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Islamismus als gesellschaftliche Herausforderung

Ursachen, Wirkungen, Handlungsoptionen

  • 2025
  • Book

About this book

Dieser Band präsentiert die Ergebnisse eines interdisziplinären Forschungsnetzwerks mit über 100 Wissenschaftler:innen, die von 2020 bis 2025 das Phänomenfeld Islamismus untersuchten. Im Fokus standen Ursachen von Radikalisierung, gesellschaftliche Wechselwirkungen, Präventionsstrategien sowie politische, mediale und zivilgesellschaftliche Diskurse. Die Beiträge bilden zahlreiche Disziplinen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften ab. Damit bietet der Band wertvolle Erkenntnisse für Wissenschaft und Praxis im Bereich Islamismus und Radikalisierung.

Table of Contents

  1. Frontmatter

  2. Islamismus als gesellschaftliche Herausforderung: Eine Einführung

    Shaimaa Abdellah, Manuela Freiheit, Julian Junk, Sina Tultschinetski
    Zusammenfassung
    Spätestens seit den Anschlägen des 11. September 2001 wird in Deutschland regelmäßig über Ursachen und Folgen islamistischer Aktivitäten diskutiert – so auch in den Forschungsarbeiten der zwölf Projekte der Förderlinie „Gesellschaftliche Ursachen und Wirkungen des radikalen Islam in Deutschland und Europa“. Dieses Kapitel führt zentrale Begriffe im Phänomenfeld ein und stellt die wesentlichen Ergebnisse sowie Empfehlungen der zwölf Forschungsprojekte entlang fünf miteinander verbundener Perspektiven vor: (1) Gesellschaftliche Sicherheit und Stabilität, (2) Wechselwirkungen mit gesellschaftlichen Dynamiken, (3) Prävention und politische Maßnahmen, (4) Förderung sozialer Kohäsion und (5) Transnationale und internationale Dimension. Abschließend formulieren die Autor:innen forschungsprogrammatische Impulse und konkrete Empfehlungen für Staat und Gesellschaft, um den komplexen Herausforderungen durch islamistische Strömungen und Ideologien in einer pluralen Demokratie gerecht zu werden.
  3. Kein Mensch wacht morgens auf und ist plötzlich radikal. Warum radikalisieren sich Menschen?

    Bedingungen und Auswirkungen von Co-Radikalisierungsprozessen Susanne Pickel
    Zusammenfassung
    Rechtsextremistische und islamistische Radikalisierung ist kein unabwendbarer Prozess. Sie vollzieht sich in Einstellungen, Sprache und Handeln mit und ohne Gewalt und kann als wechselseitige Radikalisierungsspirale interpretiert werden. Menschen radikalisieren sich als Mitglieder politischer und religiöser Gruppen im wechselseitigen Bezug aufeinander (Co-Radikalisierung), oft ohne bewusste Provokationsabsicht. Auslöser sind Ängste vor islamistischer Gewalt bzw. vor Diskriminierung und das Gefühl des Kontrollverlusts. Häufig folgt ein Rückzug in die eigene Community, deren Narrative Rückhalt gewähren und die eigene Bedeutung sowie die der jeweiligen Gruppe aufbauen. Feindbilder, v. a. gegenüber jüdischen Menschen, fundamentalistische bzw. chauvinistisch-nationalistische Einstellungen unterstützen dieses Gefühl. Es zeigt sich zudem, dass die Radikalisierungsprozesse stets einen Weg über eine Ablehnung der freiheitlich demokratischen Grundordnung nehmen, wenn sie in eine Gewaltbereitschaft münden. Ein Grundstein für eine Internalisierung der freiheitlich demokratischen Grundordnung sollte an den Schulen gelegt werden. Die Lehr- und Lernsituation an Schulen führt jedoch oftmals nicht zu einer Entwicklung der Schüler:innen im Sinne einer demokratisch-pluralistischen Bildung. Wir unterbreiten Vorschläge, wie dieses Ziel erreicht werden kann und geben Hinweise auf die unterschiedliche Wirkung von Maßnahmen der Prävention und der Sozialarbeit. Demokratiestunden fördern z. B. die direkte Erfahrung mit Mehrheitsfindung und Themensetzung in der Demokratie und Sozialarbeit kann Jugendliche in verunsichernden Situationen auffangen, ohne ihnen Radikalität zu unterstellen.
  4. Deutschlands gesellschaftlicher und politischer Umgang mit Islamismus – Eine Übersicht über Trends und wesentliche Herausforderungen

