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Open Access 2024 | OriginalPaper | Chapter

2. Grundlagen multidisziplinärer Wertetheorien

Authors : Karolin Höhl, Jana Dreyer, Silke Lichtenstein

Published in: EssensWert - Werte als multidisziplinärer Sammelbegriff im Kontext von Ernährung

Publisher: Springer Berlin Heidelberg

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Zusammenfassung

In der Auseinandersetzung mit dem Wertebegriff offenbart sich die Vielschichtigkeit des Begriffs: In der klassischen Denkrichtung gibt es zunächst eine Trennung zwischen ökonomisch oder physikalisch messbaren Werten und idealen Werten, die individuell und soziokulturell verortet sind (Sánchez-Fernández & Iniesta-Bonillo, 2007).
In der Auseinandersetzung mit dem Wertebegriff offenbart sich die Vielschichtigkeit des Begriffs: In der klassischen Denkrichtung gibt es zunächst eine Trennung zwischen ökonomisch oder physikalisch messbaren Werten und idealen Werten, die individuell und soziokulturell verortet sind (Sánchez-Fernández & Iniesta-Bonillo, 2007). Im Verlauf dieses Abschnitts wird jedoch deutlich, dass sich die verschiedenen Konzepte kaum trennscharf gegeneinander abgrenzen lassen. In der Auseinandersetzung mit diversen Theorien, Ansätzen und Denkrichtungen muss bereits vorweggenommen werden, dass die Begriffsanalyse zumindest bisher nicht ohne den Hintergrund der jeweiligen Wissenschaftsdisziplin und deren Verhältnis zum Individuum oder der Gesellschaft erfolgen kann. Das nachfolgende Kapitel versucht dennoch, die Grenzen und Schnittmengen der Begriffe so weit wie möglich systematisch zu erörtern.

Messbare Werte

Ein bedeutender Sektor im Ernährungssystem ist das ökonomische System, das in großen Teilen durch unterschiedlichen Input Lebensmittel herstellt und für Endverbrauchende zugänglich macht (TEEB, 2018). Einen guten Eindruck hierzu vermittelt die Kartierung des Ernährungssystems der ‚Nourish Initiative‘ (2020) in Abb. 2.1.
Der Austausch von Gütern und Dienstleistungen in unterschiedlichen Handelsbeziehungen des Ernährungssystems macht eine Einigung auf ein anerkanntes und messbares Tausch-, Zahlungs- und Rechenmittel notwendig, das auch die Funktion eines „Wertspeichers“ hat (Paul, 2007).

Monetäre Werte von Gütern

Insbesondere aus der neoklassischen Ökonomie stammt die Auffassung, dass Wirtschaftsgüter (materielle Sachen [Produktions- und Konsumgüter im Verbrauch und Gebrauch] und immaterielle Dienstleistungen) einen nominalen Wert tragen, der sich über die Bewertung des Gutes als Tauschrelation ausdrückt (Vargo et al., 2008). Smith (2007) kreierte bereits im 18. Jahrhundert (Jh.) den Begriff „Tauschwert“ (engl. ‚value in exchange‘) für diese Art von Wert, der sich nominal messen lässt.
Die Kernaussage dieses eng gefassten Wertbegriffs lautet: „Güter gegen Geld“. Konsumierende kaufen Materielles oder Dienstleistungen, in die ein konkreter Wert eingebettet ist. Im als Gegenwert bezahlten Preis kommt eine nominal messbare Wertschätzung zum Ausdruck (Woratschek et al., 2015). Ursprünglich bestimmte die Arbeitsleistung den Wert eines Gutes und nicht der Nutzen des Gutes für die Konsumierenden (Heinemann et al., 2019; Rogall & Oebels, 2010).
Diese eng gefasste Güter-dominierte Theorie geriet jedoch zunehmend in Kritik. Sie sieht nicht vor, dass vermeintlich identische Produkte und Dienstleistungen unterschiedliche Preise erzielen können, die von Konsumierenden widerstandslos akzeptiert werden. Gerade in den gesättigten Märkten der Ernährungswirtschaft von Wohlstandsgesellschaften ist das aber schon lange der Fall. Aufgrund dessen entwickelte sich der Wertbegriff weiter. Der ebenfalls auf die frühen Arbeiten von Smith (2007) zurückgehende Ansatz des Nutzwerts (engl. ‚value in use‘) spiegelt die Nützlichkeit des Produktes für den Konsumierenden wider. Heute ist die Darstellung des Nutzwerts ein wirksames Marketinginstrument und wird in der Literatur als ‚consumer value‘ oder ‚costumer value‘ bezeichnet. Smith (2007) erklärte, dass „the things which have the greatest value in use have frequently little or no value in exchange; and on the contrary, those which have the greatest value in exchange have frequently little or no value in use“. Vargo et al. (2008) prägen hierfür im Kontrast zum obigen „Güter-dominaten“ Ansatz den „Leistungs-dominanten“ Ansatz (engl. ‚service-dominant logic‘). Hiernach transportieren Güter Leistungen, etwas hat einen Wert. Wildfeuer (2022) spricht hier auch von „Wertobjekten“. Mit zunehmender Ausdifferenzierung der arbeitsteiligen Wirtschaft und der damit verbundenen Handelsaktivität ab etwa der zweiten Hälfte des 19. Jh. ergaben sich mehr Kooperationen zwischen verschiedenen Unternehmen zum gegenseitigen Vorteil. Das führte dazu, dass der vormals rein monetär interpretierte „Wert von Gütern“ ethisch-moralisch mit Tugenden aufgeladen wurde (Horn, 2018). Insbesondere mit Blick auf Markenprodukte inkludiert der von Konsumierenden wahrgenommene ‚brand value‘ auch kulturelle Werte, der den ökonomischen Wert der Marke (‚brand equity‘) für Unternehmen bedingt (Hellmann, 2011). Den Theorien zufolge wohnen diesem wahrgenommenen Wert auch die „Kosten“ für die mentalen Abwägungsprozesse inne, und damit das, was Konsumierende „geben“ bzw. aufwenden im Verhältnis zu dem, was sie „bekommen“. Das kann beispielsweise der Nutzwert, der hedonische Wert oder die subjektive Zufriedenheit während und nach dem Konsumprozess sein (Sánchez-Fernández & Iniesta-Bonillo, 2007).
In der aktuellen Auffassung wird der Wert eines Gutes in einem Prozess der Co-Kreation durch zahlreiche Akteur*innen entlang der Wertschöpfungskette sowie durch Konsumierende selbst bestimmt. Weil diese, anders als bis dato postuliert, den Produktionsprozess beeinflussen, sodass sich der Begriff der passiven Konsument*innen zu aktiven Prosument*innen wandelte (Bruns, 2010). Aus diesem geänderten Vorzeichen geht deutlich hervor, dass der Wert eines Gutes durch die subjektiven Werthaltungen der Nutznießenden bestimmt ist und damit weitaus mehr als den monetär gezahlten Preis umfasst.
Auch andere ökonomische Wert-Theorien betrachten inzwischen den durch Konsumierende wahrgenommenen Wert eines Wirtschaftsguts umfassender als denjenigen, der sich aus dem Austausch von Gut und monetärem Preis ergibt. Der Wert eines Gutes wird als relativ beschrieben, da er sich aus dem jeweiligen Zweck bzw. dem subjektiven Nutzen, das es bringt und der Knappheit, mit der es verfügbar ist, ergibt (Aßländer, 2020; Horn & Schwarz, 2012; Rogall et al., 2015; Sánchez-Fernández & Iniesta-Bonillo, 2007).

