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2016 | Book

Inclusive City

Überlegungen zum gegenwärtigen Verhältnis von Mobilität und Diversität in der Stadtgesellschaft

Editors: Melanie Behrens, Wolf-Dietrich Bukow, Karin Cudak, Christoph Strünck

Publisher: Springer Fachmedien Wiesbaden

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About this book

In diesem Buch geht es um die Stadt als Organisationskontext und als lebendes System und die von der Zivilgesellschaft und der Bevölkerung ausgehenden Impulse zur Gestaltung und Absicherung von Inklusion. Die Erfindung von Inklusion im Sinne einer Gesellschaft für Alle als ein Regulativ für das Zusammenleben war schon immer die Voraussetzung für Stadtgesellschaften. Bei der Ausgestaltung dieser Inklusion wurden wiederholt neue Wege eingeschlagen, wobei Mobilität und Diversität stets eine zentrale Rolle gespielt haben. Stadtgesellschaften tun sich jedoch häufig schwer damit, Inklusion für Alle sicher zu stellen. Anhand verschiedener Fallstudien wird aufgezeigt, wie gesellschaftliche Inklusion für soziale, ethnische und kulturelle Minderheiten und Einwanderer immer wieder eingeschränkt wird und sich in Exklusion verkehrt.

Table of Contents

Frontmatter
Auf dem Weg zur Inclusive City
Zusammenfassung
Die beiden Zitate illustrieren, wie schwer es der Öffentlichkeit fällt, eine konstruktive Einstellung gegenüber einem Phänomen zu entwickeln, das schon seit langem typisch für die meisten Gesellschaften in Europa ist, nämlich Mobilität. Sie ist nicht nur typisch für diese Länder, sondern aufgrund der technologischen Entwicklung und der Globalisierung auch längst unumkehrbar und unentrinnbar mit ihnen verknüpft. Genau besehen, geht es aber gar nicht um Mobilität an sich, sondern um Mobilität im Sinn eines Indikators für eine zunehmende Freizügigkeit innerhalb EU-Europas und der westlichen Welt. Und es geht um die Implikationen, die dieser Freizügigkeit speziell zugerechnet werden: Eine wachsende sozio-kulturelle, sprachliche und religiöse Vielfalt. Damit geht es letztlich auch um einen immer tiefergehenden wirtschaftlichen Wandel und um zunehmende Veränderungen in der Struktur und Zusammensetzung der Bevölkerung − eben um eine ungewohnte Vielfalt an Menschen, Meinungen und Lebensstilen. Zugleich impliziert das offenbar eine Infragestellung von Ansprüchen, Privilegien und von einer gewohnheitsmäßig beanspruchten Ressourcennutzung. Sind die durch die Mobilität hervorgerufenen Effekte wirklich willkommen? Sind sie tatsächlich verträglich oder sogar nützlich und fügen sie sich langfristig in die gewohnten Alltagsroutinen ein? Je nach dem individuellen Standort werden diese Effekte eher positiv oder eher negativ gesehen. Und entsprechend fühlt man sich je nachdem zu einem scheinbar angemessenen Handeln genötigt. Interessant ist dabei zudem, dass zur Einschätzung dieser Problematik nationalstaatlich argumentiert wird. Der Nationalstaat bzw. ein nationalstaatlich ‚aufgewertetes‘ Europa bilden hier zumeist den Referenzrahmen.
Karin Cudak, Wolf-D. Bukow

