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Published in: HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik 1/2016

23-12-2015

Die Grenzen der Digitalisierung. Neubestimmung der hybriden Handlungsträgerschaft zwischen Mensch und Technik und Implikationen für eine humane Technikgestaltung

Author: Norbert Huchler

Published in: HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik | Issue 1/2016

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Zusammenfassung

Der Beitrag stellt die Unterscheidung zwischen explizierbarem und nicht-explizierbarem Wissen und zwischen den daran jeweils anschließenden Handlungsformen der ‚Objektivierung‘ und ‚Subjektivierung‘ ins Zentrum, um differenziertere Antworten zu ermöglichen auf zentrale Fragen der Digitalisierung von Arbeit: Wie wirkt sich die Informatisierung auf Arbeit, Tätigkeiten und gefragte Kompetenzen aus? Wie kann die Interaktion zwischen Mensch und Technik/Maschinen, wie kann überhaupt digitalisierte Arbeit nachhaltig und menschengerecht gestaltet werden? Anhand von Beispielen aus der Arbeitspraxis wird argumentiert, dass auch bei komplexen sozio-technischen Systemen und intelligenter Technik weiterhin von einer Art Arbeitsteilung zwischen Mensch und Technik auszugehen ist, um den Potenzialen von Mensch und Technik gerecht zu werden. Auf diese Weise wird typisch menschliches Arbeitsvermögen ermächtigt und eine Humanisierung der Arbeit (z. B. lernförderliche Arbeit) eher erreicht als durch eine Angleichung der Technik an den Menschen, die die Besonderheiten menschlichen Handelns systematisch ignoriert. Hieraus werden Folgerungen für die Technikgestaltung abgeleitet.
Footnotes
1
Mit dem Fokus auf disruptive Innovation wird z. B. unterstellt, dass sich Berufe wie der Zahntechniker durch den 3D-Druck auflösen werden. Jedoch betonen Fachexperten (Zahntechniker, Verband Dental Industrie etc.) eher eine inhaltliche Verschiebung oder sogar eine Aufwertung des Berufs durch neue Technogien und integrierte Prozessketten, wie auch bisherige (technische) Veränderungen im Medizinbereich nahe legen und betonen weiterhin Fachkräftemangel (heraeus-kulzer 2015).
 
2
Digitalisierung kann als besondere Form der Informatisierung verstanden werden. Sie tritt in die Fußstapfen der ‚Verschriftlichung‘ als zentrale Methode der Bürokratisierung.
 
3
Denn gerade weil der Schwerpunkt der aktuellen Entwicklungstendenz mit der Digitalisierung auf der Formalisierungs- bzw. Explizierungslogik liegt, wird das Informelle relevanter, da es den notwendigen Teil der Praxis repräsentiert, der ausgeblendet wird.
 
4
Ein solches Handeln wird auch als „situiertesi“ Handeln (Suchman 2007) bezeichnet.
 
5
„MiMiK – Der Mensch im Mittelpunkt des KMU-Netzwerks im Kontext der Industrie 4.0“ ein Projekt gefördert durch das Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), betreut durch den Projektträger Karlsruhe (PTK-PFT), Laufzeit: 5/2014 bis 3/2016. http://​www.​isf-muenchen.​de/​projektdetails/​154.
 
6
Wie BigData-Algorithmen oder die KI ‚Watson‘ von IBM mit ihrer massively parallel probabilistic evidence-based architecture (DeepQA).
 
7
Diese Sicht zeigt sich aktuell besonders deutlich bei Unternehmen wie Amazon und Hitachi. Dort werden Trackingsysteme (z. T. mit Audioaufzeichnung) zur Leistungskontrolle genutzt. Mitarbeiter müssen sich rechtfertigen, wenn sie unvorhergesehen wenige Minuten an einer Stelle verharren oder in Kontakt mit anderen treten. Bei Hitachi stößt anhand solcher Daten ein Programm sogar personelle Entscheidungen an (Welt 2015).
 
8
Z. B. stellt sich die Frage, welche Einschränkungen mit autonomen Fahren (z. B. ‚Google-Auto‘ einhergehen würden; für Fahrer und Verkehrssystem.
 
9
Siehe FN 6.
 
10
Wie das Anlernen von KI-Systemen mit interpretativen Daten und symbolischen Deutungen und mit Handeln auf Basis von Wahrscheinlichkeiten (z. B. Watson).
 
11
Vgl. auch die Versuche einer Nachahmung des menschlichen Gehirns (z. B. die neueren Entwicklungen der Bilderkennung durch Google) wie ‚Neuronale Netze‘ oder ‚Deep learning‘-Systeme.
 
12
Man denke z. B. an intelligente, BigData nutzende Navigationsgeräte mit optimierten Schnittstellen, die das Orientierungs-/Navigationsvermögen der Nutzer fördern und nicht de-qualifizieren.
 
13
Statt z. B. in der Produktion Leichtbauroboterarme mit sieben Gelenken auf die Bewegungen und die Hebekraft eines menschlichen Arms künstlich zu beschränken (um Unfälle zu vermeiden und Vertrauen zu erzeugen), könnte es die Handhabung des ‚Werkzeugs‘ und die Bindung zu ihm verbessern, wenn der ‚Nutzer‘ sich gerade die besonderen ergänzenden Möglichkeiten der Technik aneignen kann, um Dinge zu tun, die er nicht von selbst kann. Die teils starke (auch emotionale) Bindung zum privaten KFZ, zum großen Bagger, zum gut in der Hand liegenden Hammer (als verlängerter Arm‘) etc. wird eben dadurch hergestellt, dass man durch das Objekt zu ansonsten unmöglichen Handlungen befähigt wird und zum Ausdruck von Kompetenzen, die sonst brach liegen würden. Ein weiteres Beispiel sind Hebehilfen (z. B. Exoskelette) in der Logistik oder ähnliche Systeme in der Pflege (anstelle von Pflegerobotern), die es ermöglichen, dass weiterhin der Mensch im Mittelpunkt der (sozialen) Interaktion mit dem Patienten steht.
 
14
Die Gefahr der De-Qualifizierung durch die Digitalisierung muss noch systematisch aufgegriffen werden. Einzelne Indizien sind z. B. Hinweise auf einen Verlust des Ortsgefühls durch Navigationstechnologie oder Auswirkungen von Kurznachrichten auf das Schreibvermögen. Darüber, wie der erhöhte ‚Technikkonsum‘ im Gegensatz dazu zu mehr Technikverständnis und erhöhte ‚praktische Kompetenzen‘ und Gegenstandgefühl führen könnte, besteht noch erheblicher Forschungsbedarf.
 
Literature
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Metadata
Title
Die Grenzen der Digitalisierung. Neubestimmung der hybriden Handlungsträgerschaft zwischen Mensch und Technik und Implikationen für eine humane Technikgestaltung
Author
Norbert Huchler
Publication date
23-12-2015
Publisher
Springer Fachmedien Wiesbaden
Published in
HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik / Issue 1/2016
Print ISSN: 1436-3011
Electronic ISSN: 2198-2775
DOI
https://doi.org/10.1365/s40702-015-0199-0

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