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25.09.2018 | Elektromobilität | Im Fokus | Onlineartikel

Neue Sicherheitsrisiken durch neue Mobilität?

Autor:
Patrick Schäfer

Der Stadtverkehr der Zukunft wird sich ändern: Shared Mobility sowie elektrische Kleinfahrzeuge aller Art werden stark zunehmen. Und damit auch das Risiko von Unfällen.

Shared Mobility, E-Bikes, E-Roller und andere kleine elektrische Fahrzeuge werden im urbanen Verkehr 2030 zunehmen und auf konventionelle Autos und Nutzfahrzeuge treffen. Ein Bericht der AXA legt nahe, dass die Verkehrssicherheit darunter leiden könnte. Entsprechende Weichenstellungen müssten jetzt erfolgen. Die Unfallforscher des Versicherungsunternehmens haben in mehreren Crashtests ein Risiko für die Verkehrssicherheit zukünftiger Elektromobile aufgezeigt. Die Unfallforscher raten dazu, sich auf den urbanen Mischverkehr vorzubereiten, denn sie befürchten steigende Unfallzahlen.

Risikofaktor ungeübte Carsharing-Nutzer

Shared Mobility ist schon jetzt ein globaler Trend. Doch es wird befürchtet, dass die stark wachsenden Zahlen beim Carsharing auch die Unfallwahrscheinlichkeit steigen lassen: "Die Kehrseite dieses Trends ist, dass bei nicht regelmäßiger Nutzung mit einem ausgeliehenen Auto oftmals die Routine fehlt, und man sich zulasten der Aufmerksamkeit für den Verkehr auf die Bedienung des Fahrzeugs konzentrieren muss", so Bettina Zahnd, Leiterin Unfallforschung & Prävention bei AXA Schweiz. Sie kann heute schon aus der Schadenstatistik ablesen, dass sich die Schäden im Bereich "Führen fremder Fahrzeuge" bei AXA Schweiz in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt haben. Im Crashtest der AXA erleidet ein E-Roller-Fahrer schwerste Verletzungen, als er auf einer Kreuzung mit einem Pkw kollidiert.

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Für Rodolfo Schöneburg, Vorsitzender VDI-FVT, ist das Thema Sicherheit eine Kopf- und Herzensangelegenheit zugleich. ATZextra sprach mit ihm darüber, welchen Maßnahmen zur Unfallvermeidung künftig die größte Bedeutung zukommt.


Als Gegenmaßnahme fordert die Unfallforscherin den verpflichtenden Einbau von Fahrerassistenzsystemen, um ungeübten Gelegenheitsfahrern die Fahraufgabe zu erleichtern. Damit werden die Fahrer beispielsweise beim Parken oder einer Notbremsung unterstützt. Davon würden die schwächeren Verkehrsteilnehmer im urbanen Raum profitieren.

Unfälle mit elektrifizierten Zweirädern

Für den Stadtverkehr der Zukunft lässt sich ein Anstieg von motorisierten Zweirädern prognostizieren. E-Roller, E-Bikes und Pedelecs werden immer beliebter. Für die elektrisch betriebenen Fahrräder gilt das schon heute. Immer mehr junge und auch alte Menschen fahren Zweiräder mit elektrischer Unterstützung. Dadurch entstehen Konflikte, da diese Räder deutlich schneller und leiser sind. Überholmanöver werden häufiger, allerdings ist in der City dafür oft kein Platz vorhanden. Daraus können Unfälle resultieren, meist mit schweren Folgen. Denn Radfahrer haben zumeist – wenn überhaupt – nur einen Helm auf. Im Crashtest der AXA wurde ein Frontalunfall eines 45 km/h schnellen Cargobikes mit einem Pkw simuliert – mit schweren bis tödlichen Folgen für den E-Bike-Fahrer. 2017 war jeder achte Verkehrstote und jeder fünfte Verletzte im Straßenverkehr ein Radfahrer. Die Zahl der getöteten Radfahrer ist dabei laut Statistischem Bundesamt im Vergleich zu 2010 nahezu konstant geblieben.

