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07-07-2020 | Entrepreneuership | Kolumne | Article

Der Post-Corona-Markt braucht Unternehmer

Author:
Ulvi Aydin
4:30 min reading time

Durch die Corona-Krise trennt sich im stationären Handel die Spreu vom Weizen, meint Gastkolumnist Ulvi Aydin. Überleben werden die Geschäfte, deren Leiter unternehmerisch denken. Dazu müsse die Strategie der Filialsysteme umgekrempelt werden.

Die Corona-Krise ist eine einzigartige Gelegenheit für jeden Unternehmer: Der Handlungsdruck ist so hoch, dass Einzelhändler und Filialbetreiber endlich die Zeit finden müssen, an ihrem Unternehmen zu arbeiten – statt nur in ihnen. Schon vor der Krise gab es ein Überangebot von 100 Prozent in allen Bereichen der Konsumgüterbranche. Egal, ob Nahrungsmittel, Kosmetik, Kleidung, elektronische Geräte, Möbel oder Werkzeug: Es gibt zu viel von allem. Aufgrund der Krise sackt das Geschäftsvolumen ein – und wird auch so schnell nicht mehr zurück zum alten Niveau steigen. Es wird also weniger Geschäfte geben und weiterhin genug Angebot.

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Die Filiale im Post-Corona-Markt

Nur trennt sich während und nach Corona die Spreu vom Weizen: Überleben werden die Geschäfte, deren Leiter unternehmerisch denken und handeln, statt Dienst nach Vorschrift zu machen und die Rollläden schon 15 Minuten vor Schluss herunterzufahren. Es bleiben die Geschäfte bestehen, deren Verantwortliche kein unternehmerisches Risiko scheuen, Konsequenzen aus der Krise ziehen und strategische Lehren daraus für sich ableiten. Die größte Lehre: Wer aus seinem Filialsystem ein Netzwerk selbstständiger Unternehmen macht, setzt sich im Post-Corona-Markt durch.

Allein am sprachlichen Duktus der Steuersprache zeigt sich bei Filialsystemen schon die Unselbständigkeit. Sie heißen "nichtselbständige Betriebsstätten" sowie Angestellte "nichtselbständige Beschäftigte" heißen. Commitment, eigenverantwortliches Handeln und Produktivität sind aber höher, wenn jemand selbständig ein Unternehmen leitet. Wenn Filialbetreiber die Produktivität ihrer Betriebsstätten steigern und eine höhere Mitarbeiterzufriedenheit erlangen wollen, dann sollten sie ihre Filialleiter zu Mitunternehmern in einem gleichwertigen Franchise-System machen.

Gleichwertige Franchise-Systeme?

Die gängige Kritik an Franchise-Systemen ist bekannt: Sie sind nicht gleichwertig. Der Franchisegeber schreibt den Franchisenehmern vor, in welchen Rahmen sie sich bewegen dürfen. Das ist sein gutes Recht, da er Markeninhaber ist und die Lizenzen vergibt. Doch auch Franchisegeber sollten aufgrund der Corona-Krise ihre Strategie überdenken und ihr Franchise-System mehr als ein Ökosystem verstehen, in dem die selbstständigen Unternehmer ein großes Mitspracherecht haben: Das ursprünglich vom Mutterunternehmen kommende Strategie-, Marketing- und Warenkonzept kann im Post-Corona-Franchise-System von allen Mitunternehmen gemeinsam weiterentwickelt und optimiert werden.

Ein Franchise-System funktioniert nur, wenn beide Vertragspartner – Geber und Nehmer – zufrieden sind. Das ist in vielen Fällen noch nicht der Fall. Selten agieren Franchise-Geber wie Mentoren und unterstützen ihre Nehmer mit Wissenstransfer und Performance-Support. Doch wenn Verantwortliche sich in der Corona-Krise strategisch von der Konkurrenz abheben wollen, müssen sie den lieb gewonnenen Status Quo hinterfragen – und sich neue Strategien überlegen.

Die Unternehmergemeinschaft

Geschäftsführer von Unternehmen mit nichtselbständigen Filialsystemen sollten das Vor-Corona-Franchise-System überspringen und sofort auf ein strategisches Ökosystem bauen. Denn: Auch in den Herzen vieler nichtselbständiger Filialleiter brennt das unternehmerische Feuer. Geschäftsführer sollten diese Leute identifizieren – und gemeinsam mit ihnen an der Transformation ihres Systems arbeiten. Die Lust wecken, mehr Verantwortung zu tragen. Und: die Chance der Krise ergreifen, um mit einem innovativen Organisationsmodell den Markt zu erobern.

Das Post-Corona-Franchise-System ist eine Unternehmergemeinschaft auf Augenhöhe. Ein Verbund an Unternehmern, die für dieselbe Marke antreten und deren Geschäftsführer die obersten Markenbotschafter sind. Ein Verbund, der nicht geradlinig-harmonisch interagiert – sondern bewusst die Konfrontation untereinander sucht und mit offenen Karten spielt. Ein Ökosystem, in dem Reibung herrscht, die in positive Energie umgewandelt wird.

Die Vorteile von Ökosystemen

Viele Unternehmer denken jetzt bestimmt: "Mal eben das Geschäftsmodell umkrempeln – das ist leichter gesagt, als getan." Klar, es erfordert Mut. Doch wer glaubt, die Zukunft passiere einfach so, irrt. Jeder muss seine Zukunft selbst gestalten. Wer als Unternehmer nur zweifelt und abwartet, verschwindet in absehbarer Zeit in der Bedeutungslosigkeit. Wer dagegen den Mut aufbringt und sich in die tosenden Wellen der Transformation stürzt, ergattert sich nicht nur ein Stück vom Kuchen – sondern gleich die ganze Bäckerei. Für das Post-Corona-Franchise-System sprechen vor allem die folgenden zwei Punkte::

  • Glücklichere Unternehmer: Unter anderem belegt eine Studie der von der Oxford University betriebenen Saïd Business School: Glückliche Mitarbeiter sind 13 Prozent produktiver. Aus der Psychologie ist bekannt: Selbstbestimmung ist ein Glücksfaktor. Wer seine Filialleiter also zu selbstbestimmten Unternehmern macht, erhöht deren Glücksfaktor und Produktivität.
  • Alles für den Kunden: Selbständige Unternehmer haben eine größere Verantwortung – und sorgen sich darum noch stärker um das Kundenerlebnis, als nichtselbständige Filialeiter. Es geht immerhin um ihr eigenes Unternehmen. Davon profitieren die Kunden. Sie und ihr Markenerlebnis stehen uneingeschränkt im Mittelpunkt.

Fazit: Aus unternehmerischer und strategischer Sicht ist es undenkbar, dass ein Filialsystem, das vor der Pandemie funktioniert hat, danach einfach so weiterläuft wie bisher. Wer so denkt, wird zurückfallen. Wer das Unternehmertum stärkt und nach zukunftsgerichteten Unternehmergemeinschaften unter demselben Markendach strebt, erhält ein Netzwerk aus High-Performern, in dem jeder Extrameilen läuft. Kunden vor Ort und Online erhalten einen höheren Mehrwert – und kommen wieder. Denn sie spüren: Es geht hier um uns.

Alle tagesaktuellen Beiträge rund um die Corona-Krise finden Sie hier

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