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15-07-2022 | Bankstrategie | Interview | Article

"ESG-Agenda an die geopolitische Neuordnung anpassen"

Author: Angelika Breinich-Schilly

5:30 min reading time
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Die EZB verlangt nach dem jüngsten Klimastresstest mehr Einsatz der Banken in Sachen Nachhaltigkeit. Dabei erschweren die geopolitischen Entwicklungen diese Aufgabe, erläutern die Experten Daniel Sommer und Matthias Mayer. Doch mit neuer Technik und Know-how können die Institute gegensteuern.

Springer Professional: Inwiefern wirkt sich der Krieg in der Ukraine auf die Nachhaltigkeitstransformation am deutschen Bankenmarkt aus?

Matthias Mayer: Die Banken stecken mitten in der ESG-Transformation. Der Ukraine-Krieg führt jetzt dazu, dass sie das Thema unter neuen Vorzeichen betrachten müssen. Denn der Angriff Russlands markiert nicht nur für die Politik eine Zeitenwende, sondern auch für Banken - hat er doch gleich mehrere Grundannahmen der globalen Wirtschaftsordnung erschüttert. 

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Controlling und Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeitscontrolling bildet für jedes Unternehmen eine zentrale Herausforderung für die Sicherstellung strategischer Wettbewerbsvorteile in der Zukunft. Unternehmen sind immer mehr gefordert, ökologisch und sozial verträglich zu handeln, um den Erwartungen ihrer Anspruchsgruppen gerecht zu werden und ganzheitlich Verantwortung zu tragen. Gestalterisch findet dieser Veränderungsbedarf seinen Niederschlag in der systematischen Integration des Öko- und Sozio-Controllings in die konventionelle Controllingperspektive.

Größtmögliche weltweite Vernetzung und internationale Arbeitsteilung - das war über Jahrzehnte das Fundament einer globalen Industriegesellschaft, von der gerade deutsche Unternehmen profitieren. Jetzt entstehen, ausgelöst durch den Krieg, voneinander getrennte wirtschaftliche Sicherheitszonen mit eigenen Technologien und Standards. Finanzierungsthemen und -ströme verändern sich. Das bringt Risiken und Chancen für das Geschäft mit sich. Damit die nachhaltige Transformation nicht ins Stottern gerät, gehören jetzt sowohl die Chancen als auch die Risiken auf die Management-Agenda in den Instituten.

Auf welche Risiken sollten die Entscheider in den Instituten dabei besonders achten?

Daniel Sommer: Im Risikomanagement lösen die aktuellen Entwicklungen schnellen Handlungsbedarf aus. Dabei kommt besonders den nicht-klimabezogenen Komponenten eine höhere Bedeutung zu, als das bisher der Fall war. Die Situation erhöht spürbar die Kreditrisiken im Firmenkunden- und im Retailgeschäft, wenn auch zumeist erst im Rahmen von Zweitrundeneffekten. Außerdem nehmen nicht-finanzielle Risiken wie Cyber-, Compliance- und Reputationsrisiken zu. Schließlich ergeben sich Geschäftsrisiken durch die Bildung separater Wirtschaftszonen und die dadurch ausgelösten Veränderungen in den Geschäftsbeziehungen. Aber es eröffnen sich auch zahlreiche Chancen für das Geschäft. 

Welche Chancen stecken in dieser Entwicklung?

Matthias Mayer: Trotz der entstandenen Risiken - die ESG-Transformation bleibt eine Wachstumsgeschichte für Banken. So soll sich, von der Politik forciert, der Ausbau erneuerbarer Energien in Deutschland und Europa beschleunigen. Auch Technologien zur Steigerung der Energieeffizienz und Digitalisierungsprojekte erhalten noch mehr Bedeutung, gerade um den eingeschränkten Möglichkeiten der globalen Verteilung von Wertschöpfungsketten entgegen zu wirken. Für Banken bedeutet das Wachstumsmöglichkeiten im Kreditgeschäft, aber auch im Investmentbanking beziehungsweise. Kapitalmarktgeschäft, etwa durch Anleihefinanzierungen und Verbriefungen - wenn es ihnen gelingt, die notwendigen Kompetenzen auf- und auszubauen und etwa die Fach- und Vertriebsabteilungen entsprechend zu stärken.

Gibt es aus Ihrer Sicht einen Fahrplan, den die Geldhäuser bei der Anpassung an die neuen Bedingungen berücksichtigen sollten? Wie könnte der in der Praxis aussehen?

Daniel Sommer: Die geopolitische Wende zwingt Banken dazu, die neuen Vorgaben bei der ESG-Transformation ab sofort bei allen Geschäftsentscheidungen mitzudenken. Wir sehen: Der Krieg in der Ukraine führt zu beschleunigenden sowie bremsenden Effekten bei der grünen Transformation.

