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02-09-2020 | Kapitalmarkt | Kommentar | Article

Viele positive Marktentwicklungen bereits eingepreist

Author:
Beat Thoma
3:30 min reading time

Während die lockere Geldpolitik der Zentralbanken die Finanzmärkte stimuliert, erholt sich die Konjunktur verhältnismäßig langsam. Beat Thoma kommentiert die aktuelle Diskrepanz zwischen der fundamentalen Entwicklung und der Bewertung der Märkte.

Die globalen Aktien- und Kreditmärkte bleiben weiterhin stark von der lockeren Geldpolitik der Zentralbanken positiv beeinflusst. Da sich die Konjunktur gleichzeitig verhältnismäßig langsam erholt, vergrößert sich aber die Diskrepanz zwischen der fundamentalen Entwicklung und der Bewertung der Märkte. Viele positive Entwicklungen und Erwartungen sind derzeit bereits in den Kursen eingepreist. Allerdings befinden sich die Finanzmärkte nicht in einer eigentlichen Blase. Gewisse Sektoren (IT, Software) sind jedoch mittlerweile sehr teuer bewertet. Der Gesamtmarkt wird aber weiterhin gestützt von einer Kombination aus lockerer Geldpolitik und intakter wirtschaftlicher Erholung. Der fiskalpolitische Stimulus bleibt weltweit wichtig und dürfte auch in den USA weiterhin gewährleistet sein.

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Schwacher Dollar birgt negative Begleiterscheinungen

Es zeichnet sich allerdings seit kurzem eine potenzielle Veränderung der aktuell günstigen Konstellation ab. Der zunehmend schwache US-Dollar ist ein erstes Warnsignal, dass die extrem expansive Geldpolitik der US-Notenbank neben einer Stabilisierung der Konjunktur und steigenden Assetpreisen mittelfristig auch negative Begleiterscheinungen haben könnte. Historisch war ein schwacher Dollar sehr häufig mit steigenden Rohstoffpreisen, erhöhter Inflation und steigenden Zinsen korreliert. Dadurch würde auch der Handlungsspielraum der Notenbanken eingeschränkt.

Eine sofortige negative Reaktion der Finanzmärkte ist derzeit aber eher unwahrscheinlich. Die Notenbanken wollen weltweit einen Anstieg der Inflation auf rund zwei Prozent erreichen. Doch selbst bei Erreichung des Zielwerts dürfte insbesondere die US-Notenbank keine sofortigen Gegenmaßnahmen einleiten. Gemäß jüngsten Aussagen wäre sie bereit, eine höhere Inflation zunächst zu tolerieren. Ein Anstieg des Zinsniveaus wegen zunehmender Staatsverschuldung und höheren Inflationserwartungen kann außerdem durch Aufkäufe von Staatsanleihen vorerst noch kontrolliert werden.

Metalle und Kreditmärkte im Hoch

Doch es ist weiterhin eine Abnahme der monetären Dynamik zu beobachten. Die Geldmengen M1 und M2 stagnieren auf hohem Niveau und die Bilanzen der Fed und auch der EZB wachsen nicht mehr weiter. Zudem haben kleinere und mittlere Unternehmen in den USA zunehmende Refinanzierungsschwierigkeiten, da die Banken bei der Kreditvergabe zurückhaltend sind. Probleme für die Finanzmärkte sind aber erst bei einer Reduktion der Bilanzen oder fallenden Geldmengen zu erwarten oder wenn die Zahlungsausfälle von Unternehmen sehr stark ansteigen. Dies ist im Augenblick noch nicht der Fall. Zudem wäre bei Marktunruhen oder einer schwächeren Konjunktur sofort wieder mit neuen Liquiditätsspritzen zu rechnen. Die abnehmende Geldmengendynamik könnte zudem mittelfristig den US-Dollar wieder stabilisieren und damit auch allfällige Inflationsgefahren dämpfen.

Die Trendstärke an den Aktienmärkten ist derzeit abgeschwächt, bei den Metallen (Edel- und Industriemetalle) dagegen immens. Hier scheint der Markt den schwächeren Dollar und steigende Inflationsraten einzupreisen. Insgesamt bleibt die Markttechnik am Aktienmarkt positiv. Die Marktbreite ist hoch und es fehlt an Investmentalternativen. An den Kreditmärkten sind die Bewertungen ebenfalls teilweise sehr hoch, insbesondere im US High Yield-Segment. Viele Unternehmen kämpfen mit dem aktuellen Umfeld und es könnte im vierten Quartal zu einer Zunahme von Insolvenzen und negativen Gewinnmeldungen kommen. Die europäischen Märkte sind dagegen aufgrund einer unterschiedlichen Investorenbasis etwas günstiger und innerhalb einer fairen Bandbreite bewertet.

Corona-Impfstoffe nähren Hoffnung 

Potenziell wirksame Covid-19 Impfstoffe, die im vierten Quartal des Jahres weltweit erwartet werden, sorgen für zusätzliche Unterstützung an den Finanzmärkten. Verschiedene Impfstoffprojekte kommen derzeit in die Testphase III und sind vielversprechend bezüglich der erwarteten Antikörperbildung. Indien beginnt bereits jetzt mit größeren Impfkampagnen und produziert monatlich 50 Millionen Dosen des von Oxford University und AstraZeneca entwickelten Impfstoffs. Russland und China melden ebenfalls den baldigen Impfstart. Wirksame Impfstoffe könnten sehr positive Auswirkungen auf einzelne von Covid-19 stark betroffenen Sektoren (Reiseindustrie, Luftfahrt, Freizeit) haben. Der Gesamtmarkt dürfte dagegen etwas weniger stark profitieren, da die gesamtwirtschaftliche Erholung auch ohne Impfstoffe weitergehen dürfte.

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