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About this book

Warum wird über das Aussehen unserer gebauten Umwelt, über die Ästhetik der Architektur heute so viel gestritten? Warum divergieren die Meinungen über die ästhetische Qualität von Bauten oft auch bei Fachleuten extrem? Warum sind wir uns gerade bei der Architektur nicht einig, was schön ist und was nicht?

Die meisten Bereiche des Bauens, wie zum Beispiel Statik und Bauphysik, sind messbar und deshalb auch mit objektiven Argumenten belegbar. Dies gilt nicht für die Ästhetik der Architektur; sie ist nicht quantifizierbar. Ein Urteil über sie ist immer subjektbezogen, stark vom Betrachter abhängig.

Trotzdem ist die Ästhetik der Architektur nicht nur eine Frage des Geschmacks. Viele Zusammenhänge zwischen Gebäude als Objekt und Betrachter als Subjekt sind mit Hilfe von Wahrnehmungspsychologie und Informationstheorie objektiv bestimmbar.

Das vorliegende Buch macht den äusserst komplexen Prozess der Architektur-Wahrnehmung auf eine einfache Art transparenter und trägt damit zu einem besseren Verständnis unserer gebauten Umwelt bei.

Table of Contents

Frontmatter

1. Einleitung – Grundlagen der Wahrnehmung

Zusammenfassung
Der Mensch braucht Kommunikation, Informationsaustausch mit seiner Umgebung. Ohne diese ist er nicht lebensfähig. Über seine 5 Sinnesorgane empfängt er Signale, welche im Gehirn verarbeitet werden. Je nach Art der Nachrichten werden die Sinnesorgane verschieden eingesetzt. Trotz ihrer Spezialisierung wirken diese schon bei geringen Wahrnehmungen zusammen. Die Wahl der Informationen die wir bewusst aufnehmen ist kulturell geprägt, sie hängt auch stark von unserer Lebensgeschichte und unserem momentanen psychischen Zustand ab. Ein Mitteleuropäer findet seinen Weg in seiner Umgebung ganz anders als ein Eskimo. Der Erste orientiert sich vor allem mit dem Auge, dies würde den Eskimo in der Eiswüste nicht weit führen. Er verlässt sich deshalb eher auf den Geruch- und Tastsinn. Die verschiedenen Windarten kann er riechen, mit den Füssen ertastet er die Beschaffenheit von Schnee und Eis.
Jörg Kurt Grütter

2. Teil und Ganzes

Zusammenfassung
Unsere gebaute Umwelt besteht aus Teilen, die nach bestimmten Regeln zusammengesetzten sind: Bauteile im kleinen Bereich, Gebäudeteile im mittleren Bereich und ganze Häuser oder Stadtteile im grossen Bereich. Jedes Ganze ist wiederum Teil eines noch umfassenderen Ganzen. Zum Beispiel kann eine Schraube Teil eines Stahlträgers sein und dieser wiederum Teil eines Gebäudevordaches. Das Ganze ist jeweils mehr als die Summe aller beteiligten Teile. Um die Erscheinungsform, den Ausdruck eines Ganzen, eines Gebäudes zu verstehen und einordnen zu können, soll in drei Schritten vorgegangen werden. In einem ersten Schritt befassen wir uns mit drei Aspekte der Teile: mit ihrer sichtbaren Anzahl am Ganzen, mit ihrer Art und mit der Möglichkeit, wie die Teile untereinander geordnet sein können. Während in diesem ersten Schritt diese drei Aspekte unabhängig voneinander untersucht werden, werden in einem zweiten Schritt die möglichen Zusammenhänge je zweier dieser Aspekte untersucht: zum Beispiel in welcher Relation können Art und Anzahl Teile stehen. In einem dritten Schritt werden die möglichen Zusammenhänge aller drei Aspekte betrachtet. Die Art, wie diese drei Aspekte — Art und Anzahl Teile sowie ihre Beziehung untereinander — an einem Gebäude geregelt ist, sagt etwas aus über dessen Stil.
Jörg Kurt Grütter

