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About this book

Die 7. grundlegend überarbeitete Auflage dieses Standardwerks bietet einen umfassenden Überblick über die sozialstrukturelle Entwicklung und den sozialen Wandel in Deutschland vor und nach der Wiedervereinigung. Durch die vergleichende Gegenüberstellung der Verhältnisse in DDR und Bundesrepublik bzw. neuen und alten Bundesländern werden wichtige Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausgearbeitet. Auf empirischer Grundlage werden die folgenden Teilbereiche dargestellt: Bevölkerungsstruktur, materielle Lebensbedingungen, soziale Ungleichheiten und Schichtstrukturen, Umschichtungsprozesse in wichtigen Gruppen (Eliten, Dienstleistungsschichten, Selbstständige, Landwirte, Arbeiterschichten), Armut und Prekarität, Migration und Integration, soziale Mobilität, soziale Ungleichheit zwischen Frauen und Männern sowie Familie und andere private Lebensformen. Abschließend werden die Grundlinien der Gesamtentwicklung im Rahmen der Modernisierungstheorie interpretiert und eine Zwischenbilanz zu gut zwei Jahrzehnten deutscher Einheit aus der Perspektive der Sozialstrukturanalyse gezogen.

Table of Contents

Frontmatter

1. Zum Begriff der Sozialstruktur

Zusammenfassung
Der allgemeine Begriff der Struktur ist ein Instrument, das dazu dient, den inneren Aufbau eines Phänomens zu analysieren. Er untergliedert die Gesamtheit der Erscheinung in verschiedene Elemente (Teilbereiche) und untersucht die relativ dauerhaften Beziehungen und Zusammenhänge zwischen den Elementen (vgl. Lüdtke 1973, 662). In diesem Sinne erforschen Chemiker die Struktur von Molekülen, Sprachwissenschaftler die Struktur der Sprache oder Psychologen die Struktur der Persönlichkeit.
Rainer Geißler

2. Die Entstehung der Industriegesellschaft: sozioökonomischer Wandel im 19. Jahrhundert

Zusammenfassung
Die gegenwärtige Sozialstruktur lässt sich besser verstehen, wenn man weiß, wie sie entstanden ist. Wichtige Grundlagen der modernen Gesellschaft bildeten sich bereits im 19. Jahrhundert heraus. Daher möchte ich die Darstellung der deutschen Sozialstruktur mit einem historischen Abriss über wichtige Entwicklungslinien des sozioökonomischen Wandels im 19. Jahrhundert beginnen.
Rainer Geißler

3. Struktur und Entwicklung der Bevölkerung

Zusammenfassung
Unter Bevölkerung versteht man die Gesamtzahl der Einwohner innerhalb eines politisch abgrenzbaren Gebietes. Sie ist ein Grundelement jeder Gesellschaft, und ihre Struktur und Entwicklung stehen in einer engen Wechselbeziehung zu anderen Teilen der Sozialstruktur. Einerseits wird die Bevölkerungsbewegung – die Geburtenziffern und die Lebenserwartungen sowie die Wanderungen – wesentlich durch soziale Faktoren mitbestimmt. Andererseits haben die quantitativen Veränderungen vielfältige Rückwirkungen auf die Gesellschaft, auf die sozialen Institutionen und die Lebenschancen der Menschen – z. B. auf das wirtschaftliche Leben und die Erwerbs- und Einkommenschancen, auf die Familien- und Haushaltsformen, auf das Bildungswesen und die Bildungschancen, auf das System der sozialen Sicherung und die verschiedenen Lebensrisiken.
Rainer Geißler, Thomas Meyer

4. Die Entwicklung der materiellen Lebensbedingungen

Zusammenfassung
Auf das „goldene Zeitalter“ der Hochindustrialisierung im Kaiserreich mit der Verdoppelung der Realeinkommen und anderen Verbesserungen der Lebensverhältnisse folgten drei Jahrzehnte der Einbrüche und des Stillstands. Der Erste Weltkrieg, die Wirtschaftskrisen der Weimarer Republik mit Inflation und Massenarbeitslosigkeit und der Zweite Weltkrieg mit seinen Folgen führten zu krassen, krisenhaften Veränderungen in den Lebensumständen vieler Menschen. Die Entwicklung der Einkommen, der Vermögen und des Lebensniveaus brachten im Durchschnitt keine nennenswerten Fortschritte; die beiden Weltkriege markierten eine Periode des Auf und Ab und der Stagnation.
Rainer Geißler

5. Soziale Klassen und Schichten – soziale Lagen – soziale Milieus – Exklusion versus Inklusion: Modelle und Kontroversen

