Klimapolitik und Wirtschaftswachstum
Analyse eines wechselseitigen Spannungsverhältnisses
- 2025
- Book
- Editors
- Guido Pöllmann
- Harald Bergbauer
- Gerald Mann
- Book Series
- FOM-Edition
- Publisher
- Springer Fachmedien Wiesbaden
About this book
Dieser Sammelband greift aktuelle Fragestellungen zum Spannungsverhältnis zwischen der Klimapolitik und der Generierung von Wirtschaftswachstum auf. Spätestens mit der Institutionalisierung des Klimaschutzes im nationalen wie im europäischen Rahmen wurde das Spannungsfeld zwischen Klimapolitik und Wirtschaftswachstum in aller Schärfe deutlich. Wissenschaft und Politik stellten die grundsätzliche Frage, wie unter den institutionalisierten Bedingungen des Klimaschutzes marktwirtschaftlich konform Wirtschaftswachstum generiert werden kann. Kann von staatlicher Klimapolitik eine ökonomische Anreizwirkung ausgehen, oder stellt sie vornehmlich ein volkswirtschaftliches Hindernis dar? Welche Einnahmen und welche Ausgaben sind mit staatlicher Klimapolitik verbunden? Wie hoch sind die Kosten, wie hoch ist der Ertrag? Diesem Spannungsfeld möchte sich der vorliegende Sammelband stellen.
Table of Contents
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Philosophisch-psychologische und naturwissenschaftliche Grundlagen
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Kapitel 1. Grundzüge einer aktuellen Umwelt- und Klimaethik
Harald BergbauerZusammenfassungDie vorliegende Abhandlung gibt einen Überblick über aktuelle Fragestellungen der Umwelt- und Klimapolitik und stellt zentrale Themen kurz dar. Sie nimmt ihren Ausgang bei dem Werk von Hans Jonas über Das Prinzip Verantwortung, das vor dem Hintergrund des erwachenden Umweltbewusstseins in den 1970er-Jahren die außermenschliche Natur erstmals zu einem zentralen Gegenstand der Ethik gemacht hat. Nach einer Skizze des Stellenwerts der Umweltethik im Kontext der beiden Theorien des Anthropozentrismus und des Physiozentrismus werden zuerst die Hauptmerkmale der Umwelt- und Klimaethik geschildert. Vor dem Hintergrund der aktuellen Herausforderungen wird eine ethische Pflicht zum Einsatz für Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen entwickelt und die in der öffentlichen Diskussion zuweilen diskutierten Einwände gegen diese Pflicht dargestellt (und entkräftet). Wenn von einer ethischen Pflicht zum Umwelt- und Klimaschutz die Rede ist, stellt sich unweigerlich zuerst die Frage nach dem Ausmaß dieser Pflicht: Zu wie viel sind wir verpflichtet? Daraufhin folgt die Frage nach der Verteilung dieser Pflichten: Wie sind diese Pflichten zu verteilen? Wer steht mehr, wer weniger in der Pflicht – oder sind wir alle gleichermaßen und gleichmäßig verpflichtet? Ein Blick auf die Disziplin der (Umwelt-)Ethik und ihr Verhältnis zur Politik schließt die Ausführungen ab. -
Kapitel 2. Wechselwirkungen von Mensch und Umwelt
Das Zusammenspiel von Klimawandel und Menschen aus psychologischer Sicht Anna ReichherzerZusammenfassungDa sowohl die Bedrohungen des Klimawandels als auch Klimaaktivismus zunehmen, stellt sich unter anderem die Frage, welche Rahmenbedingungen nötig sind, damit Menschen sich umweltbewusst verhalten. Neben der Befriedigung von Bedürfnissen ist die umweltbewusste Einstellung und Verhaltensintention, die von situationalen und psychologischen Faktoren beeinflusst wird, relevant. Anschließend wird anhand der Soziodemografie und Persönlichkeit – am Beispiel der Big Five – erläutert, welche Personen sich umweltbewusst verhalten und somit einen positiven Einfluss auf den Klimawandel erreichen können. Im Gegensatz dazu werden auch die physischen und psychischen Folgen des Klimawandels für den Menschen untersucht. Besondere Beachtung wird dabei den indirekten Folgen gegeben, die erst im Laufe der letzten Jahre einen Namen und Bedeutung gewannen wie beispielsweise die Klimawandelangst. -
Kapitel 3. Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels
