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Über dieses Buch

Aus verschiedenen Perspektiven wird in dieser Festschrift zu Ehren von Prof. Dr. Dieter Urban das thematische Feld der Einstellung-Verhaltens-Forschung beleuchtet. Dies umfasst sowohl neuere theoretisch-analytische Zugänge als auch aktuelle methodisch-statistische Entwicklungen sowie methodologische Überlegungen zur Analyse von Einstellungen und sozialem Verhalten in der empirischen Sozialforschung.

Der Band unterteilt sich in die Bereiche Theorie, Methodik, Analysestrategien und Längsschnittanalysen in unterschiedlichen inhaltlichen Anwendungsfeldern und deckt damit eine große Bandbreite der sozialwissenschaftlichen Einstellungs-Verhaltens-Forschung ab.

Der Inhalt

Perspektiven zur empirisch-analytischen Soziologie • Theorien und Konzeptionen der Einstellungs- und Verhaltensforschung • Einstellungen und Verhalten in der Forschungspraxis: Erhebungsmethoden und Analyseverfahren • Längsschnittliche Analyseverfahren der Einstellungs- und Verhaltensforschung

Die Herausgeber

Dr. Jochen Mayerl ist Juniorprofessor am Fachbereich Sozialwissenschaften der TU Kaiserslautern.

Thomas Krause und Andreas Wahl sind Wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Stuttgart.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Perspektiven zur empirisch-analytischen Soziologie

Frontmatter

Max Weber rechnet

Zusammenfassung
Soziologen sind, nach der durchaus provokant gemeinten Bemerkung eines gemeinsamen Duisburger Kollegen, entweder „Rechner“ oder „Literaten“. Max Weber wäre nach dieser Unterscheidung der klassische und wichtigste der Literaten-Soziologen. Dem steht entgegen, dass er wiederholt das (eigenhändige) Rechnen zum ganz unverzichtbaren, konstitutiven Element der empirischen soziologischen Forschung erklärte und Statistiker vom Fach sehr hoch schätzte. Tatsächlich hat er selbst in verschiedenen Zusammenhängen sehr viele (nämlich zigtausend) statistische Berechnungen (“Rechenexempel“) durchgeführt. Sie waren offenbar allesamt von einfacher Art, und es ist deshalb unklar, wie weit die einschlägigen Kenntnisse und Fertigkeiten Webers gingen. Auch fand das Rechnen, vor allem in seiner Beziehung zum Verstehen, keinen Eingang in Webers methodologische Überlegungen.
Johannes Weiß

Der Weg vom Indiz über die Signifikanz und Repräsentativität hin zum Fakt?

Von der besonderen Verantwortung wissenschaftlichen Arbeitens im Kontext postfaktischer Diskussionskultur[sic!] am Beispiel der Forschung zu pädosexueller Viktimisierung und pädosexueller Delinquenz
Zusammenfassung
Das Papier erörtert anhand praktischer Bezüge zum Forschungsbereich der Entstehungsbedingungen pädosexueller Delinquenz ausgewählte Faktoren, die notwendige Bedingungen darstellen, damit aus wissenschaftlichen Indizien „belastbare“ Fakten abgeleitet werden können. Zentral geht es bei den Ausführungen um die Themenbereiche „Signifikanz“, „Repräsentativität“ und „Work in Progress“, bzgl. deren ein falsches Verständnis bzw. eine falsche Anwendung im Wissenschaftsalltag zu Fehlinterpretationen führen und dies Ursache für die Identifikation „falscher“ Fakten sein kann. Hilfestellungen, um typische Fehler zu vermeiden, werden ebenso erläutert. Zudem greift das Papier die im Zusammenhang mit den benannten Themen stehende, besondere Verantwortung von Wissenschaftlern aller „Erfahrungsstufen“ auf (von Studierenden bis hin zu Professoren), deren Bedeutung aufgrund der aktuellen Diskussion um alternative Fakten etc. nicht hoch genug bewertet werden kann.
Joachim Fiebig

Theorien und Konzeptionen der Einstellungs- und Verhaltensforschung

Frontmatter

Rational Choice oder Framing?

