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27.06.2019 | Elektromobilität | Interview | Onlineartikel

"Die Formel E wird nachhaltiger und noch emotionaler"

Autor:
Markus Schöttle

Ex-Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg, Mitbesitzer der IAV-Tochter TRE, hat auf der 10. chassis.tech plus über Herausforderungen in der Fahrdynamik gesprochen. Am Rande der ATZlive-Konferenz diskutierte er mit uns E-Mobilitätsthemen.

springerprofessional.de: Herr Rosberg, nach vielen Jahren im Motorsport, wie viel Rennfahrerblut steckt heute noch in Ihnen?

Rosberg: Mit der Formel 1 habe ich als Fahrer komplett abgeschlossen. Schnelligkeit und Sportsgeist stecke ich jetzt neben meiner Verantwortung bei TRE unter anderem als Initiator und Unterstützer in nachhaltige Projekte wie die Formel E und das Greentech Festival. Umsetzen und nicht nur diskutieren, das ist mein Ding. Geschwindigkeit ist auch dort gefragt, wo es um die möglichst schnelle und effektive Fahrwerksentwicklungen geht. Ich kenne das aus dem Rennsport, wo es ja nicht nur um den Kampf auf der Rennstrecke geht, sondern auch um die beste technische Lösung, zuweilen das Optimieren und das Abstimmen des Fahrzeugs über Nacht und die Teamarbeit während des Rennens. TRE ist ein hohes Entwicklungstempo gewohnt. Unser Denken "Out of the box" schätze ich sehr. Das spart nicht zuletzt auch Kosten. 

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Zukunftsaspekte des Fahrwerks

In diesem Kapitel werden die Zukunftstrends für die Fahrwerksysteme zusammengefasst. Der Schwerpunkt liegt dabei bei der Umweltverschmutzung durch Abgase, bei der Elektrifizierung (Hybrid- und E-Fahrzeuge), bei den Fahrerassistentsystemen, vorausschauenden und intelligenten Fahrwerken und beim autonomen Fahren. 

Ihr Unternehmensname TRE steht für Team Rosberg Engineering. Ergänzen Sie noch ein weiteres E für E-Mobilitätslösungen?

Für mich persönlich und für TRE sind die nachhaltigen Innovationen und die stetig wachsende Nachfrage in der Elektromobilität einerseits eine große Chance in unserer Geschäftsentwicklung, die wir fokussieren. Andererseits strahlt E-Mobilität meiner Ansicht nach eine Faszination aus, die immer mehr Menschen bewegt. 

Wie positionieren Sie sich als Fahrwerksentwickler in diesem Geschäftsfeld?

Wir sind europaweit führend in der speziellen Simulation von Fahrwerken. Die TRE GmbH arbeitet für viele namhafte Automobilhersteller und bringt ihre Erfahrungen aus dem Motorsport in Forschungs-, Vorserien- und Serienprojekte ein. Ein Beispiel für ein E-Mobilitätsprojekt ist das sogenannte Intelligent Corner Module von Schaeffler, ein kompaktes Radmodul mit elektrischem Radnabenantrieb. An dessen Entwicklung ist TRE beteiligt, für unser Team das bisher spannendste Projekt, an dem wir bisher mitgearbeitet haben. Wir gestalten die Mobilität der Zukunft mit. Die beschriebene Technikplattform, die im Schaeffler Mover zum Einsatz kommt, ist so flexibel ausgelegt, dass verschiedene Fahrzeugaufbauten vom Robo-Taxi bis zum autonomen Lieferfahrzeug flexibel umgesetzt werden können. Für mich geht in diesem Projekt ein kleiner Traum in Erfüllung.

Welcher Traum?

Ich bin es gewohnt, vorne mitzufahren und möglichst zu gewinnen. Mit der Mitarbeit an den genannten Antriebs- und Fahrwerkstechniken leistet TRE einen wichtigen und frühen Beitrag für die dringend notwendigen neuen Mobilitätsangebote in großen Städten und Metropolen, die rasant wachsen. Die Herausforderungen sind zurecht problembehaftet. Umso mehr begeistern mich dann wirklich nachhaltige technische Lösungen wie der Vierrad-Radnabenantrieb, der das Einparken im rechten Winkel möglich macht. Das Wenden auf der Stelle gefällt mir noch aus der F1-Zeit: So you can do a 360, that’s what I love to do. Nach dem Rennen ist vor dem nächsten Rennen. Ich denke, wir müssen das Fahrwerk neu denken, das ist für mich Innovation. 

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen in der Fahrwerksentwicklung? 

