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19-02-2020 | Controllingfunktionen | Interview | Article

"Neue Rollen prägen das Finanz- und Rechnungswesen"

Author:
Angelika Breinich-Schilly
4:30 min reading time
Interviewee:
Stefan Stieger

leitet seit Februar 2017 das Team Finanz- und Rechnungswesen bei der internationalen Personalberatung Robert Walters am Standort Frankfurt am Main.

Buchhalter und Controller sind längst nicht mehr die Erbsenzähler im stillen Kämmerlein. Gefragt sind heute neben Finanzwissen auch umfassende IT- und Management-Kompetenzen. Personalexperte Stefan Stieger erklärt, was das für Bewerber und Unternehmen bedeutet.

In welchen Bereichen des Finanz- und Rechnungswesen werden derzeit Fachkräfte gesucht?

Wir sehen eine verstärke Nachfrage nach Führungskräften und Teamleitern mit drei bis fünf Jahren Berufserfahrung, vor allem im Accounting. Gesucht werden beispielsweise Mitarbeiter für Positionen als Head of Accounting, Teamleiter Bilanzierung oder auch Accounting Manager. Hierbei handelt es sich allerdings weniger um die Schaffung neuer Positionen, sondern mehr um Nachbesetzungen. Scheidet beispielsweise der Leiter Accounting in einem Unternehmen aus und die Stelle soll mit einem externen Kandidaten besetzt werden, sind in der Regel Kandidaten mit hoher Fachkompetenz aus dem operativen Bereich gesucht, die bereits erste Führungserfahrungen sammeln konnten und den nächsten Karriereschritt machen wollen. Interessant ist hierbei, dass sich immer mehr Kandidaten, bewusst gegen Leitungsfunktionen im Finanz- und Rechnungswesen und für eine bessere Work-Life-Balance entscheiden. Dadurch entstehen Chancen für Kandidaten ohne Führungserfahrung, die aber genau diesen Schritt gehen möchten, Mitarbeiter managen und Projekte aktiv voranbringen wollen. 

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Controlling – Digitalisierung, Automatisierung und Disruption verändern Aufgabenfelder und Anforderungen nachhaltig

Digitalisierung und immer schnellere Änderungen in Wirtschaft, Gesellschaft und Technologie haben zur Folge, dass sich auch das Berufsbild des Controllers in den nächsten Jahren stark verändern wird. Bisher typische Aufgaben wie das reine Zusammenstellen von Daten und Zahlen oder standardisiertes Reporting werden nach und nach verschwinden, da diese Aufgaben besser von Computern übernommen werden können.

Was bedeutet das für die Personalentwicklung?

Unternehmen sollten das Potenzial dieser noch führungsunerfahrenen Mitarbeitern erkennen und ihnen Unterstützung für die persönliche Weiterentwicklung anbieten, beispielsweise durch Coachings, Trainings oder Mentoringprogramme. Auch im Controlling werden aktuell viele weitere Profile stark nachfragt. Hier suchen wir für unsere Kunden beispielsweise Heads of Sales Controlling, aber auch Personalcontroller und Supply Chain Controller. Die Nachfrage ist dabei branchenübergreifend und reicht von mittelständischen Dienstleistungsunternehmen, über die verarbeitende Industrie bis hin zur Baubranche.

Welche besonderen Fähigkeiten oder Profile sollten Bewerber mitbringen?

Stark nachgefragt sind Fähigkeiten in den Bereichen Künstliche Intelligenz (KI), Digitalisierung und Prozessautomatisierung, zum Beispiel in der Buchhaltung. Immer wichtiger werden auch Kenntnisse in der Entwicklung und im Umgang mit digitalen Tools. Diese werden künftig immer häufiger einzelne Aufgaben aus dem Controlling übernehmen, wie beispielsweise das Erstellen von Datenanalysen und Reportings. Neben Finance-Kenntnissen und starkem IT-Know-how sollten Kandidaten zudem eine ausgeprägte Projekt- und Kommunikationsstärke mitbringen, um die Digitalisierung im Finanz- und Rechnungswesen aktiv vorantreiben zu können.