    Reem Ahmed, Lea Brost, Julian Junk, Martin Kahl, Mona Klöckner, Lea Scheu, Manjana Sold, Isabelle Stephanblome
    Zusammenfassung
    Im Zentrum des Forschungsvorhabens KURI („Konfigurationen von gesellschaftlichen und politischen Praktiken im Umgang mit dem radikalen Islam“) standen Trendanalysen zu den konkreten Ausprägungen des politischen, sicherheitsbehördlichen und gesellschaftlichen Umgangs mit Islamismus in Deutschland seit dem 11. September 2001. Dazu führte KURI vier Erhebungsstränge zusammen: (1) Langzeitstudien aller Ereignisse, die dem Phänomenbereich „Islamismus“ in Deutschland zuzurechnen sind sowie der wesentlichen rechtlichen Änderungen zum Umgang damit; (2) vertiefende Fallstudien zu unterschiedlichen Dimensionen der öffentlichen Debatte über den Umgang mit Islamismus; (3) interviewbasierte Erhebungen zu den Eigenwahrnehmungen verschiedener Akteursgruppen im Feld; (4) Umfragen und Umfrageexperimente zu Bedrohungsempfindungen und Einstellungen gegenüber sicherheitspolitischen Maßnahmen. Die Analysen ergaben ein komplexes Netz aus Maßnahmen und Debatten: Der sicherheits- und gesellschaftspolitische Umgang mit Islamismus folgte keiner klaren Strategie, war in der Tendenz reaktiv und unterlag den föderalen Prozessen der Konsensfindung und Aushandlung. Die Verlagerung von Maßnahmen in das Vorfeld möglicher islamistischer Straftaten ist dabei ein Kerntrend, der sich in der rechtlichen Entwicklung und in der Legitimierung in öffentlichen Debatten nachzeichnen lässt – bei allen Kontroversen um eine Balance zwischen Sicherheit und Freiheit.
  5. Vom Rand in die Mitte? Rechtspopulistische Islamdeutungen und praxisorientierte Handlungsempfehlungen

    Anna-Maria Meuth, Max Manuel Brunner, Liriam Sponholz, Mirjam Weiberg-Salzmann, Sabrina Zajak
    Zusammenfassung
    Dieser Beitrag präsentiert Ergebnisse des Forschungsprojekts RaMi („Vom Rand in die Mitte? Rechtspopulistische Deutungen über den Islam in Deutschland, Europa and beyond“). Die Studie untersucht, ob, und unter welchen Bedingungen und in welche Richtung, sich der öffentliche Gesamtdiskurs durch die rechtspopulistische Deutung und Verknüpfung von nationaler Identität, (muslimischer) Migration und Vorstellungen eines Islam als radikal in den letzten Jahrzehnten in westeuropäischen Demokratien verändert hat. Als Fallbeispiele werden das Vereinigte Königreich (UK), Deutschland und Frankreich herangezogen. Der aufgeworfenen Frage wird auf drei Ebenen nachgegangen.
    Zunächst wird aufgezeigt, unter welchen historischen Kontextbedingungen sich rechtspopulistische Strömungen in diesen Ländern entwickelt haben und die gesellschaftliche Debattenkultur in den untersuchten Themenfeldern beeinflussen. Mit einer Medienanalyse der Berichterstattung großer Tageszeitungen kann für den Zeitraum 2000–2020 ferner gezeigt werden, dass eine hohe mediale Präsenz des Themas die Verbreitung islamfeindlicher Narrative verstärkt. Schließlich zeigen qualitative Expert:inneninterviews ein differenziertes Bild zu Verbreitungsmechanismen antimuslimischer Narrative: Demzufolge spielt antimuslimischer Rassismus im Alltag eine ebenso wichtige Rolle bei der Verfestigung und Reproduktion islamfeindlicher Narrative wie die zunehmende Normalisierung rechtspopulistischer Positionen.
    Die Studie zeigt, wie Deutungen über den Islam als bedrohliche Religion durch Medialisierung politischer Kommunikation verfestigt werden. Sie betont die Relevanz von Präventionsstrategien gegen gesellschaftliche Polarisierung und gibt Handlungsempfehlungen zur Demokratisierung der Gesellschaft.
  6. Wie erleben und deuten in Deutschland lebende Jüdinnen:Juden politisch-islamischen Antisemitismus?