Zusammenfassung
Dieses Kapitel ist den Versuchen der Soziologie gewidmet, die Struktur der sozialen Ungleichheit in ihrer Gesamtheit zu gliedern und zu analysieren. Die moderne deutsche Sozialstruktur wird häufig in Anlehnung an Jürgen Habermas (1985) mit dem Etikett „neue Unübersichtlichkeit“ versehen. Aber auch in den 1930er Jahren klagten die Sozialstrukturforscher bereits darüber, dass sich klare Konturen einer Gliederung kaum erkennen ließen (z. B. Geiger 1932, 127 f., 137 f.). Die Vielschichtigkeit und Unübersichtlichkeit komplexer Gesellschaften ist wohl eine der Hauptursachen dafür, dass sich die deutschen Soziologen über die „wirklichen“ Strukturen des Ungleichheitsgefüges in der Bundesrepublik nie einigen konnten und dass verschiedene Deutungsversuche miteinander konkurrierten oder einander ablösten. Ich werde im Folgenden vier wichtige Ansätze mit unterschiedlichen Fragestellungen und Modellen vorstellen: Zunächst das traditionelle Modell der sozialen Klassen bzw. Schichten (Kap. 5.1), dann die in den 1980er Jahren entwickelten Modelle der sozialen Lagen und der sozialen Milieus (Kap. 5.2 und 5.3) und als letztes das jüngste Modell von Exklusion versus Inklusion (Kap. 5.4).
Rainer Geißler

6. Eliten

Zusammenfassung
In den Sozialwissenschaften herrscht keine Einigkeit darüber, wie man die Spitze der gesellschaftlichen Hierarchie abgrenzen und benennen soll (vgl. Imbusch 2003 und Krais 2003). Begriffe wie „politische Klasse“ oder „herrschende Klasse“ (so z. B. Bourdieu 1979), „Oberschicht“, „Reiche“ oder „Prominenz“ (Peters 1996) akzentuieren verschiedene Facetten der obersten sozialen Ränge und signalisieren Unterschiede in der kritischen Distanz zu diesen Gruppen. Am häufigsten wird die Spitze der Gesellschaft als „Elite“ bezeichnet. „Zur Elite gehören alle Mitglieder eines sozialen Systems, die aus einem Selektionsprozess als den übrigen Mitgliedern überlegen hervorgehen.“ Auf diese trockene und abstrakte Formel bringt Endruweit (1979, 34) den gemeinsamen begrifflichen Nenner der sozialwissenschaftlichen Elitetheorien. Er übersetzt damit in die dürre Wissenschaftssprache, was mit der Idee der „Auslese“ oder des „Auserwähltseins“ – Elite kommt von dem französischen Wort „élire“ = auswählen oder auslesen – gemeint ist. Der folgende Versuch eines Biologen, die Elite begrifflich zu bestimmen, ist farbiger und anschaulicher, aber wegen seines idealisierenden Charakters auch anfechtbarer: „Zu Eliten zählen jene Menschen, die durch besondere Fähigkeiten Anerkennung und damit verbundene Vorteile genießen und daher durch Macht, überzeugungskraft oder als Vorbild Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen nehmen, für die sie deshalb auch verantwortlich sind“ (Markl 1989).
Rainer Geißler

7. Selbstständige – Mittelstand – Landwirte

Zusammenfassung
Die amtliche Statistik definiert Selbstständige als „Personen, die einen Betrieb oder eine Arbeitsstätte gewerblicher oder landwirtschaftlicher Art wirtschaftlich und organisatorisch als Eigentümerinnen und Eigentümer oder Pächterinnen und Pächter leiten (einschließlich selbstständiger Handwerkerinnen und Handwerker) sowie alle freiberuflich Tätigen, Hausgewerbetreibenden und Zwischenmeisterinnen und Zwischenmeister“ (StatJb 2012, 369). Das Gemeinsame aller Selbstständigen ist also ein wichtiges Element ihrer Arbeitssituation: Sie arbeiten nicht in einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis, sondern verfügen über eigene Betriebsmittel und stellen auf eigene Rechnung Produkte oder Dienstleistungen her. Sie sind eigenständige Unternehmer.
Rainer Geißler

