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Published in: Standort 4/2021

Open Access 13-08-2021 | Angewandte Geographie

Abschied vom Wintersport? Herausforderungen und Perspektiven für hochalpine französische Wintersportstationen im Klimawandel

Author: Heidi Elisabeth Megerle

Published in: Standort | Issue 4/2021

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Die alpinen Wintersportdestinationen stehen vor vielfältigen Herausforderungen. Die Auswirkungen des Klimawandels sind hierbei ein wesentlicher Faktor. Anhand einer Fallstudie für Tignes und Val d’Isère werden die tiefgreifenden ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen sowie mögliche Perspektiven exemplarisch für die französischen Hochalpen dargestellt. Einem generellen Überblick zu den Auswirkungen des Klimawandels auf den alpinen Tourismus folgt eine kurze Darstellung der historischen Entwicklung der französischen Wintersportstationen. Anschließend werden aktuelle Herausforderungen und mögliche Zukunftsperspektiven diskutiert. Die Ausführungen basieren neben umfangreichen Literaturrecherchen auf eigenen empirischen Erhebungen seit 2006 (Kartierungen, Befragungen von Einheimischen sowie Tourist*innen sowie mehr als 25 Experteninterviews) (u. a. Megerle 2018), welche auf Erhebungen von Hannß (1974, 1979) aufbauen und hierdurch eine Entwicklung über mehrere Jahrzehnte aufzeigen können.

Grüne Hänge und Geisterstationen: Auswirkungen des Klimawandels auf den alpinen Tourismus

Der Klimawandel und seine Auswirkungen im Alpenraum sind vielfältig und komplex. Die Alpen sind innerhalb Europas eines der Gebiete mit der höchsten Vulnerabilität bezogen auf Klimawandelfolgen (EEA 2017, S. 13). Der Anstieg der Mitteltemperatur ist überdurchschnittlich; die Risiken durch Hochwasser, Muren- und Lawinenabgänge, Felsstürze und Extremwetterereignisse nehmen zu. Die Veränderung der Niederschläge und der Temperaturanstieg bedingen eine signifikante Abnahme der Schneesicherheit. Dies betrifft v. a. den Wintertourismus (Steiger et al. 2019). Eine wachsende Anzahl an kleineren französischen Skigebieten und Einzelliftanlagen mussten daher bereits ihre Angebote einschränken oder ganz aufgeben (Geisterstationen) (Simon 2021). In aktiven Skigebieten sind in hohem Umfang reaktive, technische Anpassungsstrategien zu beobachten, v. a. die Erzeugung von Kunstschnee, allerdings unter Inkaufnahme zahlreicher teilweise irreversibler Negativaspekte, wie einem sehr hohen Einsatz an Energie und Wasser, einer Veränderung der Vegetation und einer direkten Konkurrenzsituation mit der Trinkwasserversorgung.
Für den alpinen Sommertourismus bestehen gewisse Hoffnungen auf eine Renaissance der Sommerfrische, obwohl auch hier der Klimawandel durch zunehmende Naturgefahren wie Erdrutsche, Starkregen, Hochwasser und Hitzewellen sowie eine Veränderung des Landschaftsbilds negative Auswirkungen mit sich bringt (BMU 2007, S. 55). Nicht außer Acht gelassen werden sollte ferner, dass Tourismus seinerseits auch einen relevanten Beitrag zum Klimawandel leistet. Allein der Verkehrssektor erbringt 75 % des CO2-Ausstoßes einer Wintersportstation (Vouillon 2011, S. 89–90). Daher müssen neben Adaptations- auch Mitigationsmaßnahmen erfolgen.