    Niklas Herrberg, Bjarne Goldkuhle, Heiko Beyer, Melanie Reddig
    Zusammenfassung
    Die Problematik des politisch-islamischen Antisemitismus (PIA) hat in den letzten Jahren zunehmend Aufmerksamkeit erfahren. In diesem Kapitel gehen wir der oftmals wenig berücksichtigten Frage nach, wie Jüdinnen:Juden die aktuelle Bedrohungslage erleben und ausdeuten. Dies untersuchen wir aus Perspektive einer phänomenologisch orientierten Wissenssoziologie mittels eines Mixed-Methods-Ansatzes. Unsere Studie umfasst die Analyse von 21 problemzentrierten Interviews mit Jüdinnen:Juden sowie die Auswertung eines Online-Surveys mit 295 jüdischen Befragten. Die Interviewanalyse ergab, dass das Erleben von PIA strukturidentisch zu anderen Antisemitismusformen verläuft. Die alltägliche Konfrontation führt zum Erleben dreier Begrenzungen: Im Vorfeld der möglichen Konfrontation ist es problematisch, dass diese nicht immer vollumfänglich antizipiert werden kann. Kommt es zur Konfrontation, sind selbstgewählte Alltagsrelevanzen eingegrenzt. Im weiteren Konfrontationsverlauf kann sich zudem die eigene Handlungsfähigkeit als begrenzt erweisen. Die Auswertung der quantitativen Daten kann hieran anknüpfend zeigen, dass viele Befragte von Begegnungen mit PIA berichten, den sie vor allem durch Aussagen, Sprache und Kontext der Täter:innen identifizieren. 29 % der Befragten gaben an, in den letzten zehn Jahren PIA in Form von Beleidigung, Vandalismus oder physischer Gewalt erlebt zu haben. Bezüglich der Bedrohungs- und Problemwahrnehmung unterscheiden sie deutlich zwischen „Muslimen“ und „radikalen Muslimen“ und sehen PIA als großes gesellschaftliches Problem an, das ihre Sicherheit und alltägliche Lebenswelt beeinflusst.
  7. Zwischen Misstrauen und der Hoffnung auf Anerkennung: Wechselwirkungen in den Beziehungen von Staat, Gesellschaft und Muslim:innen

