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28.09.2021 | Elektromobilität | Im Fokus | Onlineartikel

Streit um die Kartenzahlung an Ladesäulen

Autor:
Patrick Schäfer
4 Min. Lesedauer

Der Bundesrat hat der Änderung der Ladesäulenverordnung zugestimmt. Die Bezahlung an öffentlichen Ladesäulen soll zukünftig auch mit Kredit- und Girokarten funktionieren. Wird das den Ausbau der Infrastruktur hemmen?

Ohne öffentliches Ladenetz ist ein Gelingen der Elektromobilität nicht vorstellbar. Denn nicht überall ist eine Lademöglichkeit am eigenen Zuhause vorhanden. Und selbst bei immer leistungsfähigeren Batterien müssen Elektroautos bei längeren Distanzen zwischengeladen werden. Doch da beginnt oft der Ärger für die Nutzer von Elektroautos. Bei der Infrastruktur stellt sich immer noch die Frage, wie das Aufladen an öffentlichen Säulen einfacher und praktischer gestaltet werden kann. "Das größte Problem der Elektromobilität aus Sicht der heutigen E-Fahrzeugfahrer ist das Bezahlen an öffentlichen Ladesäulen", schreibt Axel Sprenger im Buchkapitel "Kundenerwartungen an die Produkte und Dienstleistungen der Energiewirtschaft in der E-Mobilität". 

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Preisgestaltung und Abrechnung an der Ladesäule

Eine flächendeckende Versorgung mit Ladesäulen ist im Ausbauplan der öffentlich zugänglichen Ladeinfrastruktur nur zu erreichen, wenn die Ladesäulennutzer höhere Strompreise an der Ladesäule als für Haushaltsstrom akzeptieren. 

Der Bundesrat hat nun einer Änderung der Ladesäulenverordnung zugestimmt. Die novellierte "Verordnung über technische Mindestanforderungen an den sicheren und interoperablen Aufbau und Betrieb von öffentlich zugänglichen Ladepunkten für Elektromobile" sieht eine verbindliche Kartenakzeptanz an allen neuen E-Ladesäulen ab 1. Juli 2023 vor. Das würde den Kunden entgegenkommen, denn das ermöglicht ein bequemes und sicheres Begleichen der Stromrechnung ohne eine Anmeldung, ohne spezielle Karten oder den Download von Apps. Die Länder müssen jedoch noch entscheiden, ob sie das Interesse der Verbraucher an einfachen und gängigen Bezahloptionen berücksichtigen, indem Kartenzahlung mit Debit- und Kreditkarten an den Ladesäulen integriert wird.

Die derzeitige komplizierte Vielfalt an Lösungen mit geschlossenen und kundenunfreundlichen Spezialsystemen stellt ein Hemmnis zur Erschließung des Massenmarktes dar. "Nur punktuell errichtete öffentliche Ladeinfrastruktur sowie heterogene Zugangs- und Abrechnungssysteme führen zu hoher Unsicherheit bei potenziellen Elektromobilitätskunden" heißt es beispielsweise im Buchkapitel Dienstleistungsorientierte Geschäftsmodelle für die Elektromobilität. Denn fast 80 % der zukünftigen Elektroauto-Fahrer wünschen sich eine einfache Kartenzahlung an der E-Ladesäule. Das ist das Ergebnis einer online-repräsentativen Umfrage von Infas quo im Auftrag der Initiative Deutsche Zahlungssysteme unter 1.058 Autobesitzern (Stand: 15.09.2021). Bisherige Bezahlsysteme kommen in der Umfrage schlecht weg: Nur 8 % der zukünftigen E-Autofahrer finden das Begleichen der Rechnung mit der RFID-Karte oder Lade-App mit vorheriger Anmeldung und Abrechnung per Rechnung eines Stromanbieters attraktiv.