3. Kultur und Stil

Zusammenfassung
Jede Gesellschaft, welcher Organisationsform und ideologischen Färbung sie auch immer ist, hat bestimmte Ideale und Ziele. Die übergeordnete Aufgabe einer Kultur besteht darin, diese abstrakten Ideen mit konkreten Formen zu verdeutlichen. In diesem Umwandlungsprozess spielt die Architektur eine primäre Rolle. So schreibt Hermann Muthesius, einer der ersten Programmatiker des Deutschen Werkbundes, 1911: „Denn die architektonische Kultur ist und bleibt der eigentliche Gradmesser für die Kultur eines Volkes überhaupt. Wenn ein Volk zwar gute Möbel und gute Beleuchtungskörper erzeugt, aber täglich die schlechtesten Architekturgebilde hinsetzt, so kann es sich nur um heterogene, ungeklärte Zustände handeln, um Zustände, die eben gerade in ihrer Gemischtheit den Mangel an Disziplin und Organisation beweisen“.
Jörg Kurt Grütter

4. Ort und Umgebung

Zusammenfassung
Zwischen jedem Individuum und seiner Umwelt bestehen mannigfaltige Beziehungen, von denen bei der Geburt erst einige wenige geregelt sind. Die meisten dieser Beziehungen sind angelernt, nur in wenigen Ausnahmefällen reagiert der Mensch instinktiv. Das heisst, er muss in der Beziehung zu seiner Umwelt lernen, was die verschiedenen ihn umgebenden Objekte bedeuten, wo sie sich genau befinden und wie er sich ihnen gegenüber verhalten muss. Mit zunehmender Erfahrung bildet sich ein ganzes Netz von gespeicherten Informationen, und wir sind schliesslich fähig, unsere Umwelt meist auch dann zu kontrollieren, wenn sie nicht direkt wahrnehmbar ist. In unserer Vorstellung sind Gegenstände immer mit einer bestimmten Umgebung verbunden. So erscheint uns zum Beispiel ein Fahrrad auf unserem inneren „Bildschirm der Erinnerungen“ auf der Strasse oder an einem Abstellplatz, nicht aber in einer Badewanne oder im Kühlschrank. Bei Gebäuden, die nicht mobil sind und somit immer denselben Standort haben, ist dieser Zusammenhang noch viel stärker: den Eiffelturm „sehen“ wir immer an der Seine in Paris, nicht auf einem beliebigen Berg oder in einem Suppenteller. Architektur erscheint uns nicht nur in der Realität eng verbunden mit ihrer Umwelt, selbst in unserer Erinnerung ist beides unzertrennlich.
Jörg Kurt Grütter

5. Raum

Zusammenfassung
Was ist Raum? – Die naheliegendste Definition besteht darin, Raum als eine Leere zu bezeichnen, die etwas aufnimmt, die gefüllt werden kann. Raum ist nichts Konkretes und trotzdem messbar: „Es ist genügend Raum vorhanden“, . . . „Der Raum ist ausgefüllt“ . . . . Diese Auffassung entspricht der von Aristoteles, der sich in seinen Schriften als erster abendländischer Denker mit dem Raumbegriff ausführlich beschäftigte. Er verglich den Raum mit einem Gefäss, Raum als Hohlraum, der umschlossen sein muss, damit er existiert und somit auch immer endlich ist.
Jörg Kurt Grütter

6. Form

Zusammenfassung
Philip Drew vergleicht die Form mit einer Sprache: „Geradeso wie der Gedanke durch das Medium Sprache formuliert wird, so ist auch die Erschaffung physischer Formen von geistigen Vorstellungen und Urformen abhängig“. So wie die Sprache aus Wörtern besteht, setzt sich auch jede Formensprache aus verschiedenen Grundmustern oder elementaren Formen zusammen. Im Abschn. 1.2.5 wurde gezeigt, dass jede Nachricht eine gewisse Redundanz hat, das heisst, ein Teil ihrer Zeichen ist nicht informativ, sondern „Verschwendung“. Diese Redundanz besteht auch in jeder Formensprache. Eine sehr geringe Redundanz bedeutet, dass an der Gestalt wenige Teile überflüssig sind. Viele Ingenieurbauten des 19. Jahrhunderts haben eine sehr geringe Redundanz, ihre Form wird hauptsächlich durch statische Erfordernisse bestimmt. Auch bei vielen alten und sogenannten „primitiven“ Kulturen ist die Redundanz der Formsprache gering; jede Form ist begründet und hat somit ihre Funktion. Diese Architektur wurde 1964 in einer viel beachteten Ausstellung unter dem Namen „Architektur ohne Architekten“ von Bernhard Rudofsky in New York vorgestellt.
Jörg Kurt Grütter