Barbara Früh, Nora Leps, Florian Imbery, Karsten FriedrichZusammenfassungBeobachtungsdaten zeigen uns eine fortschreitende Erwärmung der Erde, die durch natürliche Ursachen nicht erklärbar ist. Gemittelt über das Gebiet von Deutschland ist die Lufttemperatur im Zeitraum von 1881 bis 2022 um 1,7 °C angestiegen. Das Tempo des Temperaturanstiegs hat in den vergangenen 50 Jahren jedoch deutlich zugenommen. Mit globalen Klimamodellen lassen sich mögliche weitere Änderungen des Klimasystems bis Ende des 21. Jahrhunderts projizieren. Den Modellsimulationen folgend wird in Deutschland im Vergleich zum frühindustriellen Zeitraum ein Anstieg von etwa 1,6 bis 2,4 °C bei konsequenter Umsetzung der Klimaschutzmaßnahmen, ansonsten 3,8 bis 5,5 °C erwartet.
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Wachstum und Wachstumskritik
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Kapitel 4. Wachstumstheorien und Wachstumskritik
Technischer Fortschritt als Grundlage von Wachstum und Dekarbonisierung Peter Alfons SchmidZusammenfassungDa seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Treibhausgasemissionen und das Wirtschaftswachstum Hand in Hand gehen, plädiert die Postwachstumsökonomie dafür, Wachstum als Grundlage des Wirtschaftssystems zu überwinden. Dies ist allerdings angesichts des Wunsches der Weltbevölkerung nach Wirtschaftswachstum nicht realistisch. Die lebenden Generationen sind herausgefordert, wieder mehr technologischen Fortschritt hervorzubringen, sodass Wohlstand ressourcenschonender entstehen und auf dieser Basis die globale negative Externalität der Treibhausgasemissionen gelöst werden kann. In diesem Kapitel werden eingangs stilisierte Fakten zum Wirtschafts wachstum und CO2-Emissionen präsentiert. Ausgehend von der Kaya-Identität werden die Thesen der Wachstumskritik vorgestellt, deren Forderungen im Widerspruch zum politischen Ziel Wirtschaftswachstum stehen. Das Solow-Modell legt die Grundlage für die folgende ökonomische Analyse. Demnach kann allein technologischer Fortschritt zu langfristigem Wachstum führen. Verschiedene endogene Wachstumsmodelle zeigen die Bedeutung von Humankapital bzw. der Produktion technologischen Wissens für Produktivitätsfortschritte auf. Diesen Modellen mangelt es allerdings an einer Berücksichtigung ökologischer Schäden durch Wachstum. Diese Lücke wird durch das grüne Solow-Modell (Brock und Taylor im Journal of Economic Growth 15:127–153, 2010) geschlossen, aus dem sich auch die ökologische Kuznets-Kurve ableiten lässt. Den Abschluss bildet das Wachstumsmodell von Keen et al. (2019) (Keen et al. im Ecological Economics 157:40–46, 2019), welches die Rolle von Energieverfügbarkeit und Energieeffizienz für die totale Faktorproduktivität hinreichend würdigt. Damit ist ein theoretischer Unterbau der Kaya-Identität gegeben und die Voraussetzungen für eine Reduktion der Treibhausgasemissionen werden klar. -
Kapitel 5. Das Konzept der sozialökologischen Marktwirtschaft
Guido PöllmannZusammenfassungDas Wirtschaftssystem der Bundesrepublik wird als „Soziale Marktwirtschaft“ bezeichnet. Die Bezeichnung selbst wurde von Alfred Müller-Armack als sinngebender Begriff 1947 für ein Wirtschaftssystem geprägt, welches Marktfreiheit und sozialen Ausgleich als grundlegende Voraussetzungen für wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand miteinander kombiniert. Was in seiner Programmschrift „Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft“ als Basis eines Wirtschaftssystems für den wirtschaftlichen wie auch für den gesellschaftlichen Wiederaufbau in der Phase nach dem Zweiten Weltkrieg gedacht war, hat sich als ein Konzept erwiesen, das Raum lässt für Anpassungen an die Notwendigkeiten der jeweiligen Zeitumstände. So erfährt es in der Gegenwart unter dem Einfluss der Klimadebatte seine Erweiterung hin zum Verständnis einer sozialökologischen Marktwirtschaft. -
Kapitel 6. Klimapolitik – Europas Wachstumsmotor für die 2020er-Jahre?