Lebensmittelqualität messen – Werte und Wertigkeit von Lebensmitteln

Der Wert bzw. die Wertigkeit von Lebensmitteln für die menschliche Ernährung wurde im Laufe der Jahrhunderte ebenfalls sehr unterschiedlich ausgelegt und aufgefasst. Um diesen definitorischen Wandel besser erfassen zu können, lohnt sich ein Blick in die Historie der Ernährungslehre im Allgemeinen: Viele Jahrhunderte, bis etwa ins Mittelalter prägte die antike Lehre der ‚diaita‘ (gr., „Lebensweise“) die naturwissenschaftliche Denkweise des zunächst hellenistischen, später römischen, dann christlichen Reiches. Zurückgehend auf die griechischen Gelehrten Aristoteles und Galen befasste sich die diaita sehr weitreichend mit der Kunst des Lebens. Sie berücksichtigte neben Regeln für Speisen und Getränke auch den Einfluss anderer Lebensbereiche auf die menschliche Gesundheit, wie bspw. körperliche Aktivität, Hygiene und soziale Aspekte. Im zeitlichen Verlauf wurde sie noch durch christliche Belehrungen ergänzt.
Ab der Renaissance (15./16.  Jh.) sowie dem Zeitalter der Aufklärung (bis ins 18.  Jh.) kam die rationale Denkweise auf, die sich im Zuge der naturwissenschaftlichen Revolution zunehmend von der als „Naturphilosophie“ verpönten ganzheitlichen diaita abgrenzte. Die umfängliche Betrachtung des Gesamtzusammenhangs wurde vermehrt durch eine differenzierende und analysierende Denkweise abgelöst (vgl. Wäscher, 2007), um sich insbesondere den damals vorherrschenden Problemen von Mangel- und Unterernährung verstärkt widmen zu können.
So gewannen etwa Mitte des 19. Jh. u. a. die neuen Erkenntnisse der Biochemie an Gewicht: In Gießen benannte Justus von Liebig Proteine als Grundlage von Wachstum und Gesundheit und rief sie ebenso zum Treiber der modernen Agrarwirtschaft aus (Cannon, 2005). Den damaligen gesellschaftlichen und gesundheitlichen Herausforderungen gegenüber erwies sich diese neue diätetische Analytik erfolgreich: Lebensmittel wurden ernährungsphysiologisch wertvoller und der Agrarsektor konnte im Sinne einer besseren Verfügbarkeit bei geringeren Preisen effizienter wirtschaften (Judel, 2003).
Der ernährungsphysiologische Wert wurde ab etwa 1850 durch die Angabe des Brennwerts zur Angabe des Energiegehaltes von Lebensmitteln durch die physikalische Einheit Kilokalorie ergänzt (Hargrove, 2006). Hochkalorische Lebensmittel wurden als wertvoll erachtet, um das Überleben der Bevölkerung und ihre Arbeitskraft zu sichern.
Ebenfalls in diese Epoche fällt der Erkenntniszuwachs in der Mikrobiologie und deren Zusammenhang zur Verwertbarkeit von Lebensmitteln für Menschen. Für das 1871 qua Verfassung gegründete Deutsche Reich ist ab Ende des 19. Jh. eine zunehmende Zahl von Rechtsvorschriften bspw. zur Fleischbeschau in Schlachthöfen zu verzeichnen. Ein erstes, reichsweites Nahrungsmittelgesetz trat bereits 1879 in Kraft. Dieses trug wesentlich zur Lebensmittelsicherheit bei, enthielt aber ebenso Bestimmungen zum Verbraucherschutz, bspw. in Bezug auf Täuschungen. Problematisch waren fehlende Definitionen und Normen, die zu Rechtsunsicherheit führten (Grüne, 2004).
Im Zuge der Industrialisierung wandelte sich der Wert-Begriff auch im Kontext von Lebensmitteln zur „Qualität“, die von den lebensmittelverarbeitenden Unternehmen schon sehr früh selbst durch Kontrollen überwacht wurde (Hesser, 2020). Jedoch wurde viele Jahrzehnte um die Verständigung auf eine einheitliche Auffassung der Lebensmittelqualität gerungen (Meier-Ploeger, 1991; Grüne, 2004). Erst mit dem Gesetz zur Gesamtreform des Lebensmittelrechts (1974) erfuhr der Verbraucherschutz eine Neuregelung, die den Schutz der Konsumierenden ohne „unnötige Behinderung der wirtschaftlichen Entwicklung“ unter ein Dach fasste (Grüne, 2004). Der Begriff der Lebensmittelqualität findet sich jedoch in den Gesetzestexten nicht, vielmehr wird die wertneutralere „Beschaffenheit“ quasi synonym genutzt (Leitzmann & Sichert-Oevermann, 1991). Im Sinne eines Zustandes, der dem Lebensmittel zum Zeitpunkt der Analyse mittels geeigneter Verfahren innewohnt, lässt sich Beschaffenheit zumeist messen, wohingegen „Qualität“ insbesondere nach heutiger Definition ein mehrschichtiges Konzept ist, in die mehr als physikalische Parameter einfließen. Die physikalisch-technischen Parameter von Lebensmitteln grenzen sich dabei als „objektiv“ gegenüber dem von Verbrauchenden subjektiv wahrgenommenen Qualitätskriterien ab (Konuk, 2019).
Vermutlich entwickelt sich die Definition des Qualitätsbegriffs im Kontext von Lebensmitteln parallel mit der Etablierung von einheitlichen Qualitätsmanagementsystemen in verschiedenen Gewerben und deren Zertifizierung ab den 1980er Jahren, sowie einheitlichen Standards, die in zeitgleich aufgelegten DIN-Normen definiert werden (vgl. DIN, 1980 und dessen Folgeversionen bis hin zur 9000er-Reihe ab dem Jahr 2000). Dadurch wurde die bis dahin gängige Überwachung ergänzt, um dem Bedarf nach präventiver Vermeidung von qualitativen Fehlern Rechnung zu tragen (Hesser, 2020). In der aktuellen Fassung DIN EN ISO 9000:2015-11 kommt der Qualitätsbegriff etwas abstrakt daher: „Grad, in dem ein Satz inhärenter Merkmale eines Objektes Anforderungen erfüllt“. Verallgemeinernd lässt sich sagen, es zieht einen Soll-Ist-Vergleich als Maßstab heran: In welchem Maße entspricht bspw. ein Lebensmittel den bestehenden Anforderungen. Nach den Grundsätzen des Qualitätsmanagements richten sich diese u. a. auf die Kundenorientierung aus, was den Bogen zum oben beschriebenen ‚consumer value‘ schließt.
Im Ernährungsbericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) aus dem Jahr 1976 (S. 325 ff.) steht: „Unter dem Begriff Qualität wird im Allgemeinen die Summe verschiedener wertgebender Eigenschaften bzw. Merkmale verstanden.“ Demnach umfasst Qualität mehrere verschiedene Dimensionen, denn es werden mit dem Gesundheitswert, dem Genusswert und dem Eignungswert drei Hauptkategorien von Qualität genannt, die sich teilweise einer objektiven Analyse entziehen. Auf Leitzmann & Sichert-Oevermann (1991) gehen weitere Qualitätsdimensionen zurück: Psychologischer Wert, Sozialwert, ökologischer Wert, politischer Wert. Mit Ausnahme des letzten haben sich diese Dimensionen heute auch im Kontext der Ernährungs- und Verbraucherbildung, bspw. im Qualitätsfächer für Lebensmittel des Bundeszentrums für Ernährung (BZfE, 2023) in ähnlicher Bezeichnung etabliert, bzw. wurden durch den ökonomischen sowie den soziokulturellen Wert noch weiter ergänzt.
Vorstellbar ist, dass die verschiedenen Dimensionen mittels derer Lebensmittelqualität beurteilt werden kann, sich auf einem Kontinuum zwischen den Aspekten „wertgebend“ und „wertmindernd“ bewegen, was die ursprüngliche DGE-Definition von 1976 (s. o.) um eine weitere Betrachtungsebene erweitert (siehe Tab. 2.1). Im Ansatz findet sich die Kategorisierung von wertgebenden und wertmindernden Faktoren schon bei Sichert et al. (1984). Jedoch listen sie nur Faktoren auf, die in Summe die Dimension des Gesundheitswerts beeinflussen. Erst die differenzierte Beurteilung wertgebender und wertmindernder Aspekte und deren Gewichtung entlang subjektiver Kriterien in allen Qualitätsdimensionen und mit den unterschiedlichen Perspektiven verschiedener Akteur*innen des Ernährungssystems ermöglicht die Bewertung der komplexen Lebensmittelqualität.
Tab. 2.1
Beispiele für mögliche wertgebende und wertmindernde Aspekte entlang der verschiedenen Kategorien von Lebensmittelqualität aus Sicht von Endverbrauchenden.
(Eigene Darstellung)
 
