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10-06-2020 | Beteiligung | Im Fokus | Article

In der Finance-Branche trennt sich die Spreu vom Weizen

Author:
Angelika Breinich-Schilly
5:30 min reading time

Die Corona-Pandemie wirbelt die gesamte Finance-Branche kräftig durcheinander, wie ein aktuelles Thesenpapier des Finance Think Tank zeigt. Wo die größten Probleme liegen und welche Wettbewerber die Herausforderungen meistern, zeigt die Übersicht.

"Alle Unternehmen haben die Heimarbeit entdeckt – und viele auch die Vorteile", heißt es in der Einleitung des aktuellen Thesenpapiers des Finance Think Tank. An diesem haben sich insgesamt zwölf Finance-Experten beteiligt, die unter anderem in der Beraterbranche, bei Banken oder Asset Managern aktiv sind. Ihnen zufolge werden digitale Videokonferenzen oder Homeoffice in Zukunft zum Standard gehören. Denn sie haben sich in der Krise bewährt. 

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Auch gibt es in vielen Bereichen Kurzarbeit und Kündigungen befristeter Verträge. Und in einigen Beratungshäusern oder Kanzleien verzichten die Partner zugunsten ihrer Mitarbeiter vorübergehend auf Teile ihres Gehalts. Doch egal ob Private Equity, Meger & Acquisition (M&A), Bank, Fintech oder Finanzberatung: Nicht alle Konzepte eignen sich auch für eine Krise.

Private Equity in Wartestellung

Bei Private-Equity-Unternehmen (PE) stellt die Phase, in der sich der laufende Fonds befindet, sowie das gesamte Portfolio die Weichen für die Zukunft. "Wer sich gerade im Fundraising befand, ist hart getroffen", heißt es. Das Geldeinsammeln sei derzeit praktisch zum Erliegen gekommen. Im Vorteil sind hier die Evergreen-Investoren oder kleinere PE-Häuser, die über eigenes Geld verfügen, das sie investieren.

Wer sich jetzt in der Verkaufsphase befindet, habe große Sorgen, wenn das Portfolio keine krisenresistenten Unternehmen enthalte. "Der Exit-Kanal ist weitgehend verstopft, und die Bewertungen dürften in den meisten Branchen auf absehbare Zeit deutlich niedriger ausfallen als bislang kalkuliert", lautet die Begründung der Experten. Auf der Kaufseite warteten dagegen Opportunitäten. Bei manchen PE-Häusern sei aber der Kaufmodus derzeit nur ein Lippenbekenntnis. In jedem Fall sei die Lage für bereits auf Restrukturierungsfälle spezialisierte Investment Manager optimal.

Debt Funds ohne einheitliche Strategie

Die sogenannten Debt Funds verfolgen den Experten zufolge dagegen keine einheitliche Strategie. "Unitranche-Kredite werden regelmäßig nicht von Banken gewährt, sondern von auf Finanzierungen spezialisierten Fonds (Debt Fonds) und anderen alternativen Finanzierern, die üblicherweise eine langfristige Investition ohne Syndizierungsstrategie verfolgen", schreiben Dirk-Peter Flor und Manfred Heemann im Buchkapitel "Mezzanine, Second-Lien- und High-Yield-Finanzierungen" auf Seite 607. Aufgrund nur einer Finanzierungspartei als Verhandlungspartner und des fehlenden Drucks, den Anforderungen der Syndizierungsmärkte zu entsprechen, zeichneten sich Unitranche-Kredite durch kurze Entscheidungswege und überschaubarere Transaktionskosten aus.

Diese Finanzierungen werden "vielfach als endfällige Kredite strukturiert", und Teile der unter ihnen anfallenden Zinsen werden in der Regel wie Mezzanine kapitalisiert und zum Laufzeitende erst zahlbar. "Damit stehen dem Kreditnehmer während der Vertragslaufzeit mehr liquide Mittel zur Verfügung, die er für Investitionen nutzen kann", erläutern die Springer-Autoren die Vorteile für die Unternehmen.

Fonds im LBO-Geschäft gelten als Wackelkandidaten

Laut dem Finance Think Tank sind die meisten in Deutschland aktiven Häuser auf das LBO-Geschäft fokussiert. Von denen im Wege des Leveraged-Buyouts (LBO) finanzierten Unternehmenskäufen versprechen sich die PE-Gesellschaften einige Vorteile. "So können sie sich den sogenannten Leverage-Effekt zunutze machen", erläutern Jean-Paul Thommen, Ann-Kristin Achleitner, Dirk Ulrich Gilbert, Dirk Hachmeister, Svenja Jarchow und Gernot Kaiser im Buchkapitel "Beteiligungsfinanzierung" auf Seite 338.