Stadtgesellschaft als Organisationskontext des urbanen Zusammenlebens

Frontmatter
“Seeing Inclusion and the Right to the City”
Zusammenfassung
Jerome Krase verfolgt in seinem Essay die Frage nach der Möglichkeit und den Voraussetzungen von Inclusive Cities unter heutigen globalisiert-transnationalisierten Bedingungen. Er nimmt die Leser_innen in seinem Foto-Beitrag mit auf Stadtspaziergänge in drei verschiedenen Ländern. Seine Analysen, historischen Rückschauen in Bezug auf den Umgang mit Minderheiten im US-amerikanischen-europäischen Vergleich und seine mit Bedacht ausgewählten Bildquellen, die uns Krase vom Everyday Life mitgibt, stehen in einem starken Kontrast zu den skandalisierend-exotisierenden Bildern, die uns die Massenmedien zur Interpretation von Neuer Mobilität und Diversität – insbesondere seit der ‚Wiederentdeckung‘ des Islam infolge 11/09 – nahe legen: Krases visuell-basierte Analysen lassen das Leben in mobilitätsgeprägten Quartieren vor allem als das erscheinen, was es ausmacht – als ein relativ problemloses und unspektakuläres Zusammenleben von Menschen, mit situierten Wissens- und Erfahrungsräumen in der urbanisierten Stadtgesellschaft.
Jerome Krase
Politik zwischen Polizei und Post-Politik: Überlegungen zu ‚urbanen Pionieren‘ einer politisierten Stadt am Beispiel von Berlin
Zusammenfassung
Stephan Lanz kritisiert in seinem Beitrag aktuelle urbane ‚Politik‘, die in seinen Augen derzeit postpolitisch verfasst ist. Diesen Zusammenhang zeichnet der Autor anhand dreier Dispositive – das der kreativen, der sozialen und der Bürgerstadt – nach. ‚Inclusive City‘ kritisiert der Autor in diesem Zusammenhang als ein zu unscharfes, harmonistisches Konzept, das sich in die Logik des Postpolitischen gut einfüge, indem es Fragmentierungstendenzen, Exklusion, Verdrängung und Ausgrenzung eher ausblende. Lanz eröffnet die Perspektive auf Akteure, die eine Re-Politisierung der Stadt Berlin wieder fördern könnten. Dazu analysiert er, in Anlehnung an Rancières Unterscheidung zwischen Politik und Polizei, gegenwärtige bürgerschaftliche Statements/Handlungen (‚acts of citizenships‘) am Beispiel der Stadt Berlin, wobei er den Refugee Strike/Besetzungen öffentlicher Räume von Flüchtlingsaktivist_innen in Kreuzberg und die Mieterinitiative Kotti & Co aufgreift. Beide Initiativen deutet Lanz als (kosmo-)politische Akte, in denen Menschen ihre urbanen Rechte bzw. ihren Anteil einfordern.
Stephan Lanz
Ambivalente Sichtbarkeitspolitiken in der vielfältigen Stadt
Zusammenfassung
Der identitätspolitik-kritische Diskussionsbeitrag von Nina Schuster verfolgt die Frage nach den ambivalenten Effekten von Sichtbarkeitspolitiken als Anerkennungspolitiken queerer sozialer Bewegungen in der Stadt. Führt bspw. die Sichtbarkeit queerer Menschen in der Stadt auf Großveranstaltungen wie dem CSD zur Verflüssigung oder zur Rekonstitution der gesellschaftlich bestehenden Heteronormativität? Wer wird auf den Paraden eigentlich gesehen und wer bleibt außen vor? Wie nachhaltig ist die Sichtbarkeit der Queers über die Großveranstaltung hinaus und welche Identitäten werden hier eigentlich de-/konstruiert? Schuster denkt entlang dieser Fragen eigene queer/feministische Ergebnisse eines Forschungsprojektes zu sozialen Praktiken queerer Raumproduktionen weiter.
Nina Schuster