Savoyer Alpen: Von der Krisenregion zum Weltmarktführer im Wintersport

Die Savoyer Alpen (Abb. 1) waren über viele Jahrhunderte von einer Subsistenzlandwirtschaft geprägt, die das Überleben der Bevölkerung kaum sichern konnte. Die Industrialisierung in den Agglomerationsräumen Frankreichs und Italiens sowie in den tiefer gelegenen Alpentälern führten über eine zu Beginn saisonale zu einer dauerhaften Abwanderung v. a. der jüngeren Bevölkerung. Anfang des 20. Jahrhunderts bestanden berechtigte Befürchtungen, dass die Hochgebirgsregionen nicht mehr als Siedlungsraum zu halten wären.
Die Erschließung für den Sommertourismus begann in der Mitte des 19. Jahrhunderts; Wintersport entwickelte sich sehr zögerlich Anfang des 20. Jahrhunderts und blieb bis nach dem Zweiten Weltkrieg dörflich geprägt. Ab Beginn der 1960er-Jahre wurde, im Unterschied zur föderalen BRD, der touristische Ausbau von Berg- und Küstenregionen in Frankreich zentralstaatlich geplant und gesteuert. Tourismus wurde hierbei gezielt als Wirtschaftsfaktor aufgebaut, um insbesondere periphere Regionen in Wert zu setzen und Bevölkerungsabwanderungen zu reduzieren. Im Rahmen des „plan neige“ (Schneeplan) wurden mit oft massiven Eingriffen in den Naturhaushalt autonome, ausschließlich auf den Wintersport ausgelegte Retortenstationen (Skifabriken) mit Betonhochbauten errichtet (Abb. 2). Auf eine komplementäre sommertouristische Nutzung wurde damals weitgehend verzichtet (Bonorand 1974, S. 124). Der „plan neige“ führte in weiten Bereichen Savoyens zu einem explosionsartigen Wachstum des Wintersporttourismus und der damit zusammenhängenden Infrastruktur, u. a. Verdreifachung des Gebäudebestands innerhalb von 50 Jahren sowie Erhöhung der Bettenzahl von weniger als 1000 im Jahr 1946 auf 430.000 im Jahr 1971 mit Planungen für einen Endausbau auf ca. 650.000 Betten in den 1980er-Jahren (Bonorand 1974, S. 68). Die Bevölkerungsabwanderung konnte gestoppt werden.
Auf diese Weise entstanden die größten Touristenorte des gesamten Alpenraums mit maximalen Kapazitäten bis zu 45.000 Betten. Bis 1985 wurden etwa 80 derartige Stationen gebaut, von denen sich 80 % in den französischen Nordalpen befinden (Bätzing 2015). Zeitgleich erfolgte ebenfalls in einem Top-down-Prozess die Ausweisung des bis heute stark umstrittenen Nationalparks Vanoise in unmittelbarer Nachbarschaft der Wintersportstationen (Mayer und Mose 2017). Dessen auffällig unregelmäßige Gebietskulisse soll auf die in voller Expansion befindlichen Skidestinationen zurückzuführen sein, um deren weiteren Ausbau zu begrenzen (Laslaz 2004, S. 119–121). Die Ausweisung des Nationalparks führte zur Ambivalenz zweier völlig unterschiedlicher Entwicklungsperspektiven für dasselbe Territorium und im selben Zeitraum und wurde von den Gemeinden teilweise als erheblicher Eingriff in ihre Planungshoheit wahrgenommen (Cosson 2014).
Heute wird diese Phase des weißen Goldrausches als touristische Schwerindustrialisierung gesehen (Berthier 2013, S. 29), die eine Kunstlandschaft entstehen ließ (Laslaz 2004, S. 58). Die „von außen aufoktroyierten Stationen“ (Wich et al. 2013, S. 63) mit einem sehr hohen Anteil an Ferienwohnungen (in Val d’Isère fast 90 %), trugen weniger zur regionalen Wertschöpfung bei als erwartet, verursachen aber erhebliche Umweltprobleme. Seit den 1970er-Jahren erfolgt daher eine Rückbesinnung auf überschaubarere Strukturen, aber immer noch mit hohem Siedlungsflächenzuwachs verbunden (Abb. 3 und 4). Savoyen ist heute Weltmarktführer im Wintersport (Laslaz et al. 2015, S. 48). Die winterliche Monokultur trägt aktuell bis zu 90 % der lokalen Wertschöpfung sowie 50 % des BIP, 22 % der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten, 745.000 Gästebetten und über 23 Mio. Übernachtungen auf Ebene des Departements bei (Préfet de la Savoie 2021). Allein im Gebirgsmassiv Tarentaise (Abb. 1) konzentrieren sich 37 % des französischen Wintertourismus.

