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05-05-2021 | Führungsqualität | Interview | Article

"Führung mit Sinn ist weniger anfällig für Machtpathologien"

Author:
Andrea Amerland
5 min reading time

Die Suche nach Sinn stärkt die Führungskompetenz. Davon ist Springer-Autorin Petra Künkel überzeugt. Darüber, wie sich dadurch zukunftsfähige Führung entwickelt und Herausforderungen wie der Klimawandel gemeistert werden können, spricht sie im Interview.

Springer Professional: Was verstehen Sie unter Führung mit Sinn?

Petra Künkel: Wir leben mit der Corona-Krise und dem Klimawandel in einer Zeit, wo Zukunftsfragen noch einmal ganz anders auf die Agenda von Organisation rücken. Mit einem Fokus auf Sinn zu führen, bedeutet, über die kurzfristigen Belange der Organisation hinauszudenken und mit Zukunfts- sowie gesellschaftlichen Fragen zu verbinden. Das zu tun, hat kleine, aber auch große Folgen. Etwa wie ich meine Mitarbeiter unterstütze, durch die Corona-Krise zu navigieren oder wie ich als Führungskraft dazu beitrage, die Leben auf unserem Planeten auch langfristig zu sichern. Diesen Beitrag als positiven, gesellschaftlichen und verantwortlichen Beitrag umzubauen oder zu verbessern, ist ein emotionaler Magnet – auch und gerade für Mitarbeitende. Führung mit Sinn heißt also, unseren Beitrag für Menschen und unsere Zukunft als Menschheit in den Fokus zu nehmen.

Editor's recommendation

2020 | Book

Führung mit Sinn

Wie Manager verantwortlich Zukunft gestalten

Das Buch unterstützt Führungskräfte darin, zukunftsfähige Führung pro-aktiv anzugehen, unbequeme Fragen zu stellen und den eigenen Führungsbeitrag Schritt für Schritt neu zu definieren. 

Welchen Einfluss hat die Suche nach Sinn auf die Führungskompetenz?

Führungskräfte haben Verantwortung für Wirklichkeitsgestaltung, die über Quartalszahlen hinausgeht. Sie sind Knoten in einem Netzwerk: An diesem Knotenpunkt läuft viel zusammen und kann beeinflusst werden. Wer also diese Macht wahrnehmen will, muss die Verbindung zu einem inneren Kern aufrechterhalten, einer Intention, die fast bei allen Menschen darauf ausgerichtet ist, etwas für die Welt Sinnvolles zu erreichen. Verliert man diese Verbindung, passieren alle die typischen Symptome des Machtmissbrauches oder der Angst vor Machtverlust, die wir etwa bei Politikern sehen, aber auch in Organisationen. Die Suche nach Sinn, also die Klarheit darüber, was dieser innere Kern ist, wie die tiefere Intention aussieht, stärkt eine Führungskraft. Sie ist weniger anfällig für die schleichenden Symptome von Machtpathologien.

Was bringt sinnhafte Führung dem Management rund um Herausforderungen wie Klimawandel, Corona-Krise oder Digitalisierung?

Alle drei Bereiche sind Gradwanderungen der gesellschaftlichen Zukunftsentwicklung, in denen Macht und Ohnmacht eine wichtige Rolle spielen, und Freiheit auf dem Spiel steht. Beim Klimawandel ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass sich nicht nur unser Verhalten ändern muss, sondern unsere Wirtschaft so umgebaut werden sollte, dass sie sich mit den ökologischen Bedarfen unseres Planeten verträgt. Das berührt massiv Machtfragen. Was muss in welcher Form anders produziert werden? Wie gleichen wir ungleiche Betroffenheit vom Klimawandel in der Welt aus? 

Und beim Thema Covid-19-Pandemie und Digitalisierung?