    Jörn Thielmann, Tina Brosi, Charlotte Jawurek, Patricia Wiater, Inken Okrug, Katharina Weinmann, Stephanie Müssig, Tarek Badawia, Fatma Aydinli, Ertuğrul Şahin, Nina Nowar, Serdar Aslan
    Zusammenfassung
    Ausgangspunkt des Projekts WECHSELWIRKUNGEN („Wechselwirkungen islamistischer Radikalisierung im gesellschaftlichen und politischen Kontext betrachtet“) war die Überzeugung, dass Radikalisierung und Radikalität aus einem komplexen Geflecht miteinander interagierender und einander beeinflussender und formender Kräfte entsteht. Kurz, aus wechselwirkenden prozessualen Beziehungen, die das komplexe und dynamische Gefüge „Gesellschaft“ hervorbringen aus Formen des Für-, Mit-, Neben- und Gegeneinanders (Simmel). Um systematisch vor allem auf eine Seite von Prozessen der Radikalisierung gerichtete Fragestellungen zu überwinden, haben wir konsequent eine Perspektive gewählt, welche zunächst die muslimische Seite ins Zentrum rückt: Welche Effekte haben gesetzgeberische Maßnahmen oder behördliches Handeln im sogenannten „Anti-Terrorkampf“ auf Grund- und Menschenrechte? Wie wirken sich mediale Diskurse und gesellschaftliche Diskriminierung auf Einstellungen von Muslim:innen aus? Wie sehen Muslim:innen staatliches Handeln und politische Diskurse im Feld, z. B. beim Islamischen Religionsunterricht? Wie bewältigen sie in städtischen Lebenswelten Konfrontationen mit „Islamkritiker:innen“? Wie verhandeln sie untereinander – in Facebook-Gruppen oder in rituellen Predigten – Formen (frommen) islamischen Lebens in Deutschland? Unser Ziel war, mögliche Quellen für den meist diffusen Nährboden für Radikalisierung unter Muslim:innen zu identifizieren und zugleich nach Faktoren muslimischer Resilienz gegen Radikalisierung zu suchen. Im Ergebnis zeigt sich diese Resilienz robust, zusammen mit der hohen Bereitschaft, sich gesellschaftlich zu engagieren, und der Sehnsucht nach Akzeptanz und Wertschätzung..
  8. Salafistische Überbietungsdiskurse im Islamfeld in Deutschland: Wissenssoziologische Diskursanalysen und Handlungsempfehlungen

    Youssef Dennaoui
    Zusammenfassung
    Das Projekt Deutungsmacht („Religiöse Deutungsmachtkonflikte und Überbietungskämpfe im globalen Feld des Salafismus: Eine diskursanalytische Untersuchung salafistischer Konkurrenzstrategien zwischen Deutschland und Marokko“) beschäftigt sich mit dem Phänomen religiöser Überbietung am Beispiel des Salafismus in Deutschland und Marokko (1990–2024). Überbietung wird als ungeregelte Konkurrenzstrategie begriffen, die unter bestimmten Bedingungen eine enorme Konflikt- und Radikalisierungsdynamik auslösen kann. Um das Phänomen zu untersuchen, wurden feldtheoretische Modellierungen verwendet und sechs salafistische Debatten aus den beiden Ländern diskursanalytisch untersucht. Der Beitrag fasst die Ergebnisse der Analyse einer salafistischen Debatte in Deutschland zwischen 2013 und 2015 zusammen. Er zeigt exemplarisch, wie und unter welchen Bedingungen Überbietungsdiskurse entstehen und zeitlich persistieren, wie sie strukturiert sind und welche Deutungsmuster ihnen zugrunde liegen. Der Beitrag arbeitet zudem heraus, wie salafistische Überbietung den Einstieg in die Radikalisierung zugleich begünstigt und verschleiert: Begünstigt, weil sie salafistischen Diskursakteur:innen den Einsatz von Mitteln erlaubt, die jenseits geregelter und gepflegter Konkurrenzkommunikation liegen, und verschleiert, weil sie mit vielfältigen Strategien polemischer und aggressiver Gegenrede arbeitet, die erst in der Rekonstruktion als radikalisierte Diskurse identifiziert werden können. Daraus lassen sich forschungsprogrammatische und gesellschaftspolitische Empfehlungen ableiten, die sich auf vier Handlungsfelder beziehen: staatliche Religionspolitik, islamische Theologie an deutschen Universitäten, schulpolitische Maßnahmen und die weitere Erforschung des Phänomens.
  9. Räumliche Perspektiven auf die Anfälligkeit für Radikalisierung: Eine Vergleichsstudie