Neuorientierung oder volle Kraft voraus? Aktuelle Herausforderungen in der Vanoise

Die aktuellen Herausforderungen werden exemplarisch anhand der beiden Untersuchungsgemeinden Tignes und Val d’Isère sowie des Gebirgsmassivs Vanoise dargestellt.
Das mittelalterliche Dorf Tignes (Abb. 1) wurde 1952 durch die Flutung des Stausees Lac du Chevril zerstört. Mithilfe der Entschädigungszahlungen bauten einige der damaligen Einwohner*innen auf den früheren Almen in einer Höhenlage von über 2000 m eine Skiretortenstation auf (Abb. 2) (Hannß 1979). Ohne historischen Ortskern hat sich Tignes zu einer erlebnisorientierten Sportdestination mit einer dominierenden Winter-, aber auch einer vergleichsweise gut nachgefragten Sommersaison entwickelt.
Val d’Isère war die erste Wintersportdestination in der Tarentaise (Abb. 1). Die Schneesicherheit und die herausragenden Landschaftspotenziale führten zu einer rasanten Entwicklung des kleinen Dorfes zu einer weltweit bekannten hochpreisigen Premiumdestination (Hannß 1974). Die nahezu ausschließliche Konzentration auf Wintertourismus bei rückläufigen Sommerbesuchen bereitet der Station zunehmend Probleme.
Tignes und Val d’Isère weisen beide einen sehr hohen Anteil an teilweise überalterten Zweitwohnungen (über 80 % des Wohnungsbestands) auf (Megerle 2018). Der Wintertourismus dominiert deutlich. Weniger tourismusabhängige Wirtschaftssektoren (Landwirtschaft, Industrie und Gewerbe) sind nur in vernachlässigbar geringem Umfang vertreten. Die beiden Orte betreiben mit dem gemeinsamen Skigebiet Espace Killy eines der größten und höchstgelegenen Skigebiete Europas (Abb. 6).

Schneesicherheit und Wintersport in den französischen Alpen sowie speziell der Vanoise

Die französischen Alpen sind von den oben dargestellten Auswirkungen des Klimawandels stark betroffen. Von insgesamt ca. 300 französischen Wintersportstationen können nur noch 25 (davon 23 in den Nordalpen) Schneesicherheit gewährleisten (Bourdeau 2007, S. 23). Im Jahr 2020 werden für ganz Frankreich bereits 200 sogenannte Geisterstationen gelistet, davon allein 60 in Savoyen (Simon 2021) (Abb. 5). Speziell für die Vanoise wurde mit einer Erhöhung um 2 °C seit 1990 ein doppelt so hoher Temperaturanstieg registriert als im französischen Durchschnitt. Die Gletscherflächen sind hier seit 1850 um 61 % zurückgegangen (PNV 2016). Selbst für eine hochgelegene Station wie Val d’Isere wird bis 2080 ein Rückgang der Dauer der Schneebedeckung von bis zu 46 % in mittleren und bis zu 28 % in höheren Lagen mit einer entsprechenden Abnahme der Schneehöhe prognostiziert (Val d’Isère 2016, S. 214). Infolge dessen erhöht sich die Notwendigkeit technischer Anpassungsmaßnahmen (Abb. 6).
Seit 1985 hat die Anzahl der Schneeerzeuger in Frankreich um das Siebenfache zugenommen. Nahezu 60 % der französischen Skistationen sind inzwischen für die Kunstschneeerzeugung ausgestattet, wofür sie 20 % ihrer Investitionen aufwenden müssen (ca. 60 Mio. €) und im Durchschnitt 4000 m3 Wasser pro ha/Tag sowie 25.000 kWh Strom pro ha/Saison (Bachimon 2019, S. 5). In der Tarentaise werden inzwischen 30% der Pisten künstlich beschneit (SCoT 2017, S. 65), in der hoch gelegenen Station Val d’Isère sogar 40 % (Val d’Isère 2016, S. 55). Tignes investiert jährlich fast 700.000 € in Kunstschnee, obgleich die Station einen „natural snow reliability index“ von 88 % aufweist (Berard-Chenu et al. 2020). Für Tignes bedeutet dies u. a. ein kontinuierliches Schneemanagement, da der Gletscher der Grande Motte seit 1982 38 m an Dicke verloren hat (Interview Marketingdirektor Tignes 2017). Parallel hierzu wurde der Bau einer Indoor-Skianlage genehmigt, da ein weiterer Verlust von 30 % der für Alpinski nutzbaren Gletscherfläche prognostiziert wird (Bachimon 2019, S. 12).

Wiederbelebung der Sommerfrische?