RCT und MFS als Ansätze zur Erklärung der Befunde aus den Experimenten zu „Cooperation and Punishment in the Contribution to Public Goods“ von Ernst Fehr und Simon Gächter
Zusammenfassung
Das Experiment von Fehr und Gächter von 1999 zu Effekten der Bestrafung auf die Bereitstellung von Kollektivgütern ist ein weithin beachteter Beitrag einer um soziale Motive erweiterten Rational Choice Theorie (RCT). Weite Teile nicht nur der Soziologie halten die Anwendung der RCT jedoch für unangemessen, auch weil damit der Einfluss von mit „Bedeutung“ versehenen Symbolen auf die Konstitution sozialer Prozesse nicht zu erfassen sei. Der Beitrag untersucht die Reichweite der um Motive der Reziprozität erweiterten RCT mit dem Modell der Frame-Selektion (MFS), das in seinem Kern Effekte der „Definition der Situation“ über Symbole enthält. Das Ergebnis ist, dass die meisten Befunde aus dem Experiment gut über beide Ansätze zu rekonstruieren sind, es aber an einer zentralen Stelle zu einem Widerspruch kommt. Bei einem unabhängigen empirischen Test bestätigen sich die Hypothesen des MFS. Der Befund bedeutet die Zurückweisung einer Kerndoktrin der RCT: Die Annahme, dass Vorgänge der „Definition der Situation“ nichts weiter seien als „cheap talk“ oder einfach durch eine nochmalige Erweiterung der RCT um Effekte des „Sinns“ von Symbolen aufzufangen wären.
Hartmut Esser

Can Attitude Theory Improve Rational Choice Theory or Vice Versa?

A Comparison and Integration of the Theory of Planned Behavior and Value-Expectancy Theory
Zusammenfassung
There are two theories that are widely used in the social sciences in different disciplines: one is the attitude theory by M. Fishbein and I. Ajzen, the other is rational choice theory (RCT). There is so far no detailed comparison of the theories that includes a proposal for integrating them. Such a comparison and integration is the goal of the present paper.
There are two versions of Fishbein and Ajzen’s attitude theory. This essay focuses on the theory of planned behavior (TPB) by Ajzen which is a more recent and improved version of the earlier theory of reasoned action. The version of RCT analyzed is value-expectancy theory (VET), sometimes also called expectancy-value theory or subjective expected utility theory. In a first step, the theories to be compared are exposed so that it is clear what is to be compared. In a next step, their differences and similarities are outlined and discussed (see the summary in Table 1). In particular, RCT does not contain intentions and attitudes, and does not explain preferences. In TPB, subjective utility maximization is not a explicit component of the theory. Finally, an integration of both theories is proposed (see the summary in Figure 2).
In the integrated model, it is suggested, among other things, to add intentions to RCT and to include hypotheses about the explanation of preferences and beliefs of TPB in RCT. A major difference between both theories is that TPB focuses on attitudes and not on goals, whereas VET assumes that behavior is goal-oriented. We add goals and a link between attitudes (and other variables) and goals. Another component of the new model is the claim that a condition for any behavior to be performed is the existence of actual behavioral control. Internalized norms that are omitted in TPB are included. The analysis indicates that TPB implicitly assumes utility maximization, which becomes part of the integrated theory.
Karl-Dieter Opp

Risiko-Governance

Ein neuer Ansatz zur Analyse und zum Management komplexer Risiken
Zusammenfassung
Das Konzept der Risiko Governance beschreibt einen integrativen Ansatz zum Umgang mit Risiken, insbesondere wenn diese als simpel, komplex, unsicher oder mehrdeutig beschrieben werden können. Das Konzept fügt zusammen was zuvor meist getrennt betrachtet wurde, insbesondere das Risiko Management, die Risikokommunikation sowie das Risiko Assessment. Nach einer Einführung in die Risikowahrnehmung und der Darstellung des Bedarfs eines integrativen Ansatzes der Risiko Governance wird der Ansatz selbst dargestellt. Dabei wird insbesondere auf die Phasen des Pre-Assessment, Risk Appraisal, Risk Evaluation and Characterization, Risk Management und Risikokommunikation eingegangen.
Piet Sellke, Ortwin Renn

