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About this book

Dieses Buch handelt von Interessen und ihrer Rolle im sozialen Handeln. Was sind Interessen, wie entstehen sie, und wie werden sie im sozialen Handeln praktisch wirksam? Und in welchen Beziehungen stehen Interessen zu anderen Handlungsorientierungen wie Werten oder Emotionen – wann handeln soziale Akteure aus Interesse, und wann folgen sie anderen Zielen? Diese Fragen sind von einiger Bedeutung, denn Interessen gelten in vielen Theorieansätzen der Soziologie als eines der zentralen Motive, die Menschen dazu bringen, sozial zu handeln und auf diese Weise soziale Tatbestände zu erzeugen. Trotz ihrer Bedeutung sind Interessen als Konzept jedoch nur selten reflektiert worden; explizite Auseinandersetzungen damit sind in der soziologischen Theorie kaum zu finden. Deshalb soll in diesem Buch der Interessenbegriff genauer ausgeleuchtet werden. Dazu wird der Frage nachgegangen, wie der Interessenbegriff in den verschiedenen Traditionen der Sozialtheorie vom Funktionalismus bis zum Neomarxismus verwendet wird. Daran anschließend wird der Versuch unternommen, Interessen in ihrem multidimensionalen und prozesshaften Charakter als „Interessierung“ neu zu fassen und in ihren Implikationen für Theoriebildung und empirische Forschung der Soziologie greifbar zu machen.

Table of Contents

Frontmatter

Kapitel 1. Einleitung: Interessen und Konzepte

Zusammenfassung
Dieses Buch handelt von Interessen und ihrer Rolle im sozialen Handeln. Was sind Interessen, warum entstehen sie, und wie werden sie im sozialen Handeln praktisch wirksam? Diese Fragen sind von einiger theoretischer Bedeutung, denn Interessen gelten in vielen Theorieansätzen der Soziologie als eines der zentralen Motive, die Menschen dazu bringen, ihr Handeln auf andere Menschen zu richten, also sozial zu handeln und auf diese Weise soziale Tatbestände zu erzeugen. Damit wiederum sind Interessen zugleich eine wichtige Triebkraft – oder ein Störfaktor – der Entwicklung sozialer Dynamik und der Herausbildung sozialer Ordnung als zentralen Erkenntnisgegenständen der Sozialtheorie (Joas/Knöbl 2004).
Thomas Haipeter

Kapitel 2. Interessen als Konzept der Sozialtheorie

Zusammenfassung
Die in diesem Buch angestrebte Rekonstruktion des Interessenbegriffs in der Sozialtheorie und seiner Verwendung trifft auf eine Leerstelle der Forschung. Ein wichtiger Beleg dafür ist die Tatsache, dass die Ursprünge des Interessenbegriffs in Moralphilosophie und Politischer Ökonomie bislang intensiver beleuchtet worden sind als seine Verwendungsformen in der soziologischen Theorie. Dort entstand der Interessenbegriff im 17. und 18. Jahrhundert in einer Gemengelage aus der heraufziehenden kapitalistischen Wirtschaftsweise und den politisch vorherrschenden absolutistischen und aristokratischen Herrschaftsformen.
Thomas Haipeter

Kapitel 3. Der Interessenbegriff bei Marx, Durkheim und Weber

Zusammenfassung
Am Beginn der Untersuchung stehen die Interessenkonzepte der drei Klassiker der Soziologie, Karl Marx, Emile Durkheim und Max Weber. Ihre Theorien prägen die Soziologie bis heute, sei es als Grundlage für die Weiterentwicklung theoretischer und empirischer Fragestellungen oder sei es als Referenz- und Legitimationsinstanz. Diese Einschätzung gilt, wie sich in dieser Untersuchung zeigen wird, allemal auch für die Frage der Interessen: was Interessen sind und welche Interessen es gibt, wie sie entstehen, welche Rolle sie als Orientierung sozialen Handelns spielen und wie sie soziale Ordnung und soziale Dynamik beeinflussen. Die Klassiker bilden bis heute die – teilweise explizite, aber mindestens implizite – Referenzfolie für die Entwicklung des Interessenbegriffs in der Sozialtheorie.
Thomas Haipeter