Sind mit neuen Skills und Technologien auch neue Rollen für Finance-Spezialisten verbunden? Haben Sie ein praktisches Beispiel?

Die Rollen im Finanz- und Rechnungswesen haben sich weiterentwickelt, aber es sind auch neue Berufsbilder entstanden. Waren Controller beispielsweise bisher für die Datensammlung und die Erstellung von Reportings und Analysen zuständig, sind sie mittlerweile mehr als nur Datensammler. Sie vereinen in ihrer Rolle Fähigkeiten eines Programmierers und Projektleiters und sind zudem spezialisierte Ansprechpartner im Unternehmen. Weitere neue Berufsbilder sind Tax-Tech-Spezialisten oder IT-Auditoren, die die Schnittstelle zwischen Finanz- und IT-Abteilung bilden. Aber auch der Business Intelligence Controller und der Specialist Data Analytics gehören zu den neuen, gefragten Rollen.

Wie wirkt sich der Fachkräftemangel in diesem Bereich aus?

Der Fachkräftemangel verstärkt sich weiter, da die gesuchten Experten, oft noch gar nicht am Markt verfügbar sind. Die Fachkräfte für diese Positionen befinden sich noch in der Ausbildung und entsprechende Studiengänge sind noch ganz neu. Dementsprechend ist mit einer spürbaren Erleichterung sicher erst in fünf bis zehn Jahren zu rechnen. Auch die Weiterbildung bestehender Mitarbeiter ist kaum möglich und aus meiner Sicht sehr schwierig, da Unternehmen intern aktuell überhaupt noch nicht das notwendige Know-how besitzen. Erst vor kurzem hatten wir einen ersten Bewerber in Frankfurt, der tatsächlich alle Anforderungen bedienen konnte. Er hat erfolgreich ein Studium im Bereich Finance absolviert und auch erste Berufserfahrung gesammelt. Zudem hat er im Bereich IT und Data Management promoviert. Somit konnte er beide Themenbereiche ideal abdecken.

Was wünschen sich Bewerber von ihrem Arbeitgeber und wie stellen sich die Unternehmen darauf ein?

Bewerber wünschen sich heutzutage vor allem Flexibilität und die Möglichkeit mit ihrem Fachwissen und ihrer Erfahrung aktiv zum Unternehmenserfolg beizutragen. Einem Kandidaten, den wir kürzlich bei einem unserer Kunden platziert habe, wurde neulich ein interessantes Angebot gemacht. Ihm wurde angeboten, als Head of Accounting & Finance ein fünfköpfiges Team fachlich und disziplinarisch zu leiten und vor allem Innovationen voranzutreiben – das Ganze mit einer festgelegten 38-Stundenwoche. Der Kandidat hat dafür auf den Dienstwagen und eine zusätzliche Bonuszahlung verzichtet. Dies ist der Beweis, welche Möglichkeiten es heute gibt, wenn beide Seiten wirklich zusammenarbeiten wollen und offen miteinander über ihre Wünsche und Erwartungen sprechen.

Wo sehen Sie Finance-Fachkräfte in zehn oder 15 Jahren was die Aufgaben und Kompetenzen betrifft?

Themen wie Digitalisierung und Automatisierung werden in den kommenden Jahren viele manuelle Prozesse ablösen. Da Daten in Zukunft eine zentrale Rolle für Unternehmensentscheidungen spielen, wird das Zusammenspiel zwischen Menschen und Maschinen immer wichtiger werden. Finance-Fachkräfte müssen nicht nur in der Lage sein, mit neuen digitalen Tools zu arbeiten, sie müssen diese auch managen und optimieren. Es wird aus strategischer Sicht immer wichtiger werden Unternehmenskennzahlen bereitzustellen, zu jeder Zeit verfügbar zu machen und neue Auswertungsmöglichkeiten voranzutreiben. In diesem Zusammenhang wird es auch immer bedeutsamer, die Qualität der Daten sicherzustellen. Der Faktor Mensch wird allerdings auch im Finanz- und Rechnungswesen weiterhin eine bedeutende Rolle spielen, denn die Finance-Experten übernehmen vermehrt strategische und kontrollierende Aufgaben.

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