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30-03-2016 | Führungstools | Kommentar | Article

Ohne Krawatte und auch noch per Du

Author:
Frank H. Baumann-Habersack
 

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Die Frage, wann ein 'Du' oder 'Sie' angebracht ist, kann Seminare zum Thema Business-Etikette füllen. Doch plötzlich ist in deutschen Chefetagen der Duzwahn ausgebrochen, kommentiert Springer-Autor Frank H. Baumann-Habersack.

Bei der Bilanzpressekonferenz der Continental AG im März 2016 zeigten sich die Vorstände ohne Krawatte. Der Pressesprecher bemühte sich danach um die richtige Deutung, dass man durch ein lockeres Outfit bewusst mehr Nahbarkeit vermitteln wolle. Die "Wirtschaftswoche" titelte knapp zwei Wochen später "Chefs geben sich plötzlich volksnah" und vermeldete unter anderem, dass der Chef des Versandhändlers Otto all seinen Mitarbeitern das Du angeboten habe. Davon inspiriert zieht jetzt auch der Discounter Lidl nach.

Es wird also landauf, landab geduzt, was das Zeug hält, um nahbarer zu wirken oder Nähe zu erzeugen. Um die Unternehmenskultur zu verändern. Um mehr Lockerheit und Spaß zu vermitteln. Die Jungen wollen es so, heißt es. Mancher Mitarbeiter vermag sich da nur noch verwundert die Augen zu reiben.

Kleine Kulturgeschichte der unpersönlichen Anrede

Fast zwei Jahrhunderte wurde auf gepflegte Unnahbarkeit und Distanz Wert gelegt. Noch am Anfang des letzten Jahrhunderts duzte der Hausherr die Kinder und Hausangestellten. Diese hatten aber wiederum ihm gegenüber das Sie in der Ansprache zu wahren: Ja, Herr Vater, gewiss. 
Diese soziale Sprachordnung findet sich im Übrigen noch heute in vielen Schulen Deutschlands: Die Lehrer duzen die Schüler, die Kinder müssen aber Erzieher oder Lehrkörper Siezen. Das geht meist bis zur Oberstufe so.

Dieser soziale Sprachcode drückt Über- und Unterordnung aus, erleichtert Distanz herzustellen und erhält damit dieses Hierarchieverständnis subtil aufrecht. Doch dieser Sprachcode drückt noch etwas anderes aus, was bei der oberflächlichen Diskussion unbeachtet bleibt: Das Sie in diesem Verständnis repräsentiert auch ein altes Autoritätsverständnis in der Führung von Menschen.

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Zwischen professioneller Distanz und professioneller Nähe

Es geht also nicht wirklich um die Anrede 'Du' oder 'Sie' sondern um ein neues gesellschaftliches Werteverständnis in Unternehmen. Dieses kollidiert dort aber vielfach mit dem überholten Verständnis aus der Zeit der Industriekultur. Denn in Unternehmen mit Industriekultur-Mindset ist das Verständnis von Führung häufig noch herrschaftlich, auch wenn es durch viele Maßnahmen und Tools kooperativ angestrichen wird.

Meist gilt immer noch: Der Chef sagt an und erwartet die Ausführung ohne Diskussionen. Gehorsam ist erwünscht. Nicht nur Studien belegen das immer wieder. Fragen Sie sich einfach selbst, wie das bei Ihnen im Unternehmen überwiegend gehandhabt wird.

So stimmt dann auch die Aussage des "Wirtschaftswoche"-Artikels, dass Vorgesetzte durch das Duzen fürchten, ihre Autorität und die professionelle Distanz zu verlieren. Jedoch gilt es zu konkretisieren: Wenn ihre Haltung zu Autorität autoritär ist und auf Anweisung, Gehorsam und Kontrolle beruht.

Dass es mittlerweile ein neues Autoritätsverständnis gibt, welches zu den gesellschaftlichen Werten des 21. Jahrhunderts passt, ist zu den meisten offenbar noch nicht durchgedrungen. Es gibt nicht die eine Haltung zu Autorität, auch wenn das Wort vielfach mit 'gebieterisch' und 'streng' gleichgesetzt wird.

Was ist die neue Autorität in der Führung?

Bei der neuen Autorität in der Führung geht es um Präsenz und Nahbarkeit ohne Unterordnung. Aber auch, ohne Führung aufzugeben. Ob diese relative Nähe zwischen Führungskraft und Mitarbeitenden mit der persönlichen oder unpersönlichen Rede markiert wird, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Denn entscheidend ist nicht das sprachliche Geklingel, sondern die tatsächlichen Führungshandlungen auf der Beziehungsebene.

Ich plädiere stattdessen dafür, dass sich Führungskräfte und Mitarbeitende möglichst schnell daran machen, die Basis ihrer Zusammenarbeit auf ein neues Verständnis zu bringen. Ein Verständnis, bei dem Einfluss auch auf Augenhöhe und mit Nahbarkeit möglich ist, ohne Führung aufzugeben und ohne sich in den Armen liegen zu müssen.

Dann ist es auch völlig unerheblich, ob man sich duzt oder siezt. Denn es geht um eine respektvolle, im besten Fall sogar wertschätzende Form der Zusammenarbeit für gemeinsame Ziele.

Übrigens riechen nicht nur die Jungen den Braten, wenn das Du nur eine jugendlich angestrichene Anbiederungstaktik ist, um neue Produktivitätsreserven zu erschließen. Denn gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht. Daher zum Schluss die ketzerische Frage: Arbeiten Sie schon zusammen oder duzen Sie sich noch? 

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