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About this book

Dieser Band versammelt interdisziplinäre Perspektiven zum Zusammenhang von Mediatisierung, Digitalisierung und Ökonomisierung und bietet eine ethische Reflexion derselben an. Beleuchtet werden philosophische, ökonomische, rechtliche, pädagogische und psychologische Aspekte, von denen der Mensch im digitalen Zeitalter betroffen ist. Kernfragen sind dabei: Bedarf der Metaprozess der Mediatisierung neuer anthropologischer Grundannahmen in Hinblick auf medien- und kommunikationsethische Fragestellungen? Welcher ethische Reflexionsbedarf ist angezeigt? Welche Handlungs- und Entscheidungsoptionen ergeben sich für Individuen, Organisationen und Institutionen im digitalen Zeitalter? Welche Gestaltungs- und Widerstandsformen bieten sich an?

Table of Contents

Frontmatter

Die inhärent interdisziplinäre Konzeptualisierung einer conditio humana unter ökonomisierten und mediatisierten Bedingungen

Zusammenfassung
Der vorliegende Sammelband vereint die Langfassungen der Beiträge zur Jahrestagung des IMEC (Interdisciplinary Media Ethics Centre), die im März 2018 an der Fachhochschule St. Pölten unter dem Titel „Der Mensch im digitalen Zeitalter: Ethische Fragen zum Einfluss von Ökonomisierung, Digitalisierung und Mediatisierung auf die conditio humana“ stattgefunden hat. Wie es dem Gründungsgedanken des IMEC entspricht, werden bei diesen Tagungen interdisziplinäre Zugänge zu aktuellen medienethischen Fragen gesucht und vorgestellt. Eine theoretische und empirische Fassung des Konzepts „conditio humana“ unter den Bedingungen der Ökonomisierung und Mediatisierung scheint auch gar nicht anders denkbar als unter Zuhilfenahme verschiedener Disziplinen.
Larissa Krainer, Michael Litschka

Metaprozesse als conditio humana – Zur ethischen Potenz einer philosophischen Leerstelle

Zusammenfassung
Die grundlegende Metaphysikkritik seit Immanuel Kant macht eine essenzialistische Wesensdefinition des Menschen obsolet. Es wird vorgeschlagen, die alltagslateinische Formel „conditio humana“ als das jeweilige epochale Menschsein in den thematisch definierten „Metaprozessen“ (vgl. Krotz 2007) Mediatisierung, Globalisierung und Ökonomisierung zu konzeptionalisieren. „Conditio humana“ beschreibt dann das Spezifikum des Menschen nicht mehr essenziell, sondern funktional. Der Mensch war und ist immer global, ökonomisch und medial. Daraus zieht der Beitrag zwei Folgerungen: Anthropologisch werden diese Metaprozesse als historisch unterschiedlich dominante Bewusstseinsformen bestimmt. Und ethisch ermöglicht die kritische Reflexion auf diese Metaprozesse, sie nicht in ihrer Funktion als Movens sozialen und kulturellen Wandels zu verneinen, sondern sie unter den Anspruch plausibilisierter normativer Prinzipien der intentionalen und reflektierten Gestaltung dieser Metaprozesse zu stellen: normative Orientierung, menschliche Würde und kommunikative Authentizität.
Matthias Rath

Digitale Resilienz im Zeitalter der Datafication

Zusammenfassung
Der Begriff der Resilienz gewinnt seit einigen Jahren in unterschiedlichen Disziplinen verstärkt an Aufmerksamkeit und wird auch im Kontext der Digitalisierung diskutiert. Der Beitrag beschäftigt sich mit der Relevanz des Konzepts einer digitalen Resilienz, benennt unterschiedliche Wirkungsfelder und diskutiert seine Bedeutung im Rahmen von Prozessen der Datafication. Zudem wird auf ethische Gesichtspunkte Bezug genommen, da etwa für das vernetzte Individuum die Sicherstellung einer informationellen Selbstbestimmung zunehmend an Bedeutung gewinnt und gerade im Rahmen einer sich vertiefenden Vernetzung die Aufrechterhaltung der Handlungsautonomie des Menschen bedroht ist. Abschließend werden Dimensionen der digitalen Resilienz auf unterschiedlichen Ebenen benannt, die als wichtige Kernelemente einer reflektierten Auseinandersetzung mit Phänomenen der Datafication gelten können.
Thomas Steinmaurer