Wertgebende Aspekte
Wertmindernde Aspekte
Gesundheitswert
Hohe Nährstoffdichte bei niedriger Energiedichte
Antinutritive Faktoren, pathogene Mikroorganismen, Rückstände u. a
Eignungswert
Nährstoffschützende und zweckmäßige Verpackung (bspw. dunkle Glasflaschen für native Pflanzenöle),
Komplizierte Zubereitungshinweise; unkomfortables Handling bei der Zubereitung (bspw. zu hart zum Schneiden)
Genusswert
Lebensmitteltypisches sensorisches Profil bspw. in Bezug auf Optik, Aroma, Haptik, Akustik und Geschmack
Fehlaromen, bspw. Ranzigkeit von fetthaltigen Lebensmitteln
Ökonomischer Wert
Faire und transparente Preisgestaltung
Reduktion des Packungsinhaltes bei gleichbleibendem Preis
Sozialer Wert
Überkapazitäten in der Produktion und im Handel werden an gemeinnützige Ausgabestellen gespendet
Intransparenz bzgl. der Herstellungs- und Verarbeitungsbedingungen
Ökologischer Wert
Saisonale Produktion, mit angemessenem ökologischem Fußabdruck sowie verlässliche Klimaschutz-Label
Überflüssige Verpackung
Soziokultureller Wert
Teilhabemöglichkeiten an gemeinsamem Essen in guter Atmosphäre bspw. durch flächendeckende Implementierung kostenfreier Kita- und Schulverpflegung
Normative Abwertung der soziokulturellen Funktion von Lebensmitteln
Emotionaler Wert
Erleben von Wohlergehen und Genuss beim Essen
Kommunikationsstrategien, die falsche Erwartungen erzeugen
Anmerkung zu Tab. 2.1: um eine weitere Differenzierung der Aspekte vorzunehmen, bieten sich bspw. Wertungen mittels des Schulnotensystems an, wie es auch im BZfE-Unterrichtsmaterial zum Qualitätsfächer vorgesehen ist (Bundeszentrum für Ernährung, 2023, S. 11) oder mittels ‚Just-about-right‘-Skalen (Bongartz & Mürset, 2011).
Lebensmittelqualität ist also inzwischen wieder – in Anlehnung an die ursprünglich ganzheitliche Betrachtung von ‚diaita‘ – ein alle Lebensbereiche betreffendes Konstrukt und hängt eng mit der Wahrnehmung des Wertes von Lebensmitteln, der Zahlungsbereitschaft sowie der Zufriedenheit zusammen (Konuk, 2019).
In der ökonomisch ausgerichteten Verbrauchertheorie gilt „Wert“ jedoch nicht als „Qualität“. Vielmehr sei der Wert (engl. ‚food consumption value‘) ein multidimensionales Konstrukt, das viele Aspekte einschließe und umfasse – darunter auch die Produkt- und Prozessqualität (Dagevos & van Ophem, 2013; Sánchez-Fernández & Iniesta-Bonillo, 2007). Sheth et al. (1991) statieren, dass Konsumentscheidungen eine Funktion multipler Werte sei und nennen mit dem funktionalen Wert, dem sozialen Wert, dem emotionalen Wert, dem epistemischen Wert (i. S. V. Einsicht, Erkenntnis, Wissen) sowie dem bedingten Wert einige Aspekte, die in den obigen Qualitätsdimensionen ebenfalls vorkommen.
Eine Analogie zwischen den bisher erörterten Wert- und Qualitätstheorien ergibt sich aus der Bedingung, dass zu Wertungen Menschen gehören, die etwas als wertvoll oder wertlos erachten (Ladenthin, 2022, S. 46) bzw. in Bezug auf Lebensmittel als wertgebend oder wertmindernd. Damit sind Bewertungen immer in die gesellschaftlichen, wirtschafts-politischen und zeit-historischen Rahmenbedingungen eingebunden und damit auch abhängig von den technologischen und wissenschaftlichen Methoden, die zur Verfügung stehen (Brombach et al., 2014). Als Beispiel kann hier die Haltung gegenüber hochkalorischer, energiedichter Nahrung oder von Körperidealen herangezogen werden, die sich in den vergangenen zwei Jahrhunderten bedeutend gewandelt hat: Bis in die Mitte des 20. Jh. hinein waren weite Teile der Bevölkerung Europas von zahlreichen Hungersnöten und -katastrophen betroffen. Kalorienreiche Speisen (Leitzmann & Sichert-Oevermann, 1991) und gut genährte Körper galten konsensuell als „gesund“ und damit als maßgebend.
Es zeigt sich also, dass auch scheinbar messbare Werte Maßstäbe enthalten, die nur unter erweiterter, mindestens soziokultureller, aber auch individueller Perspektive operationalisierbar sind.