Einstellung und Verhalten in der Forschungspraxis: Erhebungsmethoden

Frontmatter

Zur Messung von Handlungsabsichten im Kontext einer kriminologischen Panelstudie

Zusammenfassung
Ausgehend von der besonderen Datenbasis und des speziellen Analysefokus im Bereich der kriminalsoziologischen Forschung wird in diesem Beitrag der methodische und inhaltliche Rahmen für die Verwendung eines Vignetten-Designs zur Messung von Handlungsabsichten vorgestellt. Die Erfassung hypothetischer Reaktionen mithilfe einer alltagsnahen Situationsbeschreibung wird als sinnvolle Ergänzung zu den durch Selbstberichte erfassten Prävalenz- und Inzidenzangaben sowie den eher abstrakten gewaltbefürwortenden Einstellungen der Befragten aufgefasst. Mithilfe exemplarischer Zusammenhangsanalysen der Querschnittsdaten aus dem Jahr 2015 des DFG-Projektes Kriminalität in der modernen Stadt soll empirisch gezeigt werden, dass ein deutlicher Zusammenhang zwischen Handlung, intendierter Reaktion und den generellen Einstellungen zum Einsatz von Gewalt besteht.
Lena M. Verneuer, Jost Reinecke

Effekte der Skalenrichtung bei Agree/Disagree (A/D) und Item-spezifischem (IS) Frageformat

Zusammenfassung
Dieses Kapitel behandelt den Effekt der absteigenden (positiv-negativ) und der aufsteigenden (negativ-positiv) Richtung von Antwortskalen auf die Beantwortung von Fragen im Agree/Disagree (A/D) und im item-spezifischen (IS) Antwortformat. Während Fragen im A/D-Format eine einheitliche Dimension der Zustimmung erfassen und üblicherweise in Matrixform (grids) präsentiert werden, sprechen IS Fragen die interessierende inhaltliche Dimension direkt in der Frage-Antwortskala-Verknüpfung an. Anhand verschiedener (positiver und negativer) Frageinhalte wird die generelle Vermutung untersucht, dass Fragen im A/D-Format anfälliger für Effekte formaler Merkmale von Fragen sind als Fragen im IS-Format. Darüber hinaus werden für beide Antwortformate die Reliabilitätskoeffizienten von Konstrukten mit mehreren Indikatoren auf der Basis eines Gruppenvergleichs geschätzt. Die dem IS-Format zugeschriebene bessere Datenqualität, die sich u. a. in hohen Reliabilitätswerten äußern kann, wird durch die Ergebnisse dieser Studie nicht belegt. Außerdem geben die Ergebnisse einen Hinweis darauf, dass Antworten auf Fragen im IS-Format in ähnlicher Weise anfällig für Richtungseffekte von Antwortskalen sind wie Antworten auf Fragen im A/D-Format. Die Analysen basieren auf den Angaben von n=1.030 Befragten.
Dagmar Krebs, Jürgen H. P. Hoffmeyer-Zlotnik

Is the List Experiment Doing its Job?

Inconclusive Evidence!
Zusammenfassung
This paper sheds new light on the unobtrusive measure known as the list experiment or unmatched count technique. Proponents of this method claim that it detects social desirability bias in responses to sensitive questions in surveys. The logic of this method is quite straightforward. After a critical overview of the theory, logic, and empirical results of this type of measure, we present the results of a series of three studies. While the first study yielded promising results, the replication of the outcome pattern in Study 2 failed completely. The third study, based on longitudinal data, delivers indications for the systematic inconsistency of the claimed logic of the list experiment. First, significant mean differences between baseline and test condition occur even if the additional item is non-sensitive and has an agreement rate of about two percent in direct questioning. Second, test-retest reliability shows fluctuating results depending on the sensitivity and number of items included in the experiment. Implications for theory and practice in measuring social desirability by unobtrusive measures are discussed.
Stefanie Gosen, Peter Schmidt, Stefan Thörner, Jürgen Leibold

