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05-03-2020 | Firmenkunden | Im Fokus | Article

Hausbanken verlieren exklusiven Status beim Mittelstand

Author:
Angelika Breinich-Schilly
4 min reading time

Über Jahrzehnte waren die etablierten Banken, allen voran die regionalen Institute, feste Partner der mittelständischen Wirtschaft in Deutschland. Doch laut einer Studie wird diese einst so enge Bindung zunehmend rissig.

Mittelständische Unternehmen gelten nicht nur als das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Sie sind auch ein wesentlicher Baustein in regionalen Wertschöpfungsketten. Und noch eine Besonderheit zeichnet den deutschen Mittelstand aus, sagt Holger Reinemann, Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Personal- und Unternehmensführung an der Hochschule Koblenz. "Das herrschende Hausbankprinzip ist ein weiterer Ausdruck der engen regionalen Beziehungen. In Deutschland sind Bankbeziehungen mittelständischer Unternehmen zumeist regional verortet sowie eng und auf Dauer angelegt", betont der Springer-Autor im Buchkapitel "Mittelständische Unternehmen – Miniaturausgabe der Konzerne?" (Seite 6).

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Investition und Finanzierung

"Zeit" hat eine wesentliche ökonomische Bedeutung, die sich in der Investitionsrechnung in Ab- und Aufzinsungsvorgängen ausdrückt. Um zwischen verschiedenen Investitionsobjekten auswählen und optimale Ersatzzeitpunkte bestimmen zu können, verwendet man die Kapitalwertmethode, die Interne-Zinsfuß-Methode und die Äquivalente-Annuitäten-Methode.

Doch genau diese langen Beziehungen werden nun offensichtlich spröde, wie der "Finanzierungsmonitor 2020" des Spezialisten für Mittelstandsfinanzierung Creditshelf zeigt. Hierfür wurden Ende 2019 mehr als 200 Finanzentscheider aus mittelständischen Industrie-, Handels- und Dienstleistungsunternehmen durch ein Marktforschungsinstitut online befragt. Die Studie ergab, dass nur jedes zehnte kleine oder mittlere Unternehmen (KMU) seinem aktuellen Bankpartner die Treue halten will. 56 Prozent können sich hingegen einen Wechsel der Hausbank vorstellen oder haben diesen sogar schon geplant.

Unternehmen wollen flexibler finanzieren

Die Unternehmen suchten nach mehr Flexibilität bei der Finanzierung und akzeptierten daher auch zunehmend die Angebote von Fintechs, die so in das Hoheitsgebiet der Bank eindringen, heißt es in der Studie. Bislang deckte der Mittelstand Eigenkapitallücken vor allem durch Bankkredite, bestätigt auch Springer-Autor Reinemann. "Die Erklärung findet sich im typisch deutschen Finanzierungsregime, das die historisch ausgebildeten Finanzierungsstrukturen befördert. Das herrschende Hausbankprinzip ist ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung", schreibt er im Buchkapitel "Reifephase – Bewährung und Bewahrung mittelständischer Strukturen" auf Seite 175. Er führt aus: 

Daneben werden auch Vertrauensbeziehungen […] aufgebaut, die ein opportunistisches Verhalten von Darlehensnehmern unwahrscheinlicher machen. Im Falle der Aufnahme zusätzlichen Fremdkapitals oder auch in Krisenzeiten ergeben sich für mittelständische Unternehmen erhebliche Vorteile, da neben den rein quantitativen Kriterien einer Bonitätsbeurteilung auch die qualitativen Aspekte einer langfristigen Geschäftsbeziehung in die Entscheidung des Firmenkundenbetreuers eingehen."

Hausbankbeziehungen leiden bei Konjunkturschwächen

Nachteile ergeben sich laut Reinemann allerdings in konjunkturellen Schwächephasen oder Krisen. Dann komme es häufig zur Kreditklemme bei KMU. "Darunter wird die Tatsache verstanden, dass mittelständische Unternehmen eine restriktive Kreditvergabepraxis der Banken feststellen, die in letzter Konsequenz zu einer Ablehnung von Kreditanträgen, höheren Risikozuschlägen oder verschärften Sicherheitenerfordernissen führt." Ergo: Die Hürden, an Kredite für notwendige Investitionen zu kommen, steigen spürbar an.

An diesem Punkt suchen heute viele Unternehmenslenker Optionen außerhalb ihrer Hausbank, sagen auch Nick Dimler, Boris Karcher und Joachim Peter. "Im Zuge der Verschärfung der Bankenregulierung (Basel II und III) sowie wachsendem Kostendruck auf Bankenseite, der zu Filial- und Personalabbau führt, gibt es schon seit einiger Zeit Tendenzen zur Aufweichung des Hausbankprinzips. Dies gilt vor allem auch für kleine und mittelständische Unternehmen, deren oft kleine Finanzierungsvolumina aus Ertragssicht für viele Banken unattraktiv erscheinen", sagen die Springer-Autoren. Einen deutlichen Schub habe diese Entwicklung weg von der Abhängigkeit einer Hausbank in und nach der letzten Finanzkrise erhalten, "nachdem viele Mittelständler notwendige Kredite nicht mehr bekamen", heißt es im Buchkapitel "Trends in der Mittelstandsfinanzierung" (Seite 6 f.).

Factoring, Leasing oder Finetrading rücken in den Fokus

Dimler, Karcher und Peter verweisen auf verschiedene Factoring-Varianten, das sogenannte Finetrading, also die Finanzierung des Wareneinkaufs, sowie das Crowdfunding als bankenunabhängige Alternativen zum klassischen Kredit. Auch die Studie ergab, dass die alternativen Finanzierungsmöglichkeiten stark nachgefragt seien. Mehr als die Hälfte der Unternehmen nutze demnach zum Beispiel Leasing. Aber auch die Lagerfinanzierung sei mit 36 Prozent sehr beliebt. 70 Prozent tun dies nach eigener Aussage deshalb, um die Unabhängigkeit von der Hausbank zu erhöhen.

Was also können Banken tun? Neben der Entwicklung neuer digitaler Wachstumsfelder sieht Marcus Schenk, ehemaliger CFO der Deutschen Bank, die Beratung von Unternehmen bei Investitionsentscheidungen oder bei der Kapitalstruktursteuerung als wichtiges Instrument zur Kundenbindung (Seite 81). In seinem Beitrag "Herausforderungen der europäischen Finanzindustrie" anlässlich des Duisburger Banken-Symposiums schreibt er, dass Online-Fragetools die persönliche Beratung unterstützen, aber aufgrund der Individualität jedes Einzelfalls und der Bedeutung langjährigen Kundenvertrauens nicht vollständig ersetzen können. Er empfiehlt deshalb: "Banken müssen zur Befriedigung der Kundenansprüche zukünftig eine deutlich höhere Flexibilität aufweisen und die Kunden in diesen Geschäftsbereichen individuell betrachten."

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