    Sebastian Kurtenbach, Armin Küchler, Linda Schumilas, Yann Rees, Gerrit Weitzel, Andreas Zick
    Zusammenfassung
    Das Projekt RadiRa („Radikalisierende Räume“) untersucht, ob und inwieweit der Raum eine Rolle bei der Erklärung von Radikalisierungsanfälligkeit spielt und wie er ggf. für die Präventionsarbeit genutzt werden kann. Dazu werden sowohl Umfragedaten aus Dortmund (n = 2075), Bonn (n = 2006) und Berlin (n = 2062), als auch jeweils 30 qualitative Interviews in diesen Städten sowie Erkenntnisse aus einer jeweils einjährigen ethnografischen Untersuchung ausgewertet. Insgesamt zeigt sich, dass der Raum für die Anfälligkeit für Radikalisierung bedeutsam ist. Menschen organisieren ihren Alltag in lokalen Alltagswelten, die sie beeinflussen. Dies kann benachteiligend sein, bietet aber auch Handlungsoptionen für präventives Handeln.
  10. Kränkungserfahrungen, Ressentiment und Radikalisierung in der muslimischen Bevölkerung

    Evelyn Bokler, Sarah Demmrich, Özkan Ezli, Mouhanad Khorchide, Olaf Müller, Detlef Pollack, Levent Tezcan
    Zusammenfassung
    Wenn die Wissenschaft ihren Blick auf Radikalismus/Extremismus richtet, bemüht sie vielfach den Begriff des Ressentiments, um entsprechende Prozesse zu erklären. Trotz der Bedeutung, die dem Phänomen beigemessen wird, mangelt es an einer umfassenden Auseinandersetzung mit ihm sowie seinem Stellenwert in Radikalisierungsprozessen. Das Projekt Ressentiment („Ressentiment als affektive Grundlage von Radikalisierung“) begegnet diesem Desiderat in mehreren qualitativen und quantitativen Studien. Um der Komplexität des Phänomens Rechnung zu tragen, beleuchten wir Ressentiment aus verschiedenen Blickwinkeln: Wir betrachten sowohl seine Erscheinungsformen als auch die sozialen und individuellen Bedingungen wie Kränkungserfahrungen, die seine Ausbildung begünstigen. Welche Rolle diese Affektlagen für einen Radikalisierungsprozess spielen können, steht ebenso im Fokus wie die Frage nach der Verbreitung eines Ressentiments unter Muslim:innen. Insgesamt zeigen sich bemerkenswerte Erkenntnisse: Wir finden durchweg eine Differenzierung zwischen sozialer Lage und Affektlage, zwischen konkreter Erfahrung und abstraktem Narrativ, zwischen individuellem Gefühl und „Wir“-Gefühl. Opferdiskurse spielen dabei eine zentrale Rolle, da sie individuelle Kränkungen mit gemeinschaftlichem Sinn aufladen und radikalisierende Narrative begünstigen können. Dennoch müssen Kränkungsgefühle nicht notwendig in eine verfestigte Affektlage des Ressentiments hineinführen; ebenso wenig muss Ressentiment in jedem Fall einen Nährboden für Radikalisierungen bedeuten. Das Projekt verdeutlicht jedoch, dass Ressentiment ein zentraler Risikofaktor für die Radikalisierung von Muslim:innen in Deutschland ist.
  11. „Deutscher Islam“ zwischen antimuslimischem Rassismus und „Islamismus“? Zur Co-Produktion eines kontroversen Konzepts