Urbaner Raum – ein lebendes System

Frontmatter
Die intersektionelle Stadt. Geschlecht, Migration und Milieu als Achsen der Ungleichheit einer Stadt
Zusammenfassung
Elli Scambor präsentiert in ihrem Artikel die Ergebnisse einer sozialräumlich angelegten Intersectional Map-Studie, welche soziale Ungleichheiten hinsichtlich der Stadtnutzung der Grazer_innen (n = 1.650) anhand ihrer alltäglichen Wegketten und der täglich aufgesuchten Orte mittels Fragebögen und Interviews erfasst sowie Geschlecht und Migrationshintergrund als sozialstruktur-relevante Variablen der gegenwärtiger Gesellschaft am Beispiel der Stadt Graz nachweist. Im Ergebnis stehen unterschiedliche geschlechts-, migrations- und klassenspezifische sowie stadtbezirksspezifische Mobilitätsmuster der Bewohner_innen. Auf Basis dieser Studienergebnisse formuliert die Autorin Kritik an gegenwärtiger Stadtplanung.
Elli Scambor
Vom methodologischen Kosmopolitismus zum methodologischen Lokalismus
Zusammenfassung
Die Erweiterung bzw. Ergänzung des methodologischen Kosmopolitismus nach Ulrich Beck um einen methodologischem Lokalismus steht bei Knut Petzold im Zentrum seines Diskussionsbeitrags. So geht Beck in seinem Ansatz von einem mittlerweile realisierten Kosmopolitismus infolge von internationalem Terrorismus, entterritorialisierten Protestbewegungen und weltumspannenden Klimaveränderungen aus. Aufgrund dieser Entwicklungen, haben der Nationalstaat und modern-dichotome Kategorisierungen nach einer Entweder-Oder-Logik (global vs. lokal, national vs. international etc.) mehr und mehr an Bedeutung verloren. Dementsprechend müssen sich auch die Sozialwissenschaften methodologisch weg vom Nationalismus bewegen und stattdessen kosmopolitische Forschungsdesigns entwickeln, die einer empirisch nachweislichen sowohl-als-auch-Logik entsprechen. Petzhold weist diese Beck’schen Annahmen und Forderungen nach einem einseitigen Mehr an Kosmopolitismus unter Rückgriff auf aktuelle empirische Studienergebnisse und zwei empirisch-ironisch gemeinte Anekdoten zur Berliner Integrationsdebatte um die ‚schwäbische‘ Bevölkerung und die Kennzeichenliberalisierung zurück. Dazu schränkt er das Kosmopolitismus-Konzept in seiner empirischen Bedeutung ein und erweitert dieses um einen empirisch nachweislichen Lokalismus, der weiterhin dualistisch, hierarisierend und kategorial operiere. Diversitätserfahrungen können Petzold zufolge sowohl Kosmopolitismus als auch Lokalismus verstärken. Diesen Befunden liege die Dringlichkeit der Entwicklung eines methodologischen Lokalismus zu Grunde, der zum methodologischen Kosmopolitismus komplementär sein sollte und aus einer pragmatischen Perspektive heraus von den lokalisierten Subjekterfahrungen, einschließlich ihrer potentiellen entweder-oder-Logiken und ihrer dualistischen Referenzsysteme ausgehe.
