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29-12-2014 | IT-Sicherheit | Im Fokus | Article

Die Freiheit des Internets ist auch 2015 eine Illusion

Die ruhige Zeit zwischen den Jahren nutzen die Menschen traditionell für einen Rückblick auf das abgelaufene Jahr. Was ist geschehen, wie kam es dazu und was kann man daraus lernen? Hier soll es umgekehrt sein: nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft steht im Blickpunkt des Artikels von Thomas Grüter, Arzt, Kognitionswissenschaftler und Wissenschaftsautor.

In der Computertechnik ist man gewohnt, dass alles schneller, besser und billiger wird. Das wird sich auch im nächsten Jahr fortsetzen. Ein Beispiel: Die Fernseher mit 4k-Bildschirm (Ultra High Definition – UHD) sind erst im letzten Jahr auf den Markt gekommen, eine internationale Norm für UHD-Sendeformate wurde sogar erst Juli 2014 verabschiedet. Die ersten Geräte kosteten noch über 2000 Euro, jetzt findet man sie schon für unter 500 Euro. Auch wenn es kaum Sendungen im UHD-Format gibt, werden die 4k-Fernseher bis Ende des Jahres wohl den Markt dominieren.

Wer braucht solche Verbesserungen? Vermutlich niemand, aber sie sehen einfach gut aus. Nicht die technische Brillanz entscheidet über den Erfolg einer Innovation, sondern der Wow-Effekt. Zieht es bewundernde, oder besser noch, neidische Blicke auf sich? Kann man seine Freunde beeindrucken? Hat es Funktionen, die das Leben leichter machen? Die Datenbrille Google Glass könnte das alles, aber sie bringt dem Träger eher das Misstrauen als die Bewunderung seiner Umgebung ein. Die Menschen fühlen sich eventuell ausgespäht. Man möchte die High-Tech-Sehhilfe deshalb nicht unbedingt aufsetzen, wenn man auf eine Party geht. Trotz ausgefeilter Technik wurde sie bisher kein Trendsetter.

Wird die neu angekündigte Apple Watch dieses Kunststück fertigbringen? Ich weiß nicht recht, sie sieht nicht besonders eindrucksvoll aus, und ich möchte auch nicht ständig meinen Herzschlag gemessen und archiviert haben. Warten wir es also ab. Solche Entwicklungen sind schwer vorhersehbar. Vor zehn Jahren wussten wir nicht, was wir mit einem Smartphone anfangen sollten, heute wissen wir nicht, was wir ohne Smartphone anfangen sollen.

Industrie 4.0 kann auch eine Gefahr darstellen

2014 war kein gutes Jahr für das Internet. Dank Edward Snowdon wissen wir, dass die Freiheit des Internet von Anfang an eine Illusion war, der wir uns nur zu gerne hingegeben haben. Der Angriff auf Sony Entertainment und die fatale Störung einer Hochofensteuerung haben gezeigt, dass auch die Sabotage über das Internet immer neue Größenordnungen erreicht. Je mehr Anlagen oder Dienste vom Internet abhängen (Industrie 4.0), desto verletzlicher werden sie. Auch 2015 werden wir wieder ein Wettrüsten zwischen den Angriffs- und Verteidigungsprogrammen sehen. Diebstähle von Millionen Datensätzen, Erpressung und Sabotage im Bereich von Milliarden Euro werden uns wohl nicht erspart bleiben. Machen wir uns nichts vor: Das Internet ist zu einer feindseligen Umgebung geworden, und wir alle müssen uns darauf einstellen.

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Trotzdem wird sich das weltweite Netz immer weiter in unseren Alltag einschleichen. Das Bezahlen von Fahrkarten oder Einkäufen über das Internet ist erst der Anfang. Unter dem Stichwort Industrie 4.0 fördert die Bundesregierung die Umstellung auf informationsgestützte, selbstoptimierende Entwicklungs- und Fertigungsmethoden (smart factory), damit Deutschland nicht den Anschluss verliert.

Die vernetzte Welt verschlingt Terawattstunden

Auch das Internet der Dinge, lange als nächster großer Trend angesehen, ist unbemerkt bereits im Alltag angekommen. Im Sommer 2014 waren nach einer Studie der internationalen Energieagentur (IEA) bereits 14 Milliarden Geräte online. Sie verbrauchten im Jahr 2013 etwa 616 Terawattstunden, etwa so viel, wie Deutschland in diesem Zeitraum insgesamt verbraucht hat. Das intelligente Haus (smart house), das intelligente Stromnetz (smart grid) und das intelligente Auto (smart car) sollen eigentlich Energie sparen, aber in Wahrheit fressen die vielen Smarties erst einmal Strom. Zwei Drittel davon, so konstatiert die IEA, sind nicht unbedingt notwendig, also verschwendet. Bis 2020 soll diese Menge noch deutlich zunehmen. Unsere Kohlekraftwerke müssen wohl noch etwas länger am Netz bleiben.

Glaubt wirklich jemand, wir könnten Energie sparen, indem wir alles vernetzen? Wir brauchen Messwertaufnehmer (Sensoren), Kommunikations- und Netzwerktechnik, Verarbeitungssysteme, und Aktoren (Stellglieder, Effektoren). Sie alle verbrauchen Energie. Und natürlich knabbert jede Internetverbindung ein weiteres Stück unserer ohnehin bereits stark angefressenen Privatsphäre ab.

Insgesamt entwickelt sich das Internet immer mehr zum Rückgrat der modernen technischen Zivilisation. Die Entwicklung ist unumkehrbar, obwohl daraus zugleich ganz neue Methoden der Überwachung, der Kriminalität und der Kriegführung erwachsen. Das werden wir im nächsten Jahr immer mehr zu spüren bekommen. Wir sollten anfangen, den wichtigsten Stützpfeiler unserer Lebensweise besser abzusichern, sonst geht unsere Kultur noch in diesem Jahrhundert den Weg der römischen Kultur am Ende der Spätantike. Und das wäre doch schade.

Zum Autor

Thomas Grüter ist Arzt, Kognitionswissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er war viele Jahre Geschäftsführer eines Softwareunternehmens. In den letzten Jahren hat mehrere Sachbücher geschrieben. Bei Springer sind erschienen: Offline – das unvermeidliche Ende des Internets und der Untergang der Informationsgesellschaft und Klüger als wir – Auf dem Weg zur Hyperintelligenz.

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Background information for this content

2013 | OriginalPaper | Chapter

Internet und Alltag

Source:
Offline!

2013 | Book

Offline!

Das unvermeidliche Ende des Internets und der Untergang der Informationsgesellschaft