Die Coronapandemie mit massiven Reisebeschränkungen, aber gleichzeitig gutem Wetter führte 2020 zu einer sehr guten Sommersaison in den französischen Alpen. Dies war aber ein Ausnahmejahr, denn ansonsten wurde in der Tarentaise zwischen 2006 und 2014 ein Rückgang der Sommertourist*innen um 12,5 % verzeichnet (SCoT 2017, S. 107). Auch erzielt der Sommertourismus nur einen Bruchteil der wintertouristischen Einnahmen, wodurch sich ökonomisch eine starke Bipolarität ergibt (Wich et al. 2013, S. 65). In Val d’Isère kommen lediglich 8,5 % der Gäste im Sommer (Val d’Isère 2016, S. 62). Dies wird u. a. bedingt durch ein teilweise negatives Image der in erster Linie für den Wintersport errichteten Stationen, deren in die Jahre gekommene Bausubstanz den heutigen postmodernen Ansprüchen der Gäste nicht mehr entspricht. Für Familien ist das Preis-Leistungs-Verhältnis oft nicht passend und es fehlen zielgruppengerechte Angebote (ausführlicher hierzu Megerle 2018). Alpine Sommeraktivitäten wie Bergwandern u. ä. werden zunehmend als „eher langweilig“ eingeschätzt (Bätzing 2017, S. 61), das Wetter als unsicher. Sommerskilauf auf den Gletschern kann selbst in Tignes und Val d’Isère nur noch eingeschränkt angeboten werden. Insgesamt haben die französischen Berggebiete innerhalb von 4 Jahren 6 Mio. Übernachtungen verloren, obgleich der Nationalpark Vanoise in den Sommermonaten zahlreiche Besucher*innen anzieht. Die Übernachtungszahlen gehen bei den jüngeren Altersgruppen v. a. in der Sommersaison zurück, während die Älteren sich eher vom aktuellen Wintersportangebot ausgeschlossen fühlen (SCoT 2017, S. 99 f.).
Im Gegensatz zu Val d’Isère hat sich Tignes in den letzten Jahren stärker als Sportdestination profiliert. Mit einem Wassersportzentrum, einem Mountainbikepark mit insgesamt 150 km Piste (teilweise im Espace Killy zusammen mit Val d’Isère) sowie neuen Sportarten wie Airbag, Gliss Speed und Water Jump spricht Tignes gezielt das jüngere, sportbegeisterte Publikum an. Bei der Buchung einer Unterkunft in Tignes ist das Sportangebot weitgehend inbegriffen (v. a. Nutzung der Lifte). Tignes konnte so seine touristischen Übernachtungen in der Sommersaison von 2015 auf 2016 um über 5 % steigern, während das benachbarte Val d’Isère einen Einbruch von über 7 % hinnehmen musste. Dennoch lag der Auslastungsgrad der Betten in der Sommersaison auch in Tignes nur bei maximal 24 % in den ersten Augustwochen (Tignes 2017), und die Sommersaison leistet lediglich einen Wertschöpfungsbeitrag von 10 % (Interview Marketingdirektor Tignes 2017; Abb. 6).

Abschied vom Wintersport oder volle Kraft voraus?

