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16-04-2020 | Bankenaufsicht | Interview | Article

"Regelungen sollen Finanzinstitute operativ entlasten"

Author:
Barbara Bocks
4:30 min reading time
Interviewee:
Ingo Schäl

leitet bei Sopra Steria den Bereich Risk & Regulatory Banking. Seit mehr als 20 Jahren berät er Banken, Finanzdienstleister und regulierte Institute in den Themen Gesamtbanksteuerung, Risikomanagement, Meldewesen, Regulatorik und IT Governance.

Auch ohne Corona-Pandemie hadern deutsche Geldhäuser bereits mit der Umsetzung zahlreicher Regulierungsmaßnahmen. Die weltweite Gesundheitskrise verschärft die Lage der Institute zusätzlich. Die Aufsicht hat daher einige Deadlines verschoben. Welche das sind, verrät Experte Ingo Schäl.

springerprofessional.de: Welche regulatorischen Projekte stehen derzeit bei deutschen Kreditinstituten im Vordergrund und wie wird sich das im Laufe des Jahres entwickeln?

Ingo Schäl: Wesentliche regulatorische Projekte stehen im Zusammenhang mit der Finalisierung von Basel III und der Umsetzung von Basel IV beziehungsweise den EU-Vorschriften CRDV/VI und CRRII/III. Diese werden derzeit vielfach noch in den Fachbereichen bearbeitet. Für die IT-Umsetzung haben die Institute eine Roadmap entwickelt. Einige Kreditinstitute werden diesen Umsetzungsfahrplan durch die Corona-Krise möglicherweise anpassen.

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Regulierung des Finanzsektors

Die im Jahr 2007 ausgebrochene Finanzkrise hat fast zum Kollaps des weltweiten Finanz- und Wirtschaftssystems geführt. Eine breit akzeptierte Lehre dieser Krise ist die Einsicht, dass der Finanzsektor einer strikteren Regulierung bedarf und dass diese bis in die Krise hinein ungenügend war.

Was bedeutet das im Detail?

Die bankaufsichtlichen Anforderungen an die IT (BAIT) müssen zwar längst umgesetzt sein. Viele Themen wie ein funktionierendes Berechtigungsmanagement befinden sich jedoch noch mitten in der Umsetzung und werden durch Corona noch wichtiger: Remote Arbeitspläne, Business-Continuity-Pläne sowie das Identity und Access Management (IAM) sind an die neue Situation schnellstmöglich anzupassen. Die seit Januar geltende 5. EU-Geldwäscherichtlinie ist aufgrund der sehr kurzen Fristen noch nicht in allen Kreditinstituten vollständig umgesetzt. Noch laufende Projekte wie die Transformation von Prozessen und eine Anpassung der schriftlich fixierten Ordnung verzögern sich zum Teil.

Inwiefern können die Institute auf regulatorische Erleichterungen durch die aktuelle Pandemie hoffen? Wie könnten weitere Erleichterungen konkret aussehen?

Die Bankenaufsicht hat in den vergangenen Wochen schon mehrere Maßnahmen ergriffen, um dem Finanzsektor mehr Entlastung und Flexibilität zu verschaffen. So kann dieser mit den Auswirkungen der Corona-Krise besser fertig und auch seiner Rolle als Finanzierungspartner der Realwirtschaft gerecht werden. Dazu gehören:

  • Die Herabsetzung des inländischen antizyklischen Kapitalpuffers von 0,25 Prozent auf 0 Prozent, die den Finanzinstituten mehr Spielraum bei der Kreditvergabe gibt.
  • Die Möglichkeit, zur Erfüllung der Mindesteigenkapitalanforderungen der Säule 2 nicht nur hartes Kernkapital, sondern auch ergänzendes Kernkapital, so genanntes Additional Tier-1-Kapital, einbringen zu dürfen, das den Kreditinstituten zusätzlichen Eigenkapitalspielraum verschafft.
  • Die Erlaubnis der EZB, die Untergrenze der kurzfristigen Liquiditätskennziffer Liquidity Coverage Ratio temporär zu unterschreiten

Welche Fristen hat die Aufsicht verschoben?

