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Die Transportlogistik steht aktuell vor einer Vielzahl von Herausforderungen. Dazu zählt auch das Aufkommen neuer Technologien und konkurrierender Geschäftsmodelle, insbesondere digitaler Plattformen, die tradierte Praktiken infrage stellen und mit veränderten Anforderungen an etablierte Akteur*innen einhergehen. Der Beitrag untersucht vor diesem Hintergrund, welche arbeitsbezogenen Effekte durch die zunehmende Verbreitung digitaler Logistikplattformen entstehen. Die Untersuchung basiert auf 40 Interviews, die von 2020 bis 2024 im Rahmen eines Forschungsprojekts mit unterschiedlichen Akteur*innen (Unternehmen, Beschäftigten und Expert*innen) der Transportlogistik durchgeführt wurden. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass digitale Logistikplattformen auf unterschiedlichen raumzeitlichen Ebenen und je nach spezifischer Ausprägung der Plattform einen Einfluss auf Arbeit haben. Zum einen nehmen insbesondere vermittlungsorientierte Plattformen Einfluss auf die Arbeitsmarktebene und verstärken dabei die Arbeits- und Lohnkonkurrenz in der Transportlogistik, womit soziale Risiken einhergehen können. Zum anderen nehmen stärker automatisierungsorientierte Plattformen Einfluss auf die Arbeitsplatzebene und können dabei sowohl zur Erleichterung bestimmter Tätigkeiten als auch zur Einschränkung der Entscheidungsautonomie von Beschäftigten führen. Der Beitrag knüpft an bestehende Forschung zur plattformbasierten Arbeit an und verdeutlicht, dass die Verbreitung digitaler Plattformen mit unterschiedlichen und teilweise widersprüchlichen arbeitsbezogenen Effekten einhergeht.
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Einleitung
Die Logistik gilt sektorenübergreifend als wichtiges Bindeglied in globalen Lieferketten und stellt einen beständigen Forschungsgegenstand geographischer Untersuchungen dar. Im engeren Sinne umfasst sie die Planung, Durchführung und das Management von Güterbewegung und -lagerung (Coe 2014). Neben raumwirksamen Fragestellungen, bspw. in Bezug auf Infrastrukturen und Flächen der Logistik (z. B. Schumacher et al. 2023), wurde die Logistik in der Wirtschaftsgeographie lange Zeit vor allem aus unternehmensbezogenen Perspektiven betrachtet (z. B. Hesse und Rodrigue 2004). Seit etwa den 2010er-Jahren findet zusätzlich eine vermehrte Auseinandersetzung mit dem sozialen und politischen Gefüge der Logistikindustrie statt (z. B. Chua et al. 2018). An der Schnittstelle dieser Perspektiven befindet sich die geographische und aus benachbarten Disziplinen gespeiste Forschung zu Arbeitsbeziehungen in der Logistik (z. B. Newsome 2015), auf die sich dieser Beitrag konzentriert.
Ein Bereich der Logistik, der aktuell vor zunehmenden Herausforderungen steht, ist die Transportlogistik, konkreter der Straßengütertransport. Der Gütertransport per Straße bzw. Lkw macht sowohl in Europa als auch speziell in Deutschland die Mehrheit aller Transporte aus – Tendenz steigend (European Commission 2023; Statistisches Bundesamt 2024). Interessenkonflikte und Restrukturierungsprozesse entstehen in der Transportlogistik durch verschiedene Faktoren. Dazu zählen veränderte Ansprüche an die Resilienz von Lieferketten (Kümmerlen 2023), der veränderte regulative Rahmen infolge von Klima- und Umweltveränderungen (Franz et al. 2022), der beträchtliche Mangel von ca. 70.000 Lkw-Fahrenden in Deutschland (Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung 2023, o.S.), der gleichzeitig von einer steigenden Arbeitsbelastung für Berufskraftfahrer*innen begleitet wird (Schmierl et al. 2022), sowie die voranschreitende Digitalisierung und Automatisierung, die nicht nur etablierte Geschäftsmodelle infrage stellen, sondern auch veränderte Ansprüche an Beschäftigte stellen (Wei et al. 2023).
