Skip to main content
Top

2022 | OriginalPaper | Chapter

5. Die Einsamkeiten der Spätmoderne

Author : Denis Newiak

Published in: Die Einsamkeiten der Moderne

Publisher: Springer Fachmedien Wiesbaden

Activate our intelligent search to find suitable subject content or patents.

search-config
loading …

Zusammenfassung

Die beobachtbaren Zunahmen der modernen Einsamkeiten, wie sie im Verlaufe der Hochmoderne immer deutlicher hervortreten, provozieren mit fortschreitender Modernisierung eine Krise der modernen Gesellschaften, die an den sie zersetzenden Kräften zu zerbrechen drohen: Die von der Moderne produzierten Einsamkeiten drohen die Erfolge der Modernisierung zu überragen und damit das Projekt der Moderne als Ganzes zu gefährden. Das Zeitalter dieser verschärften Krise der Moderne soll daher im Folgenden Spätmoderne heißen. Durch die in ihr eskalierenden Einsamkeiten wird die Spätmoderne zum Endspiel der Modernisierung mit ungewissem Ausgang. Welche neuen Einsamkeiten hält die Spätmoderne bereit?

Dont have a licence yet? Then find out more about our products and how to get one now:

Springer Professional "Wirtschaft+Technik"

Online-Abonnement

Mit Springer Professional "Wirtschaft+Technik" erhalten Sie Zugriff auf:

  • über 102.000 Bücher
  • über 537 Zeitschriften

aus folgenden Fachgebieten:

  • Automobil + Motoren
  • Bauwesen + Immobilien
  • Business IT + Informatik
  • Elektrotechnik + Elektronik
  • Energie + Nachhaltigkeit
  • Finance + Banking
  • Management + Führung
  • Marketing + Vertrieb
  • Maschinenbau + Werkstoffe
  • Versicherung + Risiko

Jetzt Wissensvorsprung sichern!

Springer Professional "Wirtschaft"

Online-Abonnement

Mit Springer Professional "Wirtschaft" erhalten Sie Zugriff auf:

  • über 67.000 Bücher
  • über 340 Zeitschriften

aus folgenden Fachgebieten:

  • Bauwesen + Immobilien
  • Business IT + Informatik
  • Finance + Banking
  • Management + Führung
  • Marketing + Vertrieb
  • Versicherung + Risiko




Jetzt Wissensvorsprung sichern!

Footnotes
1
Prisching spricht, so wie viele andere im Modernitätsdiskurs, im Zusammenhang mit der Gegenwartsgesellschaft von einer „Postmoderne“, meint aber eher eine besondere Form der Moderne, die nicht „nach“ der Moderne liegen kann. Der Begriff der „Postmoderne“ impliziert, dass die Moderne bereits abgeschlossen ist und eine Epoche mit grundsätzlich anderen Merkmalen begonnen hat. Diese Grundaussage widerspricht aber der Argumentation derjenigen, die von einer Postmoderne sprechen, sodass hier ersatzweise, der vorangegangenen Begriffsklärung entsprechend, harmonisiert das Konzept der „Spätmoderne“ in Konsistenz zur zuvor verwendeten Begriffslogik einer Früh- und Hochmoderne verwendet werden soll. In diesem Kapitel soll gezeigt werden, dass die beobachtbaren Entwicklungen der Gegenwartsgesellschaften nur als Folge einer voranschreitenden Modernisierung zu verstehen sind, ihre Merkmale durch und durch modern erscheinen. Weil die mit dieser gegenwärtig immer zügigeren Modernisierung einhergehenden Einsamkeiten (im Unterschied zur Früh- und Hochmoderne) eine eskalierte, kaum noch steigerbare Form annehmen, die die Modernisierung als solche zumindest anteilig in Frage stellen, erscheint die Vorstellung einer Spätmoderne, die zweifelsfrei andauert und noch andauern wird, sachlich treffender. Zum terminologischen Problem von Spät- und vermeintlicher Postmoderne siehe den kurzen Ausblick in Kap. 7.
 
