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02-10-2019 | Bankstrategie | Interview | Article

"Die monolithische Bank wird langsam zerfransen"

Author:
François Baumgartner
9:30 min reading time
Interviewees:
Boris Strucken

ist Leiter Innovationen im Bereich Banking beim IT- und Dienstleistungsunternehmen Fidelity Information Services (FIS). 

Ralf Gladis

ist Mitgründer und Geschäftsführer des internationalen Payment Service Providers Computop. 

Alipay und Wechat geben das Tempo vor: Die Finanzindustrie wandelt sich zur digitalen Plattformökonomie. Die Zahlungsverkehrsexperten Ralf Gladis und Boris Strucken sprechen über Online-Marktplätze, Open Banking und Vorlieben von Bankkunden. 

springerprofessional.de: Warum ist Open Banking der Game Changer in der Finanzwelt?

Ralf Gladis: Die Banken haben die Daten ihrer Kunden bisher als ihr Eigentum betrachtet. Die Daten gehören aber dem Kontoinhaber, der seine Kontodaten in Zukunft auch anderen Finanzdienstleistern seines Vertrauens zur Verfügung stellen kann, wenn er dort einen besseren Service bekommt. Jede Bank muss auf Wunsch des Kunden den Zugriff auf Kontodaten zulassen. Dadurch werden viele neue Dienstleistungen entstehen, die Banken über Jahre ignoriert haben. Bankkunden dürfen sich auf mehr Innovationen freuen.

Boris Strucken: Open Banking bedeutet, dass ein offener Zugang zu Kunden- und Transaktionsdaten für dritte Parteien geschaffen wird. Damit wird das Datenmonopol der Hausbank aufgelöst. Wenn der Kunde es erlaubt, können andere Marktteilnehmer die offene Datenschnittstelle nutzen und aggregierende Services anbieten. So können schon heute sämtliche Konten über eine App verwaltet werden. Der direkte Zugang zum Kunden läuft dann ausschließlich über diesen neuen Anbieter. Damit laufen Hausbanken Gefahr, austauschbar zu werden. Für Kunden wird dieser neue Banking-Trend Vorteile bieten. Bessere Transparenz und höherer Komfort sind hier besonders zu nennen.

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Digitale Finanzdienstleistungen zukunftsorientiert gestalten

Der Markt für Finanzdienstleistungen sieht sich durch die globale Digitalisierung einem fundamentalen Wandel ausgesetzt. Vor diesem Hintergrund wird in diesem Kapitel exemplarisch diskutiert, inwiefern im Zuge der digitalen Transformation Finanzdienstleistungen zukunftsorientiert gestaltet werden können.

All das funktioniert technisch per Application Programming Interfaces – sogenannte APIs. Sie sind die Schnittstellen für Datenaustausch und neue Dienstleistungen.

Boris Strucken: Korrekt, technisch sind diese Interfaces keine Neuerungen. Sie bekommen jedoch in der heutigen Welt eine neue Bedeutung, weil sie als Basis für unsere ultravernetzte Welt dienen. Immer mehr Systeme, die online sind, implizieren aber auch, dass der Nutzer sich in immer mehr Systeme einloggen muss. Dies wird aber über Datenaustausch via APIs unterstützt, da diese Schnittstellen die Arbeit übernehmen und eine vordefinierte Kommunikation ermöglichen. Ein Marktplatz ist jedoch nicht nur die Ansammlung einer Reihe von APIs. Vielmehr geht es hier darum, Services per offene Schnittstellen zugänglich zu machen und so neue und verknüpfte Dienstleistungen zu schaffen. Praktisch heißt das: Verschiedene Teilnehmer können an einer Dienstleistung beteiligt sein. Zudem läuft der Austausch der Daten vollautomatisiert über APIs. Der Marktplatz ist dann der Ort, an dem – neben dem Aufeinandertreffen von Angebot und Nachfrage – auch die finanzielle Abrechnung erfolgt

Der Regulator unterstützt diesen Trend mit der erweiterten Zahlungsdienste-Richtlinie PSD2. Weshalb?

Ralf Gladis: Die Ziele der europäischen Regulierung sind mehr Innovation und mehr Sicherheit im Zahlungsverkehr. Der Kontoinformationsdienst über APIs bringt mehr Innovation, wenn der Regulator die Banken überzeugt, nützliche APIs zu bauen. Für die Sicherheit wird die Strong Customer Authentication (SCA) sorgen, weil wir jede Zahlung künftig mit zwei der folgenden drei Faktoren absichern: Wissen, wie ein Passwort. Besitz, wie ein Smartphone. Und Biometrie, wie ein Fingerabdruck. Das bringt mehr Sicherheit.

Dies führt auch in der Finanzindustrie zu großen Online Marktplätzen. Verlieren die deutschen Banken den Anschluss weltweit?

