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26-06-2020 | Aktiengesetz | Nachricht | Article

Kreditkartenkonzerne prüfen Wirecard-Geschäftsbeziehung

Authors:
Swantje Francke, Angelika Breinich-Schilly
3 min reading time

Bei Wirecard überschlagen sich die Nachrichten: Der Bilanzskandal, dubiose Aktienverkäufe des Ex-Chefs und ein massiver Kurssturz haben zum Insolvenzantrag geführt. Nun ziehen sich Geschäftspartner zurück.

Dem Payment-Dienstleister Wirecard bricht nun offenbar eine wichtige geschäftliche Grundlage weg: Die ARD berichtet aktuell, dass die Kreditkartenanbieter Visa und Mastercard ihre Geschäftsbeziehungen zu dem Skandal-Unternehmen prüfen. Sie erwägen, dem deutschen Finanzdienstleister die Möglichkeit zu entziehen, Zahlungen über ihre Netzwerke zu leiten. Eine mit der Sache vertraute Person habe gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg gesagt, dass einige Wirecard-Kunden bereits kontaktiert worden seien, um sie auf diese Möglichkeit vorzubereiten.

Kurssturz und Insolvenzantrag

Am Vortag hatte sich das Unternehmen entschieden, wegen Überschuldung und drohender Zahlungsunfähigkeit einen Insolvenzantrag einzureichen. "Der Vorstand der Wirecard AG hat heute entschieden, für die Wirecard AG beim zuständigen Amtsgericht München einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens wegen drohender Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung zu stellen", teilte das Unternehmen am Donnerstag mit. Ob auch Insolvenzanträge für Tochtergesellschaften gestellt werden müssen, werde geprüft. 

Zuvor war der Aktienkurs nach Berichten über dubiose Aktienverkäufe des Wirecard-Gründers Markus Braun regelrecht abgestürzt und verlor auch im Tagesverlauf weiter an Boden. Medien hatten berichtet, dass der frühere Wirecard-Chef nach dem Bekanntwerden einer möglichen Bilanzfälschung in der vergangenen Woche seine Beteiligung an dem Zahlungsdienstleister deutlich zurückgefahren hatte. Laut einer veröffentlichten Stimmrechtsmitteilung habe er zum vergangenen Freitag seinen Anteil von 8,04 auf 2,62 Prozent reduziert, schrieb unter anderem die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Bis dato galt er als größter Einzelaktionär des Zahlungsdienstleisters. 

Bafin prüft Rechtmäßigkeit der Aktienverkäufe Brauns

Wie der Nachrichtensender "n.tv" berichtete, seien die Transaktionen laut Wirecard "aufgrund von Margin Calls" erfolgt. Hierbei werden in der Regel Kapitalmarktgeschäfte mit Bankkrediten finanziert, für die der Investor eine Sicherheit in Form einer Eigenleistung hinterlegt, die im Verlustfall das Risiko für die Bank minimiert. Üblicherweise werden in den Kreditbedingungen Nachschusspflichten vereinbart, wenn der Aktienkurs deutlich nachgibt. Die Fristen, in denen der Anleger dann leisten muss, sind meist sehr kurz. 

"Im Fall von Braun könnte es sein, dass der Gegenwert von Sicherheiten für einen persönlichen Kredit durch den Kursabsturz der Wirecard-Aktie so stark gefallen ist, dass er oder die Bank offenbar verkaufen musste", sagte Nord/LB-Analyst Wolfgang Donie gegenüber dem Sender. Ob diese Transaktionen gesetzeskonform seien, müsse geprüft werden. Die Aktienverkäufe stehen laut einer Behördensprecherin daher bereits im Fokus der Finanzaufsicht Bafin.

Hinweise auf umfassenden Betrug

Losgetreten wurde die Entwicklung durch Ungereimtheiten im Jahresbericht für das Geschäftsjahr 2019, die vergangene Woche bekannt geworden waren. Laut den Wirtschaftsprüfern von EY (Ernst & Young) fehlten ausreichende Prüfungsnachweise für rund ein Viertel der Konzernbilanzsumme, die sich auf knapp zwei Milliarden Euro belaufen. "Es gibt deutliche Hinweise, dass es sich um einen umfassenden Betrug handelt, an dem mehrere Parteien rund um die Welt und in verschiedenen Institutionen mit gezielter Täuschungsabsicht beteiligt waren", erklärte das Unternehmen.

Laut einer Mitteilung des Bezahldienstleisters hatte der Vorstand von Wirecard eingestanden, dass die Bankguthaben auf Treuhandkonten bei zwei Banken auf den Philippinen in Höhe von insgesamt mehr als 1,9 Milliarden Euro mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erst gar nicht bestünden. Diese hatte Wirecard im Jahresbericht jedoch als Aktivposten ausgewiesen. 

Mögliche Musterklage durch Anlegerschützer

Aufgrund der aktuellen Entwicklungen dürfte das Image des einstigen Vorzeige-Fintechs auf lange Sicht schwer beschädigt sein und sich der Fall zu einem der größten Wirtschaftsskandale in Deutschland entwickeln. Beim Anlegerschutzverband DSW wird derzeit sogar die Einreichung einer Musterklage wegen Betrugs geprüft.

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