Heterogene Bezahlsysteme bedrohen Ladeinfrastruktur

Festzuhalten bleibt: Bislang gibt es kein einheitliches System zur Bezahlung an Ladesäulen. Und die Betreiber von Ladestationen fürchten die hohen Kosten bei der Öffnung der Bezahlung mit Kreditkarte: In der Studie "Ad-hoc-Laden und spontanes Bezahlen: Wie sich punktuelles Aufladen umsetzen lässt" hat der Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e.V. (VDE) geeignete Bezahlverfahren untersucht. Sie kommt zum Ergebnis, dass viele Bezahlsysteme für die Betreiber von Ladetankstellen sich als unrentabel darstellen. Potenzielle Interessenten könnten angesichts zu geringer Einnahmen vor dem Bau zurückschrecken. Das sieht auch Dr. Antje Becker-Boley, Rechtsanwältin der Wirtschaftskanzlei CMS Deutschland so: "Die Kosten für die Betreiber der Ladeinfrastruktur sind erheblich – es müssen neue Systeme entwickelt werden, die den mess- und eichrechtlichen Vorgaben entsprechen, die Terminals kosten einiges und müssen zusätzlich unterhalten werden". Sie befürchtet, dass die Änderung der Ladesäulenverordnung zu einer weiteren Verlangsamung beim Ausbau der Infrastruktur führt. 

"Kurze" Ladezeiten bringen zu wenig Gewinn

"Während das Betanken eines Autos mit Verbrennungsmotor an einer Zapfsäule selten mehr als eine Minute dauert und der Bezahlbetrag meist über 20 Euro liegt, sind die Verhältnisse an einer Ladesäule für Elektroautos deutlich ungünstiger", erklärt Dr. Wolfgang Klebsch, Experte für Elektromobilität im VDE und Autor der oben genannten Studie. Den Berechnungen zufolge würde das Aufladen an einem 11‐kW-Ladepunkt beispielsweise, je nach Ladezustand der Batterie, ein bis zwei Stunden dauern. Für den Betreiber der Ladesäule käme damit ein Betrag zwischen fünf und zehn Euro heraus – ein zu geringe Marge, so Klebsch. Die Studie untersuchte Geschäftsmodelle für die klassische Ladeinfrastruktur (LIS)-Betreiber (Stromversorger, Stadtwerke, Roaming‐Provider), für LIS‐Quereinsteiger (Autobahnraststätten, Tankstellen, Parkhäuser) und für Händler und Dienstleister von Mehrwertdiensten (Supermärkte, Baumärkte, Hotels, Restaurants).

Gerade Online‐Bezahlverfahren, so ein Ergebnis der Studie, seien aufgrund der zu erwartenden geringen Beträge besonders teuer. Der Verband rät deshalb zum Einsatz von Prepaid-Bezahlfunktionen, da hier die Gebühren deutlich geringer ausfallen. Andererseits könnte die fehlende Flexibilität einer Prepaid-Karte für den Elektroauto-Fahrer ein weiteres Hemmnis für die Elektromobilität insgesamt bedeuten. 

Die Technik muss einfacher zu nutzen sein, dem E-Mobilisten sozusagen in Fleisch und Blut übergehen und ihm eine nutzerorientierte, sichere und sorgenfreie Mobilität ermöglichen" fordert Klaus Baumgärtner in seinem Kommentar "Den Nutzer aus den Augen verloren" in der ATZelektronik 2-2017.

In diesem Sinne ist es richtig, dass der VDE in Hinblick auf die Probleme mit Bezahlmöglichkeiten an Ladesäulen warnt: "Wir dürfen den Blick für das große Ganze nicht verlieren, Elektromobilität darf nicht an Kleinigkeiten scheitern!" Inzwischen unterstützt ein breites Bündnis aus kommunalen Spitzenverbänden, Verbrauchervertretern wie dem ADAC, der Deutschen Kreditwirtschaft, Ladesäulenherstellern und der Initiative Deutsche Zahlungssysteme die Wahlfreiheit und die Akzeptanz von möglichst vielen alternativen Bezahlverfahren an den E-Ladesäulen.

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