Die Grenzen der Aufmerksamkeit: Mentale Überlastungen in einer mediatisierten Gesellschaft

Zusammenfassung
Der Beitrag behandelt die Frage, wie unsere mediatisierte Gesellschaft mit den Schattenseiten einer digitalen Ökonomie der Aufmerksamkeit umgeht. Im öffentlichen Diskurs, aber auch in der wissenschaftlichen Psychologie und Pädagogik, wird auf die zunehmende Überlastung von Mediennutzern durch eine stark zugespitzte und grenzenlose Online-Kommunikation hingewiesen. Darunter fallen Suchterscheinungen, Erschöpfungssyndrome und Angstzustände. Im theoretischen Teil wird deshalb erläutert, wie die Mediatisierung die Funktionslogik der öffentlichen und privaten Kommunikation verändert. Wichtige Basiskonstrukte sind hierbei Uwe Schimanks Akteur-Struktur-Dynamiken in gesellschaftlichen Teilsystemen, der Medienlogik-Ansatz nach David Altheide und Robert Snow sowie die systematisierenden Beiträge zur Mediatisierung der Gesellschaft nach Michael Meyen und Friedrich Krotz. Ausgehend vom stark prozessbezogenen empirischen Forschungsstand wird hier eine kritische Folgenperspektive eingenommen. In 19 Leitfaden-Interviews mit Experten aus der praktischen Psychologie, Pädagogik und Massenkommunikation zeigt sich: Mentale Grenzüberschreitungen in einer digitalen Ökonomie der Aufmerksamkeit sind eine reale und gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die der einzelne Nutzer oft nicht bewältigen kann. Appelliert wird deshalb an intensivere Medienkompetenzvermittlung über alle Altersgruppen hinweg. Befürwortet werden zudem interdisziplinäre Projekte, die den Nutzer und sein soziales Umfeld präventiv und kurativ begleiten.
Fabian Wiedel

Der Social Choice der Selbstregulierung – ein vertragstheoretischer Versuch in Zeiten ökonomisierter und mediatisierter conditio humana

Zusammenfassung
Der Beitrag thematisiert einige Probleme der Ökonomisierung der Medienlandschaft und versucht, das System der Selbstregulierung für Medienunternehmen zwischen den Polen Abgabe und Sicherung von Freiheitsgraden zu konzeptualisieren. Dafür wird der Sozialvertragsansatz nach David Gauthier herangezogen, um zu zeigen, wie Social Choice Fragen im Zusammenhang der Medien-Regulierung modelliert werden können. Spezifischer wird gefragt, wie eine weitreichende Legitimierung einer Selbstregulierungseinrichtung wie des österreichische Presserats ohne allzu große Rückgriffe auf eine universalistische Ethik möglich sein könnte.
Michael Litschka, Sebastian Tschulik

Media Social Responsibility an der Schnittstelle von Media Accountability und Corporate Social Responsibility