Boris Strucken: Global ist derzeit erkennbar, dass viele Institute die Idee verfolgen, Banking Services via Marktplatz anzubieten. Jeder Teilnehmer kann auf einer Plattform seine Dienstleistungen anbieten – der Kunde kann sie vergleichen. Quasi ein Amazon für Finanzprodukte. Allerdings stecken die Bemühungen noch in den Kinderschuhen. Viele Banken wollen einen solchen Marktplatz errichten, kaum ein Wettbewerber möchte sich aber auf der Plattform der Konkurrenz präsentieren. Hier könnte jedoch eine neutrale Plattform eines Systemanbieters Abhilfe schaffen. Auf einer solchen wäre es einfacher, verschiedene Banken auf einer einheitlichen technischen Basis zusammenzuführen. Das aktuelle Kompetenzgerangel der Wettbewerber ist nicht spezifisch deutsch – wobei man sicher hierzulande nicht zu den Innovationsführern zählt. Der Handlungsdruck steigt weltweit. Schließlich ist nicht ausgeschlossen, dass die großen IT-Giganten wie Amazon oder Google ihr IT-Know-how auch für Banking-Produkte ausbauen und selber die Vision einer Plattform umsetzen.

Wer ist dann Plattformbetreiber und wer bietet kundenzentrierte Leistungen an?

Ralf Gladis: Die monolithische Bank wird langsam zerfransen, weil die Kunden an den Rändern innovativere und komfortablere Lösungen von Dritten nutzen können. Kundenzentrierte Finanzdienstleistungen dürfen wir von Plattformen wie Google, Apple, Facebook und Amazon erwarten. Außerdem werden die Chinesen mit Alipay und Wechat langsam aber sicher in Europa Marktanteile abgreifen. Alle diese Player sind heute schon in der EU als Finanzdienstleister reguliert.

Boris Strucken: Das neue Ökosystem ist noch nicht ausdefiniert. Viele Banken wollen eine solche Plattform ins Leben rufen. Noch ist kein Wettbewerber klar in der Führungsrolle. Im Grunde erfordert es einen kollaborativen Ansatz vieler Institute, um eine Marktmacht zu entwickeln, die Wettbewerber wie auch Kunden überzeugt. Die Befürchtung innerhalb der Finanzbranche ist, dass hier auch gänzlich neue Spieler das Feld betreten könnten.

Die digitale Transformation trifft die europäische Finanzindustrie mit voller Wucht. Welche Produkte und Services wird es geben?

Ralf Gladis: Es gibt heute schon Apps, mit denen kleine Firmen Angebote schreiben können, die in Rechnungen verwandelt werden, um dann den Zahlungseingang zu überwachen und Mahnungen zu verschicken. Payment, Buchhaltung und Kostenkontrolle gehören auch dazu.

Boris Strucken: In Zukunft wird der Kunde sämtliche Konten und Verträge über eine App verwalten. Vom Girokonto über das Depot und Versicherungsprodukte bis hin zum Stromvertrag. Damit kennt der Anbieter die persönliche Situation und die Bedürfnisse seiner Nutzer ganz genau. Mit Erlaubnis der Kunden lassen sich hiermit maßgeschneiderte Produkte anbieten – oder es werden kostengünstigere Optionen empfohlen. Dieses Ökosystem führt dann wahrscheinlich auch zu Produkten und Dienstleistungen, die wir uns heute noch nicht vorstellen können und welche die klassische Wertschöpfungskette revolutionieren.

Alles über Smartphones?

Ralf Gladis: Ja, denn das Smartphone ist extrem beliebt und extrem mächtig. Sogar kritische Prozesse, wie KYC (Know Your Customer) bei Kontoeröffnungen oder Führerscheinkontrolle für Carsharing, lassen sich per App am Smartphone regeln. Kredite, Versicherungen, Payments, Anlagen – fast alles funktioniert auch am Handy.

Boris Strucken: Wir sehen schon heute, dass das Smartphone mehr und mehr zum zentralen Touchpoint für den Kunden wird. Was früher die Filiale war, ist heute für viele Nutzer schon das Smartphone. Das gilt auch für Deutschland mit seinen konservativen Nutzern. Das Online Banking ist für die Meisten inzwischen Standard – das Mobile Banking folgt zeitnah. Im Bereich Mobile wird sich die Anwenderfreundlichkeit stetig verbessern.

Über welche digitale Macht verfügen die Kunden?

Ralf Gladis: Wer die Daten hat, besitzt Macht. Kunden haben jetzt mehr Kontrolle über ihre Daten. Daher steht fest: Zusammen mit der wachsenden Auswahl an Finanzdienstleistungen besitzen Kunden tatsächlich mehr Macht.

Boris Strucken: Die Entwicklungen rund um Open Banking und Marktplätze kennt einen klaren Gewinner! Nämlich den Kunden. Die neuen Services machen es viel einfacher, Angebote zu vergleichen. Versteckte Gebühren oder überhöhte Konditionen könnten der Vergangenheit angehören.

Welche Wettbewerbskräfte wirken noch am Markt und wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang Digital Natives und den demografischen Wandel? 