Knut Petzold
Das Gerede um Migration und Integration
Zusammenfassung
Von der für die gegenwärtigen Integrationsdebatten typischen Leitdifferenz ‚guter‘ versus ‚schlechter‘ Migrant, die im öffentlich-medialen Diskurs um aktuelle Mobilitätsformate moralisiert und nutzenorientiert als anekdotische Projektionsflächen konstruiert werden, geht Jonathan Everts in seinem Beitrag aus. Dazu greift Everts aktuelle Grenzverschiebungen im EU-Innen- und Außenraum auf, die innereuropäische und globale Mobilitätsbewegungen verstärken. Am Beispiel der Debatten und Praktiken um die sogenannte ‚Armutseinwanderung‘ aus Südosteuropa, der Inszenierung der ‚Flüchtlingsströme‘ auf Lampedusa, an der EU-Außengrenze sowie in Mitten deutscher Großstädte (NSU-Morde) macht Everts neue Grenzregime und ihre diskursiven Fundamentalisierungen der gemeinschaftlich-orientierten Debatten deutlich. Im Ergebnis plädiert Everts für eine neue, differenziert-humanistische Sicht (der Forschung) auf Einwanderung innerhalb heutiger multikultureller Gesellschaften, die ökonomistische und menschenverachtende Argumentationsmuster deutlich zurückweist.
Jonathan Everts
‚Heimat‘ und Remigration – eine kritische Betrachtung am Beispiel der Migrationsroute Ecuador-Spanien-Ecuador
Zusammenfassung
Nina Berding geht in ihrem Beitrag auf sogenannte Rückkehrprozesse von Ecuadorianer_innen ein, die sich nach vielen Jahren in Spanien insbesondere aufgrund der spanischen Wirtschaftskrise veranlasst sahen, wieder in ihr ‚Herkunftsland‘ zurückzukehren. Die Autorin fokussiert dabei die Dynamiken der Ausgrenzung, die sich hier exemplarisch daraus entwickeln, dass davon ausgegangen wird, dass die Menschen ja in ihre „Heimatländer“, also entsprechend zu den ihnen vertrauten Bindungen und Routinen zurückkehren − eben dahin, wo sie auch ‚hingehören‘. Am Beispiel von Interviewausschnitten, die Berding während ihrer Feldforschung in Ecuador (2012) gesammelt hat, entfaltet die Autorin die Paradoxien im Umgang mit Zugehörigkeit. Einerseits zeigt sie, wie „fremd“ und wenig zugehörig sich die sogenannten ‚Rückkehrer‘, in Ecuador fühlen, da sie sich in den Jahren in Spanien eben dort über ihre lokale Lebenssituation Zugehörigkeit verschafft und verortet haben und andererseits stellt sie den politischen Umgang mit der Rückkehr dagegen und argumentiert, dass über Zugehörigkeit und Diversität vor allem mittels nationalstaatlicher Logiken und bestehender Diskurse verhandelt wird. Auf Basis ihrer Ergebnisse formuliert die Autorin Kritik am gegenwärtigen Umgang mit Zuwanderung und Zugehörigkeit und plädiert für eine veränderte Sichtweise hin zu einem ent-nationalisierenden Blick, der hybride, translokale Zugehörigkeiten erstens zulässt, um zweitens die Potenziale davon nutzen zu können.
Nina Berding

