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29-04-2020 | Führungsqualität | Interview | Article

"Integre Führungskräfte können auch in Krisen führen"

Author: Andrea Amerland

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Interviewees:
Dr. Anne Glöggler

war viele Jahre Managerin und Abteilungsleiterin in internationalen Unternehmen. Jetzt arbeitet sie als Referentin, Moderatorin und Trainerin.

Dr. Peter Hügelmeyer

war 15 Jahre Mitarbeiter, Führungskraft und Geschäftsführer in Unternehmen. Seit 2004 ist er Gesellschafter und Geschäftsführer der Business School für Management & Vertrieb München BSM GmbH.

Mitarbeiter- und Unternehmensführung sind von Zielkonflikten, Veränderungen und Mehrdeutigkeiten geprägt. Auch in der komplexen Situation der Corona-Krise ist Integrität die Schlüsselkompetenz für erfolgreiche Leadership, so die Experten Anne Glöggler und Peter Hügelmeyer.

springerprofessional.de: Was verstehen Sie unter Integrität in der Führung?

Peter Hügelmeyer: Integrität in der Führung heißt für mich: Erstens, dass Reden und Handeln einer Führungskraft zusammenpassen. Zweitens, dass andere Menschen, deren Würde und Unverletzlichkeit respektiert werden. In der Medizin ist jede Behandlung, die ohne Zustimmung des Patienten erfolgt, eine Körperverletzung. Auf die Führung übertragen heißt dies, dass jede Manipulation und erst recht jeder heimliche Versuch, den anderen ohne seine Zustimmung über psychologische Tricks zu beeinflussen, unterbleiben muss. Und drittens beschreibt Integrität in der Führung ein neues Führungskonzept. Dabei geht es um die permanente Güterabwägung zwischen den Interessen der Menschen, seien dies nun Mitarbeitern, Kunden oder anderweitig Betroffene, den legitimen Interessen des Unternehmens und darüber hinaus den Aufgaben einer Führungskraft, die Mitarbeitern und auch das Unternehmen mit seinen Produkte und Dienstleistungen für die Zukunft fit zu machen. 

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Integrität in der Führung

Erfolgreiches Leadership durch Persönlichkeit und Werte

Mitarbeiter- und Unternehmensführung ist von Zielkonflikten, Veränderungen und Mehrdeutigkeiten geprägt. In dieser komplexen Situation ist Integrität der Schlüsselbegriff für erfolgreiches Leadership. Eine integre Führungspersönlichkeit reflektiert ihre Werte regelmäßig und hinterfragt ihre Haltung und ihre Handlungen.

Warum ist Integrität als Führungskompetenz wichtig?

Anne Glöggler: Integrität ist keine isolierte Kompetenz. Sie hängt sehr eng mit Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit zusammen. Integrität und Vertrauen bedingen sich gegenseitig. Das Vertrauen in eine Person baut sich nur langsam auf, ist jedoch schnell zerstört. Eine integre Führungskraft genießt Vertrauen und ist so auch in schwierigen Situationen akzeptiert und durchsetzungsfähig. Andererseits: Einer Person, die als nicht integer gilt, vertraut niemand und sie ist auch nicht durchsetzungsfähig. Etwas pointiert gesagt: Integre Führungskräfte können auch in Krisen oder bei massiven Veränderungen führen; nicht integre Führungskräfte allenfalls bei gutem Business-Wetter.

Wie können Führungskräfte Integrität lernen?

Anne Glöggler: Integrität ist eine innere Haltung, keine Führungstechnik, die man sich schnell in einem Seminar aneignen kann. Und Haltungen von Menschen entwickeln sich langsam. Feedback aus der Umgebung kann hier hilfreich sein. Hierauf muss man nicht warten, man kann es auch aktiv von seiner Umgebung erbitten. Vor allem ist es aber die regelmäßige, wenn nicht gar tägliche Reflexion über das eigene konkrete Verhalten: Zehn bis fünfzehn Minuten am Tag über sich selbst, seine Kommunikation und sein Tun selbstkritisch nachzudenken, das kann ein guter Start sein.

Wie können Führungskräfte in der Corona-Krise beweisen, dass sie integer sind?

Peter Hügelmeyer: Reden und Handeln müssen zusammenpassen. Das heißt, integre Führungskräfte machen keine Ankündigungen, die sie nicht halten können. Sie machen machen keine Prognosen ohne solide Grundlage. Sie sind transparent. Integre Führungskräfte kümmern sich um die Sorgen ihrer Mitarbeiter und Kunden. Sie kümmern sich soweit wie möglich auch um die nachhaltige Sicherung von Arbeitsplätzen und qualifizieren ihre Beschäftigten für die Zeit nach Corona. In einem Satz: Integre Führungskräfte zeigen ziemlich genau das Verhalten, was der derzeitige amerikanische Präsident vermissen lässt.

Wann ist Integrität nicht mehr möglich beziehungsweise wann stößt diese Führungsqualität an ihre Grenzen?

Peter Hügelmeyer: Bei integrer Führung muss ich permanent abwägen zwischen den Interessen der Beschäftigten, den legitimen Interessen des Unternehmens und der Weiterentwicklung der Belegschaft und des Unternehmens für die Anforderungen der Zukunft. Diese Entscheidungen für oder gegen etwas müssen transparent und nachvollziehbar sein. Ich bin andauernd in einem Priorisierungsprozess. Dabei muss der Mensch jedoch im Mittelpunkt stehen. Die Frage ist, wer ist wofür da? Die Menschen für die Unternehmen oder die Unternehmen für die Menschen? Aus der Sicht von integrer Unternehmensführung sind Unternehmen von Menschen zu einem bestimmten Zweck geschaffen. Dieser besteht nicht nur aus dem Gewinn für die Inhaber oder einem steigenden Aktienkurs, ein Unternehmenszweck muss auch dem Gemeinwohl dienen.

Also geht integre Führung eigentlich immer?

Auch wenn der Mensch im Mittelpunkt steht, heißt dies nun aber nicht, dass von den Mitarbeitenden nichts gefordert werden darf. Auch dass ihnen sehr wohl etwas zugemutet werden darf, wenn es für die weitere Existenz des Unternehmens erforderlich ist. Eine solche Zumutung muss aber ausreichend legitimiert, gut begründet, akzeptabel und vermittelbar sein. Auf die Angemessenheit kommt es an. Wenn Integrität so verstanden wird, gibt es keine Grenze für diese Führungsqualität.

Was sagen Sie zu dieser Aussage: Integre Unternehmensführung ist in der VUKA-Welt gar nicht möglich.

Anne Glöggler: Ich würde bei Ihrer Frage eher die Gegenposition einnehmen. Gerade in der VUKA-Welt ist integre Führung unverzichtbar. Eine ganz wesentliche Grundlage für integre Führung sind die eigenen reflektierten Werte und Haltungen. Gerade in einer Welt mit wenig Gewissheiten, hohen Unsicherheiten, Mehrdeutigkeiten und maximalen Veränderungen braucht es ein Gerüst, das stabilisiert, oder ein Geländer, an dem man entlang hangeln und sein Führungshandeln orientieren kann. Ein solches Geländer lässt sich nur in der Persönlichkeit der Führungskraft selbst finden, in ihren Werten und Haltungen.

Alle tagesaktuellen Beiträge rund um die Corona-Krise finden Sie hier

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