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24-02-2021 | Corporate Finance | Interview | Article

"Der CFO ist per Definition der Advocatus Diaboli"

Author:
Angelika Breinich-Schilly
5 min reading time
Interviewee:
Chrisoph Ahr

ist Chief Financial Officer des Cloud- und SaaS-Anbieters Jedox.

Obwohl die aktuelle Krise unzählige Digitalisierungslücken in der deutschen Wirtschaft offenbart, agieren viele Unternehmen zögerlich. Doch der CFO als Business Partner und das Controlling können notwendige Veränderungsprozesse beschleunigen, meint Finance-Experte Christoph Ahr. 

Springer Professional: Die Datenberge in den Finanz- und Controlling-Abteilungen wachsen nicht erst seit Ausbruch der Corona-Pandemie in die Höhe, obwohl die Krise hier sicher für einen zusätzlichen Schub gesorgt hat. Wo sehen derzeit die größten Sorgen der Entscheider und ihrer Teams aus?

Christoph Ahr: Die gegenwärtige Krise hält Unternehmen vor allem einen Spiegel vor: Alle wichtigen Werkzeuge gibt es schon lange. Vor Jedox war ich bei Celonis tätig, ein 2011 gegründetes Unternehmen, dessen Produkt zunächst als eine Art Röntgengerät für Unternehmen funktioniert. Die Komplexität in Unternehmen ist derart groß geworden, sodass der Mensch dies nicht mehr verarbeiten kann. Diese Komplexität muss reduziert und wieder durch den Menschen erfassbar werden. Jedox wurde 2002 gegründet: Wir arbeiten mit großen Datenmengen. Am Ende des Tages geht es um die multidimensionale Auswertung ebendieser, also dort, wo man mit Excel nicht mehr weiterkommt. Fazit: Die Herausforderungen, die wir jetzt erleben, sind also nicht wirklich neu. 

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01-07-2020 | Information & Technologie | Issue 5/2020

Digitalisierung im Corporate Treasury Management

Eine Analyse von 59 Publikationen lässt erkennen, wie sich die Digitalisierung auf den Bereich des Corporate Treasurys in Deutschland auswirkt. Schon heute sind grundlegende Veränderungen sichtbar. Auch in Zukunft, so die Prognose, werden die Prozesse, die Organisation und das Reporting im Corporate Treasury Management weiterhin nachhaltig durch neue Technologien geprägt werden.

Und woran liegt das?

Während Großunternehmen tendenziell besser aufgestellt sind, hängt beim Mittelstand oftmals die Bereitschaft Digitalisierung sinnvoll zu nutzen von einzelnen Persönlichkeiten ab. Der öffentliche Sektor erscheint sogar eher digitalisierungsfeindlich. Man muss gar nicht erst das sprichwörtliche Fax unserer Gesundheitsämter polemisch als Beispiel heranführen, welches in meiner Jugend schon als Artefakt aus dem Museum galt. Oder ein anderes Beispiel: Ich hatte Anfang 2020 versucht mich mit meinem elektronischen Personalausweis umzumelden. Die Gemeinde hat mich per Post informiert, dass dies nicht geht.

Welche Auswirkungen hat diese Haltung?

Wie immer im Leben: "Wer zu spät kommt …". Nachholen ist immer teurer und fehleranfälliger, als frühzeitig zu antizipieren. Wer heute nicht digital ist, wird es am Arbeitsmarkt schwer haben, die richtigen Talente zu gewinnen. Wer allerdings Digitalisierung nicht passiv erleidet, sondern aktiv gestaltet, bemerkt weniger Herausforderungen als stets bessere Segnungen.

Nun galten Controller oft als Serviceeinheiten, die die passenden Daten als Grundlage für Entscheidungen und Strategien zu liefern hatten. Hat sich ihre Rolle im Unternehmen gewandelt? Wie viel Anteil hieran hat die aktuelle Krise?