Michael ClaussZusammenfassungBereits Anfang der 1970er-Jahre hat die Debatte über die Auswirkungen wirtschaftlicher Aktivitäten auf die Umwelt und das globale Klima in zunehmendem Maße Einfluss auf die Politik gewonnen. Ausgangspunkt ist die Frage, ob der ökonomische Erfolg, z. B. in Form von Wohlstandsmehrung, grundsätzlich auf Kosten der Umwelt und des Klimas geht oder ob die Beziehung zwischen Ökonomie und Ökologie letztlich von der Wahl der politischen Instrumente abhängt. Dazu ist das politische Umfeld der europäischen Klimapolitik zu betrachten. Hier ist zunächst festzustellen, dass die grundsätzliche Zuweisung der Klimakompetenz an die EU angemessen ist, ebenso wie das Ziel, die Erderwärmung zu begrenzen. Jedoch sind die Unterziele CO2-Reduktion und Verbreitung erneuerbarer Energien nur teilweise kompatibel. Dies schlägt auf die gewählten Instrumente durch, wie beispielsweise die Subventionierung erneuerbarer Energien auf nationaler Ebene, da diese die Effizienz des EU-weiten Emissionshandels teilweise unterläuft. Insofern sind in der Klimapolitik bereits Ineffizienzen konzeptionell angelegt. Die Ineffizienzen zeigen sich in den Wachstumswirkungen der Klimapolitik, die sich auf zwei Stränge beziehen lassen: Zum einen sind die Ausgaben zur Erreichung der Klimaneutralität als Investition in einen klimaneutralen Kapitalstock zu verstehen, was sich nach VGR verwendungsseitig nicht nur als Investition zeigt, sondern sämtliche Verwendungsaggregate betrifft. Zum anderen lassen sich die Wachstumswirkungen auch als Schonung der vorhandenen natürlichen Umwelt verstehen. Somit kann die Vermeidung von Umweltschäden als „Output“ der Klimapolitik verstanden werden, denen die Ausgaben für Klimapolitik als Input gegenüberstehen. Als Fazit zeigt sich, dass die Ausgaben sich auf ein Mehrfaches der tatsächlich erzielten Wirkungen belaufen, mithin die aktuelle Klimapolitik als sehr wenig effizient anzusehen ist. -
Kapitel 7. Ökonomische Risiken des CO2-Emissionshandels
Stefanie von JanZusammenfassungDieser Beitrag veranschaulicht mögliche Auswirkungen des CO2-Emissionshandels auf die Wirtschaft und zeigt Risiken einer Deindustrialisierung durch erhöhten Kostendruck auf. Unter Anbetracht dieser ökonomischen Konsequenzen wird das Coase-Theorem angewandt. Schließlich werden spieltheoretische Überlegungen hinsichtlich der praktischen Umsetzbarkeit einer globalen Koordination zur CO2-Begrenzung auf zwischenstaatlicher Ebene angestellt.