Ein theoretisches Konzept und eine empirische Untersuchung der Medienindustrie am Beispiel der D-A-CH Länder
Zusammenfassung
Soziale und umweltbezogene Themen werden heute im globalen Diskurs verstärkt aufgegriffen – sowohl von individuellen Kommunikatoren*innen als auch von Institutionen und Organisationen. Auch Medienunternehmen nehmen ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft verstärkt wahr und richten ihr Handeln dementsprechend aus. Insbesondere in einer durch die Digitalisierung massiv veränderten Medien- und Informationsökologie rücken Unternehmen der TIMES Branche Aspekte der ökonomischen, aber eben auch sozialen und umweltbezogenen Verantwortung verstärkt in den Mittelpunkt ihrer Geschäftsaktivitäten. Hier werden sie im Zuge von Media Accountability (MA) und Corporate Social Responsibility (CSR)-Maßnahmen aufgegriffen. Die besondere Herausforderung dabei: bei Medienunternehmen geht es nicht nur um verantwortungsvolles Wirtschaften, sondern zusätzlich um eine Auseinandersetzung mit dem normativen Rahmenwert für eine verantwortungsvolle journalistische Arbeit. Im Bereich Medien- und Kommunikationswissenschaften werden hier vor allem die Forderungen nach Objektivität, Meinungsvielfalt, Pluralismus und Wahrheitstreue diskutiert – die wiederum auch die normativen Grundpfeiler für MA als Teil der Medien-Selbstregulation und CSR darstellen. Eine Kombination dieser interdisziplinären Theoriebausteine sowie eine Zusammenführung unterschiedlicher methodischer Blickwinkel erscheint sinnvoll, insbesondere in der Analyse von Entscheidungsstrukturen und Dilemmata sowie ethischer Diskurse auf Organisationsebene. Das vorliegende Projekt führt ein organisationsethisches Konzept der Media Social Responsibility ein und begründet dies sowohl theoretisch als auch anhand empirischer Ergebnisse zweier Studien. Studie 1 ist eine quantitative Studie, die das Ziel verfolgt, herauszufinden, ob CSR/MA Aspekte in der Online-Kommunikation von 32 Medienunternehmen aus dem D-A-CH Raum aufgegriffen werden und inwieweit dabei den Besonderheiten der Medienindustrie Rechnung getragen wird. In Studie 2, einer qualitativen Untersuchung, wird der Frage nachgegangen, inwieweit Medienmanager*innen ethische Fragen in Unternehmensentscheidungen miteinbeziehen. Die Ergebnisse leisten einen zentralen Beitrag zu aktuellen organisationsethischen Überlegungen und begründen nicht nur die Verwobenheit einer Ökonomisierung und Digitalisierung mit ethischen Prozessen sondern auch deren Realisierung in der organisationsinternen und -externen Kommunikation.
Isabell Koinig, Denise Voci, Franzisca Weder, Matthias Karmasin

Narrative über „ideale Medienpraxis“ in der Kinder- und Jugendliteratur

Ein Modell zur Reflexion von Einstellungen von Lehramtsanwärter*innen zur „Mediatisierung“ als Teil der conditio humana
Zusammenfassung
Die conditio humana als neuzeitliches und vor allem modernes Konstrukt eines historisch sich wandelnden Menschseins, das existenzialistisch im individuellen Akt der Selbstbestimmung entwickelt wird, ist ein Thema auch literarischer Narrative. Pars pro toto steht dafür der Roman La Condition humaine von André Malraux, 1933 veröffentlicht bei Gallimard in Paris, der die Wendung conditio humana explizit im Titel trägt. Literatur verweist dabei nicht nur auf diese historisch je unterschiedliche Selbstdefinition, sondern betreibt sie auch. Im fiktiven Narrativ wird das Menschsein exemplarisch kommuniziert.
Diese mediale Hermeneutik ist jedoch nicht nur der Rahmen und der Vollzug der conditio humana, sondern diese Kommunikation ist selbst, wie Friedrich Krotz in seiner Theorie der Mediatisierung (Krotz 2001, 2007) zeigen konnte, ein Ergebnis medialer Praxis. Rath (2014) hat darauf hingewiesen, dass Mediatisierung in der Gegenwart nicht nur ein wissenschaftliches Verstehensmodell für die Abhängigkeit der jeweiligen menschlichen Kommunikation von den medialen Handlungsmöglichkeiten (Medientechnik) und deren Anwendung (mediale Praxis) darstellt, sondern zugleich auch unsere Gegenwart als „Epoche medialer Bewusstheit“ auszeichnet. Heruntergebrochen auf eine fachdidaktische, metadidaktische und zugleich professionalitätstheoretische Fragestellungen, geht es um die Erfassung, Ausbildung und Stärkung des epistemischen und epistemologischen Bewusstseins angehender Lehrkräfte von der handlungsleitenden Angemessenheit und begründungslogischen Tragfähigkeit ihrer beliefs im Hinblick auf den Einsatz vor allem digitaler Medien im Unterricht.
Ausgehend von einem Lehr- und Forschungsprojekt im Rahmen der Lehramtsausbildung stellt der Beitrag ein Modell vor, mit Studierenden selbstreflektierend zu untersuchen, wie dieses Bewusstsein, verglichen mit der historisch beschreibbaren Medialität als Konkretion der conditio humana, im literarischen Narrativ medial abgebildet wird. Dabei wird aus literaturwissenschaftlicher und literaturpädagogischer Sicht Mediatisierung als Gegenstand aktueller, sanktionierter Kinder- und Jugendliteratur in den Blick genommen. Auf der Basis des „theoretical sample“ (Glaser und Strauss 2017, S. 63) der nominierten Titel des Deutschen Jugendliteraturpreises der Jahre 2010 bis 2015 werden drei sozialökologische (Bronfenbrenner 1981, vgl. auch Dallmann et al. 2017) Betrachtungsebenen miteinander verbunden:
a)
Mediatisierung wird als Analyseschwerpunkt innerhalb fiktionalisierter Welten im Symbolsystem der Kinder- und Jugendliteratur untersucht (Micro-Level),
 