2
Hervorhebung im Original.
 
3
Hervorhebung im Original.
 
4
Eigene Übersetzung.
 
5
Wer etwa eine Flughafenlounge betreten möchte, identifiziert sich zuvor über Vielfliegerstatus oder Reiseklasse und muss beispielsweise in Kauf nehmen, dass er vor der Benutzung der Duschen seinen Aufenthaltsort mitteilt und eine bestimmte angemessene Nutzungsdauer nicht überschreitet. Mit den anderen Nutzern der Lounge verbindet den Vielreisenden – außer der Gewissheit, dass sie denselben Identifikations- und Verhaltensanforderungen unterworfen ist – jedoch weiter nichts, im Gegenteil: Auch zu Stoßzeiten herrscht in ihnen ein verstörendes Schweigen, weil es nichts gibt, was sich die Beschleunigten und Entorteten der Spätmoderne zu sagen hätten.
 
6
Eigene Übersetzung.
 
7
Beck räumt ein, dass sich das Unterwandern der Basisinstitution der Vollbeschäftigung nicht zwingend gegen die Moderne wenden muss, sondern auch Anlass für einen weiteren Modernisierungserfolg sein kann: „Auch die Massenarbeitslosigkeit muß nicht als Katastrophe erfahren werden, sie kann auch als Beginn einer Befreiung vom Joch des Arbeitszwanges gelten“, denn zum Problem werde das Ende der Vollbeschäftigung nur dann, wenn die moderne Gesellschaft „am Leitbild der Vollbeschäftigung festhält und die Menschen, denen Erwerbsarbeit zur zweiten Natur geworden ist, keine Alternative zur Existenzsicherung und Herstellung der sozialen Identität kennen“ (Beck 2007, S. 379).
 
8
In Woody Allens Midnight in Paris schwärmt der einsam durch das Paris der Gegenwart flanierende Fernsehserien-Autor von einem Leben in den Goldenen Zwanzigern, das er neben den von ihm verehrten Klassikern der Literaturgeschichte mit einem geselligeren Sozialleben assoziiert. Als er jedoch im letzten Moment, bevor er tatsächlich die Spätmoderne endgültig verlassen möchte, an einen kürzlichen Alptraum von einem Zahnarztbesuch in der Frühmoderne denkt („Diese Menschen haben keine Antibiotika!“), wird ihm deutlich, dass es unmöglich ist, aus der Moderne flüchten zu können, wenn man sich erst an sie gewöhnt hat. Die spätmodernen Einsamkeiten müssen dann in Kauf genommen werden: „Ja, das ist die Gegenwart, sie ist etwas unbefriedigend, weil das Leben etwas unbefriedigend ist.“
 
9
In diesem Zusammenhang sind die in den meisten spätmodernen Gesellschaften grassierenden neonazistischen und ultrakonservativen Bewegungen und Parteien zu sehen, die durchweg alle als Bewegungen, die den vereinsamten Modernisierungsverlierern eine politische Anlaufstelle und dabei auch einen Hauch von Gemeinschaft versprechen, die jedoch vor allem von der misslichen Lage ihrer Klientel eher profitieren als dass sie ein Interesse hätten, an dieser wirklich etwas zu ändern. Auch die nicht erst im Umfeld der Corona-Pandemie entstandenen Verschwörungsideologien erscheinen als letzte Hoffnung der einsamen Modernisierungsverlierer auf Gemeinschaft, selbst wenn diese nur unter Inkaufnahme absurder Parallelrealitäten zu haben sind, und den Modernisierungsgegnern als geeignetes Instrument, den Hass auf die Modernisierung durch das Schüren weiterer Unsicherheiten, denen die spätmodernen Menschen ohnehin schon ausgesetzt sind, künstlich durch das Verbreiten grotesker ‚alternativer Wahrheiten‘ nur noch weiter zu vergrößern.
 
Metadata
Title
Die Einsamkeiten der Spätmoderne
Author
Denis Newiak
Copyright Year
2022
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-35811-2_5