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08-11-2019 | Coaching | Im Fokus | Article

Warum wir Networking scheuen

Author:
Michaela Paefgen-Laß

Mit anderen zum eigenen Vorteil in Kontakt treten? Das klingt so schal wie es sich anfühlt. Networking fällt den meisten Deutschen schwer. Auch weil ethische Bedenken der Beziehungspflege im Weg stehen.

Sichtbar werden, sich zeigen und profilieren, die Karriere nicht geschehen lassen, sondern sie selbstbestimmt und vorausschauend managen. Lernen und Wissen vertiefen mithilfe von klug gepflegten Kontakten. Selbstvermarktung. Für die boundaryles career gehört strategisches Networking zum Handwerkszeug. Aktivitäten wie Arbeitsessen, Small Talks auf Branchenmessen, Vernetzungen via Xing oder Linkedin und ja, auch der Sonntagnachmittag auf dem Golfplatz bauen Beziehungen auf. 

Online wie offline schürt die Kontaktpflege für die Karriere aber auch ambivalente Gefühle, die schwer lösbar sind. Beziehungspflege, so fand etwa im Jahr 2014 eine Studie der Rotman School of Management an der Universität Toronto heraus, belastet die Psyche, weil es in einem Zug mit Ausnutzen, Nehmen-ohne-Geben, Vorteilsnahme und Klüngel wahrgenommen wird. Wer netzwerkt fühle sich "schmutzig" und schuldig, im Englischen beschreibt das der Begriff ick factor. Gehören Manager in gehoben Positionen vielleicht auch deshalb zu den fleißigsten Netzwerkern, weil sie etwas abzugeben haben, was weitaus positivere Gefühle erzeugt? 

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Networking wie die Old-boys

Richtig gut funktionieren soll die Kontaktpflege als Karrierebooster beispielsweise zwischen Männern, von denen einer im Gegenüber sein (jüngeres) Ebenbild erkennt, das er gerne fördert und an seinem Erfahrungswissen teilhaben lässt. Das Stichwort dafür lautet soziale Homophilie. Individuen bauen am ehesten Beziehungen auf, wenn soziodemographische Eigenschaften und Verhaltensweisen übereinstimmen. Die Springer-Autoren Madeline Frieling und Dominik E. Froehlich erklären in ihrer sozialen Netzwerkanlyse: "Homophilie beeinflusst die Informationen, die Individuen miteinander teilen, und die Interaktionen, in die sie miteinander treten" (Seite 181). 

Frauen dagegen netzwerken nur ungern. Sie möchten nicht um Gefallen bitten, es fällt ihnen schwer. Und wenn sie es doch tun, dann suchen sie sich höherrangige Mentoren, keine Förderer. Während Männer also über ihre Netzwerke die Karriere vorantreiben, neigen Frauen dazu, sich hinter Coachings "zu verstecken", wie es Die Zeit formuliert und auf einen weiteren Umstand aufmerksam macht: Frauen verhalten sich beim Networking tendenziell unsolidarisch. Das eigene Geschlecht, so der Verdacht, unterstützen sie in Sachen Karriere eher widerwillig. Wer auf dem Weg nach oben selbst seine Frau gestanden hat, erwartet das offenbar auch von der Geschlechtsgenossin. Die Forschung sieht sich zum genderspezifischen Netzwerken mit einer Reihe weiterer Fragen konfrontiert. 

Männliche Netzwerke sind ertragreicher

Auf Studien, aus denen sich Hinweise über Geschlechtereffekte beim Networking ableiten lassen, machen Laura Marie Wingender und Hans-Georg Wolff in "Die Rolle von Networking-Verhalten in der beruflichen Entwicklung" aufmerksam. Weil Netzwerke von Natur aus geschlechtshomogen orientiert und Männer in Führungspositionen dort überrepräsentiert sind, verfügen Männer auf dem Weg zur Macht über andere Ressourcen in ihren Netzwerken als Frauen. Es kommt also  bei "gleicher "Investition" in Networking-Verhalten zu unterschiedlichen "Renditen" hinsichtlich des Karriereerfolgs", folgern die Autoren (Seite 231). Ist Networking deshalb aber gleich unfair, unmoralisch und mental erschöpfend oder, "stellt Networking-Verhalten vielleicht sogar einen Aspekt der Arbeitsleistung dar, der belohnt werden darf?" (Seite 233). Eine aktuelle Studie lieferte Hinweise, wie die Deutschen das Netzwerken angehen.