Werte als Ideale

Jede Handlung und auch das Nicht-Handeln vollzieht sich wertbasiert und wertgeleitet (Askegaard et al., 2014; Ladenthin, 2022, S. 46). Das lässt sich im Kontext der Diskurse um Ernährung sehr gut nachzeichnen. Werte als Ideale sind einer Sache oder Handlung nicht innewohnend oder anhaftend wie seine Beschaffenheit. Damit sind Werte als Ideale weitreichender und abstrakter als die oben besprochene Lebensmittelqualität, jedoch können sie gleichwohl für das subjektiv geprägte Qualitätsurteil leitend sein.
Die ökonomische Philosophie fasst Werte – hier gibt es sie nur im Plural – als Ideale sehr viel weiter, teils abstrakter auf (Vargo et al., 2008). Allgemein dienen diese Werte Individuen als Orientierungsgrößen von individuellen Bewertungen und sind auf das menschliche Wohl ausgerichtet. In seinen philosophischen Betrachtungen beschreibt Wildfeuer (2022) Werte als „Strebenskorrelate“, die als „moralisches Navigationsgerät“ u. a. das Denken und Handeln des Menschen beeinflussen. In ähnliche Richtung geht die Beschreibung des Volkswirtes Kaube (2022), der Werte als „Gesichtspunkte des Vorziehens“ bezeichnet, was man auch als Voreingenommenheit lesen könnte.
Es gibt jedoch weitere Disziplin-spezifische Perspektiven auf Werte (nach Standop, 2016, S. 24 ff.) und Wertediskurse sind weit über die Ökonomie noch in vielen Denkrichtungen omnipräsent. Die Psychologie geht bspw. davon aus, dass Werte ein Bereich der Persönlichkeit sind und sich im Verhalten oder in Bewertungen ausdrücken. Hier werden Werte vorwiegend empirisch operationalisiert.
Die Soziologie hingegen meint, dass Werte in prägender, bestimmender Weise alle Bereiche der Gesellschaft durchziehen und maßgeblich Anteil an der Steuerung von Alltagspraktiken haben (Standop, 2016). Indem der Pädagoge Fees (2022) Werte als „Wissenselemente“ bezeichnet, könnte man daraus eine die innere Haltung beeinflussende Funktion ableiten, die die Subjektivität menschlicher Sicht- und Handlungsweisen ausmacht.
Zwei grundlegende Dinge werden in diesen Ausführungen deutlich: Werte werden offenbar auf individueller sowie auf der Ebene von gesellschaftlichen Gruppen und der von Kulturen verortet, wo sie konsensuell ausgehandelt und damit teils normierend sind. Einen frühen Definitionsversuch mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit, der die verschiedenen Ebenen inkludiert, unternahm der Anthropologe Clyde Kluckhohn (1951, S. 395, zitiert nach Hills, 2002): “A value is a conception, explicit or implicit, distinctive of an individual or characteristic of a group, of the desirable which influences the selection from available modes, means, and ends of action.”. Werte gelten damit als explizites (i. S. v. ausdrücklichen) oder implizites (i. S. v. unausgesprochenen) charakterisierendes Konzept von Individuen oder Kollektiven über das Erstrebenswerte, wodurch verfügbare Handlungsweisen (engl. ‚modes‘), -mittel (engl. ‚means‘) und -ziele (engl. ‚ends‘) ausgewählt werden. Anders formuliert verleihen Werte dem Handeln einen Ordnungsrahmen und gleichzeitig eine Sinnrichtung (Rekus, 2022, S. 21). Werte leiten Bevorzugungen, Prioritäten, Einstellungen, Meinungen, Nutzen und Positionierungen (Golonka, 2009; Wildfeuer, 2022; Fees, 2022) und sind die Basis für das bewertende Urteil (Sánchez-Fernández & Iniesta-Bonillo, 2007). Affektive und kognitive Anteile der Persönlichkeit sowie zielgerichtetes Wollen (engl. ‚conative‘) seien gleichsam wichtig für dieses Konzept (Harder, 2014).
Werte werden in Publikationen jedoch immer noch sehr weitfassend und Perspektiven-spezifisch charakterisiert. Es entsteht der Eindruck eines abstrakten Sammelbegriffs, der in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich ausgelegt, interpretiert und teilweise idealisiert wird. „Werte werden gesetzt und durchgesetzt“, sagt Wildfeuer (2022). Kontur, Inhalt und Reichweite des Begriffs bleiben oftmals unklar. Im Kontext von Ernährung erschwert sich die Auseinandersetzung mit Werten zusätzlich durch andere Bezeichnungen im Rahmen wertgeleiteter Diskurse, v. a. bei Heranziehung englischsprachiger Texte: ideals, morals, morality, ethics, value/values, perceived values, goals (Grauel, 2013, 2016; Heblich et al., 2023).

