Skip to main content
main-content

04.02.2020 | Elektrofahrzeuge | Im Fokus | Onlineartikel

Was vom E-Scooter-Trend übrig blieb

Autor:
Christiane Köllner
6 Min. Lesedauer

Seit vergangenem Sommer dürfen E-Scooter auf deutschen Straßen fahren. Sie sollen die Klima- und Mobilitätswende beschleunigen. Doch viele finden die Elektro-Tretroller nur nervig und gefährlich. Eine Bilanz. 

Braucht es die Dinger wirklich? Eine Frage, die in Bezug auf E-Scooter in den letzten Monaten häufig zu hören war. Für die einen sind sie ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz und ein Mittel zur Verkehrsentlastung, für die anderen sind sie vor allem ein lebensgefährliches Ärgernis. Seit Juni 2019 sind die elektrisch angetriebenen Tretroller in Deutschland zugelassen und können in vielen Städten von verschiedenen Anbietern per Smartphone ausgeliehen werden. Die in Deutschland am weitesten verbreiteten Verleiher sind Lime, Tier, Circ, Uber Jump, Bird und Voi. 

Empfehlung der Redaktion

2020 | OriginalPaper | Buchkapitel

Stadt neu denken. Lebenswert. Nachhaltig. Resilient.

Die evolutionäre Entwicklung von Technologie hin zu mehr Digitalisierung führt zu einer Vernetzung von Produkten und Dienstleistungen. Im Kontext dieser Vernetzung entstehen disruptive Geschäftsmodelle für traditionelle Anbieter und Märkte.

Erst Euphorie, dann Ernüchterung

Alles begann zunächst verheißungsvoll: Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer pries die E-Roller vor der Einführung euphorisch an. Sie seien "eine echte zusätzliche Alternative zum Auto, ideal etwa für die letzte Meile von der U-, S-Bahn oder Bushaltestelle nach Hause oder zur Arbeit". Mit E-Scootern wolle man den "Weg für die Mobilität der Zukunft" ebnen und "gleichzeitig für Sicherheit auf unseren Straßen" sorgen. Von dieser anfänglichen Begeisterung ist nach über sechs Monaten seit der Zulassung nicht mehr viel übrig.

Stattdessen herrscht Ernüchterung. Eigentlich gedacht als flächensparende, emissionsarme Elektrokleinfahrzeuge, stoßen die E-Scooter in der Praxis "an Grenzen der Verwendbarkeit bei längeren Wegen, schlechtem Wetter, bei physischen Einschränkungen von Verkehrsteilnehmern und wegen der gegebenen Unfallgefahr", wie Springer-Autor Roland Stimpel im Kapitel Stadtverkehr zu Fuß – so einfach wie smart aus dem Buch Smart City – Made in Germany erläutert. 

Verglichen mit einer Bitkom-Umfrage von April 2019, bevor E-Scooter in Deutschland fahren durften, ist die Skepsis gegenüber den E-Rollern laut aktuellster Umfrage des Digitalverbands vom Oktober 2019 leicht gewachsen. Damals hatten nur 59 Prozent (jetzt 69 Prozent) mehr Unfälle erwartet und 41 Prozent (jetzt 45 Prozent) für ein Roller-Verbot plädiert. Dagegen sahen 56 Prozent (jetzt 49 Prozent) in den Fahrzeugen eine gute ÖPNV-Ergänzung und 50 Prozent (jetzt 42 Prozent) betonten die Bedeutung für den Klimaschutz. Vor allem jüngere Menschen und Touristen nutzen die E-Scooter. 

E-Scooter-Unfälle führen oft zu Kopfverletzungen

In ganz Deutschland dürften inzwischen einige zehntausend E-Tretroller unterwegs sein. Das führt oftmals nicht nur zu chaotischen Zuständen durch wild abgestellte oder herumliegende E-Roller auf Gehwegen. Eine Studie des ADAC belegt zudem, dass viele Fahrer Verkehrsregeln nicht beachten. Demnach verstießen ein Viertel von 4.000 beobachteten Nutzern gegen die Straßenverkehrsordnung. Auch kommt es dadurch immer wieder zu Unfällen. Besonders Großstädte haben seit Einführung der E-Scooter zahlreiche Unfälle zu verbuchen. 

Eine belastbare Statistik über E-Scooter-Unfälle in Deutschland gibt es zwar bislang noch nicht. Erst seit Jahresbeginn gibt es dazu eine eigene Kategorie. Jedoch haben einige Städte bereits erste Zahlen veröffentlicht. So hat die Polizei Köln seit E-Scooter-Zulassung bis zum 18. November 2019 104 Verkehrsunfälle mit 109 Verletzten unter Beteiligung von E-Scootern aufgenommen. 24 Menschen erlitten dabei schwere und 85 leichte Verletzungen. 89 dieser Verletzten waren Fahrer von E-Scootern. 88 Prozent dieser Unfälle verursachten die E-Scooter-Fahrer selbst. In Berlin, München und Hamburg ergibt sich ein ähnliches Bild. Hauptunfallursachen sind laut Berliner Polizei überwiegend Unachtsamkeit beim Fahren, unzulässige Gehwegbenutzung oder Trunkenheit im Straßenverkehr bei der Benutzung von E-Scootern.

