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19-08-2022 | Gesamtbanksteuerung | Schwerpunkt | Article

Finanzbranche steckt in der Digitalisierung fest

Author: Angelika Breinich-Schilly

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Die Finanzbranche hat sich in der Corona-Krise als sehr stabil erwiesen. Für 2022 und 2023 erwarten die Unternehmen jeweils ein Plus bei den Erträgen, zeigt eine aktuelle Umfrage. Doch beim digitalen Umbau und bei der Nachhaltigkeit kommen die Unternehmen nicht in Schwung. Es fehlt ein ganzheitlicher Ansatz.

Für das laufende Geschäftsjahr rechnen europäische Finanzdienstleister mit einem Ertragswachstum von rund fünf Prozent. Auch für 2023 erwarten die von der Unternehmensberatung Horváth befragten Top-Manager ein ähnlich großes Wachstumsplus. Für die insgesamt 63 Vorstandsmitglieder, die im Rahmen der Studie "CxO Priorities 2022" in umfassenden Interviews unter anderem zu den Herausforderungen der Branche Stellung bezogen, stehen aktuell die ganzheitliche digitale Transformation (79 Prozent), Digital Banking (68 Prozent) und Cyber Security (58 Prozent) ganz oben auf der To-do-Liste. Das Thema Sustainability folgt erst auf Rang vier (52 Prozent). 

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Digitalisierung von Geschäftsmodellen vs. Digitalisierung von Geschäftsprozessen

Die digitale Transformation ist dadurch gekennzeichnet, dass sie in einer enormen Geschwindigkeit und in vielen Bereichen gleichzeitig stattfindet. Seien es nun Geschäftsmodelle, interne Prozesse und Organisationen, aber auch die Mitarbeiterführung.

Aufwind hatten die Finanzdienstleister in den vergangenen Corona-Jahren vor allem durch das gute Kommissions- und Provisionsgeschäft. "In der Übergangsphase zu steigenden Zinsen profitieren viele Finanzinstitutionen von Premium-Margen, weil sie die Erhöhung bereits vorlaufend an Kunden weitergeben können", heißt es in der Studie. 

Institute mit höherem Kreditanteil im Vorteil

Allerdings hatte der aktuelle CFS-Index des Center for Financial Studies in Frankfurt für das zweite Quartal ein deutlich eingetrübtes Stimmungsbild ermittelt. "Anders als der CFS-Index, der die Verfassung der deutschen Finanzbranche vierteljährlich abbildet, liegt unserer CxO-Priorities-Studie das gesamte bisherige Jahr 2022 als Betrachtungszeitraum zugrunde", stellt Frank Schindera, Partner und Bankenexperte bei der Managementberatung Horváth, gegenüber Springer Professional klar. 

Je nach Geschäftsmodell der einzelnen Unternehmen, darunter Privatkundenbanken, Wealth Manager oder Börsen, seien die Einschätzungen durchaus unterschiedlich. "Insgesamt zeigt sich, dass es Instituten mit einem höheren Kreditanteil gelingt, die Margen zu steigern - insbesondere, wenn sie ihre Risiko- und Preismodelle entsprechend gut justieren können", erklärt Schindera die Details. 

"Bei diesen soliden Aussichten müssten die Banken eigentlich genug Ressourcen haben, Geschäftsmodelle und Prozesse für die Zukunft zu transformieren. Doch viele Institute stecken in der Digitalisierung fest", erklärt Schindera. "Die Institute sind noch immer voll damit beschäftigt, Produkte sowie die gesamte Customer Experience End-to-End zu digitalisieren", so der Bankenexperte. "Cyber Security und Cyber Resilience stehen schon seit Längerem auf der Agenda, rücken aufgrund der aktuellen Entwicklungen nun aber nochmal verstärkt in den Fokus."

Finanzfirmen fehlen oft Nachhaltigkeitsziele

Das Thema nachhaltige Organisation ist vor diesem Hintergrund für viele Finanzdienstleister in den Hintergrund gerückt: Um sich umfassend auf Sustainability auszurichten, fehlt es 42 Prozent der Befragten bereits an einem zugrundeliegenden Zielbild. Von den 58 Prozent, die konkrete Ziele entwickelt haben, hat noch kein Institut bereits vollständig das definierte Nachhaltigkeitsmodell erreicht. 