Rund 1.000 deutsche Arbeitnehmer befragte das Meinungsforschungsinstitut One Poll im Auftrag des Büromittelherstellers Viking zum Networking im Job:

  • nur 35 Prozent der Befragten netzwerkt aktiv
  • 70 Prozent davon halten es für wichtig bis sehr wichtig für die Karriere
  • 50 Prozent wollen Menschen aus der gleichen Branche kennenlernen
  • 42 Prozent wollen Menschen treffen, die sich in gleicher beruflicher Situation befinden und ihnen bei Karriere helfen können
  • 21 Prozent wollen mit Personalentscheidern in Kontakt treten
  • 65 Prozent netzwerken überhaupt nicht, weil es an Interesse (36 Prozent), Zeit (30 Prozent) und Events in der Nähe (11 Prozent) mangelt
  • nach Geschlechtern getrennt netzwerken 73 Prozent der Frauen und 58 Prozent der Männer nicht aktiv
  • Männer netzwerken hauptsächlich um potenzielle Kunden (41 Prozent), Personalentscheider (25 Prozent) und Führungskräfte (23 Prozent) kennen zu lernen
  • 89 Prozent der Mitarbeiter aus dem Senior Management netzwerken der Karriere wegen, 56 Prozent um Kunden zu kontaktieren
  • Frauen netzwerken hauptsächlich um Leute aus der gleichen Branche (54 Prozent), Leute aus anderen Branchen (41 Prozent) und Mentoren (13 Prozent) zu finden
  • nur wenige Arbeitnehmer finden es unfair, wenn jemand einen Job der guten Beziehung wegen bekommt (15 Prozent) und 22 Prozent würden das gleiche tun
  • insgesamt netzwerken die Deutschen lieber offline als online

Beziehungspflege braucht eine positive Haltung

Aktives Networking hängt also maßgeblich von der beruflichen Position und dem Geschlecht ab. Als Baustein der beruflichen Handlungskompetenz gewinnt es ungeachtet dessen zunehmend an Bedeutung. Nötig sind also Methoden, die helfen blockierende Glaubenssätze und stereotype, geschlechterabhängige Handlungsweisen aus den Köpfen verschwinden zu lassen. Learn to love networking, raten Tiziana Casciaro von der Rotman School of Management und ihre Co-Autorinnen. Klingt lapidar, aber, wer sein Mindset ändert und Netzwerken als Lernerlebnis und Teilhabe an Wissen umdeutet, soll sich weniger schuldig fühlen. Gelingen kann das mit vier Tipps, die als Ergebnis der Studie im Harvard Business Review zusammengefasst sind: Focus on Learning, Identify Common Interests, Think Broadly About What You Can Give, Find a Higher Purpose.

Korrelationen zwischen Techniken der Positiven Psychologie, Trainings im Networking und mentaler Stärke untersuchten die Springer-Autoren Lana Schaake, Franziska Stein und Ottmar L. Braun. Trainingseffekte stellten sich ein, wenn sich die Teilnehmer zunächst ihr berufliches und privates Netzwerk visualisierten. Im zweiten Schritt wurden die Qualität der Beziehungen und Top-Unterstützer ermittelt und schließlich Stärken aus dem Stärkentest der Positiven Psychologie ermittelt. Leitfragen dazu sind (Seite 154):

  • Menschen, die Sie anrufen können, wenn es Ihnen mal wirklich schlecht geht.
  • Menschen, die Ihnen am ehesten helfen könnten, wenn Sie eine Stelle suchen.
  • Die besten Ratgeber, wenn Sie sich selbstständig machen würden.
  • Legen Sie für all die Ziele, die für Sie besonders wichtig sind, jeweils eine eigene Liste an.
  • Welche Ihrer Stärken können Ihnen beim Networking behilflich sein?
  • Welche Ihrer Stärken ist nützlich für andere Kontakte?
  • Notieren Sie Ihre eigenen Networking-Stärken in ihrem Glücks- bzw. Erfolgstagebuch.

Networking-Trainings stärken die Selbstwahrnehmung und die Selbstmanagementkompetenz. Schließlich geht es darum gleichwertige Beziehungen herzustellen, von denen ein Partner das Wissen und die Erfahrung des anderen schätzt. Dann profitieren beide Seiten. Dazu schreibt Tiziana Casciaro: That mindset will make our interactions with contacts more meaningful and energizing.

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