In der AXA-Studie wird als Lösung der Umbau der städtischen Infrastruktur vorgeschlagen. Mit baulichen Maßnahmen könnte der (Zwei-)Radverkehr in der Stadt sicherer werden. "Für die Stadt der Zukunft benötigen wir breitere und wo immer möglich separate Fahrstreifen, die das gegenseitige Überholen von Zweirädern mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten zulassen", meint Zahnd. Auch eine deutliche Trennung vom Pkw-Verkehr erachtet sie als sinnvoll. Doch wie wahrscheinlich ist der Umbau der Fahrspuren in Städten, die jahrzehntelang auf Autos ausgerichtet wurden? Das sehen andere Experten kritisch. Rodolfo Schöneburg etwa glaubt nicht an getrennte Verkehrswege in der Stadt:

Unsere oft über Jahrhunderte gewachsenen Städte lassen eine solche strikte Verkehrstrennung einfach nicht zu. Die nicht beeinflussbare Spontanität des individuellen Verkehrs wird uns daher aus meiner Sicht noch lange erhalten bleiben.“ sagt der Vorsitzender der VDI-Gesellschaft Fahrzeug- und Verkehrstechnik im Interview in der ATZextra

Connectivity macht Stadtverkehr sicherer

Eine Lösung soll in Zukunft die Vernetzung bieten. Statt baulicher Maßnahmen sollen die Fahrzeuge und auch die Infrastruktur intelligenter gemacht werden, indem sie untereinander kommunizieren und die Unfallvermeidung mit Assistenzsystemen weiter stärken können. Projekte wie @City adressieren das pilotierte Fahren im urbanen Bereich, um die Unfallzahlen in Städten zu senken.

Für den Lauf der Zeit ist auch ein Gewöhnungseffekt zu erwarten. Autofahrer und andere Verkehrsteilnehmer sowie die E-Bike-Fahrer selbst werden im Laufe der Zeit die Geschwindigkeiten besser einschätzen können. "Autofahrer müssen sich daran gewöhnen, dass Fahrrad nicht gleich Fahrrad ist", so Zahnd.

Sicherheitskonzepte für leichte E-Fahrzeuge

Es steht zu vermuten, dass in der Stadt von 2030 auch eine große Anzahl von batterieelektrischen Fahrzeugen der Klasse L7e genutzt wird. Sie ähneln zwar den Pkw der Klasse M1, sind allerdings als Leichtbaufahrzeuge unter 450 Kilogramm Gewicht ohne Energiespeicher und einer maximalen Dauerleistung von 15 Kilowatt in Bezug auf die Fahrzeugsicherheit kritisch zu betrachten: Die gesetzlichen Sicherheitsanforderungen für diese Klasse sind gering, denn nur ein Sicherheitsgurts, ein Warndreieck und ein Verbandskastens sind vorgeschrieben. Geht man von einem Mischverkehr mit konventionellen Fahrzeugen aus, bedeutet das im schlimmsten Fall, dass die Kollision mit einem schwereren Fahrzeug zu erheblichen Schäden führen kann. Das haben Crashtests mit L7-Fahrzeugen aufgezeigt. 

Der Forderung nach einer stabilen Fahrgastzelle bei kleinen und sehr leichten E-Fahrzeugen kommen beispielsweise die Forscher der DLR entgegen, die jüngst eine Leichtbaukarosse mit hoher passiver Sicherheit für ein E-Fahrzeug der L7e-Klasse vorgestellt haben. Aber auch bei den Citycars der neuen Generation wird der Unfallvermeidung mit Radar- und Kamera-Sensoren eine große Bedeutung zukommen.

Fortschritte bei Sensorik und Kamerasystemen können die Umfelderfassung verbessern und in Verbindung mit Sicherheitsassistenten viele Gefahren und Unfälle vorausschauend vermeiden helfen. "Die frühe Erkennbarkeit dieser Verkehrsteilnehmer ist definitiv ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg. Maßnahmen sind sowohl bei Pkw, Nfz als auch bei den ungeschützten Verkehrsteilnehmern selbst nötig", erklärt auch Schöneburg.

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