Allerdings, so das Thesenpapier, habe es in diesem Bereich schon vor der Pandemie ein paar Wackelkandidaten gegeben. "Nun werden zahlreiche hinzukommen", glauben die Finance-Experten. Für viele Unternehmen dürfte die Lernkurve steil werden: Die meisten Investment Manager hätten zwar einen Bankhintergrund, "kommen typischerweise aber aus dem LBO-Umfeld, in dem sie in gut laufende Unternehmen investierten und eine Workout-Abteilung als Back-up hatten". 

Zahlreiche Gelegenheiten seien allerdings bei den auf Turnaround spezialisierten Fonds zu erwarten. Hier rechnen die Experten mit Konsortialfinanzierungen oder der Übernahme kompletter Finanzierungspakete.

Kreditrisiken im Firmenkundengeschäft steigen

Für die Banken gestalte sich das Firmenkundengeschäft aktuell als besonders herausfordernd. "Zu viele Kunden brauchen derzeit Liquidität, um den Einbruch im Geschäft zu überbrücken", heißt es. Allerdings habe der Staat rechtzeitig Maßnahmen zur Stützung der Realwirtschaft ergriffen. Dennoch seien die Aufgaben für die Institute schwierig – vor allem organisatorisch. "Zigtausend Anträge auf Fördermittel müssen geprüft, weitergeleitet, ausgezahlt und verwaltet werden. Und das oft aus dem Homeoffice heraus", heißt es in dem Papier.

Die krisenbedingte Verschuldung der Unternehmen und damit die Herausforderung, die bereits ausgelegten Kredite der Bank künftig zu bedienen, belasten die Bücher der Geldhäuser zusätzlich. Die Kombination aus zusätzlicher Verschuldung und zumeist deutlich verschlechterten Gewinnerwartungen der Firmenkunden sorge für eine schlechtere Bonität des Kreditportfolios und damit für steigende Risikokosten, die die Institute nun absichern müssen.

Von den Lücken, die so auf dem Finanzierungsmarkt entstehen, können dagegen einige Fintechs profitieren. Zwar müssen auch sie eine höhere Unsicherheit in Bezug auf das Kreditrisiko einkalkulieren. Doch die Krise gebe ihnen die Chance, sich attraktive und gut gepreiste Kreditrisiken ins Portfolio zu holen. Denn nun interessieren sich zunehmend auch "gestandene Mittelständler" für ihre Angebote, die für die Plattformen bislang kaum erreichbar waren. Dennoch bleibt in der Gesamtsicht auch den Fintechs für viel Arbeit nur wenig Geschäft. Denn die bestehenden Plattformen haben sich für Ausnahmesituationen als eher ungeeignet erwiesen.

M&A-Markt wird sich ausdünnen

Am stärksten von den Auswirkungen der Pandemie sind nach Expertenmeinung die M&A- sowie Due-Diligence-Berater betroffen. Auch wenn vor allem letztere hier in absehbarer Zeit mit einer hohen Anzahl von Anfragen im Rahmen von Covenant-Brüchen beziehungsweise Refinanzierungen rechnen können. "Es besteht Anlass zur Hoffnung, dass das Geschäft im zweiten Halbjahr wieder anzieht. Aber sicher ist das keineswegs", lautet die Prognose. So werde der M&A-Markt "mit großer Gewissheit in diesem Jahr deutlich schrumpfen". Die Auswirkungen auf die Vergütung und die Überlebensfähigkeit einzelner Gesellschaften können die Finance-Profis allerdings noch nicht einschätzen. Viele Marktbeobachter erwarten aber eine deutliche Auslese in diesem Bereich.

Die wenigen großen, auf den Mittelstand fokussierten M&A-Häuser seien auf einen hohen Dealflow angewiesen, weil sie neben den Beratern auch ein nicht unerhebliches Back Office und weitere Strukturen mit hohem Fixkostenanteil unterhalten. Dass einige internationale Unternehmen ihre Büros in Ländern schließen, in denen sie nicht rentabel wirtschaften, sei durchaus wahrscheinlich.

Gute Ausgangslage für Finanzberater

Die Lage besser für sich nutzen können allerdings Finanzierungsberater, da deren Kunden oft größere und in der Finanzabteilung gut geführte Unternehmen sind. Dort sei oft nicht nur viel Liquidität vorhanden, sondern auch der Bedarf an ausgefeilten Businessplänen hoch, um damit in Gespräche mit Banken gehen zu können - abseits der coronabedingten KfW-Programme. Generell sei aber eine operative Krise mit finanziellen Implikationen bei vielen Unternehmen eine gute Voraussetzung für ein anziehendes Geschäft.

Alle tagesaktuellen Beiträge rund um die Corona-Krise finden Sie hier

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