Konzeption von Werten: Vom Individuum zur Kultur

Wie oben beschrieben, geht die psychologisch ausgerichtete Forschung davon aus, dass Werte und deren Hierarchien neben bspw. Motiven und Interessen ein ureigener Teil der Persönlichkeit sowie menschlichen Identität und Individualität sind (Albert, 2008; Beckers, 2018; Standop, 2016, S. 15; Horn & Schwarz, 2012; Welzel, 2009). Werte seien in der emotional-affektiven Dimension der Persönlichkeitsstruktur verankert und daher nicht, oder nur ungenügend über kognitive Vermittlung lernbar (Joas, 2016). Die wertebasierte Verhaltenssteuerung läuft nach dieser Auffassung gewohnheitsmäßig ab. Die Schub- und Zugkräfte der zugrundliegenden Werte in Entscheidungen werden selten, bis gar nicht wahrgenommen oder reflektiert. Der Psychoanalytiker Freud ging sogar noch ein Stück weiter und sieht egoistische Werte auf die triebhafte Befriedigung der Lust begrenzt zugunsten derer Forderungen des Gewissens bspw. nach Selbstlosigkeit unterdrückt würden (vgl. Albert, 2008). Eine Auffassung, die heute unter verschiedenen Anglizismen Aufmerksamkeit erhält: ‚consumer-citizen-gap‘, ‚value-action-gap‘, ‚attitude-behavior-gap‘, ‚belief-behavior-gap‘, ‚knowledge-attitudes-practice-gap‘ – also auf Deutsch übersetzt: die Einstellungs-Verhaltens- oder Wunsch-Wirklichkeits-Lücke. Ein Paradoxon, das die Theorie der ‚consumer-citizen-gap‘ prägnant verdeutlicht, wurde im Rahmen der Naturbewusstseinsstudie 2020 des Bundesamtes für Naturschutz erfasst (Mole et al., 2021): Angehörige gehobener Milieus äußern ein deutlich höheres Naturbewusstsein und eine höhere Bereitschaft, ihren Lebensstil bspw. in Bezug auf den Fleischkonsum unter Nachhaltigkeitsaspekten ändern zu wollen als sozial schwächer gestellte Milieus. Allerdings haben gesellschaftlich besser gestellte Personenkreise ohnehin einen ressourcenintensiveren Lebensstil, der eine schlechtere Ökobilanz aufweist.
In der Motivationsforschung werden Werte mitunter auch als psychische Energie bezeichnet, die zur Sinnsuche oder Bedürfnisbefriedigung verwendet wird. Damit zeigen sich Analogien zwischen der psychisch determinierten Auffassung und dem von anderen Autor*innen genutzten und auf Kurt Lewin (1926) zurückgehenden Begriff der Valenz. Valenz, oder auch die Wertigkeit eines Zielobjektes, besitzt Aufforderungscharakter und ist die Menge psychisch-emotionaler Energie, die auf das Verhalten des Individuums einwirkt (Albert, 2008). Diese ist umso stärker, je größer die Spannung des Individuums zur Bedürfnisbefriedigung ist (Lewin, 1926).
So beeinflussen individuelle Werte, respektive die Valenz die Auswahl von zur Verfügung stehenden Handlungsweisen, -mitteln und -zielen (Hills, 2002). Überwiegend unterbewusst werden Handlungen nach persönlichen Prioritäten geordnet und Präferenzen, Einstellungen und Meinungen orientieren sich an diesen Ordnungsaspekten und „sinnkonstituierenden Leitlinien“ (Beckers, 2018; Harder, 2014; Erpenbeck & Sauter, 2019; Fees, 2022; Standop, 2018; Fuchs & Köbel, 2020; Höffe, 1997). Allerdings geht ein Teil der psychologisch Forschenden davon aus, dass Individuen das „vollkommene Selbst“ anstreben und Valenzen zugunsten anderer energetischer Werte unterdrückt werden können, sodass es zu systeminternen Verschiebungen und Veränderungen der Werte kommt (Albert, 2008), oder nicht alle Werte immer zwingend umgesetzt werden (Frey, 2016). Außerdem werden im Rahmen der Persönlichkeitspsychologie unterschiedliche, teils idealtypische, aber dominante Lebensthemen, die sich an Werten orientieren, typologisiert: Auf Basis quantifizierbarer Persönlichkeitstests wie bspw. dem „Thematischen Auffassungstest nach Murray und Morgan“ gibt es demnach theoretische, ökonomische, ästhetische, soziale, politische oder religiöse Menschen – oder je nach Clusterung auch weitere Subtypen. Disziplin-intern wird kritisiert, dass verwandte Begriffe wie Charakterzüge, Interesse, Motivation, Bedürfnisse, Ziel oder Einstellungen ungenügend vom Wertebegriff abgegrenzt werden (vgl. Albert, 2008).
Exkurs: Motive und Bedürfnisse
Wie im vorliegenden Text bereits mehrfach anklang, werden zahlreiche andere Begriffe häufig im Kontext von Wertetheorien genutzt und darüber hinaus weitestgehend sinngleich zum Begriff Wert verwendet (Kroeber-Riel & Gröppel-Klein, 2013, S. 181; Hellmann, 2017), darunter eben auch Motive und Bedürfnisse. Wie die Werte besitzen auch Motive und Bedürfnisse aktivierenden Charakter, die Menschen in „versteckte Bereitschaft“ versetzen. Als solche sind sie Beweggründe für Handeln. Methfessel und Schöler (2020) beschreiben Motiv/Bedürfnis als Gefühl eines physiologischen oder psycho-sozialen Mangels, verbunden mit dem Streben, diesen Mangel zu beseitigen. In dem Zusammenhang unterscheiden sie zwischen primären, physiologischen Motiven/Bedürfnissen oder auch „Trieben“, die meist der Selbst- und Arterhaltung dienen. Dagegen werden die höheren Formen des Strebens erlernt und als sekundäre Motive/Bedürfnisse bezeichnet (Kroeber-Riel & Gröppel-Klein, 2013). Diese sind nach oben offen und ermöglichen in stufenweiser Steigerung, dass Menschen sich selbst verwirklichen und ihre Persönlichkeit ausreift (Albert, 2008).
Werte gelten als übergeordnete, vom sozialen Umfeld und der Gesellschaft gesetzte Motive/Bedürfnisse: Werte bestimmen individuelle Motive und Einstellungen und in Abhängigkeit davon beobachtbares Verhalten (Kroeber-Riel & Gröppel-Klein, 2013). Im Rahmen der Selbstbestimmungstheorie wird der Zusammenhang ebenso erläutert: Bedürfnisse sind der Anfang von Motivation; Werte geben vor, in welcher Art und Weise das Bedürfnis befriedigt wird (Deci & Ryan, 2000).
Mit der Begründung des Neobehaviorismus weitete die psychologische Forschung den Blick vom Individuum auf weitere Werte-determinierende Faktoren, die sich der Beobachtung oder experimentellen Messung von außen entziehen. Dem Abwägungsprozess im Individuum wurde also eine stärkere Bedeutung beigemessen und der Einfluss der sozio-kulturell verankerten „Wertestandards“ wurde im Rahmen der sog. „sozialen Wende“ in der Psychologie Rechnung getragen. Durch die quasi Gleichstellung von individuellen und sozialen Bedürfnissen in der Funktion von Werten bezog er zunehmend verstärkende Reize der Umwelt in die psychologische Forschung mit ein und kontrastiert damit die Freud’sche Perspektive, die das Ego und seine triebhafte Steuerung als zentral erachtete. Nach Tolman (zitiert nach Albert, 2008) versuchen Individuen ihre eigenen Werte in eine Ordnung zu bringen, die sich mit der Umgebungskultur möglichst umfassend deckt.
