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28-02-2019 | Bankstrategie | Kolumne | Article

Frankfurter Finanzsektor kämpft um Fachkräfte

Author:
Marco Hermle
4 min reading time

Die Mainmetropole gehört zu den wichtigsten Finanzzentren Europas. Banken suchen vor allem Fachleuchte mit IT-Kompetenz. Dabei helfen ihnen durchdachte Recruiting-Konzepte, meint Personalexperte Marco Hermle.

Umkämpft war der Frankfurter Bankenmarkt schon immer. Seit Großbritannien sich im Juni 2016 in einem Referendum für den Brexit entschieden hat und dieser nun unmittelbar vor der Tür steht, hat der Wettbewerb um die besten Talente nochmals erheblich zugelegt. Sowohl deutsche als auch Auslands- und Investmentbanken müssen immer wieder neue Strategien entwickeln, um die besten Köpfe für sich zu begeistern.

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Die digitale Revolution – Neue Möglichkeiten im Recruiting

Innerhalb der letzten 15 Jahre hat die Gesellschaft einen dramatischen Wandel vollzogen. In diesem Kapitel geht es um die digitale Revolution und die Veränderungen, die das Recruiting dadurch erfahren hat. Dabei immer im Blick: die neuen Möglichkeiten, als Unternehmen passendes Personal zu finden.


Finanzsektor sucht Mitarbeiter in allen Bereichen

Doch worauf kommt es beim Recruiting in diesen bewegten Zeiten wirklich an? Eine Frage, die gerade mit Blick auf den Frankfurter Finanzsektor nicht ohne weiteres zu beantworten ist. Am Sitz der Europäischen Zentralbank tummeln sich kleine Retail-Banken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken, aber auch globale Schwergewichte wie die US-Banken JP Morgan, Merrill Lynch und Goldman Sachs sowie bedeutende Geldinstitute aus Japan, China und ganz Europa. Sie alle ringen im klassischen B-2-B-Banking darum, die kompetentesten Experten für sich zu gewinnen – ganz gleich ob im Front, Middle oder Back Office, im mittleren Senior Management oder auf noch deutlich höherer Hierarchie- und Managementebene.

Gesucht werden vor allem Spezialisten in den Bereichen Compliance, Risk, Audit, Regulatory Reporting, Controlling und IT. Der Markt ist durch den Brexit derart heiß gelaufen, dass der Pool an verfügbaren Talenten, die sowohl das richtige Anforderungsprofil haben als auch das notwendige Know-how mitbringen, überwiegend erschöpft ist. Daher ist auch ein Wettbewerb um junge Absolventen von den Universitäten entbrannt. Manche Banken kooperieren mit Hochschulen und setzen verstärkt auf Employer Branding. Nicht zuletzt deshalb, da die Marke und das Image des Finanzinstituts nach wie vor wichtige Faktoren mit großer Strahlkraft sind. Und in Zeiten des Brexits sind sie zu ausschlaggebenden Kriterien für potenzielle Mitarbeiter geworden.

Gehalt bleibt ausschlaggebend

Hier haben etwa die US- und Schweizer Banken noch immer große Vorteile gegenüber lokalen deutschen Häusern. Weiche Faktoren wie flexible Arbeitszeiten, Jobtickets, Home Office oder eigene Kindertagesstätten sind heute allerdings kein entscheidender Pluspunkt mehr. Sie gehören überall zur Grundausstattung. Das Geld, egal ob höheres Fixgehalt oder attraktive Boni, hat bei der Personalgewinnung in Frankfurt noch immer das größte Gewicht.

Unabhängig davon funktioniert das klassische Recruiting im Finanzsektor vor allem über Direktansprache, persönlichen Austausch und Empfehlungen. Je größer die eigene Reputation und je stimmiger das Gesamtpaket, desto besser stehen die Chancen, High Potentials von sich zu überzeugen. Personalberater und Recruiter müssen in diesem Kontext auch ein kluges Erwartungsmanagement betreiben, um Talente in Positionen zu bringen, von denen sowohl sie selbst als auch ihr neuer Arbeitgeber nachhaltig profitieren. Wer keine Beziehung zu den Kandidaten und Banken aufbaut, die zum Portfolio gehören, wird schnell abgehängt.

Brexit verschlechtert Rahmenbedingungen

Ob Faktoren wie Anfahrtsweg, Teamgröße oder Entwicklungsmöglichkeiten stimmen, entscheidet jeder potenzielle Mitarbeiter für sich selbst. Doch das ändert nichts daran, dass sich die Rahmenbedingungen seit dem Brexit-Votum insgesamt verschlechtert haben. Manche Banken haben unabhängig vom Kurs der EU sehr schnell reagiert und seit Sommer 2016 bereits genügend Personal für Schlüsselpositionen rekrutiert. Sie haben sich dadurch einen klaren Vorteil gesichert. Andere dagegen haben den richtigen Zeitpunkt verschlafen und stehen jetzt massiv unter Druck. Denn der Markt ist weitgehend leer gefegt.

Ein weiteres Problem ist die starke Nachfrage nach Finanz-Fachleuten mit digitaler Vision und IT-Kompetenz, die nicht bedient werden kann. Infolge des Mangels an verfügbaren guten Kandidaten haben viele Geldhäuser ihre IT-Abteilungen an andere Standorte oder gar in andere Länder ausgelagert. Losgelöst von IT-Banking und IT-Governance läuft vieles im Bankensektor schon heute über Freelancer, die für einen definierten Zeitraum ein Projekt betreuen und danach wieder an ihren eigentlichen Standort zurückkehren. Die steigende Nachfrage nach innovativen, digitalen Banking-Services und Finanzprodukten verschärft zusätzlich den Wettbewerb um diese Experten.

Eine fehlende Personalstrategie kostet Geld

Fakt ist: Der demographische Wandel, neue Wettbewerber wie Fintechs oder Challenger-Banken und ein drohender harter Brexit werden den stark umkämpften Frankfurter Bankenmarkt auch künftig in Atem halten. Sollte es wirklich zu einem ungeordneten Austritt Großbritanniens aus der EU kommen, dürfte sich das damit einhergehende Chaos auch auf die Recruiting-Aktivitäten der Geldhäuser auswirken. Banken sollten sich also besser jetzt als später um eine entsprechende Personalstrategie kümmern. Denn wenn erst einmal die Entscheidung gefallen ist und man dann beginnt, langwierige Recruiting-Prozesse mit mehreren Interview-Runden zu starten, wird man zum einen oft das Nachsehen haben und zum anderen sehr viel mehr Geld in die Hand nehmen müssen als heute. Frankfurt bleibt aus Sicht des Finanzplatzes ein spannendes Pflaster – der Brexit wird dies noch einmal mehr unterstreichen.

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