Soziale Netzwerke

Zur Nicht-Karriere eines sozialrelevanten Konstrukts
Zusammenfassung
Die Netzwerkanalyse hat sich in den Sozialwissenschaften etabliert. Zur komplexen Kleingruppenanalyse via Gesamtnetzwerke und für sozialökologische Quartiersstudien via egozentrierte Netzwerkstudien ist sie fester Teil der Forschung. Etwas zurückgeblieben sind die Anwendungen sozialer Netzwerke in Bevölkerungsumfragen. Dabei ist es ein sozialwissenschaftliches Ideal, soziale Umwelten des Individuums methodisch relativ einfach auch bei solchen Erhebungen zu erfassen. Dafür wurden innerhalb der egozentrierten Netzwerke gesondert Namensgeneratoren entwickelt. Damit lassen sich soziale Vernetzungen (heute ein großes Thema im digitalen Gewand) punktuell-peripherer Kontakte, soziale Netzwerke mit Kontakten für gesellige Unternehmungen und konkrete Hilfen sowie das Vertrauensnetzwerk sehr persönlicher bis intimer Beziehungen erfassen. Die empirische Sozialforschung hat inzwischen valide Erhebungsverfahren und neue, spezifische Auswertungstools verfügbar.
Ein neues Forschungsfeld erschließt sich durch die Kombination von Netzwerkerhebungen und Strukturgleichungsmodellen. Denn die sozialen Netzwerke sind latente Strukturen und wirken ebenso latent auf unsere Einstellungen, setzen Urteilsrahmen und soziale Urteilsanker (Meinungsführer).
Uwe Pfenning

Der totale Umfragefehler in soziokulturell heterogenen Populationen

Zusammenfassung
Der Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, was die zunehmende kulturelle Heterogenität der Gesellschaft für die Komponenten des totalen Umfragefehlers bedeutet. Im Fokus stehen dabei die Nichtstichprobenfehler. Der Beitrag setzt sich ein für eine maßgeschneiderte Analyse der Fehlerkomponenten in soziokulturell unterschiedlichen Gruppen. Ist die Heterogenität unbeobachtet, müssen die soziokulturellen Gruppierungen erst identifiziert werden, ehe die Konsequenzen für die Fehler analysiert werden können. Mit Hilfe von Mischverteilungsmodellen lassen sich insbesondere die Konsequenzen für die Struktur von Mesmodellen und die Bedeutung der zu messenden Konstrukte in unbekannten Gruppierungen untersuchen.
Frank Faulbaum

Einstellung und Verhalten in der Forschungspraxis: Analyseverfahren

Frontmatter

Environmental Concern: A Global Perspective

Zusammenfassung
Measurement and early exploration of the determinants of environmental concern was pioneered by Dieter Urban. Here, we focus primarily on the relation between the wealth of nations and environmental concern. Based on survey data environmental sociologists assert that citizens in poor countries exhibit a larger degree of environmental concern than citizens in wealthy countries. However, a detailed analysis points to an interaction effect with different dimensions of environmental concern. While there is evidence for a negative correlation between per capita GNP and environmental awareness of local ecological problems, environmental concern with global problems is positively correlated with nations‘ wealth. Environmental concern is important for legitimizing institutions but has only a modest effect on individual behavior. Institutional regulations such as the implementation of an ecological tax regime or emission certificates could change behavior by discouraging environmentally harmful consumption and rewarding ecologically friendly behavior. However, institutions will not be effective without acceptance by citizens and, at least in democratic societies, change in laws and institutions requires the political will of the voters. In this regard, citizens’ environmental concern plays a central role in determining environmental behavior.
Andreas Diekmann, Axel Franzen

Der Einfluss emotionaler Botschaften auf die Einstellungen zum politischen Führungspersonal