Kapitel 4. Parsons und der Funktionalismus: Die Normierung von Interessen

Zusammenfassung
Talcott Parsons war einer der einflussreichsten Soziologen des letzten Jahrhunderts. Er hat den Rekurs auf Klassiker der Soziologie populär gemacht und damit Klassiker und Traditionen der Disziplin bestimmt, und er hat eine eigene Schule der Soziologie begründet. Zugleich war und ist Parsons umstritten, und einige der in den folgenden Kapiteln behandelten sozialtheoretischen Traditionen verdanken ihre Ursprünge der Kritik an Parsons. Dazu gehört der Vorwurf, dass Parsons in seinem „Strukturfunktionalismus“ Interessen als Handlungsorientierungen vernachlässigt und stattdessen Normen und Werte und das Problem der sozialen Integration und Ordnung in das Zentrum der Theoriebildung gerückt habe.
Thomas Haipeter

Kapitel 5. Konflikttheorie: Interessenkampf ohne Normen

Zusammenfassung
Die Grenzen der Konflikttheorie sind nicht klar gezogen. In einer weiten Abgrenzung fallen darunter sämtliche Theoriebeiträge, in denen Konflikte eine zentrale Rolle bei der Erklärung sozialer Phänomene spielen. In einer engeren Abgrenzung hingegen bezieht sich diese Klassifizierung auf Ansätze, die seit den 1950er Jahren in Auseinandersetzung mit der Parsonsschen Theorie entstanden sind und die eine konfliktsoziologische Perspektive als Gegenentwurf zur strukturfunktionalistischen Analyse entwickelt haben.
Thomas Haipeter

Kapitel 6. Neoutilitarismus: Interessen als individuelle Erstausstattung

Zusammenfassung
Auch das Entstehen des Neoutilitarismus in den 1950er Jahren ist ohne Bezugnahme auf Parsons und den Funktionalismus kaum verständlich. Allerdings ist hier der Schwerpunkt der Kritik anders gelagert als in der Konfliktsoziologie; nicht die Kritik an der Vorherrschaft von Normen und Werten gegenüber Konflikt und Interessen steht im Vordergrund, sondern die Kritik an der Vernachlässigung sozialer Interaktionen interessierter Akteure. Dem begegnete der Neoutilitarismus mit zwei Forderungen: das Individuum und sein „subinstitutionalisiertes Verhalten“ (Homans 1968, S. 8) in das Zentrum der Theorie zu rücken und dabei das Augenmerk auf die rational motivierten Austauschprozesse mit anderen sozialen Akteuren zu richten.
Thomas Haipeter

Kapitel 7. Interpretative Soziologie: Interpretation und Konstruktion von Interessen

Zusammenfassung
Auch die Interpretative Soziologie hat ihre Wurzeln in der kritischen Auseinandersetzung mit dem Parsonsschen Funktionalismus. Fluchtpunkt der Kritik ist der Vorwurf der Vernachlässigung sozialer Interaktionen. Zwar ist dies auch ein Kritikpunkt des Neoutilitarismus, doch unterscheidet sich die Interpretative Soziologie davon durch drei Schwerpunktsetzungen eines „methodologischer Situationalismus“, die als gemeinsame Grundüberzeugungen der Interpretativen Soziologie gelten können (Knorr-Cetina 1981, S. 8): erstens, dass Handeln in sozialen Situationen stattfindet; zweitens, dass die Handelnden in diesen Situationen ihr Handeln interpretieren müssen; und drittens, dass sie auf diese Weise soziale Wirklichkeit überhaupt erst konstruieren.
Thomas Haipeter

