individueller Zufriedenheit und ökologischer Nachhaltigkeit.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einführung: Verbrauchertheorie heute ist ohne eigensinnige und unorthodoxe Vordenker undenkbar

Zusammenfassung
In den Beiträgen zu diesem Band werden Autoren in Erinnerung gebracht, die eigensinnige und unorthodoxe Wissenschaftler in ihrem Bereich waren, also nicht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen ihrer Fachgemeinschaft gearbeitet haben. Thorstein Bunde Veblen mit seinem berühmten Buch The Theory of the Leisure Class ist ein Beispiel für die herausragende Bedeutung wissenschaftlicher Abweichler in der Entwicklung der Verbrauchertheorie. Die hier ausgewählten Autoren haben durch ihre Abgrenzung des Gegenstandsbereichs und Zugangsweise zum Erkenntnisobjekt, durch Ablehnung von Axiomen bzw. Teilen des Aussagensystems sowie von Begründungen und Methoden der Erkenntnisgewinnung alternative, insbesondere Disziplinen überschreitende Ansätze gewählt und damit Beiträge zu einer Kritischen Verbrauchertheorie, wie sie mit dieser Schriftenreihe angeregt wird, geleistet. Teilweise haben die Ansätze Aufmerksamkeit, Anerkennung und sogar Eingang in die Verbrauchertheorie gefunden, sodass deren Fruchtbarkeit nicht mehr nachgewiesen werden muss, aber eben dadurch auch die Bedeutung unorthodoxer Vordenker belegt. Teilweise sind die Beiträge aber unbeachtet geblieben. Sie könnten sich noch als fruchtbar erweisen, wenn sie bekannt gemacht oder in Erinnerung gebracht werden. Mit diesem Band soll ein weiterer Anstoß für die Befassung mit der Theoriegeschichte des Fachs und des angrenzenden Fächerspektrums als eine Grundlage für die Entwicklung einer nicht zu eng angelegten Verbrauchertheorie gegeben werden, die richtungsweisend für eine entsprechende Verbraucherforschung, -politik und -bildung sein könnte.
Michael-Burkhard Piorkowsky

Auf der Suche nach individueller Zufriedenheit

Frontmatter

Bell, Campbell und die Seele des modernen Konsums

Zusammenfassung
Daniel Bell war einer der ersten Sozialwissenschaftler, der sich mit der hedonistisch-mentalen Dimension des modernen Konsums offensiv auseinandergesetzt hat, wenngleich äußert kritisch, ja ablehnend. Die Analyse wird zeigen, dass er damit einen neuralgischen Punkt getroffen hatte. Dies wurde in der nachfolgenden Konsum- und Konsumentenforschung auch bemerkt und anerkannt. Seine ablehnende Haltung färbte seinen Befund allerdings äußerst negativ-pessimistisch ein, was die Relevanz dieser Dimension für den modernen Konsum eher verunklarte. Aus diesem Grunde folgt im Anschluss eine dichte Exposition eines elf Jahre danach veröffentlichten Essays von Colin Campbell zum gleichen Gegenstand, wie man fast sagen kann, um aufzuzeigen, dass die hedonistisch-mentale Dimension modernen Konsums durchaus positiv, perspektivisch und vor allem werturteilsneutral betrachtet werden kann und damit den Blick freigibt auf das Moderne des modernen Konsums.
Kai-Uwe Hellmann

Von Märkten und Menschen: Tibor Scitovskys freudlose Wirtschaft

Zusammenfassung
Tibor Scitovsky hat Erkenntnisse der empirischen Verhaltenspsychologie in die traditionelle neoklassische Wirtschaftswissenschaft einbezogen und gezeigt, warum Wohlstandskonsum allein nicht glücklich machen kann. Vielmehr leiden Amerikaner unter einem Defizit an befriedigender Anregung, sodass ihnen viele anregende Erfahrungen nicht zugänglich sind. Dazu wäre das Erlernen von Konsumfähigkeiten erforderlich, die erst eine Zuwendung zu anspruchsvolleren Befriedigungsmitteln ermöglichen. Andernfalls verharrt man im Wohlgefühl sofortiger Bedürfnisbefriedigung durch banale und ihren Reiz rasch verlierende Konsumpraktiken. Buch und Autor fanden erst spät eine gewisse Anerkennung. Scitovskys Bedeutung ist in seiner Rolle als Vorbereiter der Behavioural Economics und in der Erklärungskraft seines Ansatzes für das Verständnis aktueller Fehlentwicklungen in der Zivilgesellschaft zu sehen. Trotzdem wurde er bis heute verkannt. Warum?
Günther Rosenberger

Albert O. Hirschman: Vordenker einer handlungsorientierten Konsumtheorie

Zusammenfassung
Albert O. Hirschman (1915–2012) führte ein Leben zwischen Abwanderung und Widerspruch: Er war Flüchtling und Fluchthelfer, Milizionär im Spanischen Bürgerkrieg und US-Soldat im Zweiten Weltkrieg, Student und Widerständler, Ökonom und Kritiker der ökonomischen Lehre. Als Wissenschaftler sah er sich in der Rolle eines Grenzüberschreiters bzw. -übertreters, was ihn in seiner eigenen Disziplin isolierte, aber zu einem Brückenbauer zwischen den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften werden ließ. Hirschman ging es nicht um eine Ökonomisierung der Sozialwissenschaften, sondern um eine Öffnung der Wirtschaftswissenschaft gegenüber sozialen Faktoren. In seiner bekanntesten Schrift führte er mit dem Widerspruch eine marktfremde Reaktionsweise von Konsumentinnen und Konsumenten auf den Leistungsabfall von Unternehmen als Alternative zur marktkonformen Abwanderung ein. Seine Bedeutung für eine kritische Konsumtheorie weist mit der Entwicklung einer Handlungstheorie jedoch darüber hinaus. Veränderungen im Wahlverhalten von Verbraucherinnen und Verbrauchern sah er nicht nur als launische Präferenzveränderung, vielmehr verstand er auch widersprüchliches Handeln als einen Ausdruck ihrer unterschiedlichen Wertorientierungen.
Christian Bala