Ergebnisse einer experimentellen Studie
Zusammenfassung
Der Beitrag knüpft an mehrere in den Vereinigten Staaten durchgeführte Studien an, die den Nachweis führten, dass Politiker durch emotionale Appelle ihre Unterstützung durch die Öffentlichkeit beeinflussen können. Auf der Grundlage von Experimentaldaten untersucht er die Wirkung der von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem früheren Oppositionsführer Gregor Gysi in Talkshows bzw. Nachrichtensendungen gezeigten positiven und negativen Emotionen auf die Bewertung ihrer Persönlichkeit (Sympathie, Vertrauen) und ihrer Leistungen (Führungsstärke, Kompetenz).
Wie die Theorie der emotionalen Ansteckung („emotional contagion“) annimmt, reagiert das Publik auf positive emotionale Signale Merkels und Gysis mit einer besseren Bewertung ihrer Persönlichkeitseigenschaften. Das Zeigen negativer Emotionen in TV-Auftritten entfaltet bei Merkel und Gysi eine unterschiedliche Wirkung. Es schwächt das Ansehen Merkels, fördert aber die Zustimmung zu Gysi. Im Gegensatz dazu haben emotionale Botschaften keinen klar erkennbaren Einfluss auf die Einstellungen zu den Leistungen der beiden Spitzenpolitiker.
Während sich die Wirkungen positiver Emotionsäußerungen auf die Bewertung der Persönlichkeit Merkels und Gysis nur in ihrem Ausmaß, aber nicht in ihrer Wirkung voneinander unterscheiden, spielen negative Emotionen eine gegensätzliche Rolle für das Image beider Politiker. Diese Differenz lässt sich in erster Linie auf die unterschiedlichen Rollenerwartungen zurückführen, die sich auf die Regierungschefin und den Oppositionsführer richten. Von der Kanzlerin wird erwartet, dass sie für ihre Politik wirbt sowie Zuversicht und Optimismus verbreitet. Dies macht den Einsatz positiver Emotionen erforderlich und begrenzt zugleich den Rückgriff auf negative Emotionen. Die dem Oppositionsführer zugewiesene Rolle richtet sich stärker auf das Vortragen von Kritik und das Anprangern von Missständen, wobei Ärger und Empörung zum Einsatz gelangen.
Die Ergebnisse des Experiments lassen keine klare Aussage darüber zu, ob Emotionen automatisch ihre Wirkungen entfalten oder ob diese Wirkung im Rahmen einer bewussten Verarbeitung emotionaler Botschaften zustande kommt.
Oscar W. Gabriel

Wünsche an Demokratie: Politische Einstellungen, Entscheidungsthema und Demokratiepräferenzen von Bürgern

Zusammenfassung
Die Diskussion um alternative Beteiligungsmöglichkeiten jenseits von Wahlen expandiert in politischer Wissenschaft und Praxis. Alternative Beteiligungsmöglichkeiten werden u. a. mit dem Ziel angeboten, „Malaisen“ der Demokratie, wie z. B. sinkende Wahlbeteiligungen, politische Unzufriedenheit, politische Ungleichheit und dem Vertrauensverlust in politische Institutionen und Akteure, entgegenzuwirken. Doch wie viel „Alternative“ für die zeitgenössische repräsentative Demokratie wünschen sich die Bürgerinnen und Bürger überhaupt? Wie sollen aus ihrer Sicht politische Entscheidungen herbeigeführt werden? Und unter welchen Umständen wollen sie mehr Möglichkeiten der Beteiligung? Bürgerinnen und Bürger haben ganz unterschiedliche Visionen von „ihrer“ Demokratie, je nachdem in welchem Kontext sie sich bewegen. In diesem Beitrag argumentieren wir daher, dass es keine „Pauschalpräferenz“ für die optimale Demokratie gibt, sondern dass sowohl unterschiedliche Themen wie unterschiedliche Einstellungen der Bürgerinnen und Bürger zur Demokratie den Ausschlag für unterschiedliche Demokratiemodelle geben. Anhand eines Online-Conjoint-Experiments aus dem Jahr 2016 zeigen wir, dass Präferenzen für demokratische Entscheidungsmodelle weitaus komplexer und ambivalenter sind als bisher dargestellt. Obwohl die repräsentative Demokratie weitaus weniger verpönt ist wie es die aktuelle Literatur um „mehr Beteiligung“ suggeriert, wünschen sich die Bürgerinnen und Bürger nicht pauschal mehr oder weniger politische Partizipation. Ihre Präferenzen unterscheiden sich neben unterschiedlichen politischen Einstellungen auch zwischen Themen mit starker und weniger starker Betroffenheit, was eine neue Sichtweise auf die aktuelle Politikgestaltung wirft.
Saskia Goldberg, André Bächtiger

Stärkt höhere Wahlbeteiligung Parteien an den Rändern?