    Özgür Özvatan
    Zusammenfassung
    Das Projekt D:Islam („Deutscher Islam als Alternative zum Islamismus“) untersuchte, ob und wie sich ein „Deutscher Islam“ jenseits normativer Forderungen in Gemeinden, Verbänden und Lebenswelten von Muslim:innen in Deutschland entwickelt. Ziel war es, hybride, islamisch geprägte Gegenmodelle zu islamistischen und antipluralistischen Ansätzen zu identifizieren. Die Forschung gliederte sich in drei Schwerpunkte: (1) die Analyse islamistisch-extremistischer Phishing-Strategien, (2) die Untersuchung von Community Defense-Strategien insbesondere muslimischer Frauenorganisationen und (3) die theoretische Fundierung eines „Deutschen Islam“. In einem Mixed-Methods-Ansatz wurden Offline- und Online-Phänomene analysiert, darunter 3000 TikTok-Videos muslimischer Content Creator. Das Projekt zeigte, dass sich ein „Deutscher Islam“ als dynamisches Konzept zwischen den Polen antimuslimischer Rassismus und Islamismus herausbildet, das pluralistische und egalitäre Ansätze fördert. Die Forschungsergebnisse verdeutlichten, wie muslimische Akteur:innen innovative Ansätze für Integration und gesellschaftliche Kohäsion entwickelten, während sie zugleich revisionistische und extremistische Einflüsse abwehren.
  12. Krisenkommunikation muslimischer Verbände nach Anschlägen mit islamistischem Hintergrund

    Gerrit Hirschfeld, Sabrina Hegner
    Zusammenfassung
    Das vorliegende Forschungsvorhaben untersucht die Wirksamkeit verschiedener Krisenkommunikationsstrategien, wie sie in der Situational Crisis Communication Theory (SCCT) beschrieben werden. Das Projekt OKAI („Optimierte Krisenkommunikation nach Anschlägen mit Islamistischem Hintergrund“) nutzte Modelle und Methoden der Psychologie und Kommunikationsforschung, um Kommunikationsstrategien muslimischer Verbände nach Anschlägen mit islamistischem Hintergrund zu untersuchen. Dazu wurden mehrere empirische Studien sowie Workshops mit muslimischen Verbänden durchgeführt. Eine qualitative Studie rekonstruierte anhand von über 200 Statements und Pressemitteilungen die Kommunikationsstrategien der muslimischen Verbände nach terroristischen Anschlägen. Vier Online-Experimente mit fiktiven und tatsächlichen Szenarien und ein Eye-Tracking-Experiment mit insgesamt über 2000 Proband:innen haben zudem die Wirksamkeit von unterschiedlichen Krisenkommunikationsstrategien auf Einstellungen der deutschen Bevölkerung gegenüber dem muslimischen Verband, Muslim:innen im Allgemeinen und dem Islam untersucht. Über alle Untersuchungen hinweg lässt sich der Schluss ziehen, dass eine aktive Krisenkommunikation eine entscheidende Bedeutung für die Förderung positiver Einstellungen gegenüber muslimischen Organisationen hat. Die Ergebnisse der Studien zeigen, dass allein die Abgabe einer Stellungnahme einen größeren Einfluss hat als die spezifisch eingesetzte Krisenkommunikationsstrategie. Zwar kann keine Kommunikationsstrategie die negativen Nebeneffekte eines islamistischen Anschlags auf die Reputation von Muslim:innen vollständig beseitigen, jedoch führt jede der getesteten Stellungnahmen von muslimischen Verbänden eindeutig zu positiveren Einstellungen als keine Stellungnahme.
  13. Der islamische Religionsunterricht im Spannungsfeld von Erwartungen und Wirklichkeit: Potenziale und Grenzen der Präventionsarbeit gegen islamistische Radikalisierung