Heute findet diese, für die damalige psychologische Auffassung revolutionäre Denkweise, allgemeine Anerkennung. Individuelle Werte sind nur im Kontext von der soziokulturellen Lebenswelt – und dem im jeweiligen Milieu gültigen Habitus – zu begreifen (Gebauer, 2011). Außerdem werden Werte und die Konstruktion individueller Wertegebilde und -hierarchien in Abhängigkeit von verschiedenen weiteren Faktoren beeinflusst (Woodward & Shaffakat, 2014): bspw. sozio-ökonomischer Status, Persönlichkeit, Lebensphasen, Nationalkultur, Religiosität oder auch Spiritualität. Auf Mikroebene sind Wertegebilde kein geschlossenes System. Unter dem Streben nach Kongruenz steht das interne System im ständigen Austausch mit Informationen aus der Umwelt, verarbeitet diese und ordnet sie ein. Zu diskutieren ist, ob es zwischen den Systemen eine Konkurrenz zwischen Egoismus und Altruismus überhaupt gibt, und ob Individuen sich berechnend auf egoistische Nutzenmaximierung ausrichten, in dem sie kooperativ sind (vgl. Albert, 2008).
Es klingt nun schon an, dass individuelle Werte und die Ausrichtung des Verhaltens daran nicht von dem soziokulturellen Ordnungsrahmen trennbar sind. Die hier fortgeführte „Sezierung“ von Werten als Idealen unter soziologischer und/oder kulturwissenschaftlicher Perspektive erfordert das Aufsetzen ebendieser „Brillen“ oder „Hüte“. Im weiteren Verlauf wird zumeist auf eine Trennung zwischen der sozial-gesellschaftlichen – und der kulturellen Ebene verzichtet, wo möglich, jedoch auf die wissenschaftliche Disziplin verwiesen.
Der Ethnologe Wolfgang Rudolph (1959, zitiert nach Albert, 2008) berücksichtig in seiner Definition bspw. alle drei Ebenen: „Ein kultureller Wert ist ein sozial sanktionierter, kulturell typisierter und psychisch internalisierter Standard selektiver Orientierung für Richtung, Intensität, Ziel und Mittel des Verhaltens von Angehörigen des betreffenden soziokulturellen Bereichs. Sein objektives Kriterium ist Bedeutsamkeit im kulturellen Wertsystem, sein subjektives Kriterium ist Bedeutung in der individuellen Persönlichkeit.“. Damit sind „Werte (…) Ausdruck menschlicher Kultur und dienen dem durch 'Instinktlosigkeit und Unsicherheit' gekennzeichneten Menschen als Orientierung mit situationsübergreifender Relevanz." (Standop, 2016). Ein Ausbruch aus dem kulturgegebenen Werterahmen durch non-konformistisches oder provokantes Verhalten führt zum Ausstoß, zur Abwertung oder zur Sanktionierung des Individuums. Stichworte: Provokation, Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit, Verwahrlosung, Drogenkonsum etc.
Im Kontext des anerkannten und „gültigen“ Werterahmens können Individuen also „richtig“ oder „falsch“ handeln. Jedoch ermöglichen insbesondere non-konformistische Personen oder Gruppen, die eine kritische Haltung gegenüber Normen sowie eine geringe Autoritätsorientierung haben, die Weiterentwicklung der Gesamtkultur durch Anpassungsprozesse an neue Rahmenbedingungen einer veränderten Umwelt (Albert, 2008). Im Kontext von Ernährung können hier v. a. sog. „Klimaaktivist*innen“ als Treiber der gesellschaftlichen Transformation genannt werden, die außerhalb wirtschafts-politischer und wissenschaftlicher Strebungen u. a. nachhaltigere Ernährungsumgebungen einfordern und hierbei nach mehrheitlicher Auffassung auch den zivilen Ungehorsam in Kauf nehmen (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung, 2023). Daran lässt sich veranschaulichen, dass der soziokulturelle Aushandlungsprozess über den moralischen Maßstab anpassungsfähig und flexibel sein muss und sich im zeitlichen Wandel geänderten Umwelten anpasst: Heute gelten ressourcenüberschreitende Ernährungsweisen zunehmend als unmoralisch. Die aufmerksamkeitserzeugenden Mittel überschreiten dabei nicht selten die moralischen Wertgrenzen anderer Individuen oder ganzer Gruppen, wenn sich bspw. Aktivist*innen zur Rush-Hour an Pendlertrassen kleben. Wertgeleitetes Handeln ist damit ein Korrektiv, dass egoistische Eigeninteressen zugunsten von Gemeinschaftsinteressen einschränkt (Standop, 2016, S. 17).
Mit der „Matrix ethischer Prinzipien“ ergänzen Coff und Long (2009) weitere bedeutende Aspekte zur Konzeption von Werten. Sie zeigen für das Beispiel Gerechtigkeit auf, wie diese aus verschiedenen Perspektiven aufgefasst werden kann (siehe Tab. 2.2). Dieser Ansatz wertet analog dem ‚EcoHealth‘-Ansatz (Lerner & Berg, 2017) die Biota von Rechtsobjekten (vgl. § 90 ff., Abschn. 2, Sachen und Tiere, BGB [2002]) zu anspruchs- und daseinsberechtigten Subjekten auf und spricht ihnen damit auch im Ernährungssystem einen, unter ethischen Gesichtspunkten nicht vernachlässigbaren Wert zu.
Tab. 2.2
Auffassung von Gerechtigkeit in Abhängigkeit von der subjektiven Perspektive.
(Ergänzt nach Coff & Long, 2009)
Subjektive Perspektive
Auffassung von Gerechtigkeit
Nutzpflanzen und Nutztiere
Respekt
Produzierende (bspw. Landwirt*innen),
faire Geschäftsbeziehungen
Beschäftigte / Angestellte im Ernährungssystem
Anerkennung der Systemrelevanz, Erhaltung der Arbeitsplätze
Konsumierende
Bezahlbarkeit von Lebensmitteln für alle, im Sinne von Chancengleichheit
Biota (alle Lebewesen von Ökosystemen ausgenommen Menschen)
Erhaltung der Populationen
In diesen Kontext passt auch eine Untersuchung von Bödeker (1992), in der sich zeigte, dass ökonomisch-abgesicherte Milieus das Solidaritätsmotiv auf einheimische Produzenten und die „Dritte Welt“ beziehen, wohingegen „schwächere Milieus“ es auf den engeren Familien- und Freundeskreis beziehen, um durch Solidarität die Knappheit von Gütern gemeinsam zu umgehen.
In diesem Zusammenhang muss jedoch diskutiert werden, ob es überhaupt möglich ist, Daseinsfragen perspektivübergreifend zu analysieren und alternative Auffassungen anzunehmen. Unter Heranziehung der entsprechenden Gesetze (vgl. BGB und Tierschutzgesetz), ist von einer impliziten Rangordnung bei der Anspruchsberechtigung auszugehen.
Berry (1969) verweist für die interkulturell forschende Psychologie auf das Dilemma, dass jede Handlung in Relation zum Kontext, in dem es auftritt, betrachtet werden muss und sich ein Vergleich von Handlungen aus verschiedenen Kontexten von vorherein ausschließt. Es scheint jedoch ein zutiefst menschliches Bedürfnis zu sein, zu vergleichen: Sich selbst im Verhältnis zu anderen, aber auch verschiedene Außenstehende sowie unterschiedliche Systeme zueinander. Jedoch kommt es statt der implizierten Verständigung eher zu einer generalisierenden Ermächtigung und Deutungshoheit durch den oder die Analysierenden. Es ist anzunehmen, dass Forschende aller Disziplinen zumeist eine etische Denkweise einnehmen (zum Begriffspaar etisch – emisch vgl. Pike, 1967; Höhl, 2023), die Systeme von außen betrachten und anhand universeller Kriterien strukturiert, deren Gültigkeit als absolut vorausgesetzt wird. Demgegenüber nehmen Forschende bei emischen Ansätzen eine Position innerhalb des zu erforschenden Systems ein und lassen sich auf die Entdeckung von Strukturen ein, ohne diese vorab vorauszusetzen. Im Sinne des methodischen Prinzips der „Urteils- und Wertfreiheit“ in den Wissenschaften, das vom Soziologen, Jurist und Ökonom Max Weber (1972, S. 8) postuliert und seitdem vielfach diskutiert wurde gelten die erforschten Kriterien als relativ im Bezug zu systeminternen Eigenschaften (Berry, 1969).