Eine Überprüfung von Second-Order-Wahlbeteiligungseffekten durch Simulation von Stimmanteilen unter höherer Wahlbeteiligung
Zusammenfassung
Niedrige Wahlbeteiligung und mögliche Unterschiede in den Parteipräferenzen zwischen Wählern und Nichtwählern können sich auf die Stimmenanteile der Parteien bei den Wahlen zum Europäischen Parlament (EP) auswirken. Wir simulieren das kontrafaktische Wahlverhalten von Nichtwählern bei den EP-Wahlen 2009 und 2014, indem die Nichtwahl als fehlender Wert betrachtet und mittels multipler Imputation geschätzt wird. Die Ergebnisse zeigen, dass kleinere Parteien von einem Anstieg der Wahlbeteiligung auf das bei den nationalen Parlamentswahlen beobachtete Niveau profitieren würden. Für die Erwartung, dass linke Parteien von einer höheren Wahlbeteiligung profitieren würden finden sich keine Belege. Auch Argumente, nach denen ideologisch extreme oder regierungsverantwortliche Parteien von einer steigenden Wahlbeteiligung profitieren würden, werden von den Daten nicht gestützt. Parteien, die sich an euroskeptische Wähler wenden, könnten 2014 von einer höheren Wahlbeteiligung profitiert haben. Eine ähnliche Wirkung durch die Betonung euroskeptischer Positionen im Parteiprogramm findet sich jedoch nicht. Unser Vergleich der EP-Wahlen 2009 und 2014 legt nahe, dass der Kontext der Wahl das Ausmaß bestimmt, in welchem eine niedrige Wahlbeteiligung das Parteiergebnis beeinflusst.
Patrick Bernhagen, Uwe Remer-Bollow

Längsschnittliche Analyseverfahren der Einstellungs- und Verhaltensforschung

Frontmatter

Probleme von Cross-Lagged Panelmodellen zur Analyse gegenseitiger Beeinflussung von Einstellung und Verhalten

Das Beispiel des Zusammenhangs von politischem Interesse und politischer Beteiligung mit den Daten des SOEP
Zusammenfassung
Cross-Lagged Panelmodelle (CLP) werden in der Sozialforschung eingesetzt, um wechselseitige kausale Einflüsse zu untersuchen. In dem Beitrag wird gezeigt, dass die autoregressiven Effekte eines CLP nicht vor einer Konfundierung der wechselseitigen kausalen Effekte schützen, sondern diese im Gegenteil sogar auslösen können. Abhilfe verspricht ein CLP mit Random Intercepts (RI-CLP), wie es Hamaker et al. (2015) vorgeschlagen haben. Am Beispiel des wechselseitigen Effekts von politischem Interesse und politischer Beteiligung mit empirischen Daten aus dem SOEP wird deutlich, wie sehr sich die wechselseitigen Effekte in einem CLP mit vier Messzeitpunkten ändern können, wenn zusätzlich zwei latente Variablen als Random Intercepts spezifiziert werden. Im Beispiel werden die wechselseitigen kausalen Effekte des CLP nahezu vollständig durch die Kovarianz zwischen den zwei latenten Variablen ersetzt. Das RI-CLP ist daher eher als ein Latent State-Trait Modell zu interpretieren. Die Schätzung wechselseitiger kausaler Effekte ist dann aber nicht mehr möglich. Damit wird deutlich, wie wichtig eine sorgfältige Interpretation eines geschätzten Modells ist, um der Gefahr zu entgehen, Artefakte eines statistischen Modells als vermeintliche empirische Befunde zu interpretieren.
Steffen Kühnel, Anja Mays