Vielfalt und Mobilität als Ausgangspunkte zivilgesellschaftlicher Selbstregulierung

Frontmatter
Urban Governance und „e-Participation“? Innovative Politik in der medialisierten Stadt
Zusammenfassung
Frank Eckardt zeigt in seinem Beitrag, dass sich die Orte und Nicht-Orte des Politischen im Kontext von wissens-, informations- und internetbasierten sowie zunehmend diversitäts- und mobilitätsgeprägten Stadtgesellschaften heute gegenüber modernen Gesellschaften des 19. und 20. Jahrhunderts transformiert haben. Dabei dürfe man mediale Innovationen und Revolution nicht mit politischen gleichsetzen, da das Politische häufig weiter auf die Interessen von Wenigen und territorialisiert ablaufe, d. h. heutige ‚global flows‘ von Kapitalien, Menschen und Dingen produzieren nicht notgedrungen eine globalisiertere Politik, sondern vielfach sogar ihr Gegenteil. Diese Entwicklungen haben nach Eckardt auch Auswirkungen auf heutige partizipativ ausgerichtete Stadtplanungsprozesse, wobei die demokratische Erfahrung der Beteiligten durch ihre simultan eingesetzte physische und virtuelle Präsenz eine besondere Ressource für demokratische Gesellschaften sowie ihre durchaus antagonistischen Gegenöffentlichkeiten darstellen könnte
Frank Eckardt
Transnationale Bezüge im Alltag
Zusammenfassung
Angela Pilch Ortega reflektiert in ihrem Artikel transnationale Räume als zunehmend veralltäglichte, wenngleich zwischen globalem Norden und Süden höchst ungleich verteilte, Erfahrungs- und Wissenshintergründe bestehen. Diese simultan verdichteten und entgrenzten Wahrnehmungs- und Denkhorizonte gewinnen ihrer Auffassung nach vor allem in urbanen Zentren gegenwärtiger, mobilitätsfrequentierter Stadtgesellschaften an Bedeutung. Die Autorin macht ihre Überlegungen anhand von Beispielen aus der eigenen Biografie deutlich: Das internetbasierte Telefonieren mit skype ermögliche persönliche Begegnungen und wandle weltumspannende Distanzen in virtuelle Nahräume um. Pilch Ortega zeigt, wie Biographien zu transnationalen Orten/Artikulationen werden können, indem sie das Wissen, Denken und Handeln alltäglich beeinflussen und gleichzeitig biografische Konstruktionsprozesse generieren.
Angela Pilch Ortega
Recht auf Stadt und symbolische Ordnung: Gezi-Park-Protest in Istanbul
Zusammenfassung
Emre Arslan greift in seinem Text die Gezi-Park-Proteste als einen intersektional verschränkten Kampf um Inklusion und Recht auf Stadt verschiedener Bevölkerungsgruppen in der Global City Istanbul auf. Die Proteste richten sich nicht zuletzt gegen die neo-konservativ, zentralistische Politik unter der derzeitigen AKP-Regierung, welche die Stadtverwaltung und die Stadtplanung weniger in das Interesse der breiten Bevölkerung stellt, sie dafür umso mehr mit einer Orientierung hin zu ethno-nationalen Symbolen in Form von Großprojekten ausgerichtet hat. Arslan beleuchtet in seinem auf Bourdieus Kapitalien-Theorie basierenden Beitrag die gesellschaftlichen Ereignisse, die zu diesen Protesten führten und deutet diese als durchaus nachhaltigen Kampf gegenüber der hegemonial-inszenierten symbolischen Ordnung.
Emre Arslan

