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09.09.2021 | Elektrifizierung | Im Fokus | Onlineartikel

Transformation zur E-Mobilität fordert Autozulieferer heraus

Autor:
Christiane Köllner
5 Min. Lesedauer

Automobilzulieferer befinden sich mitten in der Umstellung zur Elektromobilität. Doch die Transformation ist teuer und die Branche kämpft mit den Folgen der Corona-Krise. Gefordert wird mehr Unterstützung durch die Politik. 

Lockdowns, Lieferengpässe, Digitalisierung und Elektromobilität: Die Automobilzuliefererbranche steht vor großen Herausforderungen. Im vergangenen Jahr musste sie Umsatzrückgänge von 11 % hinnehmen, wie eine Studie von Strategy& ermittelt hat. Zwar blieb der deutsche Anteil am Weltmarkt konstant bei 26 %, Lieferanten aus Asien gewinnen aber deutlich Anteile hinzu. Als Folge der Umsatzrückgänge wegen der Corona-Krise ging laut Studie die Eigenkapitalquote bei den deutschen Zulieferern auf 21 % zurück – aufgezehrte Reserven, die für die umfassende Transformation des Zulieferergeschäfts dringend benötigt werden. 

Sparen ist aber schwerlich eine Option, wenn Geschäftsmodelle auf die elektrische Antriebstechnologie angepasst werden müssen. Denn die Branche befindet sich im wohl größten Umbruch ihrer Geschichte: weg vom fossilen Verbrennungsmotor, hin zu nachhaltigeren Antriebstechnologien. Das ist eine doppelte Herausforderung: Während das derzeitige Produkt- und Technologieportfolio noch stark vom Verbrennungsmotor geprägt ist, müssen die Unternehmen gleichzeitig hohe Investitionen unter angespannter Markt- und Margensituation in neue Technologien leisten. 

Empfehlung der Redaktion

01.04.2021 | Entwicklung | Ausgabe 5-6/2021

Produktstrategien für eine technische Transformation in der Automobilzulieferindustrie

Die Elektromobilität sorgt für eine Transformation in der Automobilindustrie - und das schneller als erwartet. Zulieferer, die Komponenten für Benzin- und Dieselaggregate produzieren, müssen schon heute auch innovative Lösungen für den Elektroantrieb und die Hochvoltbatterietechnologie liefern. Künftig sind nachhaltige Strategien für eine technische Transformation des Produktportfolios die besten Erfolgsaussichten. Dana Incorporated richtet daher sein vorhandenes Produktions- und Produkt-Know-how in klassischen Bereichen auf die Anforderungen der Elektromobilität aus.

Zulieferer setzen auf Elektromobilität

Die Richtung ist aber klar: Mehr als 80 % der Automobilzulieferer gehen davon aus, dass sich die Elektromobilität als Technologiestandard durchsetzen wird, wie eine gemeinsame Studie von Deloitte und dem Verband der Automobilindustrie (VDA) herausgefunden hat. Die beiden Partner haben im Frühjahr 2021 eine Online-Befragung unter 83 Zulieferungsunternehmen für Autoteile und -zubehör durchgeführt und untersucht, wie es um die Transformation bei den deutschen Automobilzulieferern steht.

Ebenfalls mehr als 80 % der Befragten haben laut Umfrage angegeben, bereits mit der Umstellung auf Elektromobilität begonnen zu haben. Jedoch rechnen 88 % erst 2030 oder später mit einer vollständigen Ablösung des Verbrennungsmotors durch die Elektromobilität. Ein Teil der befragten Zulieferer nimmt an, dass Brennstoffzellen oder synthetische Kraftstoffe es ebenfalls noch zum (zusätzlichen) Standard schaffen könnten.

Kontrollierter Rückzug aus dem Verbrenner-Markt

"Wie das Investitionsverhalten der Automobilzulieferer zeigt, gehen sie davon aus, dass der Absatz von Elektroautos weiterhin deutlich steigen wird", so Dr. Harald Proff, Partner und Leiter Automobilindustrie bei Deloitte Deutschland und Global. "Es zeigt sich zudem, dass die Unternehmen strategisch auf Augenmaß setzen. Ein Großteil verfolgt eine Harvest-Strategie, also einen kontrollierten, langsamen Rückzug aus dem Markt für Verbrennungstechnologien bei gleichzeitigem Aufbau des Geschäftsbereichs Elektromobilität. Radikalere Strategien wie beispielsweise einen frühzeitigen schnellen Markaustritt werden dagegen nur von einer Minderheit der Befragten gefahren."

