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24-11-2020 | Cyber-Sicherheit | Interview | Article

"Das Bewusstsein für neue Geldwäsche-Methoden entscheidet"

Author:
Angelika Breinich-Schilly
4:30 min reading time
Interviewee:
Simon Viney

ist Financial Sector Cyber Consulting Lead bei BAE Systems Applied Intelligence mit dem Schwerpunkt Informationsrisiko- und Sicherheitsmanagement bei Finanzdienstleistungen.

Kriminelle Cyber-Banden waschen in einem komplizierten Prozess über Konten privater Bankkunden weltweit Geld in Milliardenhöhe. Dabei verfeinern sie immer wieder ihr Vorgehen. Die als legal erscheinenden Transaktionen zu entdecken, ist eine große Herausforderung. 

Springer Professional: In Ihrem aktuellen Report beleuchten Sie, wie Kriminelle im Netz organisiert Geldwäsche betreiben und welche Mittel sie dabei einsetzen. Es handelt sich dabei in der Regel kaum um Einzeltäter, sondern um gut vernetzte kriminelle Gruppen. Können Sie uns zunächst ein paar Zahlen und Fakten liefern, damit wir das globale Ausmaß einschätzen können?

Simon Viney: Die Aktivitäten aller Cyber-Kriminellen, ob sie nun einzeln, als Teil einer kleinen Bande, als organisierte Verbrechergruppen oder sogar für einen Nationalstaat arbeiten, haben weltweit zu jährlichen Gesamteinnahmen aus der Cyber-Kriminalität geführt, die auf 1,5 Billionen US-Dollar geschätzt werden.

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01-10-2020 | SPECIAL | Issue 10/2020

Betrüger haben leichtes Spiel

Laxe Cyberhygiene und der menschliche Faktor sind die Haupt-Einfallstore für erfolgreiche IT-Angriffe auf die Finanzbranche. Und sowohl Kreditinstitute als auch Kriminelle rüsten nun zunehmend mit Künstlicher Intelligenz auf.

Sie berichten davon, dass organisierte Täter gezielt ihre Beute zu Geld machen und dabei bestimmte Vorgehensweisen und Techniken einsetzen, um unentdeckt zu bleiben. Wie können wir uns das in der Praxis vorstellen?

Sobald der anfängliche Diebstahl stattgefunden hat, versuchen die kriminellen Gruppen, den Geldfluss durch eine komplexe Kette von Schritten zu verbergen. Oft wird er in kleinere Beträge aufgeteilt und mit anderen legitimen Geldern kombiniert. Unser Bericht beschreibt, wie zum Beispiel Bargeldgeschäfte hier häufig eine Schlüsselrolle spielen, da ein Großteil der Transaktionen nicht dokumentiert ist. Darüber hinaus nutzen die kriminellen Banden oft die Unterschiede zwischen den einzelnen Gerichtsbarkeiten bei der Registrierung von Unternehmen aus, so dass Strohfirmen als Deckmantel dienen, um die Quelle der gestohlenen Gelder zu verbergen.

Welche Rolle spielen Kryptowährungen heute in den Plänen der Cyber-Kriminellen?

Die bislang identifizierten Fälle von Geldwäsche mittels Kryptowährungen sind im Vergleich zum Volumen der mit traditionellen Methoden der gewaschenen Gelder relativ gering. In einem wichtigen Fall wird jedoch davon ausgegangen, dass eine größere Gruppe von Cyber-Kriminellen gestohlene Gelder aus Auszahlungen von Geldautomaten in Kryptowährungen umgewandelt hat. Die Vielzahl von Kryptowährungen, die ein großes Maß an Anonymität bieten, sowie Dienste wie die sogenannten Mixer und Tumbler, die dazu beitragen, die Herkunft der Gelder zu verschleiern, indem potenziell identifizierbare Kryptogelder mit großen Mengen anderer Gelder vermischt werden, könnten die Attraktivität von Kryptowährungen für kriminelle Gruppen erhöhen.

Laut Ihren Schilderungen geraten auch immer wieder Unschuldige in die Machenschaften der organsierten Cyber-Banden, etwa durch gefälschte Stellenanzeigen. Worauf sollten Nutzer besonders achten, um sich besser zu schützen. Haben Sie ein paar praktische Tipps?

Da kommt mir das Sprichwort "Wenn es zu schön scheint, um wahr zu sein, dann ist es wahrscheinlich zu schön, um wahr zu sein" in den Sinn. Oft erscheint die Arbeit, die in gefälschten Stellenanzeigen verlangt wird, trivial zu sein im Vergleich zu dem Geld, das überwiesen wird, und den Belohnungen, die angeboten werden. Man sollte niemals anderen Personen Zugang zum Bankkonto gewähren, auch nicht vorübergehend, zum Beispiel um jemandem einen Gefallen zu tun, der sich angeblich in einer Notlage befindet. Die von der City of London Police zusammen mit dem National Fraud Intelligence Bureau (NFIB) betriebene Organisation ActionFraud, bei der Betrug und Cyber-Kriminalität gemeldet werden können, gibt einige Ratschläge, um nicht in Gefahr zu geraten, als Geldesel missbraucht zu werden. 

Was heißt das genau?

Dazu gehört, dass man nicht auf Stellenanzeigen oder Social-Media-Posts reagieren sollte, die viel Geld für sehr wenig Arbeit versprechen. Und man sollte nicht versäumen, Nachforschungen über einen potenziellen Arbeitgeber anzustellen, insbesondere einen, der im Ausland ansässig ist, bevor man ihm seine persönlichen Daten oder Kontodaten zur Verfügung stellt. Außerdem kann man sich schützen, wenn man beherzigt, dass einen kein seriöses Unternehmen jemals auffordern wird, das eigene Bankkonto zu verwenden, um deren Geld zu überweisen. Auf Stellenangebote, die dazu auffordern, sollte man nicht reagieren.

Ein weiteres, großes Problem liegt auch in den Finanzhäusern, die nicht jede kriminelle Transaktion als verdächtig aufspüren und staatlichen Behörden wie der Financial Intelligence Unit (FIU) als Zentralstelle für Finanztransaktionsuntersuchungen melden. Woran liegt es, dass die Täter hier oft einen Schritt voraus scheinen?

Die Herausforderung besteht im schieren Volumen an Finanztransaktionen und der Tatsache, dass die kriminellen Branden versuchen, betrügerische Transaktionen wie legitime Transaktionen aussehen zu lassen. Hinzu kommt, dass die kriminellen Gruppen absichtlich Geld zwischen verschiedenen Gerichtsbarkeiten bewegen, da sie wissen, dass Unterschiede in der Art und Weise, wie Gerichtsbarkeiten Kontrollen zur Bekämpfung der Geldwäsche durchführen, die Versuche behindern, dem Geldfluss zu folgen.

Wo können Banken konkret ansetzen, um den kriminellen Netzwerken künftig schneller auf die Spur zu kommen?

Wie der Bericht abschließend feststellt, sollte ein besonderes Augenmerk auf die Nutzung der sogenannten Geldesel und auf Strohfirmen gelegt werden. Eine Schlüsselrolle spielt die Zusammenarbeit, sowohl unternehmensübergreifend und international, ebenso wie bezüglich der unterschiedlichen Gerichtsbarkeiten. Darüber hinaus wird das Bewusstsein für neue Geldwäsche-Methoden wie die Nutzung von Kryptowährungen von entscheidender Bedeutung sein, um die Möglichkeiten der Cyber-Kriminellen zu reduzieren, ihre Beute zu Geld zu machen.

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