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Aktuelle Herausforderungen im Bereich der Klima- und Energiepolitik
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Kapitel 8. Einsatz regenerativer Energiesysteme in Deutschland
Sachstand und Herausforderungen Josef MendlerZusammenfassungDer vorliegende Beitrag liefert einen Überblick zum aktuellen Einsatz regenerativer Energien in Deutschland. Im Fokus stehen dabei regenerative Energiewandlungssysteme wie Photovoltaikanlagen, solarthermische Anlagen, Windkraftanlagen, geothermische Anlagen, Wasserkraftwerke und Biomasseanlagen. Deren Rolle im Rahmen der zukünftigen Energieversorgung unter Berücksichtigung von klimaverändernden Treibhausgasemissionen wird basierend auf aktuellen Fakten dargestellt. Herausforderungen, wie die schwankende Energieerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen aufgrund von Wetterbedingungen, die Standortabhängigkeit, Kosten, die Netzinfrastruktur und die Akzeptanz in der Gesellschaft werden diskutiert. Der Beitrag hebt die besondere Bedeutung von Speichertechnologien und die verbrauchernahe Energiebereitstellung von regenerativen Energiewandlungssystemen in diesem Kontext hervor. In Ergänzung dazu werden alternative Ansätze aus „Energy Harvesting“ angesprochen. -
Kapitel 9. Natürliche Energieressourcen und ihre Nutzung für klimapolitische Ziele aus energiegeografischer Sicht
Franz BenkerZusammenfassungBei Entwicklung nachhaltiger Energiesysteme versucht man, „unmittelbare Energie“ zu nutzen. Diese entstammt ihren vier Haupterscheinungsformen Sonnenenergie, Geothermie, Mondgravitation (Gezeiten) und Erdrotation. Energiegeografisch betrachtet sind Energieprojekte, die diese Energieformen nutzen, global recht ungleichmäßig verteilt. Denn die Standorte dieser Energieinfrastrukturen befinden sich in für das Auftreten dieser Energieformen notwendigen Gunsträumen. Dort haben sich aber in den letzten Dekaden bereits sehr große und leistungsstarke Energieinfrastrukturen herausgebildet, welche weltweit eine Vorreiterrolle und eine Vorbildfunktion übernehmen. Ein vorrangiger klimapolitischer Ansatz ist es, die „neuen“ großen Energieinfrastrukturen stärker im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern, damit sich die soziotechnische Transition im Sinne eines klimapolitischen Nutzens beschleunigt. -
Kapitel 10. Demografischer Wandel, privater Konsum und Ressourcenverbrauch
Hannes Mangelsdorf, Luca Rebeggiani, Jana Stöver, Christina Benita WilkeZusammenfassungDer vorliegende Beitrag untersucht mögliche Auswirkungen der künftigen Bevölkerungsalterung in Deutschland auf die Umwelt. Individuelle Konsumentscheidungen und Ressourcenverbrauch ändern sich typischerweise mit dem Alter. Wir untersuchen diesen Alterseffekt im Hinblick auf den zukünftigen Ressourcenverbrauch der Haushalte in Deutschland, eines der am schnellsten alternden Länder weltweit. Wir tun dies durch die Kombination von Daten aus drei verschiedenen Quellen: der amtlichen Bevölkerungsvorausberechnung, altersspezifischen Verbrauchsprofilen