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Bereits seit Anfang der 2010er-Jahre werden in der Logistik digitale Produkte und Dienstleistungen entwickelt (Göpfert und Seeßle 2017), die mit Beginn der Covid-19-Pandemie weiter an Bedeutung gewonnen haben. Dabei sind insbesondere digitale Logistikplattformen als neue Geschäftsmodelle entstanden, die basierend auf digitalen Infrastrukturen die Abwicklung von Transporten erleichtern und optimieren sollen. Die Auswirkungen zunehmender Plattformisierung wurden bislang hauptsächlich in Konsument*innen-Bereichen wie dem Online-Handel untersucht (z. B. Bearson et al. 2021). Weniger bekannt sind jedoch die Auswirkungen von Plattformen, die im zwischenbetrieblichen Bereich zum Einsatz kommen. Vor diesem Hintergrund geht dieser Beitrag der Frage nach, welche arbeitsbezogenen Effekte durch die zunehmende Verbreitung digitaler Logistikplattformen entstehen.
Die Untersuchung stützt sich auf Empirie, die im Rahmen eines Forschungsprojekts von 2020 bis 2024 erhoben wurde. Dabei wurden 40 semistrukturierte Interviews, überwiegend online mit 11 Vertreter*innen digitaler Logistikplattformen (mit Sitz in Deutschland), 13 Vertreter*innen vor- und nachgelagerter Logistikunternehmen und Branchenexpert*innen, 6 Arbeitnehmer*innen aus den Bereichen Disposition und Lkw-Transport sowie 10 Arbeitnehmervertreter*innen durchgeführt. Die Interviewpartner*innen sind größtenteils in Deutschland ansässig, operieren jedoch mehrheitlich im europäischen Straßengütertransport. Die Auswahl der Stichprobe erfolgte nach dem Intensitätssampling (Flick 2009). Das bedeutet, dass Logistikplattformen und Arbeitsumfelder in der Logistik untersucht wurden, bei denen angenommen wurde, dass das zu untersuchende Phänomen – arbeitsbezogene Effekte durch den Einsatz von Plattformen – potenziell besonders stark ausgeprägt ist. Mögliche Interviewpartner*innen wurden mittels Literatur- und Internetrecherche sowie durch das Schneeballverfahren ausfindig gemacht und kontaktiert. Inhaltlich konzentrierten sich die Interviews je nach Expertise der befragten Person auf diese Bereiche: Funktionsweise und Anwendungen digitaler Plattformen, organisations- und arbeitsbezogene Effekte digitaler Plattformen sowie arbeitsbezogene Veränderungen in der Transportlogistik insgesamt. Die generierten Interviewtranskripte wurden mittels einer Themenanalyse – als spezifische Form qualitativer Inhaltsanalysen – analysiert (Mayring 2022). In diesem Verfahren findet eine Kombination aus deduktiver und induktiver Kategorienbildung statt, die es ermöglicht, Themen theoriegeleitet, jedoch kontextspezifisch anhand des Materials zu untersuchen. Die in diesem Artikel präsentierten Ergebnisse haben sich rund um die Analysethemen Arbeitsmarkt, Arbeitsbedingungen und (veränderte) Arbeitspraktiken der plattformbasierten Transportlogistik geclustert.
Verbreitung und Funktionsweise digitaler Logistikplattformen
Digitale Plattformen sind aus vielen gesellschaftlichen Bereichen kaum noch wegzudenken. Sie dienen etwa als soziale Medien, als Mittler des Konsums und der Mobilität. Sie können einerseits verstanden werden als soziale Handlungsräume (Dolata und Schrape 2022) bzw. digitale Infrastrukturen, die die Interaktionen zwischen diversen Nutzer*innengruppen orchestrieren (Grabher und van Tuijl 2020). Andererseits sind digitale Plattformen als Geschäftsmodell von Unternehmen zu verstehen, die in vielen Industrien zunehmend an Bedeutung gewinnen und etablierte Praktiken und Akteursbeziehungen restrukturieren, wie die bekannten Beispiele Uber, Airbnb und Amazon verdeutlicht haben. Auch in der Logistik steigt die Anzahl digitaler Plattformen seit Anfang der 2010er-Jahre an. Insbesondere Mitte der 2010er-Jahre sind in relativ kurzer Zeit zahlreiche Logistikplattformen entstanden (Göpfert und Seeßle 2017; Oliver Wyman 2017). Diese wurden zu Beginn in erster Linie durch Start-ups betrieben, inzwischen sind jedoch auch etablierte Logistikunternehmen vermehrt in den Markt eingestiegen. Auch wenn digitale Logistikplattformen zu einem globalen Trend geworden sind, wie z. B. Wei et al. (2023) in einer Studie zu Logistikplattformen in Brasilien und China verdeutlichen, ist ein großer Anteil der plattformbetreibenden Unternehmen in Europa, speziell in Deutschland ansässig (Göpfert und Seeßle 2017). Gemäß dem Spitzenverkehrsträger Lkw, operiert die Mehrheit der in Deutschland ansässigen Logistikplattformen im europäischen Straßengütertransport. Die Plattformen in diesem Segment sind kein Nischenphänomen, sondern gehören teilweise bereits zur gängigen Arbeitspraxis vieler Logistikunternehmen. Das verdeutlicht auch die Anzahl der Nutzer*innen dieser Plattformen, die sich bezogen auf einzelne Plattformen oft im fünfstelligen Bereich bewegt. Im Wesentlichen bestehen dabei zwei, zum Teil ineinander übergehende Geschäftsmodelle, die darauf abzielen, das Management, insbesondere die Auftragsvergabe von Transportaufträgen datenbasiert zu erleichtern (s. Abb. 1).