Kapitel 8. Neomarxismus: Interessen und Klassen

Zusammenfassung
Angesichts der Schlüsselrolle des Interessenbegriffs bei Marx ist es kaum verwunderlich, dass Interessen auch im Zentrum der Diskussionen des Neomarxismus stehen. Dies gilt vor allem mit Blick auf drei Fragen: der Prägekraft ökonomischer Klasseninteressen für andere Interessen und die gesellschaftliche Entwicklung insgesamt; der Homogenität von Klasseninteressen und des daran anschließenden Klassenhandelns; und schließlich der Objektivität von Interessen. „Die“ neomarxistische Theorie ist zwar nirgendwo einvernehmlich definiert, doch lassen sich die drei hier – in dieser Reihenfolge – behandelten Diskussionsstränge des historischen Materialismus, der Klassentheorie und des Postmarxismus wohl ohne ausführlichere Begründung dazurechnen.
Thomas Haipeter

Kapitel 9. Weitere Ansätze: Praxis, Strukturierung, Kultur und Interessen

Zusammenfassung
In diesem Kapitel werden zumeist neuere Ansätze der Sozialtheorie behandelt, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie als integrative Ansätze neue Brücken zwischen Struktur- und Handlungstheorie oder zwischen Mikro- und Makroebene zu schlagen versuchen und neue Aspekte der Rolle von Interessen in der Reproduktion und Transformation sozialer Strukturen oder im Zusammenspiel mit kulturell inspirierten Deutungsmustern und moralischen Orientierungen aufzeigen. Dies gilt insbesondere für die Arbeiten von Jürgen Habermas und seiner Theorie kommunikativen Handelns, Pierre Bourdieu und seiner Theorie der Praxis, Anthony Giddens und dem Strukturierungsansatz, Jeffrey Alexanders Überlegungen zur zivilen Sphäre und Margaret Archers Konzept des analytischen Dualismus.
Thomas Haipeter

Kapitel 10. Interessen und das Konzept der Interessierung

Zusammenfassung
In den vorigen Kapiteln wurden die vielfältigen Verwendungen des Interessenbegriffs in der Sozialtheorie und ihren Theorietraditionen nachgezeichnet. Es konnte gezeigt werden, dass zwischen den – aber auch innerhalb der – Traditionen erhebliche Unterschiede in der Frage existieren, woher Interessen kommen, worauf sie sich beziehen, wie sie geformt werden und welche Interferenzen mit anderen Handlungsorientierungen bestehen. Eine Gemeinsamkeit zwischen den Traditionen und den Autor*innen existiert aber trotz dieser Unterschiede: Diskurse über den Stellenwert und die Rolle des Interessenbegriffs innerhalb oder zwischen den Disziplinen sind rar gesät.
Thomas Haipeter

Kapitel 11. Schlussbemerkung: Die Scharnierfunktionen der Interessierung

Zusammenfassung
Das Konzept der Interessierung wirft ein neues Licht auf Interessen und ihre Rolle in der Sozialtheorie. Interessen als Handlungsorientierungen, die auf die Verbesserung der Handlungsfähigkeit zielen, treten als rekursiver Prozess in den Blick, der von den Quellen des Interessenhandelns bis zu den Interferenzen mit uninteressierten Handlungsorientierungen reicht. Es sind sowohl die sozialen Klassen-, Herrschafts- und Statuspositionen der Individuen als auch ihre körperlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten, die zusammen mit kulturellen Orientierungen das Spielfeld des Interessenhandelns abstecken. Sie zeichnen den Rahmen für instrumentelle oder ideelle Interesseninhalte, die isoliert oder in engem Wechselspiel verfolgt werden können. Konkrete Gestalt nehmen die Interessen aber erst im Verlauf ihrer Formung an, als wichtiges Moment der Identitätsbildung und als Ergebnis eines inneren Reflexionsprozesses, als Resultat der Deutung von Situationen und der Verständigung oder Aushandlung, oder schließlich als Produkt der Organisierung kollektiver Interessen.
Thomas Haipeter

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