Die befragten Automobilzulieferer investieren über 30 % ihrer Forschungs- und Entwicklungsausgaben in elektrische Antriebstechnik. Ihr Anteil am Gesamtumsatz fällt dagegen mit 15 % noch deutlich geringer aus. 85 % nutzen die Gewinne aus der traditionellen Verbrennertechnologie, um parallel Kompetenzen in der Elektromobilität aufzubauen. 

Druck von Seiten der OEM

Das ist auch unbedingt erforderlich, denn die Autohersteller machen bei der Transformation zur Elektromobilität Druck. So hat VW-Vertriebsvorstand Klaus Zellmer Ende Juni 2021 angekündigt, dass man in Europa "zwischen 2033 und 2035 aus dem Geschäft mit Verbrenner-Fahrzeugen" aussteigen werde. Mercedes-Benz Cars will bis 2039 eine komplett CO2-neutrale Pkw-Neuwagenflotte realisieren, bereits 2030 peilt das Unternehmen mehr als 50 % des Pkw-Absatzes mit Plug-in-Hybriden oder rein elektrischen Fahrzeugen an. Bei BMW soll im Jahr 2030 mindestens 50 % des weltweiten Absatzes aus vollelektrischen Fahrzeugen bestehen.

"Mit einer solch großen Dynamik, getrieben von den verschärften Klimazielen und Ankündigungen der Autohersteller zur zügigen Elektrifizierung der Flotte, haben vor allem im Mittelstand viele Zulieferunternehmen nicht gerechnet", so Thomas Schlick, Partner bei Roland Berger. Die Unternehmensberatung hat ebenfalls Zulieferer befragt, genauer Vorstände und Geschäftsführer aus der mittelständischen Automobilzulieferindustrie. Für fast 90 % der mittelständischen Zulieferer habe die Umstellung zu Elektromobilität spürbare Auswirkungen auf ihre Geschäftsmodelle. Für jeden zweiten Befragten erfolgt die Umstellung hin zu elektrischen Fahrzeugen schneller als erwartet.

Verlagerung großer Teile der Wertschöpfungskette

"Die überwiegende Mehrheit der Befragten ist sich einig: Die neue Wertschöpfungsstruktur bei batterieelektrischen Fahrzeugen wird für viele Zulieferer existenzbedrohend", so Schlick. "Denn während ein klassischer Antriebsstrang für einen Verbrenner rund 1.500 Einzelteile umfasst, sinkt die Zahl beim batterieelektrischen Antrieb auf nur etwa 250." Diese Veränderung der Systemarchitektur dürfte auch zur Verlagerung großer Teile der Wertschöpfungskette ins Ausland führen, befürchten die Befragten. In der Konsequenz dürfte eine weitere Konsolidierung, verbunden mit dem mittel- und langfristigen Ausscheiden einzelner Marktteilnehmer, vor allem im Segment Antriebsstrang unausweichlich sein.

Doch die Zulieferer bereiten sich vor. Wie eine Transformation hin zur Brennstoffzellen- und Elektroantriebstechnologie gelingen kann, zeigt zum Beispiel Dana im Artikel Produktstrategien für eine technische Transformation in der Automobilzulieferindustrie aus der MTZ 5-6-2021 auf. Und wie sich Ideenmanagement wirksam gegen vermeidbare Kosten einsetzen lässt, erklärt der Zulieferer Hirschvogel im Kapitel Das Ideenmanagement in Zeiten des Wandels am Beispiel eines Automobil-Zulieferers des Buchs Ideen erfolgreich managen

Beim Umbau des Geschäftsmodells sollten, so rät die Roland-Berger-Studie, mittelständische Unternehmen ihre zukünftige Rolle in der Wertschöpfungskette kritisch hinterfragen. Dies gelte insbesondere, da die Systemebene im Fahrzeug zukünftig noch stärker von den OEMs und den großen Tier-1 Zulieferern besetzt werden wird. Eine (Re-)Positionierung als (Tier-2) Spezialist oder Partnerschaften bei R&D-Aktivitäten könnten hier die erforderliche Transformation im Mittelstand beschleunigen.

Mehr politische Unterstützung gewünscht

Nach den größten Barrieren für eine zügige Transformation gefragt, nennen die Unternehmen, die an der Deloitte-VDA-Studie teilgenommen haben, an erster Stelle einen Mangel an politischer Unterstützung und Planungssicherheit. Außerdem werden steigende Anforderungen an die Nachhaltigkeit, ein langsamer Ausbau der erneuerbaren Energien sowie der Fachkräftemangel genannt. 

Abschließend konnten die Automobilzulieferer angeben, welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen sie als besonders hilfreich erachten. Von der Politik wünschen sie sich vor allem niedrigere Steuern und Energiekosten, schließlich Bürokratieabbau, einen schnelleren Ausbau der Ladeinfrastruktur und eine stärkere Flexibilisierung des Arbeitsmarktes.  

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