Ergänzend hat die Aufsicht Regelungen getroffen, die die Finanzinstitute operativ entlasten sollen, um zum Beispiel Mitarbeiterkapazitäten zur Krisenbewältigung statt zur Umsetzung neuer regulatorischer Anforderungen einsetzen zu können. Hierzu zählen Maßnahmen wie

  • die Verschiebung des EU-weiten Stresstests von 2020 auf 2021
  • die Verschiebung des Stresstests für weniger bedeutende Institute von 2021 auf 2022 Die Verschiebung des finalen Umsetzungstermins des Basel-III-Finalisierungspakets um ein Jahr von Anfang 2022 auf Anfang 2023 seitens der Gruppe der Zentralbankpräsidenten und Leiter der Bankenaufsichtsinstanzen (Group of Governors and Heads of Supervision – GHoS)
  • eine Empfehlung der EBA an die nationalen Aufsichtsbehörden, "Aufsichtstätigkeiten wie Vor-Ort-Prüfungen pragmatisch zu handhaben und Tätigkeiten zu verschieben, die nicht wesentlich sind".

Die kommenden Wochen und Monate werden zeigen, inwieweit diese positiven Einfluss auf die Kreditvergabe an die Realwirtschaft und die Stabilität des Finanzsektors haben.

Die EBA und ESMA haben Kreditinstitute in der EU zu Flexibilität aufgerufen, um aktuell einen deutlichen Anstieg der Rückstellungen für vorübergehende Kreditausfälle zu vermeiden. Was heißt das konkret für die deutschen Institute?

Grundsätzlich bewegen sich Kreditinstitute in einem klaren regulatorischen Rahmen, der in den vergangenen zehn Jahren deutlich weiterentwickelt wurde. Die Anforderungen an das Management leistungsgestörter Kredite wurden erhöht, beispielsweise durch den "Leitfaden für Banken zu notleidenden Krediten" der EZB vom März 2017. Die Wirksamkeit des Aufrufs zu mehr Flexibilität wird auch davon abhängen, inwieweit regulatorische Vorgaben und gegebenenfalls deren Lockerung dies zulassen. Bereits jetzt ist im Rahmen von Leistungsstörungen und Restrukturierungen die temporäre Aussetzung von sogenannten "Covenants", deren Verletzung üblicherweise Konsequenzen wie eine Prüfung auf Rückstellungs- oder Vorsorgebedarf nach sich ziehen, ein mögliches Instrument, den Schaden zu begrenzen.

Was bedeutet das für die internen Prozesse?

Mehr Flexibilität sollte nur auf Basis klarer bankinterner Richtlinien möglich sein. Sie sollten einer möglichen Lockerung regulatorischer Vorgaben angepasst sein und beispielsweise strengere Anforderungen an die Dokumentation von Kreditentscheidungen beinhalten.

Die Bafin kommt laut einem Bericht den Banken entgegen, wenn es darum geht, ab wann ein Kredit als notleidend einzustufen ist. Zudem empfiehlt sie den Instituten, keine Aktienrückkäufe zu tätigen und Ausschüttungen von Dividenden, Gewinnen und Boni sorgfältig abzuwägen. Entsteht dadurch eine wirkliche Entlastung für die Institute?

Ein mögliches angemessenes Vorgehen bestünde laut Bafin darin, diejenigen Kredite, die nur situationsbedingt und damit aller Voraussicht nach ausschließlich kurzfristig mit Zahlungsverzügen verbunden sind, nach Überleitung in die Intensivbetreuung weiterhin in der Normalbetreuung zu belassen, um den Aufwand für Banken in Grenzen zu halten. Eine weitere Herausforderung besteht im Zusammenhang mit IFRS 9 in Bezug auf jetzt eintretende Zahlungsverzüge und ansteigende erwartete Kreditverluste und eine damit einhergehende Ausweitung der Risikovorsorge. Die deutsche Aufsicht hat erklärt, dass ein Kreditnehmer nicht zwingend notwendig als ausgefallen zu behandeln ist, wenn Stundungen ausschließlich auf die Corona-Krise zurückzuführen sind.

Reicht das aus?

Diese Maßnahmen werden der aktuellen Situation grundsätzlich gerecht. Naturgemäß werden Kreditinstitute einen deutlich höheren Aufwand in der Kreditbetreuung und -analyse haben. Für Kreditinstitute, die bereits vor der Corona-Krise in einer Schieflage gewesen sind, werden diese Maßnahmen einen stringenten Sanierungsplan aber keinesfalls ersetzen können.

Alle tagesaktuellen Beiträge rund um die Corona-Krise finden Sie hier

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