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28.05.2019 | Elektromobilität | Nachricht | Onlineartikel

Der Status quo der Elektromobilität in Taiwan enttäuscht

Autor:
Andreas Burkert

In Taiwan finden sich zahlreiche Unternehmen, die mit teils raffinierten Produkten die rein elektrische Mobilität vorantreiben. Doch im eigenen Land ist sie nie richtig angekommen, wie wir vor Ort festgestellt haben.

Das Taiwan External Trade Development-Council (Taitra) ist davon überzeugt, dass die heimische Industrie gerüstet ist für die Elektromobilität. Auf Wunsch der ATZ hat sie jene ansässige Unternehmen auf unsere Recherche vorbereitet, die aus Sicht der Taitra den größten Erfolg für die junge taiwanesische Elektromobilität versprechen. Doch an den vier Tagen im Mai dieses Jahres ist von einer Mobilitätswende nichts zu sehen. Der Verkehr in der Millionenmetropole Taipei ist wie immer eine Herausforderung und Elektrofahrzeuge sind eigentlich nicht wahrzunehmen. Die Elektromobilität ist in Taipei nie richtig angekommen.

Dabei war die Euphorie im Sommer 2012 überaus überschwänglich. Mit welchem Tempo die kleine Insel mit ihren knapp 23 Millionen Einwohnern die Elektromobilität vorantreiben wollte, daraus machte Jerry Wang seinerzeit keinen Hehl. "In drei Jahren wollen wir mehr als 60.000 elektrisch betriebene Autos auf unseren Straßen sehen", erzählte er uns damals im Gespräch. Jerry Wang ist Director des Intelligent Electrical Vehicles Promotion Office of Ministry of Economic Affairs und sah sein Land auf dem besten Weg in eine moderne Mobilität. Und koste es was es wolle, die taiwanesische Regierung wollte bis 2015 rund 300 Millionen US-Dollar in die privaten Forschungs- und Entwicklungsabteilungen des Landes investieren. Mehr als 75 Unternehmen sollten vom Geldsegen profitieren, um gleich nach China auch den europäischen Markt erobern zu können. Das war vor genau sieben Jahren.

Halbherzig informiert bis uninteressiert

Diese auserwählten Unternehmen sollten nach Wunsch der Geldgeber unter dem Dach des Taiwan Automotive Research Consortiums (Tarc) vier F&E-Allianzen bilden. Die führenden Köpfe Taiwans waren angehalten, mit Hochdruck an integrierten elektrischen Antrieben, Leichtbaukarosserien und an sicheren Lithium-Ionen-Batterien zu forschen. Ebenfalls im Fokus stehen Geschäftsmodellen, mit der sich die Industrie langfristig lukrative Einnahmen sichern will. Was haben die Investitionen nun bewirkt? Eine Antwort darauf bekommen wir von offizieller Seite nicht. Hinter vorgehaltener Hand teilt man uns mit, dass das Geld vor allem den großen Unternehmen zu Gute kam, manch innovatives Startup ging leer aus. Welche Pläne hat das Land nun? Sieben Jahre nach dem ersten Bekenntnis?

Auch dazu gibt uns Taitra keine zufriedenstellende Antwort. Nur so viel wird bekannt gegeben. Im Vergangenen Jahr waren etwas über 7.000 batterieelektrische Pkw und 86.000 E-Scooter zugelassen. Und die von uns aufgesuchten Unternehmen in Taipei präsentieren nur globale Kennziffern, wie sie von McKinsey und Co. bereits vor längerer Zeit veröffentlicht wurden und die sich auf den globalen Markt beziehen. Welches Potenzial der Taiwanesische Markt hat, dazu gibt es keine Auskunft. "Wie denn auf Basis fehlender Marktzahlen ein nachhaltiges Geschäftsmodell etabliert werden kann", fragen wir nach. "Wir glauben an den Markt", erzählt uns John Wang, Vorstandsvorsitzender der Noodoe Corporation.