aus der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) sowie Fußabdruckdaten, die es uns ermöglichen, den materiellen Fußabdruck nach Altersgruppen und Verbrauchskategorien abzuleiten. Unsere Ergebnisse zeigen, dass der private Konsum und in der Folge der materielle Fußabdruck von der sich verändernden Altersstruktur beeinflusst werden. Die Analyse legt nahe, dass der Ressourcenverbrauch bei gleichen Rahmenbedingungen abnehmen wird, wobei die alterungsbedingte Zunahme von Ein- und Zweipersonenhaushalten entgegengesetzt wirkt, da Personen in kleineren Haushalten typischerweise höhere Pro-Kopf-Verbräuche aufweisen. -
Kapitel 11. Staatliche Vorgaben für nachhaltige und klimaschonende Finanzanlagen
Der EU Green Deal und die geforderte Mithilfe institutioneller Investoren Karen WendtZusammenfassungDie EU strebt eine Kapitalumlenkung in Richtung nachhaltige Anlagen an. Dabei geht es sowohl in ihrem EU-Aktionsplan als auch in ihrem Green Deal sowie dem Green Industrial Plan darum, die Billionen der institutionellen Anleger, hier insbesondere der Pensionsfonds, in Richtung grüne Anlagen umzusteuern. Dazu hat die EU verschiedene Regulierungen sowie eine EU-Taxonomie geschaffen. Dieser Beitrag stellt die Gesetzeslage dar, diskutiert Themen wie Greenwashing, das von der EU ins Visier genommen wird, sowie Anwendungsbereich und Produktgestaltungsmöglichkeiten im Einklang mit der neuen Gesetzeslage. -
Kapitel 12. Die Klimaziele der EZB und ihre geldpolitischen Maßnahmen
Oliver HülsewigZusammenfassungDie Europäische Zentralbank ist bestrebt, Aspekte des Klimaschutzes in ihre geldpolitischen Geschäfte zu integrieren, um den Risiken des Klimawandels angemessen zu begegnen. Die Gestaltung der anvisierten Maßnahmen zielt darauf ab, die Resilienz des Finanzsektors im Hinblick auf klimabedingte Finanzrisiken zu stärken. Die Maßnahmen sollen somit dazu beitragen, den grünen Wandel entsprechend den Zielen der Europäischen Union zur Klimaneutralität zu unterstützen. Ebenso ist es vorgesehen, Anreize für Unternehmen zu schaffen, ihre CO2-Emissionen zu reduzieren. In dem Beitrag werden die Maßnahmen der Zentralbank zur Integration von Klimaaspekten in den geldpolitischen Handlungsrahmen vorgestellt und kritisch diskutiert. -
Kapitel 13. Die klimapolitischen Förderprogramme von Bund und Ländern
Peter Thilo HaslerZusammenfassungDas gegenwärtige Fördersystem von Bund und Ländern muss hinterfragt werden, ob es geeignet ist, die gesteckten klimapolitischen Ziele zu erreichen. Nicht nur die Vielfalt und Intransparenz der Programme, auch widersprüchliche Anreize behindern eine kohärente Klimapolitik. Eine Reduzierung der Förderrichtlinien wäre ein erster Schritt, ein zweiter wäre eine Zentralisierung der Förderprogramme auf Bundesebene, zumal Klimapolitik ohnehin ein bundesweites Thema ist und eine zentrale Anlaufstelle Bürokratie abbauen und Transparenz erhöhen könnte. Durch eine Standardisierung der Berichte über die Nutzung der Fördermittel könnte überdies die Akzeptanz und Legitimation der Behörden verbessert werden.
