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11.03.2016 | Emissionen | Nachricht | Onlineartikel

VW-Abgasaffäre: Manipulationssoftware nachträglich erweitert?

Autor:
Christiane Brünglinghaus

Volkswagen hat die Manipulationssoftware offenbar noch weiterentwickelt, als die US-Behörden den Autobauer bereits im Visier hatten. Das berichten NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung.

Volkswagen kommt in der Abgasaffäre nicht zur Ruhe: Offenbar waren die Manipulationen an Dieselmotoren im Volkswagen-Konzern umfangreicher als bislang bekannt. Nach Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung wurden Manipulationen noch vorgenommen, als die kalifornische Umweltbehörde CARB das Wolfsburger Unternehmen bereits seit Monaten wegen deutlich erhöhter Abgaswerte im Visier hatte.

Erweiterung der Software um die Erkennung des Lenkwinkels

VW-Entwickler hätten demnach anscheinend noch zum Jahreswechsel 2014/15 die illegale Abschaltvorrichtung unbemerkt von den US-Behörden durch ein Software-Update erweitert, teilt der NDR in einer Mitteilung vom Donnerstagabend, 10. Märt 2016, unter Berufung auf gemeinsame Recherchen mit WDR und Süddeutscher Zeitung mit. Die Motorsteuerung habe fortan noch klarer unterscheiden können, ob das Auto auf einem Prüfstand getestet wurde oder auf der Straße fuhr, berichtet der Rechercheverbund. Dafür sei in die Software eine Funktion aufgenommen worden, die die Bewegung des Lenkrads erkannte, somit zuverlässiger feststellte, wenn das Auto auf der Straße fuhr, und daraufhin die Abgasreinigung reduzierte.

Mehrere Informatikexperten hätten auf Bitten des NDR die Steuerungssoftware des untersuchten US-Passats vor und nach dem Update untersucht und seien zu dem Schluss gekommen, dass in der neuen Version das Merkmal der Lenkwinkelerkennung hinzufügt worden sei. "Im Rahmen des Updates wurde die Software so verfeinert, dass sie noch genauer erkennen kann, ob sie in einer Prüfsituation ist oder nicht", erklärt Thorsten Holz, Professor für Systemsicherheit an der Ruhr-Universität Bochum, dem Rechercheverbund. In der Betrugsfunktion "wurden nicht nur Daten ersetzt. Es wurde ganz bewusst ein weiterer Programmcode hinzugefügt", zitiert der NDR den Hamburger Hacker Felix Domke. "Das Auto wird nach dem Update nicht mehr fälschlicherweise im sauberen Prüfstandmodus fahren. Es wird häufiger im schmutzigen Straßenmodus fahren."

Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, sollen offenbar Kostengründe ausschlaggebend für die Software-Änderung gewesen seien: Da die frühere Version die Diesel-Fahrzeuge immer mal wieder in den "Prüfstand-Modus" versetzte und im Straßenverkehr die Abgasreinigung aktivierte, sei es zu einem höheren Verschleiß an Dieselpartikelfiltern gekommen, deren Austausch Volkswagen zu teuer gewesen sei. Als harmlosere Erklärung sei laut Bericht der Süddeutschen Zeitung denkbar, dass die Software-Erweiterung aufgrund der zunehmenden Zahl von Fahrzeugen mit Allradantrieb nötig gewesen sei.

Behörde intensivierte Prüfungen

Die kalifornische Umweltbehörde hatte Volkswagen im Frühsommer 2014 aufgefordert, im Straßenbetrieb gemessene, zu hohe Abgaswerte bei Dieselfahrzeugen zu erklären. VW hatte CARB daraufhin im Dezember 2014 einen freiwilligen Rückruf der betroffenen Fahrzeuge angeboten, um durch ein Softwareupdate den Ausstoß von Stickoxiden im Straßenbetrieb zu verringern. Ab Ende Dezember 2014 wurden die mehr als 500.000 betroffenen Fahrzeuge in die Werkstätten zurückgerufen. Bei 280.000 Autos sei nach Angaben von VW das Software-Update bis zum Frühjahr 2015 dann auch tatsächlich durchgeführt worden, berichtet der NDR.

CARB-Experten hatten bei den ab Mai 2015 vorgenommenen Folgeuntersuchungen zwar festgestellt, dass der Stickoxidausstoß im Straßenbetrieb durch andere Maßnahmen innerhalb des Softwareupdates verringert wurde. Da die Grenzwerte jedoch weiterhin um das Fünfzehnfache überschritten wurden, habe die Behörde ihre Prüfung intensiviert und nach eigenen Angaben entdeckt, dass sich in Abhängigkeit von Lenkradbewegung, Geschwindigkeit, Fahrdauer und Luftdruck das Ausmaß der Abgasreinigung veränderte und die Autos die Prüfsituation erkannten. Die Erweiterung der Software um die Erkennung des Lenkwinkels habe somit möglicherweise entscheidend dazu beigetragen, dass CARB die illegale Abschaltvorrichtung schließlich entdeckte, folgert der NDR.

Volkswagen will sich nicht im Detail äußern

Volkswagen wollte sich auf Nachfrage nicht im Detail äußern. Ein VW-Sprecher habe laut NDR lediglich mitgeteilt, "dass der gesamte Themenkomplex derzeit intensiv untersucht wird. Vor Abschluss der internen und externen, unabhängigen Untersuchungen können wir hierzu jedoch keine Auskunft geben." Aus Unternehmenskreisen heißt es, die Betrugssoftware sei tatsächlich auch nach der ursprünglichen Programmierung 2006 generell noch weiterentwickelt worden, wie der NDR erklärt. Dafür verantwortlich sei aber nur ein "kleiner Kreis" von Mitarbeitern, die ohne Wissen der Führungsebene von Volkswagen handelten.

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