Automatisiertes Fahren, Fahrdynamik und Fahrwerk gehören zusammen. Die Seekrankheit ist derzeit eines der drängendsten Probleme, die wir für das zukünftige automatisierte Fahren lösen müssen. Schon heute wird es vielen Passagieren auf der Rücksitzbank schlecht. Das kenne ich allzu gut, wenn sich meine zwei Kinder über meinen Fahrstil beschweren. Beim späteren autonomen Fahren wollen wir nicht erleben, dass die Kaffeetasse überschwappt, wenn der People Mover zu abrupt lenkt. 

Wie lässt sich das beispielsweise lösen?

Unter anderem mit einem aktiven Chassis, das den Fahrer über Daten aus der Cloud darauf vorbereitet, welches Fahrmanöver ansteht. Das kann unser TRE-Team mit sehr komplexen Berechnungen simulieren. Wir stellen uns damit auf neue und notwendige Komfortlösungen ein. 

In der Formel E ist dann wieder Agilität gefragt? Kritiker äußern, dass man jahrzehntelang dafür an Leichtbaulösungen gearbeitet hat, und nun machen schwere Batterien alles zunichte.

Wir stellen uns in der Formel E neuen Herausforderungen. Ich kenne diese Art von Kritik. Sie blendet den technischen Fortschritt aus, an dem die gesamte Automobilbranche mit Hochdruck sehr erfolgreich arbeitet. Beispielsweise werden Akkus leistungsfähiger und leichter. In diesem Jahr fahren wir beispielsweise das gesamte Rennen mit einer Akkuladung, zuvor mussten wir zwei geladende Fahrzeuge bereitstellen. Mit der Formel E leisten wir einen wichtigen Beitrag, wir dokumentieren den technischen Fortschritt, machen ihn sichtbar und zeigen Perspektiven auf. E-Mobilität wird oftmals sehr rational diskutiert. Wir wecken die Emotionen. 

Die Emotionen werden etwas gedämpft. Der monotone und schrille Sound der Formel-E-Fahrzeuge nervt im Laufe des Rennens.

Das wird sich ändern. Wir arbeiten daran. 

Wie hoch schätzen Sie die Möglichkeiten des Technologietransfers von elektrisch angetriebenen Renn- in Serienfahrzeuge ein?

Sehr hoch und ungleich höher als von der Formel 1. Wir fördern das in der Formel E aktiv, unter anderem dadurch, dass mehr Wettbewerber gegeneinander antreten. Mit Daimler und Porsche gewinnen wir in diesem Jahr zwei weitere OEMs hinzu, und auch Privatteams haben eine Chance. 

Dennoch beschränken Sie den Wettbewerb, mit den sogenannten Einheitsbatterien.

Ein Kompromiss, den wir aus nachvollziehbaren und vernünftigen Gründen in Kauf nehmen. Wir verhindern damit ein ausuferndes Wettrüsten, das in diesem Fall Milliarden kosten würde. Wir fokussieren technischen Wettbewerb auf Innovationen in den Antrieben, also die E-Maschinen, die Leistungselektronik, das Energie- und Thermomanagement sowie intelligente Steuerungs- und Regelungstechnik. Die Formel E hat sich dem fairen und möglichst breit angelegten Wettbewerb verpflichtet. Ein Beispiel ist, dass sich die großen Hersteller verpflichten, ihren E-Motor an drei private Rennteams für eine fixe und faire Summe zur Verfügung zu stellen. Das ist eines der Geheimnisse der Formel E. Das unterstützt auch an dieser Stelle unsere Nachhaltigkeitsgedanken.

Die Nachhaltigkeit der E-Mobilität und der Formel E stellen Kritiker ebenfalls infrage. Der Strom für die Rennfahrzeuge wird noch konventionell über Generatoren erzeugt.

Auch das wird sich in Zukunft ändern. So, wie sich die E-Mobilität hin zu mehr Nachhaltigkeit und unter anderem dem vermehrten Einsatz von regenerativ erzeugtem Strom entwickeln muss, entwickeln wir die Formel E weiter. Die Kritik ist angebracht. Und wir nehmen sie ernst. Das goutieren übrigens unser Publikum sowie Institutionen und Unternehmen, die sich ebenfalls für umweltfreundlichere Projekte einsetzen: Auf dem Greentech Festival, das jüngst auf dem Gelände der Formel E auf dem Flughafen Berlin Tempelhof stattfand, bin ich als Mitbegründer verpflichtet. Und damit unter anderem auch dem diesjährigen Partnerland Norwegen in Vertretung des Kronprinzen Haakon. Es geht um weit mehr als nur um Elektromobilität. Auch dafür engagiere ich mich.

Herr Rosberg, vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.

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