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Nationale und internationale Maßnahmen zur Förderung des Klimaschutzes
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Kapitel 14. Klimaschutz und Grundrechte
Franz-Alois FischerZusammenfassungGibt es in Deutschland ein Grundrecht auf Umwelt- oder Klimaschutz? Um dieser Frage nachzugehen, wird zunächst aufgezeigt, dass die aus heutiger Perspektive als Selbstverständlichkeit erscheinende Prämisse, dass der deutsche Staat sich den Umweltschutz zum Ziel setzt, eine (verfassungs-)historisch gesehen eher junge Entwicklung ist. In verfassungshistorischer Perspektive wird dargestellt, dass sich der verfassungsändernde Gesetzgeber im Jahr 1994 mit der Einführung des Art. 20a GG ausdrücklich und bewusst für eine Staatszielbestimmung und gegen ein Grundrecht auf Umweltschutz entschieden hat. Sodann wird darauf eingegangen, was diese Einordnung als Staatszielbestimmung genau bedeutet. Sie bedeutet mehr als bloße Programmatik, vermittelt aber keinen – einem Grundrecht vergleichbaren – subjektiv-rechtlichen Anspruch. Dennoch erkennt das Bundesverfassungsgericht mittlerweile auch subjektiv-rechtliche Ansprüche auf Klimaschutzmaßnahmen an, die aber nicht aus Art. 20a GG, sondern aus den Grundrechten, insbesondere aus Art. 2 Abs. 2 S. 1 GG, abgeleitet werden. Diese leiten sich von einem intertemporalen Freiheitsbegriff ab, der zur Folge hat, dass diese Ansprüche bereits jetzt wirksam geltend gemacht werden können. Sie richten sich allerdings nicht auf ganz konkrete Klimaschutzmaßnahmen, sondern lediglich darauf, dass der Staat Klimaschutzmaßnahmen angemessen über die Zeit verteilt. -
Kapitel 15. Deutschlands Position im globalen Markt für Umwelttechnologie
Ulf PillkahnZusammenfassungDeutschland sieht sich generell gern als Musterschüler, um bei Fragen zum Umweltschutz geradezu zur Höchstform aufzulaufen. Dem selbstbewussten Auftreten in der Welt steht eine ernüchternde Bilanz in Deutschland gegenüber. Das Potenzial ist da, die Ergebnisse sind überschaubar. Woran liegt das? Das Dilemma lässt sich am Beispiel der Elektromobilität veranschaulichen. -
Kapitel 16. Bundesdeutsche Energiepolitik zwischen visionärem Klimaschutz, Versorgungslücken und internationaler Abhängigkeit
Jona van LaakZusammenfassungDer Ausbruch des Ukraine-Krieges stellte 2022 die deutsche Energiepolitik auf den Prüfstand. Durch günstige Rahmenbedingungen konnte ein Ausfall der Energieversorgung im Winter 2022 vermieden werden. Doch die kritische Situation offenbarte die ihr zugrunde liegende und über zwei Jahrzehnte aufgebaute Risikoabwägung in der bundesdeutschen Energiepolitik. Dieser Beitrag analysiert aus Perspektive der Multi Level Governance, wie die deutschen Regierungen ab 2005 die Mehrebenenhierarchie der EU nutzten, um gegen europäische Interessen eine nationale Beschaffungsstrategie zu etablieren und die Energietransformation einzuleiten. Dabei werden die wesentlichen Entwicklungsschritte Nord Stream 1, Finanz- und Wirtschaftskrise, Fukushima, Annexion der Krim bis zum Green New Deal und NECP anhand der Ebenenkonflikte betrachtet und anschließend systematisch aus Perspektive des energiepolitischen Zielkonflikts zwischen visionärem Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Unabhängigkeit analysiert. Abschließend gibt der Beitrag Implikationen zur Transformation des deutschen Sonderweges. -
Kapitel 17. Die Klimapolitik jenseits der EU: Das Beispiel Türkei
