Der Beitrag geht von der Beobachtung aus, dass Josef Frank in der Literatur häufig ex negativo charakterisiert wird, als „nicht ordentlich, gegen Design, anti-formalistisch, aber auch nicht dogmatisch“. Offensichtlich wird Josef Frank als „anders“ verstanden, was nicht zuletzt daran liegt, dass Frank v. a. im Gegensatz zum dt. Werkbund und dem Bauhaus ein anderes Verständnis dessen hat, was „modern“ ist. Dabei ist dieses Verständnis gerade nicht, wie von Bauhäuslern und Vertretern des Werkbundes behauptet, nur ein vages oder ein konservatives und inkonsequentes. Im Gegenteil: Frank hat zum einen eine klare Haltung zur Architektur und eine entsprechende Theorie – eine sehr eigenständige noch dazu, die sich dadurch auszeichnet, dass sie sich bewusst der Aufstellung eines „Systems“ verweigert, und die dadurch bedingte Offenheit konsequent verwirklicht. Zum anderen hat Frank ein Architekturverständnis, das mitnichten konservativ oder altbacken ist, sondern im Gegensatz zu zeitgenössischen Einschätzungen als besonders modern, vielleicht sogar als post-modern avant la lettre anzusehen ist. Dies zeigt sich insbesondere, wenn Frank bestimmte Bauformen, auf denen die Modernen beharren, als Symbole „entlarvt“ und wenn er generell die „Systemhörigkeit“ ablehnt. Franks Haltung stellt mithin also keine Nicht-Haltung dar, sondern ist als Weiterentwicklung zentraler Ideen der Moderne zu verstehen. Dafür wiederum ist nicht zuletzt Franks Verbindung zum philosophischen Denken seiner Zeit ein wichtiger Einfluss, wobei man hier spezifischer eine österreichische wissenschaftliche ›Kultur der Ungewissheit‹ nennen muss, die sich gegen die Aufstellung von Systemen richtet.