Auf der Suche nach ökologischer Nachhaltigkeit

Frontmatter

Kenneth Ewart Boulding: Ökonomik und Ökologie

Zusammenfassung
Kenneth Ewart Boulding hat – beginnend in den frühen 1930er-Jahren – Ökonomie und Konsum gegen die herrschende Lehre in Teilen nahezu völlig neu gedacht. Seine kritischen Analysen und Beiträge zur Ökonomik sind noch heute aktuell und richtungsweisend für die Reflexion und weitere Entwicklung der Konsumtheorie, aber in der Fachgemeinschaft wird dies kaum wahrgenommen. Deshalb werden in diesem Beitrag ausgewählte Elemente der Bouldingnomics aus einer überschaubaren Zahl von Publikationen zu Wirtschaft, Konsum und Natur-Umwelt zusammengestellt und kommentiert. Dargelegt werden Bouldings Verständnis vom Wirtschaftsprozess: Konsum und Produktion, von Akteuren: Konsumenten und Firmen, von der Wirtschaft: Markt-Ökonomie und Nicht-Markt-Ökonomie, von der Basisorganisation: Privathaushalt sowie von alternativen Stilen des Wirtschaftens: Cowboy-Ökonomie versus Raumschiff-Ökonomie. Abschließend wird ein Resümee präsentiert, das die wichtigsten Erkenntnisse zusammenfasst und für ein Umdenken in der herkömmlichen Konsum- und Verbrauchertheorie werben soll.
Michael-Burkhard Piorkowsky

Nachhaltige Entwicklung ist die Alternative zum Kapitalismus – Erinnerungen an Gerhard Scherhorn

Zusammenfassung
Gerhard Scherhorn hat die naturphilosophische Kritik an der gesellschaftlich selbstverschuldeten Zerstörung der natürlichen Grundlagen der Lebensbedingungen auf der Erde, wie sie insbesondere Klaus Michael Meyer-Abich formuliert hat, in die ökonomische Analyse einbezogen und mit Gleichgesinnten in ethisch und ökologisch fundierte Evaluationen und Handlungsempfehlungen sowie in politische Kommunikationsstrategien umgesetzt. Als maßgeblich für die Fehlorientierungen im Wirtschaftsablauf sah er das übersteigerte Vertrauen in die Selbstregulierungskräfte einer freien Marktwirtschaft, die unterregulierte Nutzung der Naturgüter im Wirtschaftsprozess und die systeminhärente Tendenz zur Externalisierung der betrieblich verursachten Umweltkosten. So wurde der Wirtschaftswissenschaftler Gerhard Scherhorn vom Konsumforscher und Verbraucherpolitiker zu einem Vordenker und Vormacher für „Nachhaltiges Wirtschaften“ und „Neue Wohlstandsmodelle“.
Johannes Hoffmann, Gerhard Hofmann

Georg Simmel: Mode und Schönheit

Zusammenfassung
Ohne Berücksichtigung sozialer Milieus werden Erklärungen von Verbraucherverhalten unvollständig bleiben. Vor diesem Hintergrund blicken wir auf Leben und Werk eines Klassikers der Moderne: Georg Simmel. Aus seinem überbordenden Gesamtwerk wird in diesem Aufsatz vor allem seine Philosophie der Mode vorgestellt. Wir untersuchen, welche Anregungen heute, da „Fast Fashion“ merklich zu Umweltbelastung und Ressourcenverschwendung beiträgt, aus Simmels Essay zu schöpfen wären. Sein qualitatives Modell wird um quantitative Simulationsrechnungen ergänzt. Ableitbar ist, dass die Schönheit der Dinge dazu beitragen könnte, Modewellen zu verlangsamen und zu dämpfen. Der Begriff der Schönheit führt uns zu Simmels Beiträgen zur neukantianischen Ästhetik. Deren dialektischer Charakter lässt sie aber nur begrenzt tauglich scheinen, von der „Fast“ Fashion zu einer nachhaltigeren „Slow“ Fashion zu gelangen. Die Dialektik sozialer Systeme ist aus anderer Sicht aber durchaus auch zu begrüßen. Je schwächer die determinierenden Anteile im sozialen System, desto mehr Hoffnung verbleibt für die individuelle Freiheit, auch in einer Zukunft, die von der Thesaurierung sozialer Daten geprägt sein dürfte.
Rainer Hufnagel

Rückblick und Ausblick: „Verbrauchertheorie neu denken!“ Anregungen auf dem Gründungs-Workshop des Bamberger Kreises

Zusammenfassung
In dem Beitrag werden zunächst (1) ganz persönliche Fragen angesprochen. Es folgen (2) grundsätzliche Fragen an die Verbraucherforschung, insbesondere an die Theoriebildung, (3) ganz praktische Fragen an die Verbraucherarbeit und abschließend (4) Anregungen zu grundsätzlichen Ansatzpunkten für die Verbrauchertheorie.
Der Beitrag basiert auf der lediglich redaktionell bearbeiteten Unterlage zu dem Vortrag auf dem Gründungs-Workshop des Bamberger Kreises vom 10. bis 11. Juli 2013 (vgl. dazu Kap. 1 in diesem Band sowie Fridrich et al. 2014).
Karl Kollmann
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