An Tempo gewinnen alle bereits angesprochenen Themen rund um den Ausbau der erneuerbaren Energien sowie bei Technologien zur Steigerung der Energieeffizienz. Mit Blick auf Rohstoffe und Lieferwege gewinnt die Kreislaufwirtschaft an Bedeutung. Und schließlich werden Banken, schneller als noch vor einigen Monaten angenommen, alle drei ESG-Dimensionen - neben Klimarisiken sind das Umweltrisiken wie Biodiversität und Ozeanversauerung, ebenso wie soziale und Governance-Aspekte - ganzheitlich bearbeiten müssen. Denn in den S- und G-Kriterien spiegeln sich die Werte von Unternehmen beziehungsweise. Staaten wider - und diese bestimmen zunehmend die Intensität des wirtschaftlichen Austauschs. 

Was bedeutet das konkret?

Daniel Sommer: Es gilt, zusammenfassend gesprochen, die ESG-Agenda an die neuen geopolitischen Gegebenheiten anzupassen. Bremsende Effekte und Kostentreiber ergeben sich aus der beschriebenen geopolitischen Neuordnung: Eine Zerteilung der Welt in verschiedene wirtschaftliche Sicherheitszonen behindert den für die Transformation essenziellen Know-how- und Technologietransfer. Investitionen, vor allem in Digitalisierung und in Schwellenländern, werden verteuert durch die weiter steigenden Rohstoff- und Nahrungsmittelpreise, während der Anteil unverzichtbarer Konsumgüter am BIP zunimmt. Nicht zuletzt: Einschränkungen der Wirtschaftsbeziehungen und die daraus resultierenden negativen wirtschaftlichen Folgen vermindern das Potenzial, die ESG-Transformation im vorgesehenen Tempo voranzutreiben und erhöhen die Kosten der Transformation.

Wirken sich diese Veränderungen auch spürbar auf die ohnehin oft stark belastete IT der Banken aus?

Matthias Mayer: Das tun sie. Zum einen erfordert die Analyse der neuen Herausforderungen flexible Simulationsmöglichkeiten und schnelle Datenverfügbarkeit. Das ist in den oft gewachsenen Komplexen IT-Architekturen der Banken oft schwer zu bewältigen. Weitere Stichworte sind IT-Risikomanagement und Cyber-Sicherheit: Die angespannte Bedrohungslage im Cyber-Raum verstärkt den vorhandenen Druck, das IT-Risikomanagement systematisch in das Risikomanagement der Bank zu integrieren und die IT-Sicherheit mit der Risikosteuerung als strategische Disziplin zu verknüpfen. 

Eine weitere Herausforderung besteht in der Automatisierung von Prozessen. Künstliche Intelligenz (KI) und Maschine Learning müssen zunehmend Eingang in die Arbeit der Compliance-Funktion finden. Banken sind globalen Sanktionsregeln sonst schwer gewachsen. Auch bei der Überprüfung von ESG-Risiken in Lieferketten können Automatisierungen zu mehr Geschwindigkeit und Leistung führen. Schließlich kommt im Zusammenhang mit der Frage der Stabilität von Lieferketten der Länderrisikoanalyse ebenso wie der risikofokussierten Analyse der Dimensionen S und G eine weitreichendere Bedeutung im Rahmen der Kreditrisikobetrachtung auf Ebene der Kreditnehmer zu, als das bisher vielleicht der Fall war.

Wie gut sind die Institute personell auf diese neuen Herausforderungen eingestellt?

Daniel Sommer: Verstärkung können Banken in mehreren Bereichen jetzt dringend gebrauchen. Im Kerngeschäft entstehen Wachstumsmöglichkeiten, wenn es Banken gelingt, die notwendigen Kompetenzen auf- und auszubauen. Gefragt sind jetzt vor allem Fachleute und Vertriebler in den Bereichen Erneuerbare Energien, Energieeffizienz, Digitalisierung, Konnektivität, neue Technologien in CO2-trächtigen Branchen und Kreislaufwirtschaft. Erfolgen kann der Kompetenzausbau durch die richtigen Nachwuchstalente oder internes Upskilling - oder beides gleichzeitig. 

Weiterentwickeln sollten Banken auch ihre Risiko- und Compliance-Funktionen, damit sie der neuen Dynamik und Komplexität der Compliance-Risiken gerecht werden können. Die Digitalisierung der Analysen und Prozesse erfordert sehr hohe Kompetenz in Technologie und Datenmanagement. Gerade hier befinden sich die Banken im Wettbewerb mit sehr vielen attraktiven Unternehmen - ein schwieriges Unterfangen. 

Hinsichtlich des Kommunikationsmanagements gilt es dagegen, sich mit einer konsistenten und kanalübergreifenden Strategie auf die wachsende Gefahr von Reputationsrisiken einzustellen. Da auch der politische Dialog an Bedeutung gewinnt, kann eine Verstärkung der Kommunikationsarbeit sinnvoll sein.

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