Elektromobilität hatte in Taiwan bisher keine Chance

Auch Wang weiß, dass die Elektromobilität bisher in Taiwan nie eine Chance hatte. "Bis heute", fügt er eilig hinzu und zeigt sich überzeugt, dass "dieses Jahr das Jahr der Elektromobilität" sein wird. "Zumindest wird es in diesem Jahr losgehen." Es wäre ihm und seinen Mitarbeitern zu wünschen. Das Geschäftsmodell des Unternehmens klingt nämlich vielversprechend. Das Unternehmen stellt verschiedene Ladestationen  für speziell entwickelte EV-Ladegeräte für E-Scooter her, die über eine IT mit einer eigenen Cloud-Software das Abrechnen, das sammeln und Analysieren der Ladedaten ermöglicht. Im Fokus stehen dabei Einkaufszentren und Unternehmen die "ihre Parkplätze in profitable Umsatzträger umwandeln wollen".

Mit dem taiwanesischen Hersteller Kymco hat das Unternehmen zwar einen starken Partner an seiner Seite, der für seine Roller seit vergangenem Jahr die Noodoe App nutzt, um das vernetzte Cockpit mit persönlichen Informationen zu füttern und um die Navigation zu optimieren. Doch noch immer sind nur wenige E-Scooter zu beobachten, die durch Taipei fahren. Vielleicht muss sich erst die Idee des Kymco-Chefs Allen Ko durchsetzen. Der nämlich möchte ein flächendeckendes Netz von Stationen aufbauen, an denen man den Akku einfach und schnell tauschen kann. Den passenden Roller hat er bereits mit dem Many EV entwickeln lassen. Die Idee von dem Tauschen des Energiespeichers hat auch die Geschäftsführung von Asia Pacific Fuel Cell Technologies fasziniert. Die in Zhunan, eine etwa eine Autostunde von Taipei entfernte Küstenstadt, ansässige Firma stellt Brennstoffzellensysteme für Leichtfahrzeuge her, die mit einem Niedrigdrucktank (10 bar) für Wasserstoff bis zu 15 Kilowatt bereitstellen. Die Metallflaschen werden einfach in eine Vorrichtung gesteckt, die sich unterm Sitz befindet. Die Akzeptanz dafür muss allerdings erst noch in der Praxis bewiesen werden.

Entwicklung eines Extreme Fast Chargers

Mit einer hohen Zustimmung hingegen rechnet Mingyu Jiang für leistungsstarke elektrische Antriebe. Im Gespräch erklärt der Produktverantwortliche für Ladesysteme von Delta Electronics, mit welcher Strategie der weltgrößte Hersteller von Schaltnetzteilen und Gleichstromlüftern den Markt für Stromtankstellen und Ladeinfrastruktur erobern möchte. Etwa durch intelligente Systeme für Mikrogrids wie auch mit einer 400 Kilowatt starken Ultraschnellladesäule. In dem von der US-Regierung unterstützten dreijährigem Forschungsprojekt zur Entwicklung eines Extreme Fast Chargers (XFC) mit "solid-state transformer"-Technik wollen die Taiwanesen beweisen, dass es künftig möglich ist, Elektroautos in nur zehn Minuten auf 50 Prozent ihrer Reichweite zu laden.

Ebenso spannend ist die Entwicklung des kleinen Ingenieursdienstleister Xing Mobility, der inmitten der Millionenmetropole Taipei seine Räumlichkeiten hat, um dort mit einem eigenen batteriebetriebenen Sportwagen Tesla Konkurrenz machen will. Der Miss R, der von vier Elektromotoren angetrieben wird, soll es laut Unternehmen auf eine Gesamtleistung von 1000 Kilowatt bringen. Auch wenn die Fahrdynamikwerte des Zweisitzers beeindrucken -  in nur 1,8 Sekunden schafft es der Wagen von null auf 100 km/h – das Besondere am Fahrzeug ist die flüssigkeitsgekühlte Traktionsbatterie, die sich Lego-artig je nach benötigter Leistung stapeln lässt. Eine Fahrt mit dem etwa eine Millionen US-Dollar teuren Supersportwagens war allerdings nicht möglich. Die Ingenieure waren während unserer Recherche noch mit der Feinabstimmung beschäftigt.

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