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05-04-2022 | Geldpolitik | Nachricht | Article

Sparkassen fordern zügige Straffung der EZB-Geldpolitik

Author: Angelika Breinich-Schilly

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Die EZB muss geldpolitisch dringend handeln, ihre Anleihekäufe zügig beenden und die Zinswende einleiten, fordern die Volkswirte der Sparkassen. Sonst drohe, dass die Inflation im Euroraum zum Selbstläufer wird. Dann sei auch eine Lohn-Preis-Spirale nicht mehr auszuschließen. 

"Staatliche Stützungsprogramme und die expansive Geldpolitik der Notenbanken haben in der Corona-Krise geholfen, die wirtschaftliche Nachfrage zu stabilisieren. Die derart stimulierte Nachfrage überfordert allerdings mittlerweile an vielen Stellen die Rohstoff-, Produktions- und Transportkapazitäten und die Preise steigen immer schneller. Die Europäische Zentralbank muss deshalb zügig die Zinswende einleiten und ihre Null- und Negativzinspolitik beenden", fordert Reinhold Rickes, Chefvolkswirt des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV), auf einer virtuellen Pressekonferenz. 

Anleihekäufe beenden, Zinsen erhöhen

Deshalb sei es geboten, dass die EZB ihren im Februar und März 2022 angedeuteten Weg zu einer Straffung der Geldpolitik "auch unter dem Eindruck des russischen Überfalls auf die Ukraine fortsetzt", so die Volkswirte der Sparkassen-Finanzgruppe. Die Experten raten in ihrem aktuellen Standpunkt "Geldpolitik: Verfestigung der Inflation verhindern!" dazu, die Anleihekäufe sollten möglichst schnell, im Bestfall im Sommer 2022 beendet, in der zweiten Jahreshälfte 2022 dann mit Zinsanhebungen begonnen werden.

Bereits im Frühsommer 2021 hatten die Experten vor einer zu hohen Inflation und vor einem zu zögerlichen Exit gewarnt, betonte Rickes. Bereits Anfang 2022 hätten sich Hinweise verdichtet, dass die Inflation höher ansteigt und langsamer zurückgeht als erwartet. Deka-Bank-Chefvolkswirt Ulrich Kater betonte dabei den Unterschied zwischen kurzfristigen Entwicklungen und einen langfristigen Inflationsprozess. 

Ukrainekrieg lässt Deka-S-Finanzklima einbrechen

Er verwies in seinen Ausführungen auf die vergangene Befragungsperiode des Deka-S-Finanzklimas, der quartalsweise unter den deutschen Sparkassen-Vorständen erhoben wird. Der russische Angriff auf die Ukraine Ende Februar habe die aufwärts gerichteten Konjunkturerwartungen der Befragten "in bislang nicht erreichtem Umfang" einbrechen lassen. Diese bewegen sich nun wieder auf dem Niveau des Corona-Jahres 2020. Durch den Krieg in der Ukraine stiegen Energie- und Rohstoffpreise mit zweistelligen Zuwachsraten. Es seien monatliche Teuerungsraten von über sechs Prozent im Euroraum bis in den Herbst hinein zu erwarten.

Der BIP-Verlust durch den Ukraine-Krieg dürfte laut der Sparkassen-Experten für 2022 und 2023 bei etwa 3,4 Prozent liegen. Trotzdem rechnen die Institute noch mit einem positiven Wachstum in Deutschland, das für 2022 mit 1,7 Prozent und 2023 mit 2,7 Prozent prognostiziert wird. Allerdings berücksichtigen diese Erwartungen noch kein weiteres Rohstoff-Embargo oder einen kompletten Gaslieferungsstopp. 

Sollte es zu einem Teilembargo etwa bei der Kohle kommen, gehen die Experten zwar nicht von drastischen Auswirkungen aus. Sollte jedoch der Gashahn aus Russland zugedreht werden, erwarten die Ökonomen aber aufgrund komplexer Verflechtungen in den Produktionsketten der Industrie eine deutliche Verschärfung der wirtschaftlichen Lage. Aufgrund vieler Unbekannten gebe es eine Vielzahl von Unsicherheiten in den Berechnungsmodellen. Man habe "sehr großen Respekt vor einer solchen Entwicklung", betont Kater. 

Lohn-Preis-Spirale nicht mehr auszuschließen

Derzeit rechnen die DSGV-Ökonomen mir durchschnittlich gut sechs Prozent Inflation im Jahr 2022. Sollte es aber zu Lieferstopps für Rohstoffe kommen, könnte dieser Wert noch deutlich klettern. "Die Inflation im Euroraum droht zum Selbstläufer zu werden: Das Vertrauen, dass Europas Notenbanken die Inflation weiter so niedrig halten können wie in der Vergangenheit, ist gebrochen", erläutert der Deka-Chefvolkswirt. "Höhere Lohnforderungen und damit der Beginn einer Lohn-Preis-Spirale sind nicht mehr auszuschließen, so dass die Inflation im Euroraum eben nicht mehr nachhaltig auf zwei Prozent fällt. Angesichts solcher Szenarien sollte die EZB ihren geldpolitischen Stimulus zügig zurückfahren", betont Kater. 

Für den Notfallmodus, in den die Europäische Zentralbank zur Bekämpfung der Folgen der Corona-Pandemie geschaltet hatte, fehle mittlerweile die Rechtfertigung, lautet die Kritik der Sparkassen-Wirtschaftsexperten. Der Krieg in der Ukraine mache Umstrukturierungen der europäischen Volkswirtschaft im Rohstoff- und Energiebereich notwendig. Diese Anpassungen könnten allerdings weniger von der Geldpolitik als von anderen Bereichen der Wirtschaftspolitik unterstützt werden. Diese müsse mit Bedacht "auf Bremse oder Gaspedal" drücken. 

Quartalsweise Zinserhöhungen im Jahr 2023

Die langfristig schädlichen Nebenwirkungen der Nullzinspolitik - verzerrte Risikowahrnehmung an den Finanzmärkten, Stützung nicht mehr lebensfähiger Geschäftsmodelle, überbordende Verschuldung - überwiegen "bei Weitem den mittlerweile sehr begrenzten Nutzen der ultraexpansiven Geldpolitik der EZB", so die Ökonomen. Die Sparkassen-Wirtschaftsexperten schlagen konkret einen Einlagensatz von Null zum Jahresende mit einem Refianzierungssatz bei 0,5 Prozent vor. Im Anschluss empfehlen sie moderate quartalsweise Zinserhöhungen im Jahr 2023 von jeweils 0,25 Basispunkten. 

Allerdings sei mit den Forderungen kein Verwurf an die Zentralbank verbunden, die Lage mit Blick auf die Inflation falsch eingeschätzt zu haben. Deren geldpolitischen Maßnahmen seien während der Pandemie durchaus angemessen gewesen. Man wolle die Arbeit der EZB lieber danach beurteilen, ob und wie Maßnahmen in den kommenden drei Jahren zum Erfolg führen.

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