Abb. 1
Grundlegende Funktionsweise digitaler Frachtenbörsen und digitaler Speditionen. Quelle: Eigene Abbildung
Zum einen bestehen digitale Frachtenbörsen als eine Art Marktplätze für die Vermittlung von Transportdienstleistungen zwischen auftraggebenden Unternehmen (Unternehmen aus Handel und Industrie oder Speditionen) einerseits und kleineren Transportunternehmen andererseits. Die Plattform selbst fungiert dabei nicht als Vertragspartnerin, sondern als reine Vermittlerin. So kann bspw. ein Unternehmen aus dem produzierenden Gewerbe kurzfristig Transportaufträge über eine Frachtenbörse vergeben, wobei die Plattform eine rein informative Funktion erfüllt. In der Regel gilt dabei der Preis für den Transport (auch „Frachtpreis“ genannt) als wichtiges Entscheidungskriterium für die Auftragsvergabe.
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Im zweiten Geschäftsmodell, den sogenannten digitalen Speditionen, fungieren die Plattformen selbst als Vertragspartnerinnen. Dabei übernehmen sie die Rolle traditioneller Speditionen und bieten vorwiegend Logistikdienstleistungen für Unternehmen aus Industrie und Handel an (Verfürth und Helwing-Hentschel 2024). Die Transportaufträge wickeln digitale Speditionen jedoch nicht selbst ab, sondern vergeben diese weiter an ihr eigenes Netzwerk aus Transportunternehmen. Da digitale Speditionen Vertragsbeziehungen in beide Richtungen unterhalten, erfüllen sie, anders als digitale Frachtenbörsen, keinen rein informativen Zweck, sondern tragen als Teil der Transportkette selbst eine Verantwortung über die logistischen Prozesse. Der wesentliche Unterschied zu herkömmlichen Speditionen besteht darin, dass zur Vermittlung der Transportaufträge Algorithmen zum Einsatz kommen. Dabei erfolgen die Entscheidungsprozesse stärker automatisiert, basierend auf umfangreicher Datenverarbeitung. Zudem werden häufig datenbasierte Value-Added-Services rund um das Frachtmanagement angeboten, z. B. Live-Tracking, digitale Rechnungsstellung und Datenanalysen.
Der Einsatz digitaler Plattformen stellt häufig veränderte Anforderungen an betriebliche Abläufe und Arbeitsprozesse, wodurch auch räumliche Zusammenhänge verändert werden (Kenney et al. 2021; Fuchs et al. 2023). Im Falle von Logistikplattformen, zeichnen sich arbeitsbezogene Effekte auf unterschiedlichen Ebenen ab, die im folgenden Abschnitt näher erläutert werden.
Vom Arbeitsmarkt bis zur Fahrerkabine: die unterschiedlichen Einflussebenen digitaler Logistikplattformen
Arbeitsbezogene Effekte digitaler Logistikplattformen äußern sich auf unterschiedlichen raumzeitlichen Ebenen und hängen von der spezifischen Funktionsweise und den Einflussbereichen der jeweiligen Plattform ab. Folgende Grundtendenz lässt sich dabei erkennen: Digitale Frachtenbörsen nehmen durch ihren Fokus auf die preisbasierte Auftragsvergabe nicht ausschließlich, aber in erster Linie Einfluss auf die Arbeitsmarktebene. Hingegen nehmen digitale Speditionen durch ihren Fokus auf automatisierte Logistikdienstleistungen vor allem Einfluss auf die Arbeitsplatzebene. Gleichzeitig sind die beiden Ebenen nicht voneinander isoliert, sondern in wechselseitiger Beziehung zu verstehen.
