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06-10-2014 | Baustoffe | Im Fokus | Article

Dämmen mit Stroh

Author: Christoph Berger

3:30 min reading time
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Das Norddeutsche Zentrum für Nachhaltiges Bauen in Verden ist das höchste, direktverputzte, strohballengedämmte Holzhaus Europas. Etwa zeitgleich zu seiner Fertigstellung wurde die Allgemeine Bauaufsichtliche Zulassung  für das Dämmen mit Stroh erweitert.

Rund 500 Quadratmeter Holz und etwa 380 Quadratmeter Stroh wurden im neuen Kompetenzzentrum des Norddeutschen Zentrums für Nachhaltiges Bauen (NZNB) verbaut, das im Juli dieses Jahres eröffnet wurde. Das Zentrum wird daher nicht nur ein Ort für die Bündelung von Fachwissen rund um ressourcenschonende und effiziente Bauweisen, es wurde vielmehr selbst nach derartigen Gesichtspunkten erbaut.

Regional, preisgünstig, nachwachsend, dämmend

Die Wahl für das Dämmen mit Stroh hatte mehrere Gründe. Natürlich sind da die guten Dämmeigenschaften, die auch Gerhard Holzmann, Matthias Wangelin und Rainer Bruns in ihrem Fachbuch „Natürliche und pflanzliche Baustoffe“ erwähnen. Die drei Autoren nennen gleich mehrere Einsatzbeispiele für das Dämmen mit Stroh: unter anderem die Aufsparrendämmung, eine Zusatzdämmschicht über Sparren, eine Dämmung zwischen Sparren, Kehlbalken und Deckenbalken, eine Dämmung unter Estrich oder Trockenstrich, eine Dämmung von Wänden, in Holzrahmen- und Holztafelbauweise oder eine raumseitige Dämmung von Außenwänden mit vorgesetzten Strohballen – um nur einige zu nennen. Stroh ist darüber hinaus auch ein regional verfügbarer und preisgünstiger Dämmstoff – zudem ein nachwachsender Rohstoff.

Für Stroh braucht es keine chemische Ausrüstung gegen Schädlinge oder für den Brandschutz und keine zusätzliche Herstellungsenergie. Die Ballen können so, wie sie vom Acker kommen, direkt verbaut werden.

Voraussetzung dafür ist jedoch , dass sie die in der allgemeinen Bauaufsichtlichen Zulassung  festgelegten Eigenschaften aufweisen. Dazu zählen unter anderem der Pressdruck und Restfeuchte.

DIBt erweiterte die Anwendungsbereiche

Da passte es, dass das Deutsche Institut für Bautechnik (DIBt), die Zulassungsstelle für Bauprodukte und Bauarten, etwa zeitgleich mit der Eröffnung die Anwendungsbereiche in der Allgemeinen Bauaufsichtlichen Zulassung erweiterte: Seit Juni 2014 ist das direkte Verputzen der Ballen ohne zusätzlichen Putzträger auf der Innen- und Außenseite der Gebäude möglich, ebenso wie die Außendämmung von Mauerwerk.

So kann man den abschließenden Lehm- oder Kalkputz künftig direkt auf die Ballen aufbringen. Das macht den ohnehin schon preisgünstigen Dämmstoff noch wirtschaftlicher, spart man doch den Putzträger, in der Regel eine Holzbeplankung, ein.

Man konnte Strohballenhäuser zwar auch schon davor direkt verputzen – auch das DIBt hatte schon vor Jahren eine „Allgemeine bauaufsichtliche Zulassung“ für den Wärmedämmstoff Baustroh erteilt, allerdings brauchte man dafür eine Genehmigung im Einzelfall – so auch beim NZNB.

Im Ergebnis wird das Dämmen mit Stroh damit künftig noch einfacher und wirtschaftlicher und damit potenziell für neue Anwendergruppen interessant.

Beispiele zeigen den Einsatz

Vorgefertigte Wandelemente aus Holzrahmen mit einer direktverputzten Strohausfachung, wie beim NZNB, sind auch eine interessante Option für größere, gewerbliche Bauvorhaben. Durch die Vorfertigung lässt sich auf der Baustelle viel Geld und Zeit sparen.

Bislang kamen Strohballen nach Aussage des Fachverbands Strohballenbau Deutschland e.V. vor allem im Neubau zum Einsatz. Mit der neuen Bauaufsichtlichen Zulassung sei ihr Einsatz nun auch in der Sanierung deutlich einfacher geworden. Wie man Mauerwerksbauten mit Strohballen effizient und kostengünstig von außen dämmen kann, sei beispielsweise ein aktuelles Projekt in Schwerin: die „alte Brauerei“.

Und wichtig zu wissen, ist: Nach wie vor dürfen die Ballen nur in nicht-lasttragender Bauweise verbaut werden. Das heißt: Sie können zur Ausfachung in Holzständerkonstruktionen oder – seit der neuen Zulassung – an der Außenseite von Mauerwerk zum Einsatz kommen.

NZNB ist unter vielen Gesichtspunkten nachhaltig

Die Dämmung mit Stroh ist jedoch nicht der einzige Nachhaltigkeitsaspekt bei dem Gebäude. Das Bürohaus wurde nach dem Passivhaus-Energiestandard für Gewerbeimmobilien entwickelt. Die Nutzer können Strom außerdem direkt aus der installierten Photovoltaik-Anlage beziehen – nach dem sogenannten Mieterstrom-Modell. Zudem wurde eine zukunftsweisende Haustechnik integriert wie beispielsweise Eisspeicher oder eine metallfreie Glasfassade.

Die Eisspeicherheizung besteht aus einem SolarEis-Speicher, einer SolarEis-Steuerung, einem SolarLuft-Kollektor, einem Pufferspeicher und einer Wärmepumpe.

Bei der Fassade kamen statt einer mit viel Energieaufwand hergestellten Metallunterkonstruktion speziell verzahnte Birkenfurnierkoppelleisten ohne Klemmprofile und Abdeckleisten zum Einsatz.

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