8. Dienstleistungsschichten und industrielle Dienstleistungsgesellschaft

Zusammenfassung
Im Jahr 1949 entwickelte der französische Ökonom und Soziologe Jean Fourastié die berühmte Drei-Sektoren-Hypothese des sozioökonomischen Wandels, mit der grundlegende langfristige Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft beschrieben und erklärt werden. Ausgangspunkt dieser Theorie ist die Einteilung der Produktionsstruktur in drei Sektoren, wie sie bereits einige Jahre vorher Colin Clark (1940) vorgenommen hatte:
  • in einen primären Sektor der Produktgewinnung (insbesondere Landwirtschaft, auch Forstwirtschaft, Fischerei),
  • in einen sekundären Sektor der Produktverarbeitung (Industrie und Handwerk, meist einschließlich Bergbau und Baugewerbe) und
  • in einen tertiären Sektor der Dienstleistungen (Handel, Verkehr, Kommunikation, Verwaltung, Bildung, Wissenschaft, Beratung, Sozial- und Gesundheitswesen u. a.).
Rainer Geißler

9. Arbeiterschichten: Entproletarisierung und Differenzierung

Zusammenfassung
Seit den 1950er Jahren, seit der Nivellierungsthese Schelskys, wird in der Soziologie und in der Öffentlichkeit häufig bezweifelt, dass es in der Bundesrepublik noch eine Arbeiterschicht gebe. Arbeitertypische Lebensbedingungen, Milieus und Lebensstile hätten sich allmählich aufgelöst, die Arbeiterschaft als soziale Schicht hätte sich verflüchtigt. Dahrendorf (1965, 111) wendet sich im Jahr 1965 dezidiert gegen Vorstellungen dieser Art:
  • „Die Verflüchtigung der Arbeiterschicht im Bewusstsein der anderen ist auch ein Zeugnis für die deutsche Ideologie sozialer Harmonie, die es erlaubt, denjenigen, der von Arbeiterproblemen spricht, als hoffnungslos antiquiert zu belächeln oder als kommunistisch infiziert zu verketzern.“
Rainer Geißler

10. Armut und Prekarität

Zusammenfassung
Armut in einem der reichsten Länder der Welt – das klingt paradox, entspricht aber der Situation in der Bundesrepublik. Die Armut im heutigen Deutschland ist nicht vergleichbar mit dem Massenelend, das die Industrialisierung begleitete, oder mit der kümmerlichen Lebenssituation breiter Bevölkerungskreise in der Zwischen- und Nachkriegszeit. Das Wirtschaftswunder, die Wohlstandsexplosion und der Sozialstaat haben die Armut quantitativ und qualitativ verändert, aber sie haben sie nicht beseitigen können. Als arm werden im Folgenden diejenigen Menschen bezeichnet, die an oder unterhalb der Armutsgrenze leben.
Rainer Geißler

11. Migranten und Migrantinnen

Zusammenfassung
In den letzten fünfzig Jahren sind Migranten und Migrantinnen zu einem wichtigen Bestandteil der deutschen Sozialstruktur geworden. Es ist ausgesprochen schwierig, dieses relativ neue, vielgestaltige und dynamische multiethnische Segment angemessen sprachlich zu benennen. Bis in die 1970er Jahre hinein hatte sich in der Umgangssprache und in der Öffentlichkeit der Begriff „Gastarbeiter“ eingebürgert. Er geht davon aus, dass angeworbene Arbeitskräfte aus anderen Ländern lediglich vorübergehend als „Gäste“ in deutschen Betrieben beschäftigt sind und dann nach einigen Jahren wieder in ihr Herkunftsland zurückkehren. Die Amtssprache verwendete von Anbeginn an den rechtlichen Begriff „ausländische Arbeitnehmer“ bzw. „Ausländer“.
Rainer Geißler

12. Soziale Mobilität

Zusammenfassung
Der Begriff Mobilität bezieht sich auf die Bewegung von Personen in der Gesellschaft. In der Regel werden räumliche Mobilität (Bewegungen von Ort zu Ort, Wanderungen) und soziale Mobilität unterschieden. Einige Aspekte der räumlichen Mobilität wurden in Kap. 3.5 behandelt. Mit sozialer Mobilität ist der Wechsel von Personen zwischen sozialen Positionen gemeint, dazu gehört insbesondere der Wechsel zwischen Berufsgruppen oder Schichten. Mobilitätsprozesse verlaufen sehr vielschichtig, daher hat die Soziologie eine ganze Reihe von Begriffen entwickelt, die unterschiedliche, meist miteinander zusammenhängende Aspekte der sozialen Mobilität beleuchten. Bereits Max Weber (1976, 177 – zuerst 1921) unterschied zwischen Generationenmobilität (oder: Intergenerationenmobilität) – dem Schichtwechsel in der Generationenfolge von der Elterngeneration auf die Kindergeneration – und Karrieremobilität (oder: Intragenerationenmobilität), dem Schichtwechsel im Verlaufe einer individuellen Lebensgeschichte. Von dem russisch-amerikanischen Mobilitätsforscher Pitirim A. Sorokin (1927) stammt die Unterscheidung zwischen horizontaler und vertikaler Mobilität, von horizontalen Bewegungen zwischen Positionen, die von ihrem Rang her auf einer Ebene liegen, und vertikalen Bewegungen zwischen höher oder niedriger gelegenen Positionen, also sozialen Aufstiegen bzw. sozialen Abstiegen.
Rainer Geißler