Aktuell befindet sich die Vanoise in einer sehr ambivalenten Situation. Einerseits beherbergt sie einige der global größten und ökonomisch erfolgreichsten Skigebiete, andererseits ergeben sich durch die wintertouristische Monokultur, zahlreiche interne Problemlagen, Veränderungen der touristischen Nachfragemuster und die Auswirkungen des Klimawandels erhebliche Herausforderungen, für welche keine einfachen Lösungen existieren. Die funktionalen Apartmentblöcke mit alternder Bausubstanz sind nicht mehr zeitgemäß (Abb. 2), eine Sanierung erweist sich jedoch aufgrund der zahlreichen externen Akteur*innen als schwierig. Dies führt zu einem weiteren Zuwachs an Siedlungsfläche (Abb. 3). Trotz der prognostizierten Auswirkungen des Klimawandels wird aktuell ein weiterer Ausbau der Skiinfrastruktur in Verbindung mit einer zunehmenden künstlichen Beschneiung forciert, in der Hoffnung, dass die hochgelegenen Stationen in den nächsten Jahren von der Schließung oder den Beschränkungen der tiefer gelegenen Stationen profitieren können. Parallel hierzu wird eine Attraktivierung der Sommersaison angestrebt, obgleich den meisten Akteur*innen bewusst ist, dass die relativ kurze, witterungsbedingt unsichere und ökonomisch weniger ertragreiche Sommersaison die dominierende Wintersaison nicht wird ausgleichen können. Zu verzeichnen ist bei einigen Akteur*innen ein Nichtwahrhabenwollen der aktuellen Situation und eine Verdrängung sehr wahrscheinlicher Zukunftsszenarien in Verbindung mit der Hoffnung der Entwicklung neuer Technologien, die das bisherige Gewinnmodell (Ausweitung des Skigebiets, Sicherung der Ressource Schnee und Entwicklung des Immobilienmarkts) auch weiterhin ermöglichen könnten. Hierbei spielt der Planungshorizont von maximal wenigen Jahrzehnten, der somit kürzer ist als viele der Prognosezeiträume, eine wichtige Rolle (Megerle 2018). Diese Haltung wird auch dadurch gestärkt, dass hoch gelegene Orte wie Tignes und Val d’Isère aktuell durch die Verlagerungen der Touristenströme in die höhergelegenen Stationen noch zu den Gewinnern zählen.
Im Regionalplan für das Gebirgsmassiv Tarentaise werden 2 verschiedene Zukunftsstrategien präsentiert (SCoT 2017, S. 416–420):
  • Szenario 1 „tout neige“ (sinngemäß alles auf Schnee) mit einem Fokus auf Wintersport, welches auf die diesbezüglichen Wettbewerbsvorteile der Tarentaise setzt und speziell für die Motoren der Entwicklung wie Tignes und Val d’Isère eine Stärkung und einen Ausbau vorsieht.
  • Szenario 2 Multitourismus, bei welchem sowohl Sommer- wie Winteraktivitäten einplant, ein Fokus auf die landschaftliche Attraktivität der Tarentaise gelegt wird und die Förderung gleichmäßiger verteilt wäre, indem auch Orte in Halbhöhenlage als Basis für landschaftsbezogenen Tourismus (naturnahe Tourismusformen wie Wandern etc.) gefördert werden.
Beide Szenarien gehen von einem deutlichen Zuwachs an Betten, Immobilien, Arbeitsplätzen (sowohl dauerhaft als auch saisonal) und Einwohner*innen aus. Da die Rentabilität eines Skiliftes ca. 20 Jahre beträgt, sind vernetzende und langfristige Maßnahmen bislang selten. Der Glaube an technische Lösungen ist immer noch weit verbreitet. Rein theoretisch existieren in den Hochlagen der Tarentaise noch relativ große für den Alpinski geeignete Flächen. Allerdings befindet sich ein Großteil innerhalb des Nationalparks Vanoise (Abb. 1), was seit Jahrzehnten eine hitzige Diskussion zwischen touristischer Erschließung und Naturschutz befeuert (Mayer und Mose 2017; Megerle 2018).

Ausblick

In den französischen Alpen fehlen aktuell allseits akzeptierte Konzepte für die zukünftige Raumentwicklung, welche die äußert heterogenen Ansprüche an die begrenzte Ressource Raum unter Berücksichtigung aktueller Megatrends, wie z. B. demografischer Wandel, veränderte Nachfragemuster etc. und externer Einflüsse wie den Auswirkungen des Klimawandels in Übereinstimmung bringen könnten.
Pauschale Aussagen zur Zukunft des Wintertourismus sind zwar nicht möglich, letztendlich werden sich mittelfristig dennoch nur wenige größere und konkurrenzstarke Stationen durchsetzen können. Ob Tignes und Val d’Isère dazugehören, hängt auch davon ab, ob die oben genannten Herausforderungen gemeistert werden können.
Weiterer Forschungsbedarf besteht generell in Bezug auf eventuelle „neue Wintergäste“, die keinen klassischen Schneesport betreiben. Welche Destinationen, Urlaubsangebote und -produkte könnten für sie attraktiv sein und wie hoch ist ihre „Schneesensitivität“? Klimawandel muss nicht zwangsläufig das völlige Ende des schneebasierten Wintertourismus bedeuten, denn rein technisch wird es Skilauf auch noch Ende des 21. Jahrhunderts geben und somit Gewinner und Verlierer dieser Entwicklung (Steiger et al. 2021, S. 118–119). Langfristig werden wir uns die Alpen jedoch irgendwann weitgehend ohne schneebasierten Wintertourismus vorstellen müssen mit allen positiven und negativen Effekten für Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft.
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Metadata
Title
Abschied vom Wintersport? Herausforderungen und Perspektiven für hochalpine französische Wintersportstationen im Klimawandel
Author
Heidi Elisabeth Megerle
Publication date
13-08-2021
Publisher
Springer Berlin Heidelberg
Published in
Standort / Issue 4/2021
Print ISSN: 0174-3635
Electronic ISSN: 1432-220X
DOI
https://doi.org/10.1007/s00548-021-00731-9

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