Klassisch gibt es im deutschen Sprachraum den "Kontroller", der vor allem darauf achtet, dass der Soll/IST-Abgleich der Kosten passt. Da werden Mitarbeiter eingestellt, weil es ja im Budget vorgesehen wird, aber eine sinnvolle Ausgabe wird dadurch nicht getätigt, da dies nicht eingeplant war. Die nächste Evolutionsstufe ist der Datenexperte, der als Stabstelle den CFO unterstützt. Die Berichte werden ansehnlicher, farbenfroher und es werden durchaus gute Erkenntnisse geliefert. Das hat alles seine Berechtigung: Kaum jemand hat so einen guten und ganzheitlichen Blick auf das Unternehmen wie ein Controller, denn am Ende taucht alles irgendwo als Kosten auf. 

Doch Controller tun heute meist wesentlich mehr...

Ein wirklicher Mehrwert entsteht, wenn sich der Controller als Business Partner versteht. Excel ist das Handwerkszeug, die eigentlich Leistung ist aber, die Realität mit der ausgegebenen Unternehmensstrategie abzugleichen und sowohl Handlungsempfehlungen abzuleiten und Verbesserungspotentiale aufzuzeigen als auch diese konstruktiv nutzbar zu machen. Die Krise hat die Welt näher zusammengebracht, Distanzen abgebaut und notwendige Veränderungsprozesse beschleunigt: Der Controller als Business Partner ist aber auch davor schon ein Erfolgsmodell gewesen.  

Immer mehr Unternehmen setzen auf Digitalisierung der Finanzfunktionen, um möglichst schnell auf die richtigen Zahlen zugreifen zu können. Welche Technologien haben hier die Nase vorne? Und mit welchen Hürden kämpfen die Betriebe?

Ich beobachte ein Nebeneinander zweier Ansätze: Ein System eines Herstellers, das Best-Practices abbildet und nach dem das Unternehmen seine Prozesse ausrichten muss. Ein äußerst sinnvoller Ansatz in Unternehmen, die wenig Veränderung erleben. Oder der sogenannnte Best-of-Breed-Ansatz, das heißt immer die beste Software für einen bestimmten Anwendungsbereich zu nutzen. Die Organisation ist damit enorm flexibel und skalierbar. Die große Herausforderung sind hier jedoch die Schnittstellen, damit die Systeme sinnvoll ineinandergreifen. Beide Ansätze haben ihre Berechtigung: Daten müssen aber gepflegt werden. Hierfür bedarf es immer einer sinnvollen Planung, welche Daten für welchen Zweck erhoben werden, und wer dafür verantwortlich ist. Die Verantwortlichen müssen inhaltlich abgeholt werden, sodass es nicht als reiner Verwaltungsakt empfunden wird. Dieser Punkt wird nach wie vor unterschätzt. Davon, dass alles automatisiert wird, sind wir noch einige Jahre entfernt.

Wie verändern digitale Tools die täglichen Abläufe und Prozesse in den Controlling- und Finanzabteilungen? Haben Sie ein Beispiel aus der Praxis für uns? 

Ohne DocuSign könnte ich nicht mehr leben: Ich unterschreibe rund 20 bis 30 Dokumente am Tag von überall auf der Welt, notfalls per Handy. Immer mehr akzeptieren die digitale Unterschrift: Ein enormer Effizienzgewinn.

Welche neuen Aufgaben kommen langfristig auf die CFOs und Controller zu, die heute vielleicht noch keine so große Rolle spielen? 

Der CFO etabliert sich immer mehr zur zweitwichtigsten Person nach dem CEO im Unternehmen. Er ist Sparringspartner für diesen und per Definition der Advocatus Diaboli. Der Controller wiederum ist der Sparringspartner des CFO, besetzt wichtige Schnittstellen und sorgt dafür, dass der CFO auch einen Impact hat.

Auf welche Skills sollten Studierende oder Berufseinsteiger in diesem Bereich achten? Wer hat künftig die besten Chancen im Job?

Ich war nie ein großer Freund davon, seine Ausbildung taktisch zu kombinieren. Ohne Leidenschaft gibt es keinen Erfolg, was nicht heißt, dass Leidenschaft ausreichend ist. Solide Fachkenntnisse muss man erwarten, von Buchhaltung über vernünftige IT-Kenntnisse ist jedes Rüstzeug hilfreich. Allerdings: Ich hatte beispielsweise nie eine einzige Steuervorlesung während meines Studiums, dennoch sowohl das Steuerberater- und das Wirtschaftsprüferexamen erfolgreich gemeistert. Mit Neugierde und Leidenschaft lässt sich vieles wettmachen.
 

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