"Dieses Ergebnis ist zwar relativiert zu betrachten, da die Finanzinstitute aufgrund komplexer Regulierungen einen besonders hohen Anspruch an sich selbst stellen", sagt Schindera. "Die Studie liefert aber auch eindeutige Indizien dafür, dass die Banken Nachhaltigkeit häufig auf die Dimension der Regulierung reduzieren und seltener ein wichtiges Differenzierungsmerkmal für sich darin sehen."

Die Studie empfiehlt daher, im Zuge der Transformation Digitalisierung und Nachhaltigkeit integriert anzugehen. Hierzu bedürfe allerdings einer hohen Transformationskompetenz. Für die Entscheider in der Finanzbranche ist laut der Erhebung ein "fehlendes Mindset, dass Transformationen als notwendig, normal und positiv begreift - auch und gerade in Zeiten, in denen es betriebswirtschaftlich nicht schlecht läuft", das größte Hindernis auf diesem Weg. Erst dann folgen fehlende (finanzielle) Ressourcen und fachliche Kompetenzen als weitere Hemmfaktoren.

Digitalisierung zur Chefsache machen

Digitale Champions profitieren davon, dass Digitalisierung Chefsache ist. Der Vorstand lebt die Digitalagenda vor und fordert diese ein - sei es nun bei ambitionierten Zielen, bei der Investitionsbereitschaft in Digitalisierungsprojekte oder auch dem Aufbau digitaler Jobs und der Einstellung von Digital Natives, die sich von den etablierten Mitarbeitern in ihrer Denkweise unterscheiden", beschreibt Christian Glaser das Erfolgsrezept von digitalen Leadern im gleichnamigen Buchkapitel (Seite 248).

Für den Springer-Autor ist Porsches Mission E ein gutes Beispiel, dass sich die Finanzbranche zum Vorbild nehmen sollte. Der Sportwagenhersteller habe sein komplettes Unternehmen an der Elektrifizierung und dem Kampf mit Tesla ausgerichtet. Das US-Unternehmen sei "ein IT-Unternehmen, das nebenbei Autos herstellt". "Der Eintritt eines neuen, kapitalstarken Players aus dem Silicon Valley, der durch seine Innovationsgeschwindigkeit und völlig neue Sichtweisen den Markt auf den Kopf stellt, scheint auch im Finanzumfeld nicht unrealistisch zu sein", konstatiert Glaser.

Für die von Horváth befragten Vorstandsmitglieder sind die drei größten Erfolgsfaktoren bei der Transformation

  1. die Befähigung und Einbeiehung von Schlüsselpersonen im Transformationsprozess, 
  2. diese als Leadership-Aufgabe zu begreifen, die ein klares Zielbild sowie konkrete Ziele und den Weg dorthin vermittelt und 
  3. Weitsicht und Ausdauer, da sich Transformationen nicht unmittelbar auszahlen. 

Digitalisierung verlangt spezifisches Wissen

"Im Rahmen der Digitalisierung ist sehr spezifisches Wissen bezüglich der neuesten Technologien erforderlich, das spezialisierte Dienstleister bieten können und vor allem für kleinere Institute nur schwer vorzuhalten wäre", erklärt Schindera gegenüber Springer Professional. "Wir sehen aber auch Institute, in der Regel mit einem sehr fokussierten Geschäftsmodell, die über die komplette Integration der Wertschöpfungskette im eigenen Haus Wettbewerbsvorteile erzielen, indem sie sehr schnell auf Entwicklungen reagieren und über ihre Services echte Kundenbegeisterung erreichen", so der Bankenexperte. 

Der teilweise zögerliche Umgang mit der Digitalisierung liege oft in den hohen Investitionen, da meist auch Legacy-Themen mitgelöst werden müssen, den recht langen Realisierungszeiten bei umfassenden Themen sowie den damit verbundenen Entscheidungsvorbehalten im Management begründet.

Ganzheitlich nachhaltige Ausrichtung nötig

Im Idealfall werden Digitalisierung und Nachhaltigkeit nicht separat vorangetrieben, sondern integriert. Eine ganzheitlich nachhaltige Ausrichtung bedingt ohnehin einen hohen Digitalisierungsgrad. Wenn ich als Finanzdienstleister also jetzt die Weichen für neue digitale Angebote und Prozesse stelle, sollte ich mich gleichzeitig fragen, wie ich künftige Anforderungen in punkto ESG erfüllen beziehungsweise berücksichtigen kann - in einem ganzheitlichen Ansatz", lautet das Fazit von Bankenexperte Schindera.

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