Effekte auf Arbeitsmarktebene
Insbesondere digitale Frachtenbörsen nehmen Einfluss auf die Ausgestaltung von Arbeitsmärkten der Transportlogistik. Die preisorientierte Auftragsvergabe auf digitalen Frachtenbörsen führt dazu, dass sich günstige Transportleistungen auf den Plattformen durchsetzen. Häufig sind die entsprechenden Transportfirmen an Standorten mit niedrigen Lohn- und Arbeitskosten angesiedelt. Laut den Interviewten haben wiederum Unternehmen, die den in Deutschland geltenden Mindestlohn zahlen, geringe Chancen, Aufträge über digitale Frachtenbörsen zu erhalten. Digitale Frachtenbörse verstärken durch ihre preisbasierte Vermittlungslogik und das Überangebot an günstigen Transportangeboten, das sie über ihre Plattformen erzeugen, ein ‚race to the bottom‘ in der Transportlogistik (Helwing et al. 2023). Die steigende Arbeits- und Lohnkonkurrenz in der Transportlogistik, die durch Logistikplattformen weiter verschärft wird, geht auch mit einer räumlichen Erweiterung des Arbeitsmarktes einher. Besonders deutlich wird dies am Anteil der Lkw-Transportleistungen, die in Deutschland durch im Ausland registrierte Fahrzeuge durchgeführt wird: Im Jahr 2023 hat dieser Anteil erstmals den Anteil der Transportleistungen durch inländische Fahrzeuge überstiegen (Bundesamt für Logistik und Mobilität 2024). Besonders viele Transporte werden durch Transportfirmen aus Polen, Tschechien und Rumänien ausgeführt. Gleichzeitig werden in diesen Transportfirmen häufig Lkw-Fahrende beschäftigt, die aus weiteren Ländern – zunehmend auch aus EU-Drittstaaten – rekrutiert werden und zum Teil äußerst prekär beschäftigt werden (Van Gardingen und Atema 2023). Die Verantwortung für die Vermittlung von Transportaufträgen, die augenscheinlich nicht den geltenden Arbeits- und Sozialstandards unterliegen, übernehmen digitale Frachtenbörsen laut Interviewpartner*innen oftmals nicht:
„Also wo ist die Verantwortung … als Vermittler, wenn sie eigentlich sehen müssten, dass [Name einer Speditionsfirma] einen Auftrag für 0,70€ pro Kilometer vergibt und ganz klar wissen muss, den kann man nicht für Mindestlohn ausführen, das funktioniert nicht.“ (Vertreter einer gewerkschaftsnahen Organisation)
Zwei wilde Streiks im hessischen Gräfenhausen haben 2023 die Aufmerksamkeit auf die Arbeitsbedingungen von Lkw-Fahrenden gelenkt und verdeutlicht, worin die fehlende Verantwortung in Transportketten – die nicht ausschließlich, aber auch durch digitale Frachtenbörsen vorangetrieben wird – münden kann. Denn gerade die plattformbasierte Auftragsvermittlung tendiert dazu, Nachvollziehbarkeit und soziale Verantwortung in Lieferketten zu reduzieren.
In den Streiks haben die überwiegend aus der Kaukasusregion und Zentralasien stammenden Fahrer einbehaltene Löhne ihres polnischen Arbeitsgebers reklamiert, der im Auftrag namhafter europäischer Konzerne Transporte abwickeln ließ (s. Abb. 2). Auch Vorwürfe von Zwangsarbeit wurden dabei erhoben.