Von der Dynamik einer neuen Wirklichkeit

Frontmatter
Balkanmeile versus Ottakringer Straße. Von urbanen Aushandlungsprozessen in einer Wiener Geschäftsstraße
Zusammenfassung
Antonia Dika und Barbara Jeitler stellen die Projektinitiative ‚Reisebüro Ottakringer Straße‘ in einer belebten und einwanderungsgeprägten Straße der Stadt Wien vor. Dieses Projekt fußt auf einem öffentlich-medial marginalisierenden Diskurs dieser Straße und des Viertels als gefährliche ‚Balkanmeile‘. Das diesen Diskurs ironisierende Angebot einer lokalen Initiative sind Reiseführungen von ‚Tourist_innen‘ durch die Straße. Von dieser Initiative ausgehend, werden weitere Projekte und Debatten mit jeweils völlig unterschiedlichen Orientierungen im Viertel angeregt, dessen Aushandlungen die beiden Autorinnen plastisch schildern.
Antonia Dika, Barbara Jeitler
Der Hamburger „Staatsvertrag“ mit islamischen Verbänden als Beitrag zur Inclusive City? Eine ethnographische Annäherung
Zusammenfassung
Am Beispiel des Hamburger ‚Staatsvertrags‘ mit islamischen Verbänden stellt Laura Haddad sich die Frage, nach dessen Beitrag zur Realisierung einer Inclusive City. Mit zahlreichen Interviews, die Haddad im Rahmen ihres ethnografisch orientierten Dissertationsprojektes mit lokalen Akteuren aus Kommunalpolitik und mit verschiedenen Vertreter_innen islamischer Organisationen geführt hat, veranschaulicht sie den Widerspruch zwischen dem kommunalen Versuch einer inkludierenden Anerkennungspolitik einerseits – nachdem man mit einer jahrzehntelangen bundesdeutschen Assimilations- bzw. Integrationspolitik dieselbe zunächst verhindert hat – und andererseits den exkludierenden Prozessen, die mit dem kommunalpolitischen Institutionalisierungsversuch des Islam für bestimmte Gruppen (z. B. die der Aleviten) verbunden sind. Der Artikel zeigt deutlich, die Schwierigkeit, die mit dem kommunalpolitischen Versuch einhergeht, eine über lange Zeit hinweg minorisierte, heterogene Religionsgemeinschaft nun über ein bürokratisches Verfahren ‚anzuerkennen‘ und en bloc ‚zu repräsentieren‘. Das Spannungsverhältnis ergibt sich dadurch, dass die vermutete ‚islamische Gemeinschaft‘ freilich selbst gesellschaftlich ausdiversifiziert ist und somit auch von Minderheits- und Mehrheitsverhältnissen sowie von Partikularinteressen geprägt ist.
Laura Haddad
Der Staatskirchenvertrag zwischen Hamburg und den Islamgemeinschaften aus inklusionstheoretischer Perspektive – eine alternative Sichtweise
Zusammenfassung
Wolf-D. Bukow kommentiert in seiner Replik den Beitrag von Laura Haddad zum ‚Staatskirchenvertrag‘ zwischen Hamburg und den islamischen Gemeinschaften. Dabei rekonstruiert der Autor die Geschichte eines gänzlich ignorierenden Ausschlusses des durch die „Gastarbeiter_innen mitgebrachten“ Islam in der bundesrepublikanischen Gesellschaft der 1960er Jahre, über die darauf erstarkenden Integrationsanforderungen an ‚die Anderen‘ – insbesondere seit 09/11 – bis hin zur Inklusion des Islam als einer Alltagsreligion in der postmodernen Gesellschaft neben vielen anderen (hybriden) Alltagsreligionen. Am Beispiel des Staatskirchenvertrags zeigt Bukow die Paradoxien auf, die mit der Anrufung des Islam zur „öffentlich-rechtlichen Verkirchlichung“ im Zeitalter zunehmender De-Institutionalisierung, von der auch die Kirche nicht ausgenommen werden kann, verbunden sind.
Wolf-D. Bukow
Fremdsprachige Senioren: ein Mosaikstein in der städtischen Vielfalt
Zusammenfassung
Das Beispiel der in Köln lebenden Seniorinnen und Senioren der russischsprachigen, transnational vernetzten Diaspora-Minderheit aus der ehemaligen Sowjetunion (geboren zwischen 1935–1945) zentriert Natalia Kühn in ihren Ausführungen. Ausgehend von der vielerorts zunehmenden Relevanz der Gruppe verfolgt die Autorin die These eines historisch bedingten und migrationsbasierten geteilten Erfahrungsraums der Senior_innen-Generation. Aufgrund der multilokalen Verortung (u. a. leben sie in Canada, den USA, Israel und Deutschland) verständigen und vernetzen sie sich miteinander Staatsgrenzen übergreifend via Internet und Telefon. Indem sich die Migrant_innen über aktuelle Bedürfnisse austauschen, sich gegenseitig informieren und beraten, geben sie einen anschaulichen Einblick in die Funktionsweise inklusiver und mobilisierter Stadtgesellschaften.
Natalia Kühn