Warnungen kommen auch von Ärzten, in konkretem Fall aus den USA: Das Risiko für Unfälle mit E-Scootern sei groß. Die Zahl der Verletzungen und Krankenhauseinweisungen nach Unfällen mit E-Scootern habe deutlich zugenommen, berichten US-Mediziner in der Fachpublikation "Jama Surgery". Besonders beunruhigend: Rund ein Drittel der Patienten erlitt ein Kopftrauma. Das sei eine doppelt so hohe Rate an Kopfverletzungen wie bei Fahrradfahrern in den USA. Zudem seien Brüche, Prellungen und Abschürfungen häufig gewesen. Auch der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, konstatierte im September 2019 gegenüber der "Neuen Osnabrücker Zeitung": "Aus unfallchirurgischer Sicht sind E-Tretroller eine Katastrophe."

Ökobilanz ernüchternd

Neben den Sicherheitsrisiken ist es auch mit der Ökobilanz der E-Scooter nicht weit her. Laut Umweltbundesamt (UBA) sind E-Scooter zurzeit kein Gewinn für die Umwelt. Der E-Scooter fährt zwar lokal emissionsfrei, doch vor allem bei der Herstellung des Fahrzeugs und des Akkus werden Emissionen produziert. Ebenso beim Einsammeln der E-Scooter über Nacht zum Aufladen und die anschließende Neuverteilung über das Geschäftsgebiet mit konventionell angetriebenen (Diesel-) Transportern. Um ihre Umweltbilanz zu verbessern und die Logistik zu verschlanken, wollen die Anbieter Circ und Tier zukünftig aber auf wechselbare Akkus setzen. Die Idee dahinter ist, dass die Akkus vor Ort von Mitarbeitern aufgeladen oder ersetzt werden, die ihre Route mit elektrischen Cargobikes oder E-Vans abfahren. 

Oftmals ersetzen E-Scooter auch den umweltfreundlicheren Fuß- und Radverkehr. In Hamburg sind beispielsweise seit Einführung der Miet-Elektro-Tretroller weniger Stadträder ausgeliehen worden, wie aus der Senatsantwort auf eine Kleine Anfrage der Linken-Abgeordneten Heike Sudmann hervorgeht. Nur die Wenigsten ersetzen mit dem geliehenen E-Scooter eine Auto- oder Taxifahrt.

Zumindest beim Abstellen der Scooter zeigt sich, dass ihre Nutzer – zumindest tagsüber – umsichtiger sind als ihr Ruf: Laut ADAC-Feldbeobachtung wurden über alle Städte hinweg nur knapp drei Prozent der Roller tatsächlich so abgestellt, dass sie jemanden behindern würden. Für Blinde und sehbehinderte Menschen stellen die abgestellten Scooter dennoch ein großes Problem dar.

Das Geschäft läuft

Trotz all der Kritik scheint das Geschäft mit den Rollern aber zu laufen. Zumindest ist Bewegung in den europäischen E-Tretroller-Markt gekommen. So hat der kalifornische E-Tretroller-Anbieter Bird jüngst bekannt gegeben, den Berliner Rivalen Circ zu übernehmen. Bird erhofft sich von dem Kauf offenbar, näher an den US-Rivalen Lime heranzurücken, der den europäischen Markt anführen soll. Daneben erhöht Bird seine Series-D-Finanzierungsrunde auf 350 Millionen US-Dollar. Kurz vor Jahresende verkündete der Scooter-Verleiher Lime, dass das Unternehmen mit dem Verleihen von Scootern in Deuschland "in seinem Kerngeschäft" keine Verluste mehr mache. Im Herbst hatten die Konkurrenten Voi aus Schweden und Tier aus Berlin laut Medienberichten größere Finanzierungsrunden erfolgreich abschließen können. Voi sammelte 85 Millionen Dollar, Tier 60 Millionen Dollar ein.

Das Bundesverkehrsministerium will vorerst keine Zwischenbilanz ziehen. Die Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung werde von der Bundesanstalt für Straßenwesen (Bast) über einen Zeitraum von drei Jahren wissenschaftlich begleitet und evaluiert, heißt es laut Medienberichten. Mit einem ersten Zwischenbericht zur Verkehrssicherheit sei erst bis Ende 2020 zu rechnen. Jetzt schon bilanziert hat hingegen der 58. Deutsche Verkehrsgerichtstag in Goslar und strengere Regeln für E-Scooter angemahnt. Unter den Forderungen der Verkehrsexperten finden sich Blinker für Elektro-Kleinstfahrzeuge, eine verbindliche Ausrüstung für die Fahrer, der Ausbau der Infrastruktur, bessere Aufklärung der Nutzer über die Rechtslage sowie eine konsequentere Strafverfolgung bei Verstößen. Die Experten plädieren zudem dafür, dass E-Scooter-Fahrer eine Art kleinen Führerschein benötigen.

Weiterführende Themen

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

Das könnte Sie auch interessieren

17.09.2019 | Mobilitätskonzepte | Fragen + Antworten | Onlineartikel

Was Sie über E-Scooter wissen müssen

02.10.2019 | Mikromobilität | Infografik | Onlineartikel

E-Scooter werden bislang nur mäßig angenommen

09.05.2019 | Mikromobilität | Infografik | Onlineartikel

An E-Scootern scheiden sich die Geister

Premium Partner

    Bildnachweise