Kemal OrakZusammenfassungDer vorliegende Buchbeitrag gibt einen Überblick über die Klimapolitik jenseits der EU am Beispiel der Republik Türkei. Obwohl alle Länder der Welt sich auf dem gleichen Globus befinden, erscheint es spannend, warum es vermutlich nicht die „eine Klimapolitik“ gibt. Trotz der Tatsache, dass fast alle Länder der Welt von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sind und sich daher an diesen anpassen müssten, können ihre klimapolitischen Strategien in Abhängigkeit von lokalen Gegebenheiten und Ressourcen möglicherweise unterschiedlich sein. Einem gemeinsamen Kontext einer globalen Klimapolitik kommt eine große Bedeutung zu, da die Weltgemeinschaft sich mit den Herausforderungen des Klimawandels auseinandersetzen muss. Wichtige Aspekte dieses Kontextes als normative Ansätze werden daher in den folgenden Unterkapiteln aufgelistet. Beispielhaft wird in diesem Beitrag daher die Klimapolitik der Republik Türkei, einem Nicht-EU-Mitglied, mit der der EU verglichen. Eine besondere Bedeutung erhält dieser Ansatz dadurch, dass tatsächliche klimatische Veränderungsprozesse nicht an Ländergrenzen haltmachen und letztendlich die Lebensbedingungen aller in der EU und in der Republik Türkei lebenden Menschen betreffen. Ein Vergleich mit der Klimapolitik in der EU zeigt Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Ansätzen, Herausforderungen, Erfolge und der Analyse der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Faktoren auf. Fallstudien und klimapolitische Beispiele führen konsequent zu den Auswirkungen und Implikationen für lokale und globale Umweltzustände, sozioökonomische Konsequenzen und zukünftige Trends sowie mögliche klimapolitische Stoßrichtungen, mittels derer sich der Autor aus den Ergebnissen dieser Untersuchung auch einen interdisziplinären Erkenntnisgewinn erhofft. -
Kapitel 18. Finanzmärkte und Nachhaltigkeit: Ein kritischer Blick auf die EU-Taxonomie
Monika Wohlmann, Thomas ChristiaansZusammenfassungMit der EU-Taxonomie hat die Europäische Kommission ein umfangreiches Regelwerk aufgestellt, mithilfe dessen Wirtschaftstätigkeiten in nachhaltig und nicht nachhaltig unterschieden werden sollen. Mithilfe dieser Klassifizierung soll es auch Kapitalanlegern ermöglicht werden, grüne Projekte leichter identifizieren zu können. Die Funktion von Kapitalmärkten, eine effiziente Allokation von Kapital sicherzustellen, kann beim Vorliegen von asymmetrischen Informationen oder externen Effekten gestört sein. Zur Beseitigung von Informationsmängeln ist die EU-Taxonomie jedoch nur bedingt geeignet. Eine genaue Kenntnis des zugrunde liegenden Klassifizierungssystems ist notwendig, um die Ergebnisse adäquat einschätzen zu können, da der Begriff der Nachhaltigkeit z. B. auch auf Übergangsaktivitäten ausgedehnt wird. Eine Internalisierung externer Effekte über niedrigere Finanzierungskosten für nachhaltige Projekte am Kapitalmarkt erweist sich in der modelltheoretischen Betrachtung als ungeeignet, da sie zulasten der Inputeffizienz geht.
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Perspektiven und Tendenzen der Klima- und Wachstumspolitik
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Kapitel 19. Multi-Akteurs-Partnerschaften im Kontext der Agenda 2030
Problemzentrierte Einblicke und Perspektiven Nicolai Scherle, Estelle HerlynZusammenfassungUm das 2020er-Jahrzehnt – das zur Decade of Action für die Umsetzung der Sustainable Development Goals (SDGs) deklariert wurde – möglichst erfolgreich im Sinne der Agenda 2030 zu gestalten, ist ein deutlich stärkeres, vor allem konzertiertes Zusammenwirken verschiedener Akteure aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft vonnöten. Multi-Akteurs-Partnerschaften, die konzeptionell dem sogenannten Partnership Paradigm verpflichtet sind, können einen zentralen Beitrag zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit der relevanten Akteure leisten. Im Rahmen des vorliegenden Beitrags soll primär für die wertvolle und nach wie vor sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der scientific community unterschätzte Rolle von Multi-Akteurs-Partnerschaften bei der langfristigen Transformation zu nachhaltigeren Lebensbedingungen sensibilisiert werden. Vor diesem Hintergrund wird einerseits das konzeptionelle Selbstverständnis von Multi-Akteurs-Partnerschaften aufgerollt, andererseits soll die Vorstellung ausgewählter Erfolgsfaktoren eine konkrete Hilfestellung bei einer möglichst erfolgreichen Implementierung und Ausgestaltung dieser partizipativen und vertrauensorientierten Kooperationsform bieten. Darüber hinaus versteht sich der Beitrag als Plädoyer für eine gezieltere Inwertsetzung kollaborativer Governance-Ansätze, deren vielfältige Potenziale noch längst nicht ausgeschöpft sind. -