Ralf Gladis: Der Druck aus dem Ausland steigt. Die US-Internetgiganten sowie Alipay und Wechat aus China werden Druck auf Banken und Fintechs auslösen. Deutschland ist oft in der Forschung gut, aber unsere Gründer kommen nur schwer an die nötigen Gelder, um Ideen in Innovationen zu verwandeln. Schwer zu sagen, ob Europa vorne mit dabei sein kann. Digital Natives sind erstklassige Leistungen mit komfortabler Bedienung gewohnt, und zwar kostenlos oder sehr günstig. Einfach und günstig muss es sein, dann wechseln Digital Natives auch ihre Bank. Mit Blick auf den demografischen Wandel könnte man sagen, die jüngere Generation sei noch lange in der Minderheit, daher habe die Anpassung keine Eile. Das gilt allerdings neben Deutschland nur für wenige Länder. Viele Volkswirtschaften haben eine echte Bevölkerungspyramide mit sehr vielen jungen Menschen. Wer hier zu lange wartet, wird es schwer haben, das aufzuholen.

Zuletzt wurden Gesundheitsdaten von Menschen im World Wide Web veröffentlicht. Welche Risiken und Gefahren sehen Sie in solchen Entwicklungen für Online Marktplätze?

Ralf Gladis: Daten brauchen Schutz. Wer sensible Daten verarbeitet, dessen Sicherheit muss regelmäßig überprüft werden. Zahlungsdienstleister wie Computop werden zum Beispiel quartalsweise auf Sicherheitslücken getestet und einmal jährlich von Sicherheitsexperten auditiert. Das Verfahren heißt Payment Card Industry. Solche Sicherheitsstandards sollten auch für Marktplätze, Ärzte, Anwälte und andere Dienstleister gelten, die sensible Daten verarbeiten.

Boris Strucken: Datenskandale haben in den letzten Jahren stetig für Aufsehen gesorgt. Hier sind ja inzwischen einige Institute betroffen. Dies muss ernst genommen werden. Demzufolge gilt es, die Sicherheit der Daten immer weiter zu verbessern, um Angriffe weiter zu erschweren und den Missbrauch zu bekämpfen. Hier werden wir immer höhere Standards erreichen können. Die Bedeutung von Daten wird immer größer, umso essentieller ist der Schutz dieser Daten.

Der Song "The winner takes it all" beschreibt die Funktionsweise der digitalen Ökonomie ganz gut. Wer wird das Rennen machen?

Ralf Gladis: Die Bigtechs hatten bislang den Vorteil, dass sie quasi keine Verantwortung tragen mussten. Youtube und Facebook wurden nicht für Inhalte der Nutzer zur Rechenschaft gezogen. Und wenn sie für Datenschutz- oder Wettbewerbsverstöße verurteilt wurden, haben sie einfach die Strafen bezahlt. Inzwischen hat die Politik begonnen, den Schutzraum der Tech-Firmen zu beseitigen. Diese sogenannten GAFAs werden international immer stärker von Gesetzgebern reguliert. Es wird sogar darüber nachgedacht, die Bigtechs zu zwingen, ihre Daten mit kleineren Firmen zu teilen. Ähnlich wie Banken die Kontodaten zugänglich machen müssen, sollen auch diese ihre Daten zugänglich machen. Hinzu kommt, dass Kunden die Löschung ihrer Daten verlangen können. Die Regulierung und die öffentliche Zugänglichkeit von Daten werden dafür sorgen, dass es nicht nur einen, sondern viele Dienstleister geben wird. Die Vielfalt bleibt uns erhalten, und das ist gut so.

Boris Strucken: Mit Amazon gibt es im Handel einen Platzhirsch. Es ist aber nicht gesagt, dass es im Banking auch so laufen wird. Klar ist jedoch, dass die Zahl überschaubar sein wird. Die Marktplätze für Finanzprodukte müssen eine hohe Bekanntheit haben, um von Kunden wahrgenommen zu werden. Diese starke Position wird wohl nur durch einen Verdrängungswettbewerb erreicht werden können. Allerdings sollten sich alle Partner vor Augen führen, dass ein kollaborativer Ansatz durch diverse Banken Vorteile gegenüber einer Abhängigkeit von einem dominanten Dritten bietet. Schon bei den heutigen Vergleichsportalen zahlen die Institute schließlich nicht unerhebliche Provisionen. Am Ende ist es aber wichtig zu verstehen, dass auch wenn nicht jedes Institut ein Marktplatzbetreiber sein wird, dennoch attraktive Rollen im neuen Ökosystem bestehen. Einige Banken werden dazu übergehen, ein breites attraktives Portfolio an Produkten anzubieten und andere werden entsprechende Services wie die Abwicklung von Produkten übernehmen. Auch ein Betreiber der Kategorie "The winner takes it all" ist schließlich darauf angewiesen, dass sein Marktplatz ein ansprechendes und funktionierendes Finanzdienstleistungsangebot aufweist.

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