Über die Schwierigkeiten die Stadtgesellschaft inklusiv auszurichten

Frontmatter
„Das schwarze Land zur Heimat machen“: Die Debatte um Zuwanderung und Zugehörigkeit im Ruhrgebiet in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts
Zusammenfassung
Im Beitrag von Angela Schwarz geht es um die Zuwanderungs- und Zugehörigkeitsdebatte im Ruhrgebiet zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Unter Rückgriff auf eine Vielzahl geografischer und literarischer Quellen rekonstruiert die Autorin historische Diskurse um die öffentlichen Wahrnehmungen der Region, ihrer ‚Anderen‘ und ihrer ‚Identität‘. Sie stellt heraus, dass heutige Ruhrgebietsdebatten um Integration und Inklusion in ihrer Grundsubstanz den historischen ähneln. Insbesondere Krisen- und sozioökonomische Transformationssituationen böten dabei einen guten Nährboden für besorgnis- und problemorientierte Situationsdeutungen.
Angela Schwarz
„Wir haben ein Recht stolz zu sein.“ Die Emanzipationsbewegung der Roma und Sinti in der Bundesrepublik Deutschland, 1950–1983
Zusammenfassung
Aus anerkennungstheoretischer Perspektive nähert sich Anne Klein der Emanzipationsbewegung der Roma in der BRD von der Nachkriegszeit bis zur post-sowjetischen Ära. Mit ihrem Beitrag intendiert Klein, einen weitgehend blinden Fleck der bundesrepublikanischen Geschichtsschreibung sowie der sozialwissenschaftlichen Forschung auszuleuchten, die sich bislang vor allem auf den gesellschaftlich ausgeprägten Antiziganismus fokussiert habe. Ausgehend von einer kritischen Skizze zur gegenwärtigen Situation der Roma-Community in Europa (Südost- und Mitteleuropa) konzentriert sich die Autorin stattdessen auf eine detailliert-historische Rekonstruktion verschiedener Protest- und Widerstandsformen (Organisation im internationalen Verbands- und Vereinswesen, Kongresse, Versammlungen, Hungerstreiks, Identitätspolitiken etc.) der Roma-Aktivist_innen zur politisch-soziokulturellen Teilhabe, Sichtbarmachung von Unrechtserfahrungen und Anerkennung. Kleins Analysen zufolge gingen die sozialen Kämpfe um Anerkennung und ihre Forderungen vermehrt in das mehrheitsgesellschaftliche Bewusstsein ein (in Form diskriminierungskritischer Presse, Menschenrechtsdiskursen, europäische und nationale Politik). Der Beitrag schließt ab mit theoretischen Überlegungen eines transformatorischen Demokratieverständnisses.
Anne Klein
Inclusive-City und schulische Bildungssettings rund um die Einwanderungsbewegung aus Südosteuropa
Zusammenfassung
Karin Cudak verfolgt in ihrem Beitrag, der auf ihrer Quartiersstudie zu inklusiven und exklusiven Strukturen sowie Prozessen basiert, aus sozialraum-theoretischer Perspektive die lokalen Verarbeitungsstrategien der ‚Einwanderungsbewegung aus Südosteuropa‘ im Kontext allgemeiner gesellschaftlicher Mobilisierungs- und Diversifizierungstendenzen (Dissertationsprojekt). Dabei konzentriert sich die Autorin auf schulische Bildungssettings in der Metropolregion Rhein-Ruhr, die einem Teil der Einwanderer, insbesondere dann, wenn sie als ‚Armutsflüchtlinge‘/‚Roma‘ decodiert werden, den Zugang zu sozialen Ressourcen (Bildung, Arbeit, Sicherheit etc.) erschweren bzw. gänzlich verwehren. Kontrastierend dazu wird die Metropolregion Leicester angeführt. Hier kann ein eher pragmatischer Umgang mit der aktuellen Einwanderungsbewegung festgestellt werden.
Karin Cudak
Ein modernisierter Rassismus als Wegbereiter eines urbanen Antiziganismus
Zusammenfassung
Wolf-D. Bukow geht es in seinem Beitrag darum, die Kontinuität eines gesamtgesellschaftlichen Phänomens, das sich jedoch mit dem gesellschaftlichen modernisiert hat, zu analysieren: Es geht um einen modernisierten Rassismus im Gewand eines urbanen Antiziganismus.
Wolf-D. Bukow

Abschließende Betrachtungen

Frontmatter
Die Zukunft der Stadtgesellschaft als Inclusive City
Zusammenfassung
Abgeschlossen wird der Sammelband mit Überlegungen von Wolf-D. Bukow und Karin Cudak zur Zukunft der Stadtgesellschaft als Inclusive City. Es werden die eingangs formulierten Überlegungen nochmals aufgegriffen und weiter gedacht. Die Stadtgesellschaft wird entlang ihrer Eigenschaften als Gesellschaftsmodell diskutiert: Kontrastiert wird dabei ihre bisherige Verkennung als ein eigenständiges Gesellschaftsformat, welches immer wieder durch nationalistische Imaginationen verdrängt wird.
Wolf-Dietrich Bukow, Karin Cudak
Metadata
Title
Inclusive City
Editors
Melanie Behrens
Wolf-Dietrich Bukow
Karin Cudak
Christoph Strünck
Copyright Year
2016
Electronic ISBN
978-3-658-09539-0
Print ISBN
978-3-658-09538-3
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-09539-0