Kapitel 20. Die Klimapolitik in Deutschland zwischen Wirtschaftswachstum und Klimaschutz – eine kritische Betrachtung
Rupert PritzlZusammenfassungDie Klimapolitik in Deutschland lässt sich als planlose Klima-Planwirtschaft auffassen, weil sie einerseits keine systematischen und konsistenten Vorstellungen über eine rationale Substitution von fossilen durch treibhausgasneutrale Energieträger hat und weil sie andererseits durch eine Vielzahl von kleinteiligen Eingriffen im Energie-, Wirtschafts-, Verkehrs- und Gebäudebereich umfassende dirigistische Verhaltensvorgaben macht. Die deutsche Klimapolitik ist mit ihrem hohen Anspruch gescheitert, besonders ambitionierte nationale Klimaziele zu erreichen. Es ist höchste Zeit, dass wir die klimapolitische Diskussion ehrlich führen und eine effiziente und wirksame Klimapolitik betreiben, die wirtschaftliches Wachstum fördert und zu Wohlstand in Deutschland beiträgt. Dazu ist eine grundlegende Neuausrichtung der bisherigen deutschen Klimapolitik erforderlich, die den CO2-Preis zu einem zentralen Lenkungsinstrument macht und so den Ordnungsrahmen für eine marktliche Entwicklung bereitet und von einem sozialen Ausgleich begleitet wird. -
Kapitel 21. Kleine und mittlere Unternehmen als nachhaltiger und stabilisierender Ansatz in der Lebensmittelversorgung Afrikas
Thomas BreisachZusammenfassungUnter dem Blickwinkel der Nachhaltigkeit und der sich abzeichnenden klimatischen Veränderungen sind im Ernährungsbereich regionale Lösungen nötig, die eine ausreichende Versorgung der lokalen Bevölkerung Afrikas im Rahmen der Gesundheit und ökonomischen Leistungsfähigkeit ermöglichen. Hier wurden entsprechende Modelle für kleine und mittlere Unternehmen, die einen Großteil der afrikanischen Lebensmittelproduktion ausmachen, entwickelt und teilweise bereits implementiert. Die von Expertinnen und Experten entwickelten prozessorientierten, integrierten Produktions- und Vermarktungsmodelle berücksichtigen dabei neben der Regionalität und jeweiligen Kultur die soziale, ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit basierend auf Ansätzen der Mikrofinanzierung und Verschwendungsvermeidung. Der langfristige Erfolg dieser Ansätze hängt jedoch sehr stark von den nötigen regulatorischen Voraussetzungen sowie dem politischen Willen auf normativer Ebene ab. -
Kapitel 22. Klimapolitik mit marktwirtschaftlichen Instrumenten
Zur Weiterentwicklung des Emissionshandels Achim Lerch, Sven RudolphZusammenfassungDer Emissionshandel ist das wichtigste Instrument der europäischen Klimapolitik. Nachdem dieses marktwirtschaftliche Instrument seit 2005 erfolgreich eingesetzt wird, stehen aktuell im Rahmen des Fit-for-55-Pakets weitreichende Reformen bzw. Erweiterungen an. Der vorliegende Beitrag gibt erstens einen kurzen Überblick über die generelle Funktionsweise des Emissionshandels, beschreibt zweitens die aktuellen Reformvorhaben und unterzieht diese schließlich drittens einer Kritik, indem insbesondere aufgezeigt wird, an welchen Stellen dringender weiterer Reformbedarf besteht.
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- Title
- Klimapolitik und Wirtschaftswachstum
- Editors
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Guido Pöllmann
Harald Bergbauer
Gerald Mann
- Copyright Year
- 2025
- Publisher
- Springer Fachmedien Wiesbaden
- Electronic ISBN
- 978-3-658-45716-7
- Print ISBN
- 978-3-658-45715-0
- DOI
- https://doi.org/10.1007/978-3-658-45716-7
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