Abb. 2
Beklebter Lkw in Gräfenhausen. Quelle: Eigene Aufnahme
Der zweite der beiden Streiks erhielt nicht nur durch einen Hungerstreik, in den einige der Fahrer traten (s. Abb. 3), öffentliche Aufmerksamkeit, sondern auch durch seinen Bezug zum 2023 eingeführten Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG). Gräfenhausen gilt als einer der ersten Anwendungsfälle des LkSG in der Logistik und hat im Nachgang auch vermehrte Aufmerksamkeit auf die Transportvermittlung via digitaler Frachtenbörsen und die damit verbundenen sozialen Risiken gelenkt (Loew 2023; Helwing-Hentschel et al. 2024). Die Proteste haben darüber hinaus verdeutlicht, dass durch die stark fragmentierten Belegschaften und den geringen gewerkschaftlichen Organisierungsgrad von Lkw-Fahrenden insgesamt eine relativ geringe Verhandlungsmacht der Beschäftigten besteht – auch in plattformbezogenen Arbeitskontexten. Gleichzeitig wurde auch deutlich, dass digitale Kommunikationsplattformen für die Organisation und Solidarisierung mit dem Protest eine wichtige Rolle gespielt haben. Via „X“ wurde z. B. eine Solidaritätsaktion südkoreanischer Lkw-Fahrenden mit den Protestierenden in Gräfenhausen geteilt.
Abb. 3
Verkündung des Hungerstreiks in Gräfenhausen. Quelle: Eigene Aufnahme
Digitale Logistikplattformen haben nicht nur auf struktureller arbeitsmarktbezogener Ebene, sondern auch auf individueller Arbeitsplatzebene spezifische Effekte. Insbesondere sind davon die Bereiche Disposition, die Buchhaltung bzw. administrative Tätigkeiten sowie die Fahrzeugführung betroffen.
In den Interviews wurde deutlich, dass sowohl digitale Frachtenbörsen als auch digitale Speditionen mit Arbeitserleichterungen und somit einem geringeren Arbeitsaufwand für bestimmte Tätigkeiten einhergehen. Je ausgereifter die digitalen und automatisierten Anwendungen der Plattformen sind – dies ist vor allem bei digitalen Speditionen der Fall –, desto größer sind häufig die Erleichterungen von administrativen Tätigkeiten rund um das Transportmanagement. Beispielsweise bieten viele Plattformen Services rund um die Rechnungstellung oder die Buchhaltung für ihre Nutzer*innen an. Die Vertreterin eines Transportunternehmens schildert die Konsequenzen dessen wie folgt:
„Ich habe einfach meinen Job wegautomatisiert, in der Buchhaltung … wo ich in der Woche ca. drei bis vier Tage gebraucht habe, brauche ich jetzt drei Stunden.“
Umso ausgereifter automatisierte Entscheidungsmechanismen einer Logistikplattform sind, desto wahrscheinlicher ist es allerdings auch, dass die Entscheidungsautonomie einzelner Beschäftigter reduziert wird oder bestimmte Tätigkeiten zukünftig gänzlich substituierbar sind. Gerade Beschäftigte im Bereich der Disposition sind davon betroffen, da sowohl Plattformen als auch weitere Anbieter digitaler Dienstleistungen automatisierte Lösungen für das Transportmanagement anbieten, die in den klassischen Tätigkeitsbereich der Disponent*innen eingreifen. Gerade im Falle digitaler Speditionen, die ihren Service erst entfalten können, sofern ein umfangreicher Zugriff auf verschiedene Daten entlang des Transportes gegeben ist, wird zudem häufig in den Tätigkeitsbereich von Lkw-Fahrenden eingegriffen. Plattformen erhalten über gekoppelte Sensoren am Fahrzeug oder technische Geräte und Anwendungen wie Fahrtenschreiber und mobile Apps Zugang zu den Lkw-Fahrenden und praktizierten Formen der algorithmischen Kontrolle, die auch in anderen Kontexten der Plattformarbeit beobachtet werden, etwa bei appbasierten Lieferdiensten (z. B. Griesbach et al. 2019). Gleichzeitig betonten einige Lkw-Fahrende in den Interviews, dass Auftraggeber*innen und Vorgesetze auch schon vor der Nutzung von Plattformen umfangreiche Techniken der Überwachung und Kontrolle eingesetzt hätten, z. B. durch das GPS-Tracking, und insofern kein großer Unterschied zur Nutzung von Plattformdiensten bestünde.
Insgesamt wird deutlich, dass digitale Logistikplattformen, insbesondere die stärker automatisierten digitalen Speditionen, nicht allein für Prozesse der Automatisierung am Arbeitsplatz verantwortlich sind, sondern in einen Kontext vielfältiger Technologien eingebettet sind. Logistikplattformen können das Tempo mit denen diese Prozesse ablaufen jedoch beschleunigen.