Internalisierung von Werten als sozialisatorischer und erzieherischer Lernprozess

Die Frage der Urteils- und Wertfreiheit stellt sich ebenso bei der pädagogischen und erzieherischen Internalisierung von Werten. Werte seien nicht als Anweisungen zu verstehen (Kopp & Schäfers, 2010), sondern als Maßstäbe der Lebensführung im sozialen Gefüge mit anderen (Harder, 2014). Werte werden also nicht von Menschen „erfunden“ oder moralisch konstituiert. Menschen definieren Werte. Moralische Konventionen begründen, bestätigen und ordnen die definierten Werte.
Die sozialisatorische und lebenslange Internalisierung von Werten setzt eine gewisse Anpassung an zugeschriebene Rollen und daran geknüpfte Erwartungen voraus: „man macht das so“ (Mikhail, 2022). Das Individuum befindet sich in einem Spannungszustand zwischen Erfüllung der Rollenerwartungen, um die familiäre und/oder gesellschaftliche Anerkennung zu maximieren, sowie der Abgrenzung gegenüber diesen Konventionen, um die persönliche Integrität zu wahren (Albert, 2008). Passt sich ein Individuum nicht ausreichend den Erwartungen an, kommt es wie oben beschrieben durch Provokation zu Sanktionen.
Die Soziologie geht sogar so weit, dass die Internalisierung von Werten nicht an das Individuum als solches gebunden ist, sondern dieses in der Ausübung verschiedener Rollen in verschiedenen Kontexten auch verschiedene Varianten von Wertgebilden realisieren kann, bspw. in der Ausübung der Elternrolle, der beruflichen oder freundschaftlichen Rolle. Der soziologischen Theorie zufolge stehen grundsätzlich Bedürfnisse des Sozialsystems, also das Funktionieren und Überleben bspw. der Familie oder der Gesamtgesellschaft, über den Individualbedürfnissen: Alltägliche Handlungen von Individuen sind demnach das Produkt der Verinnerlichung von für das Überleben des Sozialsystems notwendigen Werten (Albert, 2008), die verschiedenen Theorien nach, in Abhängigkeit von qualitativ unterschiedlichen Etappen in der Entwicklung kognitiver Strukturen, stufenweise verläuft (Lempert, 1988).
Die Erziehungswissenschaft beschreibt verschiedene Modelle zur Internalisierung von Werten (Rekus, 2022), die von unterschiedlichen Freiheitsgraden der Individuen ausgehen (vgl. Tab. 2.3). Durch Instruktion, Vorbildverhalten oder durch Übung innerhalb der sog. „Werte-Erziehung“ werden Kinder bspw. auf das „richtige“ Verhalten hingewiesen und als „unbeschriebenes Blatt“ auf ihre Zukunft als Teil der „normierten Gesellschaft“ vorbereitet (Standop, 2016; Rekus, 2022). Bei der „Werterziehung“ hingegen ist die Zukunft unbestimmt und Individuen sind frei(er) in der Gestaltung der eigenen Zukunft, ohne sie auf einen bestehenden Werterahmen zu begrenzen (Rekus, 2022).
Tab. 2.3
Dreistufiges Modell der Erziehung in Bezug auf Werte (nach Ladenthin 2022, S. 36), ergänzt um Ideale, die in dem Zusammenhang handlungsleitend sein können
Modell
Beschreibung
Beispiel
Ideale
Sozialisatorischer Enkulturationsprozess
Intentionale Integration in als wertvoll erachtete Handlungen
Gemeinsame Mahlzeiten am Familientisch; gegessen wird, was auf den Tisch kommt
Bewahrung
Werte-Erziehung
Übertrag eigener Wertentscheidungen und Aufforderung zur Nachfolge
Verbalisierte Aufforderungen: „Bleib sitzen, bis alle fertig gegessen haben!“; „Es wird von allem probiert!“; „Sitz still!“
Konformität
Wert-Erziehung
Symbolische und hypothetische Reflektion über die Geltung wertbezogenen Handelns
Gemeinsame Reflektion, wie gemeinsame Mahlzeiten zu gestalten sind, bzw. ob es überhaupt gemeinsame Mahlzeiten geben soll. Die Handlungsevidenz an sich wird hinterfragt
Autonomie