7. Harmonie

Zusammenfassung
Den Begriff der Harmonie finden wir in den meisten Geistes- und Naturwissenschaften. In der Ästhetik bezeichnet Harmonie eine Ordnung und Übereinstimmung aller Teile einer Erscheinung. In der frühen griechischen Mythologie war Harmonia die Tochter des Kriegsgottes Ares und der Schönheits- und Liebesgöttin Aphrodite. Harmonie entsteht aus der Verbindung zweier Gegensätze. Jede Wahrnehmung ist nur im Zusammenhang mit einem Kontrast möglich: eine Figur kann nur dann gesehen werden, wenn sie sich von ihrem Hintergrund abhebt, wenn gleichzeitig auch Gegensätze vorhanden sind.
Jörg Kurt Grütter

8. Ästhetik und Schönheit

Zusammenfassung
Das Wort Ästhetik stammt aus dem Griechischen und bedeutet Wahrnehmung. Die Ästhetik untersucht, im weitesten Sinne, die Art und Weise, wie die Umwelt empfunden wird und die Stellung des Individuums innerhalb dieser Umwelt. Ein Bild entsteht meistens im Atelier eines Malers. Die Freiheit, was er malen kann, wird höchstens durch die Grösse der Leinwand eingeschränkt. Anschliessend kann das Bild zum Verkauf angeboten werden, gekauft wird von jemandem, dem das Bild gefällt und der mit dem Kaufpreis einverstanden ist. Gesehen wird es dann meistens nur von Leuten, die es sehen wollen: vom Besitzer oder von den Besuchern eines Museums oder einer Ausstellung.
Jörg Kurt Grütter

9. Bewegung und Weg

Zusammenfassung
Auf den ersten Blick haben Bewegung und Zeit mit Architektur nichts zu tun. Wohl nagt auch an einem Haus der „Zahn der Zeit“, doch verglichen mit der Dauer eines Menschenlebens ist ein Gebäude auch heute noch etwas, das meistens längeren Bestand hat. Architektur beinhaltet nicht, wie etwa Musik und Tanz, die Dimension der Zeit. Musikstücke haben einen Anfang, dauern eine bestimmte Zeitspanne und enden dann zu einem genau festgelegten Zeitpunkt. Gebäude sind statisch, unbeweglich, sie werden deshalb ja auch Immobilien genannt. Beweglich sind nur Teile von ihnen, wie Türen und Fenster. Eine Balletttänzerin bewegt sich nach vorbestimmten Regeln, die Bewegung verleiht ihr erst ihren Ausdruck. Architektur dagegen verlangt nach Bewegung des Betrachters; er muss sich, um Raum umfassend erleben zu können, in diesem bewegen. Dazu ist Zeit notwendig. Die Zeit wird somit zur vierten Dimension der Raumwahrnehmung.
Jörg Kurt Grütter

10. Licht und Farbe

Zusammenfassung
Licht ist die Voraussetzung für jede optische Wahrnehmung. Bei vollkommener Dunkelheit können wir weder Raum, Form noch Farbe sehen. Licht ist aber nicht nur eine physikalische Notwendigkeit, sein psychologischer Stellenwert ist einer der wichtigsten Faktoren des menschlichen Daseins überhaupt. Der Architekt Morris Lapidus meint dazu: „Die Menschen sind wie Motten; man stelle ein helles Licht auf, und sie stürzen sich darauf, ohne zu wissen weshalb.Wir gehen aufs helle Licht zu, ob wir es wollen oder nicht; wir werden von ihm angezogen“. Das Licht hatte seit jeher über seinen praktischen Nutzen hinaus symbolische Bedeutung. Licht war der Inbegriff des Lebens, und in vielen Kulturen wurde das Licht, oder die Sonne als Quelle des Lichtes, als etwas Göttliches verehrt.
Jörg Kurt Grütter

11. Zeichen

Zusammenfassung
Jede Nachricht, auch die optische, wird mit Hilfe von Zeichen übermittelt. Der ganze Problemkreis des Zeichens wird in der Semiotik, als der Lehre der Zeichen, behandelt. Semeion, das griechische Wort für Zeichen, und Logos ergaben zuerst den Ausdruck Semiologie, der später dann zu Semiotik wurde. Jedes wahrgenommene Zeichen hat auf den Empfänger irgendwelche Wirkung. Grundsätzlich werden zwei verschiedene Gruppen von Zeichen unterschieden, wobei ein Zeichen gleichzeitig auch beiden Gruppen angehören kann. Die syntaktische Dimension eines Zeichens sagt etwas aus über das Zeichen als solches; seine Form, Grösse, Farbe. Der Empfänger kann gleiche Zeichen statistisch wahrnehmen, er kann mehrere Zeichen syntaktisch ordnen.
Jörg Kurt Grütter

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