Fazit
Der vorliegende Beitrag ist der Frage nachgegangen, welche arbeitsbezogenen Effekte durch die zunehmende Verbreitung digitaler Logistikplattformen entstehen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass in der Logistik verschiedene Plattformtypen bestehen – im Wesentlichen digitale Frachtenbörsen und digitale Speditionen – die in unterschiedlichem Maße und auf unterschiedlichen raumzeitlichen Ebenen Effekte auf Arbeit haben. Eine erste Einflussebene ist die Arbeitsmarktebene, die insbesondere durch die preisbasierte Auftragsvergabe digitaler Frachtenbörsen beeinflusst wird. Dabei lässt sich beobachten, dass digitale Frachtenbörsen eine Arbeits- und Lohnkonkurrenz in der Transportlogistik verstärken und in der Folge auch eine räumliche Ausweitung des Arbeitsmarktes entsteht. Damit können soziale Risiken verbunden sein, wie die Proteste durch Lkw-Fahrende in Gräfenhausen im Jahr 2023 verdeutlicht haben. Eine zweite Eiflussebene digitaler Logistikplattformen ist die Arbeitsplatzebene. Dabei ist zu beobachten, dass Plattformen, die ausgereifte digitale und automatisierte Anwendungen beinhalten – in diesem Fall vor allem digitale Speditionen – einen Einfluss auf Beschäftigte haben. Einerseits entstehen dabei oft Arbeitserleichterungen für bestimmte Tätigkeiten, z. B. im administrativen Bereich rund um die Transportabwicklung. Anderseits greifen diese Systeme oft in die Entscheidungsautonomie einzelner Beschäftigter ein und können bestimmte traditionelle Tätigkeitsfelder verändern oder substituieren. Gleichzeitig wurde am Beispiel von Lkw-Fahrenden deutlich, dass die algorithmische Kontrolle durch Plattformen in der Logistik keine gänzlich neue Entwicklung ist, sondern auch zuvor oftmals eine umfangreiche Überwachung durch andere Technologien erfolgte.
Insgesamt hat die Analyse gezeigt, dass digitale Logistikplattformen oftmals nicht allein für die beschriebenen arbeitsbezogenen Entwicklungen verantwortlich sind, sondern dass sie diese Prozesse in erster Linie verstärken bzw. beschleunigen. Darüber hinaus konnte anhand des Beispiels der Transportlogistik verdeutlicht werden, dass sich Arbeitskontexte durch die Verbreitung digitaler Plattformen auf vielfältige, nicht-lineare und teilweise widersprüchliche Weise verändern können (Kirchner et al. 2022; Pongratz 2022). Die Untersuchung unterstreicht, dass der Einsatz digitaler Plattformen insbesondere in zwischenbetrieblichen Bereichen mit ambivalenten arbeitsbezogenen Effekten einhergehen kann und eine differenzierte Betrachtung nach Berufsständen und Tätigkeitsfeldern erforderlich ist. Weitere Forschung ist daher nötig, um zu verstehen, welche unterschiedlichen raumzeitlichen Entwicklungen mit der Verbreitung digitaler Plattformen einhergehen und inwiefern sich diese möglicherweise von anderen Formen technologischen Wandels unterscheiden.
Aus Praxisperspektive lassen sich folgende Empfehlungen aus der vorliegenden Untersuchung ableiten. Die bislang relativ uneingeschränkte preisbasierte Auftragsvermittlung via digitaler Logistikplattformen und die damit verbundenen sozialen Risiken könnten möglicherweise durch eine stärkere Regulation der Plattformvermittlung eingehegt werden, z. B. durch die konsequentere Einschränkung der Unterauftragsvergabe. Des Weiteren könnten Informationsangebote durch Arbeitnehmer*innenvertretungen zu einem besseren Schutz von Beschäftigten in der plattformbasierten Transportlogistik beitragen. Logistikunternehmen könnten zudem zu einem sozialverträglichen Einsatz von digitalen Plattformen und angrenzenden Technologien beitragen, indem sie die Mitsprache und Mitgestaltung durch Beschäftigte ermöglichen, z. B. durch spezifische Feedback-Mechanismen.
Danksagung
Ich möchte dem Editor Niklas Völkening, den anonymen Reviewer*innen sowie meinem Kollegen Martin Franz für die konstruktiven Anmerkungen zu früheren Versionen des Artikels danken.
Förderung
Die Arbeit wurde im Rahmen des Forschungsverbundes „Ökonomie der Zukunft“ durch die Hans-Böckler-Stiftung gefördert [Fördernummer: 2019-543-3].
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Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
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