Funktion von Normen

Um den Wertbegriff zu verstehen, ist es hilfreich, sich auch mit sozialen Normen und deren Funktion auseinanderzusetzen, denn beide Begriffe werden im Sprachgebrauch häufig in Zusammenhang gebracht oder finden simultan Anwendung (Dabrock, 2015). Auf gesellschaftliche Systeme blickend bezieht sich der wesentliche Unterschied zwischen den Begriffen Wert und Norm auf deren Verbindlichkeit bzw. Gültigkeit: Soziale Normen sind als auf Verhalten bezogene Erwartungen oder Codices zu verstehen, die zur Aufrechterhaltung sozialer Systeme grundlegend sind (Parsons, 1949). Das Verhalten in sozialen Situationen ist nicht beliebig, es ist zumeist innerhalb eines gewissen Spielraums vorgeformt (Popitz, 2001). Normen sind im Interesse aller sozial verbindlich, das Zusammenleben regulierend und bezogen auf individuelle Interessen restriktiv. Normen strukturieren die gegenseitigen Erwartungen der an einer Situation beteiligten Personen und machen Handlungen bzw. Reaktionen vorhersagbar. Soziale Normen reduzieren Komplexität. Sie zeigen an, welche Handlungen geboten, erlaubt oder verboten sind. Zumeist eröffnen sie jedoch eine gewisse Entfaltungsfreiheit innerhalb der normativen Grenzen. Wer diese Grenzen überschreitet, kann als exzentrisch gelten (Von Trotha, 1978). Bei hoher Relevanz der Norm für das soziale System, bspw. bei Fragen der Sittlichkeit, kann die Normabweichung auch als kriminell eingestuft und über gesetzliche Strafen sanktioniert werden. Normen-konformes oder non-konformes Verhalten ist einfacher zu operationalisieren und damit einfacher zu belohnen oder zu bestrafen als Werte-konformes (Standop, 2016, S. 18 ff.; Parsons, 1949).
Soziale Normen beinhalten konkrete Aufforderungen über die gesellschaftlich eine gewisse Übereinkunft herrscht, ohne dass Einzelne sich diesen einfach entziehen können (Popitz, 2001). Die Moralphilosophie geht davon aus, dass „kategorische Imperative“, was im Sinne Immanuel Kants so viel bedeutet wie „absolute / unbedingte Gebote“ (Ebert, 1976) normieren, welche Handlungen moralisch sind und dem Prinzip der Sittlichkeit folgen. Im Sinne Kants werden „objektive Grundsätze“ durch die praktische Vernunft bestimmt und leiten das Sollen, wohingegen sog. „Maxime“ selbstgesetzte Handlungsregeln sind, die ein Wollen ausdrücken (Ebert, 1976). Nach dem abstrakten Wert des „Wahren“ zu streben, drückt sich z. B. in einer konkreteren, meist auf reale Situationen bezogene, aber normative Aufforderung aus: „Du sollst nicht lügen!“.
Über Werte sind sich Diskurspartner spezifischer Kontexte sehr schnell einig: Wer ist schon gegen Gesundheit? Aber die dazugehörigen Verhaltenskodizes sind streitbar (Ladenthin, 2022, S. 44) und Ergebnis einer soziokulturellen Aushandlung, die stetig wandelbar ist. Passende Stichworte sind: Körperbezogene Normen, Gebot des Maßhaltens, die Ächtung von Völlerei. Weitere, konkreter auf alltägliches Essen bezogene Normen betreffen das Probiergebot wie auch das Gebot, nur am Tisch zu essen oder bis zum Ende des Essens still zu sitzen.

Normen der Ernährung mit Bezug zur Gesundheit

Heute geht die Wissenschaft davon aus, dass sich auf Ernährung bezogene soziale Normen schon in der Steinzeit und damit der frühesten Epoche von Hominiden ausbildeten. Spätestens seit der Antike traten im Rahmen der ‚diaita‘ Essensregeln zum Ziele der Verbesserung von Beschwerden, zur Heilung oder mit sonstigem Gesundheitsbezug in den Gebieten des heutigen europäischen Raums auf (Askegaard et al., 2014; Coveney, 2006), die im zeitlichen Verlauf verstärkt moral-theologisch eingefärbt wurden (Hirschfelder & Eifler, 2021). Heutige Ernährungsnormen werden oft in Form von Dichotomien, also einer Zweiteilung ohne Schnittmenge (vgl. Barlösius, 2016) ausgedrückt und beziehen sich auf Handlungen, Situationen oder Denkweisen. Häufige Beispiele dafür sind:
  • essbar – nicht essbar
  • erlaubt – verboten
  • gesund – ungesund
  • gut – schlecht,
  • natürlich – künstlich,
  • veraltet (alt) – modern
Meist sind dichotome Wertungen und daran geknüpfte Ernährungsnormen nicht mit objektiven Kriterien abbildbar. So ist bspw. die Konzeption von „Gesundheit“ kein statischer Zustand, sondern ein Kontinuum, das sich nur multidimensional entlang ökologischer, sozialer, mentaler und physischer Faktoren messen oder bewerten lässt. Dennoch werden Menschen, Körperbilder und Lebensmittel in gesund oder ungesund kategorisiert. Daran zeigt sich, dass diese Normierungen eher sozial konstruiert sind (Askegaard et al., 2014).
Individuen geraten durch dichotome Wertungen in einen inneren Spannungskonflikt zwischen ihrem identitätsgebenden, milieuspezifischen Werten und damit ihrem inneren Selbst sowie ihrer Selbstdarstellung gegenüber anderen (Grauel, 2016). So wurde am Beispiel von vegan lebenden Personen in einer Studie gezeigt, dass Personen, die einen „Fehltritt“, den Konsum tierischer Produkte entgegen der inneren Haltung, zugaben, Angst hatten von der veganen Community als Betrüger denunziert zu werden. Infolge konnte beobachtet werden, dass diese Personen ihren Veganismus in einer weniger aufdringlicheren Art und Weise kommunizierten (Greenebaum, 2012).
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Metadata
Title
Grundlagen multidisziplinärer Wertetheorien
Authors
Karolin Höhl
Jana Dreyer
Silke Lichtenstein
Copyright Year
2024
Publisher
Springer Berlin Heidelberg
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-662-68713-0_2