b)
Mediatisierung wird sodann im Handlungssystem der Kinder- und Jugendliteratur betrachtet (Meso-Level)
 
c)
und Mediatisierungsdiskurse werden im Spannungsfeld von literarischer Kultur und Alltagsbedingungen heutiger Jugendlicher als Zielgruppe der Literatur und als Zielgruppe schulischer Bildung reflektiert (Makro-Level).
 
Der im Narrativ dargestellte Umgang mit Medien als Haltungen sowohl literarischer Protagonisten als auch literarischer Produzenten und Distribuenten und schließlich auch pädagogischer Vermittler und ihrer Zielgruppen werden exemplarisch thematisiert, um die Gegenwart in ihrer Mediatisierung für angehende Lehrkräfte reflektierbar zu machen und in diesem Prozess selbst Haltung (= attitude) und Einstellungen (= teachers beliefs, vgl. Calderhead 1996) zu profilieren.
Gudrun Marci-Boehncke

Süßer die Kassen nie klingeln: Mediale Konsumerlebniswelten für Kinder und deren medienethische Implikationen

Zusammenfassung
Kinder wachsen in einer Gesellschaft auf, die von Medien durchdrungen ist und eine starke Konsumorientierung aufweist. Beides spiegelt sich in medialen Konsumerlebniswelten für Kinder wider. In diesen Produktionen werden Geschichten medienübergreifend erzählt. Mit einer breiten Palette von medialen und nicht medialen Referenzangeboten, die zur spielerischen Nachahmung einladen und zum Konsum auffordern, werden affektive Erlebnisse generiert. Der Beitrag stellt das Konzept medialer Konsumerlebniswelten theoretisch sowie am Beispiel zweier Produktionen, nämlich Disneys „Die Eiskönigin“ und „Mia and me“ (Hahn Film AG) vor und erörtert deren medienethische Implikationen.
Caroline Roth-Ebner

Computational Propaganda: Einsatz von Algorithmen zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung

Zusammenfassung
Sowohl im US-Präsidentschaftswahlkampf als auch im Vorfeld des BREXIT-Votums in Großbritannien im Jahre 2016 wurden algorithmengesteuerte Computerprogramme, sogenannte Social Bots, zur Stimmungsmache eingesetzt. Der vorliegende Beitrag diskutiert zunächst die Frage, ob Kommentare, die von Social Bots generiert wurden, von der Meinungsfreiheit nach Art. 5 Abs. 1 des deutschen Grundgesetzes (GG) geschützt sind. Daran anschließend beschäftigt sich der Beitrag mit den ethischen Implikationen einer algorithmengesteuerten Kommunikation und ihrem Einfluss auf die conditio humana. Abschließend wird analysiert, welchen Spielraum der Gesetzgeber hat, um gegen (potenzielle) Verzerrungen der öffentlichen Meinung durch Social Bots vorzugehen.
Kerstin Liesem

Der Mensch im Digitalen Zeitalter

Eine ethische Reflexion interdisziplinärer Perspektiven und Fragestellungen
Zusammenfassung
Der Eintritt des Menschen in das Digitale Zeitalter führt unter anderem zur Frage der Herausbildung einer Digitalen Ethik bzw. Ethik der Digitalisierung. Unsere Untersuchung aktueller medien- und kommunikationsethischer Beiträge in Fachzeitschriften und Sammelbänden sowie Tagungen verweist auf eine schrittweise Annäherung über bestehende Themen (z. B. Journalismus). Die Analyse fachübergreifender Tagungen macht deutlich, dass die Bearbeitung des Themas interdisziplinärer Kooperationen bedarf, wenn der Mensch im Digitalen Zeitalter in seiner umfassenden Komplexität und Vielfalt von Fragestellungen adäquat erfasst werden soll.
Larissa Krainer, Sandra Pretis
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