13. Bildungsexpansion und Wandel der Bildungschancen. Veränderungen im Zusammenhang von Bildungssystem und Sozialstruktur

Zusammenfassung
Entwicklungen in der Sozialstruktur sind auf vielfältige Weise mit Entwicklungen im Bildungssystem verknüpft. Dieses Kapitel konzentriert sich auf einen zentralen Aspekt dieser Zusammenhänge: auf die soziale Platzierung und Auslese und deren Zusammenhänge mit der Bildungsexpansion, die – aus sozialstruktureller Perspektive – die wichtigste Veränderung im deutschen Bildungswesen der letzten Jahrzehnte darstellt.
Rainer Geißler

14. Die Entwicklung der sozialen Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern

Zusammenfassung
Neben den schichtspezifischen Differenzierungen gehören die sozialen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern zu den wesentlichen Charakteristika der Sozialstruktur moderner Gesellschaften. In der industriellen Gesellschaft hat sich eine besondere Form der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung in der Privatsphäre, in der Arbeitswelt und im öffentlichen Leben herausgebildet (vgl. dazu auch S. 24). Zwischen Männern und Frauen existieren typische Unterschiede in den Soziallagen und gesellschaftlichen Rollenanforderungen, die sich über geschlechtsspezifische Sozialisationsprozesse auch auf die Persönlichkeit, auf Einstellungen, Motivationen und Verhaltensweisen niederschlagen. Für die Ungleichheitsanalyse sind insbesondere diejenigen geschlechtstypischen Differenzen von Interesse, die sich hierarchisch deuten lassen, d. h. als Muster, die Frauen strukturell benachteiligen.
Rainer Geißler

15. Der Wandel der Familie und anderer privater Lebensformen

Zusammenfassung
Eine Definition des Begriffs Familie steht vor der Schwierigkeit, die historische und kulturelle Vielfalt der Familienformen sowie deren Legitimationen und ideologischen Überfrachtungen berücksichtigen zu müssen. Auch wenn es an allgemein anerkannten Bestimmungsversuchen fehlt, lässt sich sagen: Im weitesten Sinn ist die Familie eine nach Geschlecht und Generation differenzierte Kleingruppe mit einem wechselseitigen Kooperations- und Solidaritätsverhältnis, deren Gründung in allen Gesellschaften zeremoniell begangen wird. Aufgabe der Familie ist es unter anderem, Schutz zu gewähren und das Sexualverhalten ihrer Mitglieder zu regulieren (vgl. Nave-Herz 1989, 193 und 2004, 29 f.).
Thomas Meyer

16. Grundlinien der Entwicklung zu einer modernen Sozialstruktur – mit einer Zwischenbilanz zur deutschen Einheit

Zusammenfassung
In der folgenden Bilanz werde ich die Grundlinien der sozialstrukturellen Entwicklung in der alten Bundesrepublik, in der DDR und im vereinten Deutschland, die in den vorangehenden Kapiteln im Detail dargestellt wurden, stark komprimiert zusammenfassen. Gleichzeitig interpretiere ich sie im Rahmen der neueren Varianten der Modernisierungstheorie. Diese befasst sich „vornehmlich mit tiefgreifenden Wandlungsprozessen langfristiger Art‚ die zumindest ex post eine klare Richtung haben“ (Zapf 2001, 493). Die Konzepte „moderne Gesellschaft“ und „Modernisierung“ sind weder eindeutig noch unumstritten. Insbesondere unter Ostdeutschen stößt die modernisierungstheoretische Perspektive auf Vorbehalte: Ihr „Westzentrismus“ kollidiert mit ostdeutschen Befindlichkeiten‚ denn sie rückt die „Rückschrittlichkeit“ in Ostdeutschland und die Grundtendenz zur „Anpassung an den fortschrittlichen Westen“ ins Zentrum und nicht so sehr die ostdeutschen Besonderheiten und deren Überleben bzw.
Rainer Geißler

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