Wachstumsverläufe von latenten Klassen in der Einstellungs- und Verhaltensforschung

Am Beispiel der sozialen Exklusion von Kindern und Jugendlichen in Deutschland
Zusammenfassung
Dieser Beitrag veranschaulicht am Beispiel der sozialen Exklusion von Kindern und Jugendlichen das Analyseverfahren der „Multiple Indicator Growth Mixture Models“ (MIGMMs). Diese, für Längsschnittdaten konzipierte, Analysemethode ermöglicht es latente Klassenentwicklungsverläufe, unter Kontrolle von Prädiktoren, explorativ zu identifizieren und darüber hinaus den Einfluss dieser Entwicklungsverläufe auf mögliche Folgen (distal outcomes) zu überprüfen. Die vorliegenden Resultate stehen teilweise im Widerspruch zu den, aus der Literatur in diesem Forschungsbereich stammenden Ergebnissen. Es hat sich gezeigt, dass die Entwicklungsverläufe der zwei identifizierten Klassen über die Zeit hinweg homogen bleiben und die üblicherweise vorgeschlagenen Risikofaktoren (Prädiktoren) keinen nennenswerten Einfluss auf die Klassenzugehörigkeit haben. Die Ergebnisse dieses Beitrags zeigen die Leistungsfähigkeit – aber auch Grenzen und mögliche Probleme – dieses dynamischen Ansatzes für die Einstellungsund Verhaltensforschung, welcher die Ergebnisse herkömmlicher Verfahren um zusätzliche Perspektiven bereichern kann.
Thomas Krause, Andreas Wahl, Marius Wuketich

Recent Developments in Structural Equation Modeling with Panel Data

Causal Analysis and Change over Time in Attitude Research
Zusammenfassung
This article outlines the various applications of longitudinal models using the structural equation modeling (SEM) framework. Two classical approaches of longitudinal analysis in SEM are the autoregressive cross-lagged models and the latent growth curve models. Hybrid longitudinal models in SEM attempt to combine the two strands of techniques. Recently, these hybrid models have been expanded upon to properly separate between- and within-effects. This article demonstrates the application of these models by empirically examining the relationship between environmental values and attitudes towards the so-called Energy Transition in Germany over time. We show that a variety of research questions can be examined using longitudinal models in SEM. The new developments in longitudinal models in SEM furthermore make it possible for researchers to more accurately test theories.
Jochen Mayerl, Henrik Andersen

Epilog

Frontmatter

Apocalypse Now?

Von Sorgen, Zumutungen und der Zukunft der Flucht
Zusammenfassung
Weltuntergänge sind nichts Neues. Ausnahmezustände gibt es in vielen Staaten schon seit langem, nicht erst in Frankreich seit den Anschlägen vom November 2015. Untergangsstimmungen werden auch von Krieg und Terror erzeugt. Dieser Beitrag macht sich auf eine Spurenlese der Machtspiele, die sich hinter Krieg und Terror abspielen, und stellt die Frage, ob dem Westen seine Werte zum Verhängnis würden und ob Krieg und Migration der Preis der Freiheit seien. Dass unsere Leitkultur auf der Probe gestellt wird, ist keine Frage. Nur wäre es eine gefährliche Illusion, zu glauben, man könnte sich heraushalten, die Grenzen dichtmachen und sich mit einer Das-Boot-ist-voll- oder Überfremdungsideologie beruhigen. Nur wenn globale Ziele in lokal erfolgreiche Strategien übersetzt werden, entstehen nachhaltige Zukunftsperspektiven. Es gilt, die Vielfalt der Lebensweisen kennenzulernen. Nur wenn wir mit den Unterschieden unserer eigenen Art umgehen können, werden wir sie auch schätzen. In der globalen Lebenswelt wird die Begegnung von Kulturen zum Alltag, Zumutungen müssen daher zumutbar sein, nicht nur für Minderheiten, wenn wir überleben wollen. Es geht nicht darum, ob wir es schaffen, sondern wie wir es schaffen, die „Apocalypse now“ zu verhindern.
Hermann Strasser
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