    Margit Stein, Alexandra Schramm, Veronika Zimmer
    Zusammenfassung
    Das Projekt UWIT („Ursachen und Wirkungen des radikalen Islam aus der Perspektive (angehender) Theolog:innen“) befasst sich mit den Möglichkeiten und Grenzen des islamischen Religionsunterrichts (IRU) als Mittel der Radikalisierungsprävention. In den IRU werden vielfältige Erwartungen gesetzt, insbesondere präventiv gegen Radikalisierung zu wirken. Wir untersuchten, inwiefern diese erfüllbar und welche Möglichkeiten und Grenzen gesetzt sind. Hierzu wurden Dozierende (n = 26) und Studierende (n = 19) an den Zentren und Instituten für Islamische Theologie in Deutschland zu ihren Erklärungsansätzen für islamistische Radikalisierung und zu möglichen positiven Impulsen des IRU interviewt. In einer Dokumentenanalyse wurde die Thematisierung von Radikalisierung in Studiengängen Islamischer Theologie analysiert und Studierende des Lehramts und sozialwissenschaftlicher Studiengänge wurden (n = 864) quantitativ zu Demokratiepädagogik und Radikalisierungsprävention als Teil ihres Studiums befragt. Eine Hauptaufgabe des IRU bestehe darin, fundiertes, reflektiertes Wissen über den Islam zu vermitteln und Bewertungs-, Urteils- und Gestaltungskompetenzen aufzubauen. Dies würde islamistischen Radikalisierungen sowie Engführungen des Religionsverständnisses vorbeugen. Das Themenfeld Radikalisierung(sprävention) werde jedoch im Studium bisher weniger explizit adressiert als implizit mitbedacht, indem ein aufgeklärtes, vielfältiges Islamverständnis vermittelt wird. Zudem sollten Schule sowie außerschulische Jugendeinrichtungen in der Radikalisierungsprävention durch die Vermittlung von Demokratiekompetenzen und Diversitätsakzeptanz eine holistisch(er)e Rolle spielen. Beide Bildungsbereiche müssten angesichts einer zunehmend pluralen Welt in dieser Hinsicht ausgebaut werden.
  14. Herausforderungen und Gelingensbedingungen der Prävention und Abwendung junger Menschen von islamistischer Radikalisierung

    Eike Bösing, Yannick von Lautz, Mehmet Kart, Margit Stein
    Zusammenfassung
    Das Projekt Distanz („Strukturelle Ursachen der Annäherung an und Distanzierung von islamistischer Radikalisierung“) befasste sich mit den Gelingensbedingungen erfolgreicher Prävention bzw. Deradikalisierung und Abwendung primärer, sekundärer und tertiärer Präventions- und Beratungsangebote im Kontext islamistischer Radikalisierung. Auch wurden Herausforderungen und Bedarfe in Bezug auf (vermeintliche) Radikalisierungstendenzen in pädagogischen Regelsystemen erfasst. Ein Fokus lag auf Schulen als Brennglas gesellschaftlicher Entwicklungen. Zur Erhebung von wahrgenommenen religiös begründeten Herausforderungen wurde deutschlandweit eine quantitative (n = 694) und qualitative Befragung (n = 70) mit pädagogischem Personal in pädagogischen Regelstrukturen durchgeführt. Die Studien zeichnen ein Bild von vielfältigen Konfliktfeldern und Herausforderungen, die als religiös konnotiert wie auch anteilig als islamistisch bedingt wahrgenommen werden. Um Erkenntnisse für die Praxis zu generieren, wurden Berater:innen in der sekundären und tertiären Prävention/Ausstiegsarbeit zu ihren Erfahrungen mit Abwendungsprozessen und ihren Arbeitsweisen (n = 25) sowie einzelfallbezogen (n = 9) befragt. Darüber hinaus wurden phänomenübergreifend Interviews mit Personen geführt (n = 5), die sich von extremistischen Einstellungen und Gruppen distanziert haben. Die Ergebnisse zeigen gesellschaftliche Spannungsfelder im Umgang mit islamistischer Radikalisierung auf – etwa im Handlungsfeld der (außer-)schulischen Jugendbildung – und bieten Anknüpfungspunkte für die Weiterentwicklung präventiver Maßnahmen. Sie betonen die zentrale Rolle von Schulen in der Radikalisierungsprävention. Ergänzend wurde das Projekt CHAMPS wissenschaftlich begleitet, das Demokratiebildung, Wertevermittlung und Extremismusprävention in der Multiplikator:innen-Ausbildung verbindet.
Title
Islamismus als gesellschaftliche Herausforderung
Editors
Shaimaa Abdellah
Sina Tultschinetski
Julian Junk
Manuela Freiheit
Copyright Year
2025
Electronic ISBN
978-3-658-48202-2
Print ISBN
978-3-658-48201-5
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-48202-2

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