In der Corona-Krise bringt das Virus Regierungen verstärkt dazu, Macht auszuüben und Bewegungsfreiheit einzuschränken. Andererseits lässt es die Wissenschaft weltweit zusammenwachsen, um Lösungen aus der Krise zu finden. Zudem macht es uns menschlicher, weil wir unserer Verletzlichkeit gewahr werden. In der Digitalisierung prallen Wertedifferenzen und unterschiedliche Zukunftsvorstellungen aufeinander. Auch hier stellen sich Fragen von Macht und Freiheit. Die Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein, sondern muss unsere zukünftige Wirtschaftsweise mit den planetaren Grenzen und mit der Wahrung menschlicher Grundrechte in Einklang bringen. Sinn ist in allen drei Bereichen ein klarer Kompass, ein Wertekanon, der fragt: Wozu tragen wir bei? Wozu will ich beitragen? Sinnhafte Führung kann zur Leitplanke zukunftsorientierter Handlungsweisen werden.

Wie sollten Führungskräfte ihre Werte definieren, um sie gezielt für die Führungsarbeit nutzen zu können?

Wertedefinitionen sind kontextuell und individuell unterschiedlich. Jede Führungskraft, die sich mit Sinn auseinandersetzt, muss die Reise in die eigenen Tiefen und die eigene Geschichte antreten. Auf welchen Wertekern sie stößt, unterscheidet sich. Die spannende Erkenntnis ist, dass, wer die Reise antritt, zu Grundthemen des Lebens kommt, die für viele Menschen ähnlich sind: Was oder wen liebe ich? Was ist mir wichtig? Wie will ich in Erinnerung bleiben? In meinem Buch "Führung mit Sinn" zeige ich einen Weg auf, diese Reise nach innen anzutreten, aber nicht im Sinne eines Rückzuges aus der Realität, sondern als tieferer Bezug zu genau der Realität, in der wir jetzt leben und gemeinsam Zukunft gestalten. Das heißt, feste Definitionen sind weniger wichtig als der inneren Reise regelmäßig, als Teil der persönlichen und professionellen Planung, eine Struktur zu geben. Wer Zeit für Reflexion im Berufsalltag einplant, als wäre das ein dringender Termin mit sich selbst, der wird nach wenigen Monaten merken, wie der Weg klarer wird.

Sie haben Interviews mit 14 Führungspersönlichkeiten aus acht verschiedenen Ländern zum Thema geführt. Was sind die zentralen Erkenntnisse daraus, die anderen Führungskräften als Handlungsempfehlung dienen können?

Eine erstaunliche Erkenntnis für mich war, wie sich die Herausforderungen und Erkenntniswege über viele Kulturen hinweg ähneln, was darauf hinweist, dass Führung als sehr bewusste und nicht zuletzt gemeinsame Zukunftsgestaltung zutiefst menschlich ist. Letztlich geht es darum, wie ich mit meinen speziellen Fähigkeiten Zukunft so gestalte, dass nicht nur ich das Gefühl habe, mein Beitrag macht Sinn, sondern auch an der Resonanz spüre, dass er andere Menschen oder die Umwelt positiv voranbringt. Dafür habe ich in meinem Buch "Führung mit Sinn" einen Kompass entwickelt, der genau solche Handlungsempfehlungen beinhaltet. Man kann die sechs Dimensionen als regelmäßige Checkliste nutzen, um eigenen Führungsbeitrag kontinuierlich zu reflektieren.

Welche Dimensionen sind das?

Wie setze ich meine Führungsfertigkeiten für einen Beitrag ein, der wirklich Sinn macht? Wie stelle ich in der Führung Kooperationsbeziehungen mit anderen Menschen her, die Vertrauen ausbauen? Wie agil stelle ich mich auf neue Herausforderungen ein und nutze auch die Ideen von anderen, um sie zu bewältigen? Wie halte ich die Verbindung zu den Werten, die mir wichtig sind und stelle sicher, dass ich sie lebe? Wie schaffe ich Gelegenheiten für konstruktive Dialoge und gemeinsame Reflexion? Wie bette ich meine Führungsaufgabe ein in verantwortliches Handeln für die Zukunft der Menschheit und unseres Planeten?

Letztlich geht es bei Führung immer darum, wie wir unsere eigene Lebensenergie im Kontext eines sinnvollen Beitrags zur Welt aufbauen und ausbauen und dabei durch unsere Führung andere Menschen inspirieren, dies im Rahmen ihrer Kompetenz und Möglichkeiten auch zu tun.

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