Skip to main content
Top

20-01-2014 | Energie | Interview | Article

"Akzeptanz der Energiewende ist ein fragiles Gut"

Author: Günter Knackfuß

3 min reading time

Activate our intelligent search to find suitable subject content or patents.

search-config
print
PRINT
insite
SEARCH
loading …

Michael Spielmann, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe e.V., im Interview über die schräge Strompreisdebatte, die Chancen und Probleme der Energiewende und die Notwendigkeit ihrer naturverträglichen Umsetzung.

Springer für Professionals: Funktioniert die Energiewende nach Ihrem Eindruck unabhängig von der Berichterstattung über ihre Kosten?

Michael Spielmann: Die Energiewende funktioniert bisher jedenfalls weitgehend unabhängig von der wiederholten Behauptung, sie sei unbezahlbar. Die Akzeptanz der Energiewende ist bei den Bürgerinnen und Bürgern ausweislich aller Umfragen nach wie vor sehr hoch. Mehr noch, die Bürger sind die wichtigsten Träger der Energiewende. Sie investieren Milliarden. Öffentliche und veröffentlichte Meinung fallen bei diesem Thema extrem auseinander.

Gibt es dafür eine Erklärung?

Ja, die Menschen spüren, dass der schrille Ton der Kostendebatte angesichts der Ewigkeitskosten von Atomkatastrophen wie in Fukushima oder der verheerenden Folgen des Klimawandels wie nach dem Taifun auf den Philippinen unangemessen ist.

Sind die steigenden Strompreise also kein Problem?

Natürlich sind die ein Problem, jedenfalls partiell, für Haushalte mit niedrigen Einkommen. Aber die Strompreise sind nicht ursächlich für die zunehmende Armut in Deutschland. Armutsbekämpfung ist und bleibt eine Aufgabe der Sozialpolitik, nicht der Energiepolitik. Trotzdem müssen wir alle, die wir die Energiewende voranbringen wollen, wissen, dass die Akzeptanz in der Bevölkerung ein ebenso sensibles wie fragiles Gut ist. Dieses Gut müssen wir jeden Tag pflegen, denn ohne Akzeptanz ist die Energiewende schnell am Ende.

Kann man der bröckelnden Akzeptanz vorbeugen?

Das muss man versuchen! Schon weil manche die Erosion betreiben. Wir müssen zum Beispiel aufpassen, dass Chancen und Risiken der Energiewende gerecht verteilt werden. Es kann nicht sein, dass die privaten Stromverbraucher und kleine Unternehmen die hohe EEG-Umlage mit ihrer Stromrechnung allein bezahlen, während immer größere Teile der Industrie sich davonstehlen. Die Behauptung, die energieintensive Industrie sei durch hohe Strompreise bedroht, ist bis heute ein Märchen. Da genügt ein Blick auf die Entwicklung der Börsenpreise für Strom – und auf die deutsche Außenhandelsbilanz.

Wenn die Lastenteilung im Gleichgewicht ist, ist auch die Akzeptanz im Lot?

Nein, es gibt genug andere Probleme, auch wichtigere: Die Akzeptanz ist bedroht, wenn wir trotz des rasanten Zubaus von Wind- und Solarkraftwerken immer mehr Strom aus schmutziger Kohle produzieren und die Treibhausgas-Emissionen steigen statt zu sinken. Das ist absurd, so war die Energiewende nicht gemeint. Wenn der europäische Handel mit CO2-Zertifikaten nicht in Richtung klimaschonende Technologien lenkt, muss die Bundesregierung gegensteuern und notfalls auch über nationales Ordnungsrecht die schlimmsten Dreckschleudern aus dem Markt drängen. Die Akzeptanz ist auch und zu Recht bedroht, wenn Umwelt- und Naturschutz aus dem Gleichgewicht geraten.

Was heißt das konkret?

Die Energiewende dient dazu, Großrisiken wie Atomkatastrophen und Erderwärmung abzuwenden. Gleichzeitig belasten Windräder, Pumpspeicherkraftwerke oder der Anbau von Energie-Biomasse die Natur. Da gibt es unausweichlich Konflikte. Die DUH kämpft auf vielen Feldern für ihre Minimierung. Der Um- und Ausbau der Stromtrassen muss nicht nur Rücksicht nehmen auf das Wohnumfeld der betroffenen Anwohner, sondern auch so naturverträglich erfolgen wie möglich. Das gilt auch für den Aufbau von Windparks in Nord- und Ostsee. Schweinswale und andere sensible Meeresbewohner dürfen nicht dauerhaft schaden leiden. Gemeinsam mit anderen Naturschutzverbänden, aber auch der Industrie und der Politik kämpft die DUH für ein tragfähiges Schallschutz-Konzept.

Lesen Sie auch

Neue Leitlinien sollen Nordsee-Schweinswale schützen
Akzeptanz und Beteiligung als Herausforderung für die Energiewende

print
PRINT

Related topics

Background information for this content